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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 6. Juli 1904.
55. Jahrgang.
Fortwährend
werden Abonnements auf die Kchlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt von der Expedition entgegengenommen.
In^ finden in der Schlüchterner
Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlächtern erscheinenden Zeitungen besitzt.
J.-Nr. 2302 K.-A. Den Herren Standesbeamten dient zur Nachricht, daß die unterm 4. Juni er. J.-Nr. 2133 K.-A. mitgeteilten Muster zu Anzeigen an die Vormundschaftsgerichte, in der Waisenhausdruckerei in Cassel im Druck vorrätig gehalten werden. Muster 1 für das Merkzeichen: Standisamtsformular L, Muster 2 — I, Muster 3 — K.
Schlächtern, den 30. Juni 1904.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Graf zu Solms.
J.-Nr. 2304 K.-A. Die Herrn Bibliothekare der Volksbibliotheken des diesseitigen Kreises werden ersucht, mir bis ZUM 15. b. Mts. mitzuleilen, ob ihre Bibliothek auch Schriften über die Bekämpfung des übermäßigen Alkoholgenusfes aufweist evtl. welche?
Schlüchtern, den 30. Juni 1904.
Der kom. Landrat: Graf z u Solms.
Deutsches Reich. "
— Die Dachten „Meteor", mit dem Kaiser und der Kaiserin an,Bord, und „Jduna" trafen am Samstag um 3 Uhr auf der Reede in Travemünde ein. — Der Kaiser und Prinz Heinrich von Preußen erschienen am Samstag abend im Kurhause und nahmen an dem Herrenabend des Norddeutschen Regattavereins, dem die Preisverteilung vorausging, teil.
— Am 1. Juli beschäftigte sich die Sitzung des Kolonialrats mit dem Etat Südwestafnkas. Nach längerer Erörterung der Frage der Entschädigungen der durch den Aufsland in Südwestafrika geschädigten Ansiedler wurde folgende Resolution angenommen: Der Kolonialrat, von der Rechtsfrage absehend, spricht die Ueberzeugung aus, daß den durch den Aufstand in Südwestafrika geschädigten Ansiedlern voller Ersatz für die von ihnen erlittenen Verluste zu gewähren ist, da andernfalls die wirtschaftliche Entwicklung der Kolonie dauernd beeinträchtigt würde. Bei dem Kamerun-Etat wurde u. a. die Frage einer genügenden militärischen Macht im Tsad-Gebiet, des Verbotes des Verkaufes von Hinterladergewehren und der Entschädigung für die Verluste anläßlich des Buli-Aufstandes besprochen. Bei dem Togo-Etat wurde der Antrag Hindorf be-
Getvennte Wege
Kriminal-Roman von Theo von Blankensee.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
Da hatte ihr Blick den von ihr an von Dalldorf gerichteten Brief bemerkt und setzte dann wie unbeabsichtigt hinzu:
Die Schrift hat fast mit meiner etwas Aehnlichkeit." Treskow war auch durch diese Unterredung in keiner Weise befriedigt. Er hatte angenommen, daß ein besonders wichtiger Grund die Baronin hierhergeführt haben müsse; nun aber mußte er lediglich weibliche Neugier als Grund vorfinden. Diese Mißstimmung bewirkte es, daß Treskow sehr kühl und zurückhaltend Wurde, weshalb sich die Frau Baronin von Schwertling in kürzester Frist unter vielen entschuldigenden Worten und Höflichkeitsbezeugungen entfernte,
Als sich hinter ihr die Türe geschlossen hatte, machte sich Treskow Beobachtungen über dieses Weib. Es war dies seine Gewohnheit, jede Person genau zu prüfen sowohl in ihrem Auftreten als ihrem Reden nach.
Hierbei stieß er abermals auf etwas Unerklärliches. Zweifellos mußte diese Frau eine sehr verwöhnte Lebe- dame sein und war es daher doch sehr eigentümlich, daß sie auf eine Entschädigung von feiten des Kommer- jlenrates verzichtete.
züglich der Errichtung eines botanischen Gartens in Togo in Verbindung mit der Frage der staatlichen Baumwollpräfung erörtert und angenommen.
— In Bremen sind die Mitglieder des Zentral- verbandes christlicher Bauhandwerker in den Ausstand getreten.
Ausland.
— Die Aacht „Viktoria and Albert" mit dem König von England an Bord, ist von Kiel kommend in Port Viktoria angekommen.
