Prognosen unserer Wetterpropheten noch das Wetterglas betrachteten und der Stadt den Rücken kehrten. — Der zweite Feiertag wurde gründlich verregnet und unter diesen Umständen mußte mancher Ausflug und Spaziergang, manch geplante Pfingstfahrt unterbleiben. Der so sehnlichst erwünschte Besuch des Acisbrunnens bei Sang und Tanz und anderer Ausflugsorte wurde zu Wasser, weshalb auch so mancher Wirt, der sich auf einen Massenfeiertagsverkehr vorbereitet, arg enttäuscht und um die erhoffte Pfingsteinnahme gebracht worden ist. Der fröhlichen Jugend aus Stadt und Land wurde Rechnung getragen, indem sich die Pforten des „Hessischen Hofes" öffneten und reichliche Gelegenheit zum Tanzbeinschwingen boten, wobei alles in schönster Harmonie verlief. Nun ist die Zeit der ernsten Arbeit wieder angebrochen, in die wir hoffentlich alle mit neuem Mut und neuen Hoffnungen aus die kommenden sommerlichen Wochen eingetreten. Mit Pfingsten tritt nun aber auch in der Zeit der kirchlichen Feste eine längere Pause ein, es kommt dafür die Periode der Vereinsfeste, Versammlungen, Ausflüge, Bade- und Ferienreisen an die Reihe, so daß für zweckentsprechende Anlage entbehrlicher oder zu Vergnügungen bestimmter Gelder in ausgiebigster Weise gesorgt wird.
—* Wie uns aus sicherer Quelle mitgeteilt wird, findet am 2 Juli im Vereinslokal des Kriegervereins Schlüchtern die diesjährige Abgeordnetenversammlung des Hessischen Kriegerverbandes statt. Im Anschluß daran wird der Kreis-Kriegerverband Schlüchtern am 2., 3. u. 4. Juli sein erstes Verbandsfest abhalten.
- * Das Interesse für die alten hübschen Landestrachten belebt sich in den letzten Jahren erfreulicherweise wieder. Vielfach sind Vereine ins Leben gerufen worden, deren Zweck es ist, die Bevölkerung zur Beibehaltung ihrer Trachten zu bewegen und Trachtenfeste zu veranstalten. Auch das Kaiserpaar liebt die alten Landestrachten sehr und freut sich jedesmal, wenn bei Besuchen im Reiche die Bevölkerung sich in seiner schmucken Trachl zeigt. Aus Anlaß des Trachten- Huldigungszuges, der bei der Anwesenheit des Kaiserpaares von den Fürstenbergischen Landen in Donau- eschingen Veranstalter wurde, hatte die Kaiserin nun für ihre einzige Tochter Prinzessin Viktoria Luise ein Trachtenkleid bestellt.
* Herr Pfarrer Atzert in Romsthal feierte am Pfingstsonntag sein 25jähriges Dienstjubiläum unter großer Anteilnahme der Gemeindeangehörigen. Die Häuser trugen Fefischmuck, wobei Ansprachen, gut gewählte Musikstücke und das Absingen einiger Lieder den Tag verschönren. Abends fand unter großer Beteiligung der verschiedenen Vereine ein Fackelzug-stair.
* Die Raubmörder Groß und Slafforst werden, wie man aus Frankfurt schreibt, zu ihrer Hinrichtung nach Weiheiden übergeführt, wenn das Todesurteil bestätigt wird. Die Nachricht, daß Stafforst am Herzschlage gestorben sei, bewahrheitet sich nicht.
* Die Simmentaler-Tierschau in Gersfeld umfaßte einige Hundert reingezüchtige Vater- und Muttertiere, sowie Jungvieh von vollendeter Formenschönheit. Herr v. Stockhausen, der Landwirtschaftskammerpräsident, erklärte in einer Ansprache, daß der Herr Oberpräsident und der Herr Regierungspräsident sich über den Gersfelder Züchterverein lobend ausgesprochen und der Genossenschaft ihre Unterstützung zugesichert hätten. Preiswerte Tiere waren viele da, daß die 700 Mark Geldpreise nicht ausreichren, alle prämiier- ungsfähigen Rinder damit zu bedenken.
* Die Rindviehzuchtgenoffenschaft des landwirtschaftlichen Kreisvereins Gcrsfeld beabsichtigt auf Anraten des Vorstandes zu Kassel, ihr Jungvieh der Die Gäste hatten sich inzwischen um ihn geschart, als erwarteten sie von seiner Person eine Rechtfertigung über das Vorkommnis.
