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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
X 48.
Mittwoch, den 15. Juni 1904.
55. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin trafen am 12. Juni vom Neuen Palais kommend in Berlin ein, besichtigten den Dombau und nahmen das Frühstück im Königlichen Schloß. Um 2 Uhr 40 Minuten begaben die Majestäten sich auf der Dampf- yacht „Alexandria" nach Grünau, um der Regatta des Berliner Regattavereins beizuwohnen.
— Der Kaiser und die Kaiserin besichtigten auf dem Bornstedter Felde das erste und dritte Ulanenregiment. Hierauf fand ein Exerzieren im Feuer statt, wozu 6 Kompagnien vom ersten Garderegiment zu Fuß, das Gardeschützenbataillon und 2 Batterien des 2. Gardefeldartillerieregiments herangezogen wurden. Dem Schauspiel wohnten die fremdherrlichen Offiziere bei.
— Der Kaiser in der Uniform des 2. Garde- dragoner-Regiments begab sich Montag morgen im Automobil vom Neuen Palais zum Truppenübungsplatz Döberitz, wo er um 672 Uhr bei Priort eintraf.
— Der Kaiser beabsichtigt gutem Vernehmen nacb, dem König Eduard auf dessen Reise nach Kiel entgegen- zufahren, und zwar soll die Begrüßung beider Monarchen am 24. abends oder 25. morgens in Brunsbüttel stattfinden.
— Der Kronprinz wird sich schon vor Beginn der . Kieler Woche nach Kiel begeben, um dort mit seiner . neuen Nacht „Angela" Probefahrten zu machen.
— Der Reichstag befaßte sich zunächst mit Wahlprüfungen. Alsdann folgten Petitionen um Aenderung des Gesetzes über die Schlachtvieh- und Fleischbeschau Nachdem das Haus ungefähr zwei Stunden über die Petitionen debattiert hatte, wurden dieselben von der Tagesordnung abgesetzt. Mit Rücksicht auf die schwache Besetzung des Hauses wurden auch die Petitionen betr. Einführung des Befähigungsnachweises für das Handwerk, betr. Unterdrückung schlechter Litteratur- und Kunsterzeugnisse von der Tagesordnung abgesetzt; die übrigen Petitionen wurden debattelos nach den Beschlüssen der Kommission erledigt.
— Das Abgeordnetenhaus beriet die Vorlage betr. die Aenderung der preußischen Grenze zwischen Braunschweig und der Provinz Hannover, welche nach einer kurzen Debatte der Agrarkommission überwiesen wurde. Hierauf trat das Haus an die 3. Lesung des Gesetzes hetr. die Dienstaufsicht an den größeren Amtsgerichten heran. In zweiter Lesung ist beschlossen worden, statt den geforderten Amtsgerichtsdirektoren an Gerichten mit über 15 Richtern, Amtsgerichtspräsidenten an den Gerichten mit über 30 Richtern zu bewilligen. Zunächst wird das Gesetz betr. die Bestellung von Salzabbaugerechtigkeiten in der Provinz Hannover der um sieben Mitglieder verstärkten Justizkommission überwiesen. Nach längerer Debatte wurde die Erhöhung des Grundkapitals der Seehandlung an die Budgetkommission überwiesen. Es folgt die Beratung des Berichts über
Getrennte Wege
Kriminal-Roman von Theo von Blankensee.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.)
„Waren die Schritte, die sich eilig entfernten, die eines Mannes oder die eines Weibes?"
Der Zeuge konnte hierüber keine Aufklärung geben.
Der zweite wußte nichts weiter, als daß er zufällig durch das Musikzimmer in den Salon gegangen sei und dort die Leiche vorgefunden habe. Er hatte weder Lärm noch Streit gehört, auch niemanden gesehen.
Die Aussagen des Nachfolgenden ergab neue, bisher unbekannte Mitteilungen, die keine Lösungen brachten, sondern die Affäre noch rätselhafter erscheinen ließen. Dieser war seit wenigen Wochen im Dienste des Hauses und versah im Entree Meldedienst. Kurze Zeit, bevor der Mord geschehen sein konnte, hatte Rahel ihm den Auftrag gegeben, sie von der Ankunft ihres Vaters und des Kriminalbeamten zu verständigen. Sollte in der Zwischenzeit nach ihr gefragt werden, sollte er sagen das Fräulein sei abwesend. Nach diesen Anordnungen habe Rahel sich entfernt. Es waren nur wenige Minuten verstrichen, da habe er erregt flüsternde Stimmen gehört und zwar die Rahels und eines weiteren unbekannten Mannes, vermutlich die des Ermordeten. Bald hernach war eine kurze andauernde Stille .eingetreten, da glaubte er einen hvvyfen Iall gehört zu haben, dem er aber keine
weitere Beachtung schenkte. Zehn Ginnten später wurde die Auffindung der Leiche gemeldet.
