Schlüchterner^eitun g
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 37.
Samstag, den 7. Mai 1904.
55. Jahrgang:
Fortwährend
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Deutscher Reich.
— Der Kaiser ist nach zweimonatliger Abwesenheit Montag abend zu Pferde wieder in seiner Haupt- und Residenzstadt eingetroffen. Er ritt auf seinem Goldfuchs, von Potsdam kommend, durch das Brandenburger Tor ein. Ueberall wurde der Monarch bei seinem plötzlichen Erscheinen mit hellem Jubel begrüßt, wofür er sichtlich erfreut in heiterster Stimmung immer wieder dankte. Der Empfang des Kaisers durch das Publikum hatte den Charakter einer herzlichen Ovation. Um 5 Uhr hatte der Kaiser, der den blauen Koller und die Mütze des Regiments der Garde du Korps trug, in Begleitung des Oberstallmeisters Grafen Wedel, des Generaladjutanten Generals der Infanterie von Plessen, der Flügeladjutanten Oberstleutnant von Plüßkow und Graf Lambsdorff, das Potsdamer Stadtschloß verlassen, um sich zu Pferde nach Berlin zu begeben. Kurz vor halb 8 Uhr kündigten am Brandenburger Tor anhaltende Hurrahrufe von der Charlottenburger Chaussee her das Herannahen der Kavalkade an. Im Tiergarten und Unter den Linden strömte das Publikum überall schnell zusammen :?b der Kaiser wurde von seinen Berlinern mit Hurrah und Tücherschwenken empfangen. Auf allen Seiten herrschte Freude über das vorzügliche Aussehen des Monarchen. Im Schlosse wurde der Kaiser von der Kaiserin und dem Kronprinzen, die schon vorher mit der Bahn aus Potsdam herübergekommen waren, erwartet.
— Der Kaiser ist am 4. Mai morgens 7’/* Uhr nach der Wartburg abgereist. Auf der Fahrt nahm der Kaiser den Vortrag des Chefs des Zivilkabinetts, des Chefs des Marinekabinetts und des Staatssekretärs des Reichsmarineamtes entgegen.
— Der Kaiser wird am 10. Mai in Straßburg eintreffen. Sein dortiger Aufenthalt ist auf vier Tage festgesetzt.
— Der Kronprinz hat in Düsseldorf die Ausstellung eröffnet. Anwesend waren der Kultusminister Dr. Studt und der Finanzminister von Rheinbaben. Der Kronprinz und die beiden Minister hielten kurze Ansprachen. Der Kultusminister Dr. Studt wies darin
Sein Doppelgänger.
Roman von Dorothea M. Corhould.
Nachdruck verboten.
Schweigend entfaltete Elly das Billet, es enthielt nur wenige Worte: „Hoffentlich sind sie wohl genug, um am Diner teilnehmen zu können? Darf ich Sie bitten, die Blumen zur Besiegelung unseres Friedensschlusses anzunehmen? Wenn ich das Bouquet bei Tisch in Ihrer Hand sehe, werde ich beruhigt fein. Bitte, reseviren sie mir den ersten und den zweiten Walzer. A. P."
„Zu spät," murmelte Elly bedrückt, „ich kann Blanche nicht um die Blumen bitten, ohne ihr das Billet zu zeigen, und außerdem — sie würde sie mir auch nicht geben!"
9. Kapitel.
Die Zeit vor dem Diner war die trübseligste, die Elly je verbracht hatte, sie konnte sich's nicht verhehlen, sie hatte sich Herrn Pierrepoint so zu sagen an den Hals geworfen und weder er noch Lady Dane würden dies jemals vergessen! Weshalb war sie auch eine so impulsive Natur — sicherlich wußte jetzt bereits alle Welt, daß sie aus Angst um den Hausherrn ohnmächtig geworden war und am liebsten wäre sie garnicht zu Tisch gegangen. Aber wenn Sie oben blieb, war es noch schlimmer, nein, es half nichts, sie mußte ausessen, was sie sich eingebrockt.
auf die Notwendigkeit hin, daß der innere Friede in der deutschen Künstlerschaft gepflegt werden müsse.