Rahel hatte noch keine genügende Aufklärung über das Geschehene in ihrer Abwesenheit erhalten können und halte sich deshab an die ihr bekannte Baronin Frau von Schwertling gewendet.
„Meine Liebe!" war deren Rückantwort. „Sie hatten wirklich einen eigentümlichen günstigen Zufall zu verzeichnen, als Sie sich zum Feste verspäteten. Diesem haben Sie nur den Besitz ihrer Preziosen zu danken, sonst wären Sie dieser ebenso verlustig, wie wir der unsrigen. Im übrigen will Ihr Papa sprechen!"
Kommerzienrat von Dalldorf hatte sich das Wort erbeten, worauf sofortiges Schweigen eintrat.
„Meine Lieben, es hatten wir alle unter diesem eben stattgefundenen Zwischenfalle zu leiden. Sie dürfen versichert sein, daß ich, ebenso wie Sie alle, darüber entrüstet bin und Mittel in Bewegung setzen werde, um diesem ruchlosen Verbrechen auf die Spur zu kommen. Da sich diese Tat in meinen Gemächern ereignete, werde ich selbstverständlich den alleinigen Schaden tragen und erbitte von jedem brieflich genaue Mitteilung über die Höhe des geraubten Wertes und detaillierte Beschreibung der Gegenstände, worauf ich jeden Geldbetrag sofort anweisen lassen werde. Jedenfalls bitte ich Sie um strengste Diskretion, damit ich
Jungviehweide auf dem Hofgute Holzberg zuzuführen. Aus diesem Anlaß unterzogen die Herren Viehzuchtinspektor Amtsrat Vaupel-Ermschwerd und Landrat Frhr. v. Doernberg-Gersfeld die Weide einer eingehenden Besichtigung.
* Die Zahl der Anmeldungen zur Gewerbeausstellung in Fulda ist bereits so groß, daß die Hallen haben erweitert werden müssen. Die Liste der Aussteller verzeichnete am 26. Mai 350 Namen, und wenn man bedenkt, daß ein Teil der Aussteller mehrere Abteilungen beschickt, so darf man die Gesamtzahl auf etwa 450 bemessen. Am 25. Mai ist endgiltig der Schluß der Anmeldefrist. Hiesige Gärtner haben, was dankbare Anerkennung findet, ihre hervorragende Kunst in den Dienst des Ausstellungsunternehmens gestellt.
* In Cassel wurde auf Antrag der Staatsanwaltschaft von der hiesigen Kriminalpolizei ein Arbeiter- wegen Blutschande verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis abgeführt.
* Aus Cassel wird geschrieben, daß die Vorarbeiten zur Herstellung eines Denkmals, das den gefallenen 83ern zu Ehren auf dem Schlachtfelds bei Wörth unweit Elsaßhausen errichtet werden soll, rüstig vorwärts schreiten. Herr Bildhauer Brandt in Cassel hat das Tonmodel der Denkmalsfigur vollendet. Ein mächtiger Löwe mit stolz erhobenem Kopse stützt sich mit den Branken auf erbeutete Kriegstrophäen. Es ist das Sinnbild des Mutes und der Tapferkeit des Regiments 83. — Die Einweihung des Denkmals soll am Sonnabend den 6 August d. I. stattfinden Herr Oberlehrer Dr. Krüger in Cassel, Sternstraße Nr. 10, erteilt gerne jede gewünschte Auskunft. Die Teilnehmer aus Cassel werden Freitag den 5. August abfahren.
* Den hessischen Gendarmen wurde durch eine ministerielle Verfügung gestattet, bei den Wahlen zum Reichstag und zur 2. hessischen Kammer das Wahl recht auszuüben.
* Am 27. und 28 Mai er. findet zu Rinteln die 15. Generalversammlung des hessischen Städtetages statt. Auf der Tagesordnung stehen u. a. folgende Punkte: 1. Einrichtung von Ausbildungskursen zur Belehrung und Unterweisung der städlischen Polizei- Exekuliobeamten. 2. Die neugegründete Ruhegehalts- klaffe und die Witwen- und Waisenkasse für die Kom- munalbeamten des Regierungsbezirks Cassel. 3. Die Verordnung betreffend die Heranziehung der Staatsdiener zu den Kommunalauflagen in den neuerworbenen Landesteilen. 4. Die Belastung der städtischen Bür germeister mit staatlichen Geschäften unter besonderer Berücksichtigung der kleinen Städte 5. Gemeindebeamten als Urkundspersonen im Grundstücksverkehr.