Wieder siel der Hauptverdacht auf Rahel, trotzdem sich für den weitschauenden Kriminalisten verschiedene Widersprüche ergaben. Am meisten ausschlaggebend war für ihn die völlige Grundlosigkeit einer Ermordung von Kämmerers durch Rahel. Selbst angenommen, die beiden hatten den Raub vorher ausgesührt, so hätte Rahel von Seiten des Getöteten einen Verrat nicht fürchten müssen, da dieser selbst als Beschuldigter in Betracht gekommen wäre.
Nur Rahel selbst konnte hier Aufklärung schaffen, wenn sie sprechen wollte.
Er wagte es aber nicht, nach ihr zu verlangen, wenn er an die Szene dachte, die sich zwischen dem Vater und der Tochter abspielen mußte.
Mit stumpfer Gleichgültigkeit hatte der Kommer- zienrat den Erzählungen der Zeugen zugehört; nur so oft der Name seiner Tochter genannt wurde, blickte er auf, als müsse sie vor ihm erscheinen.
Durch den Untersuchungsrichter wurde endlich eine Lösung dieses gegenseitigen Bannes herbeigeführt.
„Man soll doch einmal Fräulein Rahel selbst herbeiholen, Sie dürfte allein Aufschluß gebe» können!"
Treskow konnte nur zustimmen.
Ein Schutzmann entfernte sich, um den Befehl auszuführen.
Inzwischen herrschte im Salon ein banges, erwartendes Schweigen. Alles fühlte, daß sich jetzt das
Reisen zum Studiuin der 4n anderen Bundesstaaten und im Auslande getroffenen Maßnahmen zur För- derung des Kleingewerbes.
— Der neulich erlassene Aufruf zur Spendung von Liebesgaben in Gestalt von Kriegshunden für das im Lager bei Munster befindliche 2. Feldregiment für Südwestafrika hat den überraschenden Erfolg gehabt, daß mehr als zweihundert Angebote bei der Sammel- stelle eingegangen sind. Fast alle Hunde wurden dem „Hann. Kur." zufolge unentgeltlich angeboten, sogar „frei ins Haus", aus allen Teilen des Reiches. Von Kolmar i Elf. schickte das 14. Jägerbataillon zwei wertvolle, fertig ausgebildete Kriegshunde, von denen der eine noch kürzlich beim Aufsuchen eines erschossenen Försters erfolgreiche Hilfe geleistet hatte. Arm und reich, alle Stände, vom General und Großgrundbesitzer bis zum armen Schäfer im weltfernen Haidedorfe waren unter den Spendern vertreten. Der Bedarf ist überreich gedeckt,' auch in Rücksicht auf voraussichtliche starke Ausfälle während der Ueberfahrt und während des Krieges.
— Generalleutnant von Trotha meldet unter dem gestrigen Tage: Ich bin am 12. Juni in Swakopmund eingetroffen. Nach Meldungen des in Swakopmund befindlichen Majors v. Glasenapp soll der südlich des Waterbergs vermutete Feind vielleicht 6000 Gewehre stark sein. Ich bin am 13. Mittags in Okahandja.
— Von der Feldtelegraphenstation Otomosasu wird unterm 9. Juni gemeldet: Die Witboi-Abteilung unter Leutnant Berneck wurde zur Aufklärung gegen den Omurambafluß vorgeschoben. Gouverneur Leutwein ritt mit dem Stäbe und einer Anzahl Artillerie- Offiziere nach dem nahen Gefechtsfelde von Onganjiri. Der Oberst erklärte dort den Gang des Gefechts, Hauptmann Heydebreck die Stellungen der Artillerie, deren erfolgreichem Eingreifen es speziell zu danken war, daß am 9. April die Herero aus sehr verstärkter Stellung mit verhältnisniäßig geringen Verlusten unsererseits geworfen wurden.
Ausland.
— Russenfeindliche Kundgebungen fanden nach der „Berl. Ztg." anläßlich des Gerüchtes von der Erstürmung Port Arthurs im Lemberg statt. Mehrere hundert Techniker erschienen vor dem russischen Konsulat, sangen polnische Lieder und zogen dann vor das Sobieski-Denkmal, wo Redner die Heldentaten der Japaner feierten. Bei dem Versuche, nochmals vor dem russischen Konsulate zu demonstrieren, wurden die Techniker von der Polizei zerstreut.