— Wie eine Lokalkorrespondenz bestimmt zu melden weiß, wird Kaiser Wilhem den in Südböhmen zwischen Protiwin und Strakonitz stattfindenden Kaisermanövern beiwohnen und am 1. September auf dem Schloß Stekna des Fürsten Alfred Windischgrätz eintreffen.
— Das Reutersche Bureau meldet aus Washington: Es besteht Grund zu der Annahme, daß von Washington aus sehr vorsichtige und diskrete Erkundigungen über eine eventuelle Möglichkeit eingezogen wurden, Vorschläge betreffs Herstellung des Friedens zwischen Rußland und Japan zu machen. Es verlautet, aus diesen Erkundigungen gehe hervor, daß noch keiner der Kriegführenden geneigt ist, Friedensvorschläge irgend einer dritten Macht anzu- nehmen.
— Die Dinge bei Port Arthur spitzen sich zu einer Krisis zu und die Russen sind bereit mit allen ihnen zu Gebote stehenden Kräften ihr zu begegnen. Die wenigen zurückgebliebenen Fremden erhielten Befehl Port Arthur zu verlassen, mit Ausnahme der verdächtig scheinenden. Der norwegische Dampfer „Sentis" liegt klar, um die Frauen und Kinder fortzubringen. Alle russischen Untertanen sind eingestellt, um die Anzahl der Soldaten beim Angriff der Japaner zu erhöhen. Vier Schlachtschiffe, eine Anzahl Kanonen- boote und Torpedoboote werden im Hafen gehalten, während zwei Schlachtschiffe, fünf Kreuzer und eine Abteilung Torpedoboote auf See kreuzen. Einer Anzahl Dschunken mit frischem Proviant ist es gelungen, die Blokade zu brechen.
— Dem „Standard" wird aus Johannisburg telegraphiert, daß die importierten chinesischen Kulis vorzügliche Arbeiter seien und daß man sie in ökonomischer und industrieller Hinsicht den Kaffern bedeutend vorziehe. Es sollen viele Tausend zur sofortigen Verwendung verfügbar sein, und die leitenden Industriellen seien fest davon überzeugt, daß die Goldförderung bald merklich wachsen werde.
— Der dänische Dampfer „Narge" mit 80 Mann Besatzung und 700 dänischen, norwegischen und fin- ländischen Auswanderern an Bord ist bei Rockhallriff, zweihundert englische Meilen westlich von den Hebriden, gesunken. Der Verlust an Menschenleben wird auf 700 geschätzt.
Treskow sah ein, daß diese fortgesetzten Kombi- nationen die Angelegenheit immer mehr verwirrten und entfernte sich aus seinem Bureau um anderen Dienstgeschäften nachzugehen; zudem hatte er noch nicht zu Mittag gespeist.
Gegen Abend erst war er wieder dorthin zurückgekehrt. Als er die Akten des Falles von Kämmerer immer noch liegen sah, wie er sie verlassen hatte, beschattete seine Stirne eine Wolke des Unwillens und mißgelaunt nahm er die unterbrochene Tätigkeit wieder auf.
Nicht lange hatte er gearbeitet, als er abermals gestört wurde.
Die Türe wurde hastig aufgerissen und herein stürmte, atemlos vor Eile und Aufregung der Unter- fuchungsrichter, der ein Telegrammformular in der Hand hielt. Mit überstürzender Hast rief er dem Kommissar sofort zu:
„Eben ein Telegramm eingelaufen; Rahel von Dalldorf wurde in Spandau aufgefunden."
Diese Mitteilung brächte selbst den jeder Ueber- raschung gegenüber so besonnenen Treskow in eine nur zu begreifliche Erregtheit. Er sprang von seinem Stuhle auf und fragte teils überrascht teils ungläubig :
„Aber ist denn das möglich?"
„hier!" Der Richter zeigte dem Kommissar das Telegramm vor.
„Dann also muß sich die Sache endgültig klären!"
Lokales und Provinzielles.
Schlächtern, 5. Juli 1904.