* In Schwenheim wurde der Oekonom V Uentin Oberle von seinem Zuchtstiere, als er in den Stall gegangen war, um nach dem Vieh zu sehen, schrecklich zugerichtet. Der Slier schlitzte dem bedauernswerten Manne den ganzen Unterleib auf, sodaß die Gedärme sofort heraustraten. Oberle wurde sofort in eine Klönik nach Aschaffenburg verbracht und dort operiert.
* Zur Pflege des Gesanges haben sich die Gesangvereine von Sontra und Umgegend zu dem „Son- tertal - Sängerbünde" zusammengeschlossen. Derselbe gedenkt am 2., 3. u. 4. Juli in Sontra sein erstes z Stiftungsfest zu begehen. Der Festausschuß ist rührig g bei der Arbeit, um das Fest so schön als möglich zu gestalten. Sieben dem Gesänge wird auch der Tanz zu feinem Rechte kommen.
Vermischtes.
— Vor einigen Wochen wurde der Vizefeldwebel und Zahlmeisteraspirant Müller wegen Unterschlagung neben dem pekuniären Schaden nicht noch die Ehre meines Hauses zu verlieren habe. Um sofortige Nachforschungen nach dem Täter zu ermöglichen, sehe ich mich zu meinem Leidwesen gezwungen, das Fest auf- zuheben, und bitte ich sie in Ihrem eigenen Interesse, sich möglichst rasch und unauffällig zu entfernen, nachdem ich Sie nochmals meiner angestrengten Nachforschung und sofortigen Schadenersatz versichere."
Der Herr des Hauses machte, als er geendet nach allen Seiten hin verbindliche Verbeugungen und verabschiedete sich von seinen Gästen, die jetzt einstimmig das tadellose Verhalten des Herrn von Dalldorf in dieser peinlichen Affäre bewunderten.
Frau Baronin von Schwertling reichte ihr reizendes Händchen dem Kommerzienrat hin und sagte unter maliiiösem Lächeln.
„Nun muß auch ich Sie Ihres Ritterdienstes entheben, statte Ihnen aber vorher noch meinen Dank für gewährten Schutz ab."
„Aber Frau Baronin! Zum Schaden noch den Spott!" erwiderte mit einer bedauernswerten Miene der Herr des Hauses.
„Deshab sind wir noch immer gute Freunde!" nickte ihm jetzt die Baronin zu und hatte sich bald mit den anderen Gästen entfernt.
Der Kommerzienrat war mit seiner Tochter Rahel allein.
von 3000 Mk. in Mainz zu mehrjähriger Gefängnis £ strafe verurteilt. Jetzt wird bekannt, daß Müller ein Los spielte, das er nach seiner Verhaftung an zwei Bekannte abtrat. Einen Tag nach seiner Verurteilung wurde das Los mit 10 000 M. gezogen.
— Wie die „Niederrheinische Volksztg." aus Geldern ; berichtet, wird der entwichene Fürsorgezögling Wilhelm Zeng verfolgt, weil er verdächtig ist, an der Ermordung der Witwe Gotlob in Weilerswisi beteiligt gewesen zu sein. Zeng ist erst 17 Jahre alt. Auf die Ergreifung der Täter ist eine Belohnung von 500 Mark gesetzt.
— Ueber einen Lustmord, der in Weidenau a. S, verübt wurde, wird berichtet: Bei einem Fabrikarbeiter logierte seit kurzer Zeit der Bäckergeselle Franz Hesse, der sich stellenlos umhertrieb. Mittwoch Abend lockte Hesse die elfjährige Klara Braun auf sein Zimmer, mißbrauchte das Mädchen, schnitt ihm mit einem Rasiermesser den Hals am Kehlkopf durch und verstümmelte es entsetzlich am Unterleib. Das Kind. wurde vermißt Hesse gab auf Befragen an, daß er' das Kind nach Bier weggeschickt habe und daß es von diesem Gange nicht zurückgekehrt sei. Man schöpfte jedoch Verdacht und wandte sich an die Polizei, welche - abends um 11 Uhr ins Zimmer des Mörders ein- drang und hinter dem Sopha Blutspuren entdeckte. Die Leiche des Mädchens fand man im Schränk vor; sie war von Hesse in einen Sack gesteckt worden, jedenfalls um sie während der Nacht beiseite zu schaffen, Der Mörder wurde verhaftet und hat bereits die Tat eingestanden.
