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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Mittwoch, den 8. Juni 1904.

55. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Der Kaiser wird nach Beendigung der Regi­mentsexerzieren der Garde-Kavallerie-Regimenter am 14. Juni die gesamte Garde Kavallerie-Division persön­lich exerzieren, wozu auch Abteilungen der Garde- Feldartillerie-Regimenter und Kavallerie-Regimenter des 3. Armeekorps herangezogen werden.

Der Kaiser wird Mitte Juni dem Kloster Heiligengrabe in der Priegnitz wiederum einen Besuch abstatten und der Einweihung der neu hergestellten Blutkapelle beiwohnen.

' Im Abgeordnetenhause sind für das Plenum nach dem Schlüsse der Pfingstferien am 7. Juni die Geschäftsordnungen dahin in Aussicht genommen, daß . am Donnerstag (9. d. M.) und Freitag (10.) die Plenarsitzungen ausfallen werden. An diesen beiden Tagen wird die 20. Kommission den ganzen Tag sitzen. Man nimmt an, daß sich am Freitag (3. d. M.) die zur Beratung stehende Vorlage in erster Lesung erledigen assen wird und zur 1. Lesung des Gesetz­entwurfs . Freihaltung des Ueberschwemmungsgebietes der Wasserläufe mehrere Sitzungen verwenden werden. In nächster Woche und später werden, abgesehen vom . 9. und 10. d. Mts., Abendsitzungen veranstaltet werden müssen, um in die zweiten Lesungen der vier der ersten Lesungen unterzogenen Vorlagen eintreten . zu können. Der Präsident des Abgeordnetenhauses, v. Kröcher, dürfte dem Vernehmen nach wenig Neigung empfinden, mit Rücksicht auf die Geschäftslage das Plenum bis zur Vertagung weiter rasten zu lassen.

Die Kanalkommission des Abgeordnetenhauses setzte die Generaldiskussion über den Gesetzentwurf, f~ betreffend die Freihaltung des Ueberschwemmungs- gebietes der Wasserläufe fort und nahm die §§ 1, 2, 5, 6 auf Antrag Bockelberg-Loebell mit einzelnen Ab­änderungen an. Die §§ 3, 4 und 7 wurden in der ' Fassung der Regierungsvorlage angenommen.

Der Zentralvorstand der nationalliberalen Partei tritt am 12. Juni in Berlin zur Besprechung des Schuldotationsantrages zusammen.

In Berlin fand am 4. Juni die dritte Sitzung der 2. internationalen Frauenstimmrechts-Konferenz zur Gründung eines Weltbundes statt.

Die Herzogin-Witwe von Sachsen-Koburg-Gotha wird in der nächsten Woche dem englischen König einen Besuch abstatten, um seine Genehmigung für die Ver­heiratung ihrer Tochter Viktoria Melitta, der früheren Gemahlin des Großherzogs von Hessen mit dem Groß­fürsten Kyrill nachzusuchen. König Eduard ist das Oberhaupt der Koburg-Gothaischen Herzogsfamilie. Die Genehmigung des Zaren zur Heirat ist bekanntlich schon erfolgt.

Die für Südwestafrika bestimmte erste reitende Feldartillerie wurde am 4. Juni vom Kaiser und der

Kaiserin mit der Prinzessin Viktoria Luise auf dem Bornstedter Felde besichtigt. Nach dem Abreiten der Front verabschiedete der Kaiser sich mit einer Ansprache von der Truppe.

Die Sammlungen der Deutschen Kolonialgesell- schaft für die Hilfeleistung für Südwestafrika haben 230 000 Mark überstiegen.

Ausland.

Peterburgskija Wjedomosti" behaupten, von einem durchaus zuverlässigen Gewährsmann die Nach­richt erhalten zu haben, daß Moskauer Kapitalisten größere Beiträge in der neuesten japanischen Anleihe anlegen. Die Moskauer Filiale des Credit Lyonnais habe die Tatsache von Kaufaufträgen auf die japanische Anleihe bestätigt.

Der hiesige russische Konsul erhielt die Nach­richt, daß ein großes japanisches Schiff vor Talienwan durch eine Miene zum Sinken gebracht worden sei.

Einer Meldung derMorning Post" aus Shanghai zufolge sind die russischen Kriegsschiffe in Port Arthur an den Strand gesetzt und ihre Geschütze auf die Landforts gebracht worden. Port Arthur ent­halte nur für zwei Monate Lebensmittel.

Ein russisches Kanonenboot vom Typ desGil- jak" wurde bei Port Arthur von einem Torpedo ge­troffen und zerstört.