— Bei dem Bau der Bahn um den Baikalsee, die ja möglichst schnell hergestellt werden soll, ist man von den bisherigen Formen des Bahnbaues vollkommen abgewichen, indem man sich die Elektrizität im größten Maßstabe zunutze macht. In der Mitte des schwierigsten
Teiles der Strecke wurde ein großes elektrisches Kraftwerk errichtet, von dem aus nach beiden Seiten hin und an der fertigzustellenden Bahnstrecke entlang Hochspannleistungen geführt werden.
— Der japanische Staatsmann Baron Suyematsu, welcher in besonderem Auftrage nach London und Paris gesandt wurde, erklärte, die Japaner hätten, um Port Arthur zu nehmen, „nur" 100,000 Mann aufgeboten und seien daher vollkommen in der Lage, gleichzeitig mit dem Hauptsturm gegen die Festung einen Angriff gegen Kuropatkin zu wagen. Befragt, ob Mukden das Ziel dieses Feldzuges sei, antwortete Suyematsu: Soviel ich weiß, erstreben unsere Generale eine strategische Position nördlich von Mukden; dabei wird Wladiwostok keineswegs aus dem Auge verloren.
— Eine japanische Abteilung, die in Port Adam« zurückgelassen war, um die Bewegungen der Russen nach Süden aufzuhalten, wurde angegriffen und umzingelte, nachdem sie vorher einen Scheinrückzug ange- treten hatte, die russischen Streitkräfte, die 800 Mann verloren haben sollen. Etwa 2000 Mann russischer Infanterie, die aus der Richtung von Kintschou kamen, sind mit großen Proviant- und Lazarettzügen hier durchgekommen. Die Russen gaben ihre Stellungen 8 Meilen südlich von hier auf.
— Die „Times" meldet aus Tokio: Die Zahl der in japanischen Hospitälern befindlichen russischen Ge« fangenen beläuft sich auf 546, einschließlich 19 Offiziere. Hiervon sind 386 verwundet, darunter zehn Offiziere.
— Die „Schweiz. Telegr.-Agentur" schreibt aus Bern: Der Urheber des Anschlages gegen den russischen Gesandten heißt genau Jlnicki. Er scheint von Verfolgungswahn besessen zu sein. Im vorigen Jahr reiste Jlnicki nach Darmstadt, um dem Kaiser von Rußln: d persönlich seine Anliegen vorzutragen. Dort soll ihm ein kaiserlicher Sekretär versprochen haben, seinen Fall dem Kaiser vorzutragen.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 14. Juni 1904.
—* Am Sonntag, den 12. d. Mts. hielt der Wächtersbacher Radfahrer-Verein seine Bannerweihe, verbunden mit Preis-Korso ab. Unter den 8 Vereinen welche am Preis - Korso teilnahmen befand sich wiederum der Radfahrer-Verein „Germania" von Salmünster. Die Konkurrenz war eine sehr scharfe und dennoch erwarb sich der Verein mit nur 10 Mann den 4. Preis, bestehend aus einem großartigen porzettanernen Teeservise, gestiftet von Sr. Durchlaucht dein Fürsten Jsenburg-Wächtersbach. Möge der junge Verein weiter blühen und gedeihen, was wir mit kräftigem „All Heil" bekunden wollen.
* Als Kriegsfreiwillige für Deutsch-Südwestafrika gingen am 6. Juni wieder fünf Musketiere des Infanterie-Regiments Nr. 166 und ein Ulan des
Geheimnis lösen müsse, und Treskow sehnte das Erscheinen Rahels herbei, damit diese unerträgliche Stimmung, die sich auch seiner bemächtigt hatte, weiche. Außerdem erhoffte er einen Beweis der Schuldlosigkeit Rahels, der alle bisherigen Verdachtsgründe vernichtete. Für ihn war es psychologisch eine Unmöglichkeit, daß dieses Weib die Täterin sein konnte.
Auch der Kommerzienrat hatte sich aufgerichtet, als der Richter das Erscheinen Rahels anordnete. Auch er trug in diesem Augenblick einen Funken Hoffnung, der ihn an die Unschuld Rahels glauben ließ.
„Es dürfte sich hier nach meinem Ermessen eher um einen Racheakt als ein sonstiges Verbrechen handeln!" bemerkte währenddem der Richter, mehr um das unerträgliche Schweigen zu beseitigen als um seine Ansicht zu konstatieren.
Niemand erwiderte darauf etwas.
Der Schutzmann kehrte bald darauf zurück. Rahel aber folgte ihm nicht.
„Nun?" fragte der Richter.
„Sie ist nirgends auszufinden und hat das Haus verlassen."
„Also doch!" entfuhr es unwillkürlich den Lippen des Kommissars.
Kommerzienrat von Dalldorf brach gleichzeitig mit einem lauten Aufschrei zusammen und verlor das Bewußtsein.