— Die Frau des Kutschers Kößner in Leipzig hat während der Nacht in Abwesenheit ihres Mannes ihre beiden Kinder, ein 13 jähr. und ein 7. jähr. Mädchen ermordet und zwar das ältere durch Beilhiebe auf den ' Kopf, wodurch der Schädel gespalten wurde, das jüngere durch Ersticken in den Kissen seines Bettes.
— In einem Totenkranze, der an einem Grabdenkmale auf dem Zerttralfriedhofe in Nürnberg dicht bei einem vielbegangenen Wege hängt, hat, wie dortige Blätter erzählen, ein Amselpärchen sein Nest gebaut. Vier muntere Junge piepen schon darin.
— Die etwas ältliche Witwe des Grafen Ravens- worth in London soll ihren jungen Kutscher aus Liebe geheiratet haben. Die bisherige Gräfin ist angeblich 4 Mill. Mk. „schwer". .
— Ein Geburtstagsfest, wie es vielleicht noch niemals begangen wurde, ist in Hillsdale (Neubraunschweig, Kanada) gefeiert worden. Die „Geburtstagskinder" waren, wie man der „Frkf. Ztg." schreibt, vie 1824 geborenen Drillinge Richard, James und^eborah D'e Bow, letztere jetzt Frau Macdonald. Die drei Geschwister feierten den Tag, an dem sie ihr 80. Lebensjahr vollendet hatten, bei bester Gesundheit * in gemütlichem Familien- und Freundeskreise, umgeben von einer großen Zahl von Enkeln und Urenkeln. Nachbarn und Freunde hatten eine stattliche Summe zusammengebracht, die den Alten feierlich überreicht wurde. Der Redner unter den Drillingen erwiderte in seiner Dankrede, daß er und feine beiden Ge- , schwister sich noch so wohl und munter fühlten, daß sie gedächten, ihren 100. Geburtstag auch noch gemeinschaftlich zu feiern.
— Vor einigen Jahren saßen zu Lichtenfels in Bayern fünf tüchtige, kräftige, junge Männer beim Frühschoppen. In übermütiger Zecherlaune schloffen sie mit dem anwesenden Leichenwärter den Vertrag, ‘ daß sie innerhalb eines Jahres sich ihm einliefern wollten. Und siehe da, sie hielten ihr gemachtes , Abkommen, denn kurze Zeit darauf hielten bereits vier dieser damals so fidel gewesenen Zecher rasch nach
2. Kapitel.
Kommissar Tres kow.
Im Zimmer des Kommissar Treskow, das diesem im Polizeigebäude angewiesen war, herrschte eine nahezu unheimliche Stille. Die gelben Vorhänge der hohen Fenster, von welchem man Aussicht in den Gefängnishof hatte, waren herabgelassen, so daß ein leichtes Halbdunkel im Raume herrschte.
Auf der einen Wandseite des ziemlich großen Raumes war ein hohes und breites Regal mit einer großen Anzahl von gleichgroßen quadratischen Fächern, die mit aufklappbaren Pappdeckeln geschloffen waren ’ und verschiedene Aufschriften trugen, angebracht. Hier * waren nämlich die Personalakten, die über die gefährlichsten Verbrecher geführt werden, nebst den jeweils dazugehörigen Photographien in den verschiedensten Aufnahmen, um in jeder Stellung das Charakteristische festzuhalten, aufbewahrt. Die andere Wandseite zeigte die verschiedensten Diebes- und Mordinstrumente. Es waren hier Brechstangen, Sägen, Kreisbohrer, Dietriche in allen möglichen Größen und noch eine Reihe anderer, von Verbrechern bei ihren Raubzügen geführten Instrumente vertreten; dazu kamen noch die verschiedenartigsten Waffen, Revolver von einer fast unheimlichen Größe bis zum kleinkalibrigsten, den man leicht in einer hohlen Hand verbergen konnte, Gewehre der mannigfachsten Konstruktion, Messer, Stecheisen, Dolche, Kris, Beile, Totschläger, Schlagringe, kurz, ein förmliches Waffenarsenal. Fortsetzung folgt. -