Zum Oberbefehlshaber der japanischen Land­streitmacht ist jetzt Feldmarschall Marquis Uamagata, der im Feldzuge von 1894 die erste japanische Armee kommandierte und dann Kriegsminister wurde, aus­ersehen ; er wird sich demnächst nach Liautung begeben.

Der japanische Konsul in Gensan telegraphiert, daß 291 Russen am 2. Juni in Hamheung (Ostküste von Korea) eingetroffen seien. Es heißt, daß 300 Russen von der Ostküste her nach Pjöngjang vorrücken.

Der Zollkommissar von Gensan telegraphiert, ein Angriff der Russen werde für unmittelbar bevor­stehend gehalten. Es werden Veranstaltungen ge­troffen, Frauen und Kinder nach einem 20 Meilen von Gensan in den Bergen gelegenen Kloster zu bringen. ______________________

Lokales und Provinzielles.

Schlüchter«, 7. Juni 1904.

* Am vergangenen Sonntag fand dahier im Gasthaus zumDeutschen Kaiser" eine Versammlung statt, die trotz des herrlichen Wetters gut besucht war. In der­selben ließ der Landtagsabgeordnete Hr. Pfarrer Meyen- schein in klarer und leicht verständlicher Rede die Verhand­lungen des Abgeordnetenhauses und seine Tätigkeit in derselben nochmals Revue passieren. Hr. Superintendent Orth eröffnete die Versammlung, hieß die Anwesenden herzlich willkommen und verlas ein Entschuldigungs­schreiben des Herrn Landrats Graf zu Solms, worin

derselbeseinem Bedauern nichterscheinen zu könnenAusdruck gab. Mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf Se. Majestät schloß Redner und erteilte Herrn Pfarrer Meyenschein das Wort.

Herr Pfarrer Meyenschein erinnerte zunächst an sein Versprechen, seine Wähler auf dem Laufenden der Gesetzgebung und seiner Abgeordnetentätigkeit zu er­halten. Die Eröffnung des Landtags (16. Januar) beherrschte nach der bangen Sorge um die Gesundheit unseres Kaisers und Königs die Freude, bei derselben den Landesherrn in Gesundheit vor sich zu sehen und aus seinem Munde mit kräftiger, klarer Stimme den Vortrag der Thronrede zu hören. Eine zweite Freude sei der Hinweis derselben auf den guten Stand der Staatsfinanzen gewesen. Wie es im kleinen in Gemein­den den Einzelnen freuen könne, wenn der Gemeinde­säckel etwas enthält, so sei es auch im Großen Ganzen, denn wo Geld ist, kann immer noch etwas gemacht werden, ohne daß der Einzelne gleich herangezogen werden muß. Die Thronrede stellte Aufbesserung der Gehälter, besonders der unteren Beamtenklassen und Besserung der Wohnungsverhältnisse der untersten Eisenbahnbeamten in Aussicht. Herr Finanzminister von Rheinbaben gab bei der Etatsberatung eine Ueber­sicht über den Stand der Dinge und besagte, daß die Lage der Landwirtschaft immer noch eine ungünstige sei, während die Industrie sich nach den Rückschlägen der beiden vorletzten Jahre wieder gehoben habe, was aus der Vermehrung der Kohlen- und Eisenproduktion und der Ausfuhr hervorgehe. Auf den Auslands­markt sich ganz und gar zu verlassen, sei riskant, viel­mehr sei es nötig, den Jnlandsmarkt zu kräftigen durch Schaffung eines kaufkräftigen Bürger- und Bauern­standes durch den Ausbau der Verkehrsverhältnisse. Die Pachtverhältnisse der staatlichen Dömänen gingen gegen das Vorjahr um 100 000 Mark zurück. Die Staatsforsten erzielten einen erheblich größeren Ueber- schuß, doch stammte die Hauptsumme desselben aus den Holzverkäufen, die infolge von Raupenfraß stattfinden mußten. Ueber diese Summe gingen die Meinungen dahin, daß sie nicht als laufende Einnahmen verzeichnet werden durften, sondern zur Ausgleichung des Raupen- schadens, der dem Grundwerte zum Nachteil gereichte, hätten verwendet werden müssen. Die Bergwerke haben ein Minus von 4,5 Millionen ergeben. Der Staat hat Bergwerke aufgekauft und in eigenen Betrieb genommen. Es ist dies eine Consequenz der Verstaat­lichung der Eisenbahnen. Die Eisenbahnverwaltung beschäftigt zur Zeit 2'/. Millionen Angestellte und Ar. beiter und erzielte einen Ertrag von 473 Mill. Mark. Die Staatsverwaltung kostete im Ganzen 574 Mill. Unter diesen Ausgaben sind für hier von Interesse ein Posten von 400,OuO Mk. für Fortbildungsschulen und Meisterkurse; ferner 3 Millionen Mark für die Für­sorgeerziehung. Das sei am Ende eines der am besten

Getrennte LVege

Kriminal-Roman von Theo von Blankensee.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Komme bestimmt! Der Hintereingang steht offen, und erwarte ich Dich im Rauchsalon, woselbst wir vollständig ungestört sind. Rahel."