-* Unser freundlich gelegenes Städtchen stand am 2., 3. und 4. Juli im Zeichen der Festlichkeiten; galt es doch, das erste Verbandsfest des Kreis-Kriegerverbandes in würdiger und echt patriotischer Weise zu begehen. Der festgebende Verband hatte aber auch alles aufgeboten, seinen lieben Kameraden und werten Gästen nur das Beste zu bieten. Die Stadt selbst hatte ein prächtiges Festgewand angelegt und Ehrenpforten mit passenden Sinnsprüchen erhöhten die hübschen Dekorationen, wobei emsige Hände noch am Sonntag morgen tätig waren. Nicht in rauschendem Jubel fand das Fest seinen Anfang, sondern zu ernster Arbeit versammelten sich Samstag nachmittag 145 Abgeordnete des Hess. Kriegerverbandes im Saale des „Hessischen Hofes." Herr Kaufmann Gutermut jr. hieß die Gäste im Namen der Stadt herzlich willkommen, und Herr Amtsrichter Hengsberger sprach den Dank Namens des Kreis-Kriegerverbandes für das zahlreiche Erscheinen aus, während Hr. Weber—Fulda sich des Auftrages seitens des Hessischen Verbandes entledigte. Leider mangelt uns der Platz, die sehr lebhafte Diskussion betr. Auflösung des Hess. Kriegerverbandes zwecks Durchführung der von den Vorständen der höheren Verbände gewünschten einheitlichen Organisation, aussührlicherzu erörtern. Soviel aber steht fest, daß beiden bisherigen Verhältnissen eine ersprießliche kameradschaftliche Arbeit als ausgeschlossen erscheint. Das Abstimmungsresultat war 79 Stimmen, während bei der nötigen V. - Majorität 95 Stimmen erforderlich waren. Vielleicht läßt sich in dieser Sache in einer der nächsten Nummern Ausführlicheres darüber berichten. Die Versammlung ging mit sehr gem.schten Gefühlen auseinander. Am Abend selbst konzertierte die Fuldaer Artillerie-Kapelle auf dem Festplatze, der Besuch war allerdings kein sehr großer, die Zahl der Zaungäste aber um so größer. — Der Sonntag selbst brächte uns das herrlichste Wetter; früh 6 Uhr war Weckruf, wobei Herrn Landrat Graf zu Solms, Herrn Bürgermeister Salomon, Herrn Amtsrichter Hengsberger, Herrn I. Gutermuth, Herrn Lehrer Siemon und Herrn Buchbindermeister Lotz Morgenständchen gebracht wurden. Die Feier wurde in würdiger Weise eingeleitet durch den Besuch des evangelischen Gottesdienstes um 9.30 und des katholischen um 9 Uhr. An den schönen Festgottesdienst schloß sich die Delegiertenversammlung in dem großen Saale des Hessischen Hofes an. Der Besuch war ebenfalls ein sehr guter.
Nach glatter Erledigung der Tagesordnung begaben sich die Teilnehmer auf den Festplatz zum gemeinschaftlichen Mittagessen. Präzis 3 Uhr setzte sich der Festzug, an dem 30 Vereine mit 28 Fahnen teilnahmen, in Bewegung, an der Spitze 3 Mann hoch zu Roß, sodann der Radfahrerverein und die Fuldaer Artillerie- kapelle. Eine unabsehbare Menge Männlein und
„Sie ist die Schuldige!" begann der Richter. „Morgen wird sie sich bei Ihnen einfinden. Sie werden doch nichts dagegen einwenden, wenn ich der Vernehmung beiwohnen werde."
„Aber durchaus nicht!"
„Zweifeln Sie denn noch immer an ihrer Schuld?"
„Ich zweifle daran nicht, daß sie unschuldig ist!" war auf die Frage des Richters Treskows bestimmte und entschiedene Antwort.
„Was halten Sie aber von diesen vielen Verdachts- gründen?" fragte nun der Richter wieder, den die Sicherheit des Kommissars in feinen Behauptungen verblüffen mochte.
„Eine unglückliche Verkettung harmloser Zufälle!" „Nicht möglich!"
„Wir werden morgen ja sehen!" erwiderte nun lächelnd der Kommisfar.
8. Kapitel.
Enthüllungen.
Schon am frühen Morgen des nächsten Tages war Treskow auf seinem Bureau. Dortselbst war bereits der Untersuchungsrichter, der seine Ungeduld und spannende Erwartung kaum beherrschen konnte.
Die Affären von Dalldorf und von Kämmerer waren von zu großen Interesse, daß sie nicht für jeden Kriminalbeamten trotz der Alltäglichkeit größerer Verbrechen doch etwas Ungewöhnliches bieten mußten, Fortsetzung folgt.