Was hatte das zu bedeuten? von Dalldorf er­kannte zu genau die Schrift seiner Tochter, um an der Echtheit zu zweifeln. Die Worte verrieten zuviel. Vor kurzem noch hatte Rahel wiederholt und auf das bestimmteste behauptet, nicht im Rauchsalon gewesen zu sein, und hier war ein unwiderlegbarer Gegen­beweis. Im Rauchsalon wurde auch der schwarzseidene Domino gefunden.

Sollte seine eigene Tochter?

Das war ja undenkbar!

Fassungslos starrte von Dalldorf den Kommissar an, der vollständig ruhig geblieben war und wie be­ruhigend zu dem Kommerzienrat sagte:

Hier liegt ein Geheimnis, das entdeckt und auf­geklärt werden muß. Fassen Sie sich! Wer weiß, ob die Schuld eine so große ist, als dieses Papier und die Umstände verraten."

von Dalldorf schüttelte sein ergrautes Haupt und murmelte verzweifelnd vor sich hin:

,Ein Sohn hatte schon Schande und Schmach über nach gebracht, jetzt auch noch die Tochter! Ich kann

nicht an ihre Schuldlosigkeit glauben, so gerne ich dies auch tun möchte; alles, alles spricht gegen sie, die bisher noch meine einzige Stütze war."

Treskow verstand den Schmerz des Vaters und verharrte in Schweigen. Erst als von Dalldorf ruhiger geworden war, fragte er:

Wo ist Ihr Sohn gegenwärtig?"

Der Kommerzienrat zuckte die Schultern und gab keine erklärende Antwort. Dann brach er wieder in bittere Selbstvorwürfe aus:

Was für eine Schuld trage ich, daß mich dies Schicksal treffen mußte! Ich ahnte nichts Gutes, als ich ihr schon öfters den Verkehr mit von Kämmerer verboten hatte und sie immer vor diesem warnte. Trotzdem blieb sie in Einverständnis mit diesem und ist nun so tief gesunken."

Der Kommissar hatte ruhig die Klagen mit an­gehört und fragte dann:

Warum hatten Sie Rahel den Verkehr mit von Kämmerer untersagt?"

Er hatte ja so viele Schulden und war ein Leichtfuß."

Treskow unterwarf jetzt auch noch die verschiedenen Fächer des Schreibtisches einer genauen Kontrolle, doch war diese resultatlos.

Der Kommerzienrat aber war auf einen Lehnstuhl niedergesunken und starrte stunipfsinnig vor sich hin. Die Erfahrungen unwiderlegbarer Beweisstücke drückten

ihn völlig nieder und erst als des Kommissars Hand sich auf seine Schulter legte, blickte er fragend auf.

Treskow verlor selbst diesen so unerwarteten Tat­sachen gegenüber die Fassung nicht und gemahnte in bestimmtem, aufforderndem Tone:

Noch haben wir nichts erreicht! Rahel muß sprechen! Vielleicht klärt sich manches auf, was jetzt unfaßbar erscheint."

Ein ungewisser Trost!" klagte von Dalldorf.

Keine Klagen jetzt, sondern Taten! Unser jetziger Weg führt wieder zurück zu Ihnen."

Damit schritt Treskow voran, fest und zielbewußt, wankend und niedergeschlagen folgte der unglückliche Vater.

4. Kapitel.

Ein geheimnisvoller Mord.

Treskow und Kommerzienrat von Dalldorf kehrten wieder in des letzteren Wohnung zurück. Auf dem Wege dorthin ließ sich der Kommissar die Briefe der Geschädigten übergeben, aus welchen sich eine genaue Zusammenstellung und Beschreibung der geraubten Gegenstände ergab. Auch die dem Kommerzienrat selbst abgenommenen Wertsachen notierte er. Auf der Polizeistation, an welcher sie der Weg vorüberführte, gab Treskow eine entsprechende Anordnung ab, damit sämtliche Leihämter vor Erwerb der Sachen gewarnt würden. Fortsetzung folgt.