— Der Reichstag beriet am Montag den Etat der Zölle und Verbrauchssteuern. Abg. Dr. Paasche (nl.) bemerkte, durch die Streichung der Zuschußanleihe und die Erhöhung der Matrikularbeiträge, seien die verbündeten Regierungen in Aufregung versetzt worden. Er werde daher bei der 3. Lesung die Wiederherstellung der Zuschußanleihe beantragen. Abg. v. Kardorff (Rp.) erwiderte, er werde dagegen stimmen, weil die Regierung nichts von der Kündigung der Handelsverträge und der Einführung des neuen Zolltarifs verlauten lasse. Schatzsekretär von Stengel bemerkt, er begreife nicht wie man die Einzelstaaten mit Matrikularbeiträgen überschütten könne. Nach einigen weiteren Bemerkungen der Abgg. Dr. Pachnicke (fr. Vgg.) und David (Soz.) wurden die Zölle bewilligt. Beim Titel Zuckersteuer plädiert Abg. Mommsen (fr. Vp.) für das Vermahlen russischen Zuckers in Danzig. Abg. v. Staudy (k.) ist dagegen. Redner beklagt, daß die Versprechungen, die anläßlich der Brüsseler Zuckers in Danzig. Abg. v. Staudy (k.) ist dagegen. Redner beklagt, daß die Versprechungen, die anläßlich der Brüsseler Zucker konferenz gemacht wurden, sich nicht erfüllt haben. Schatzsekretär v. Stengel ent- gegnet, der Tag des Abschlusses der Brüsseler Zuckerkonvention werde noch zu einem Segen für Industrie und Landwirtschaft werden. Abg. Holz (Rg.) bemerkt, wir hätten der Konvention nur beitreten dürfen, wenn auch Rußland beigetreten wäre. Bei der Beratung des Titels Salzsteuer bezeichneten die Abgg. Kulerski (Pole) und Werner (Antis.) die Salzsteuer als die ungerechteste aller Verbrauchssteuern. Es wurden noch mehrere Titel erledigt und man g' langte bis zum Etat der Reichsstempelabgaben, debattelos genehmigt wurde. — Am Dienstag setzte der Reichstag die Beratung des Etats fort. Im Verlaufe der Beratung erklärte Schatzsekretär von Stengel, den Beschluß der Budjetkommission, die Zuschußanleihe zu beseitigen, als höchst bedenklich. Ferner bekämpfte der Schatzsekretär den Beschluß, die Veteranenbeihilfe einfach auf die laufenden Ausgaben des Reiches zu übernehmen. Er hoffe, daß bis zur 3. Lesung eine Verständigung zu einer anderweiten Regelung zustande kommen werde. Der bayerische Ministerialdirektor v. Burchhardt be- merkte, daß Bayern durch die Kommissionsbeschlüsse mit 2'4 Millionen Mark belastet würde, ohne daß Deckung vorhanden sei. Dadurch werde Reichsverdrossenheit geschaffen. Die Vertreter von Württem- berg, Baden und Sachsen baten gleichfalls den Reichstag, die Kommissionsbeschlüffe abzulehnen. Abg. Dr. Paasche (nl.) bedauerte, daß das Reich gezwungen sei, Kostgänger der Einzelstaaten zu sein; es bleibe jedoch kein anderer Weg übrig, denn die verfassungswidrigen Zuschußanleihen könnten nicht mehr bewilligt werden.
Jetzt hörte sie nacheinander die verschiedenen Gast- zimmer sich öffnen, dann erklang lustiges Lachen und Plaudern auf der Treppe und dann war alles still, sie mußte ebenfalls hinabgehen, wenn sie nicht durch ihr Zuspätkommen Aufsehen erregen wollte.
Leise schlüpfte sie in den Corridor und von da die Treppe hinab in die Halle, Gottlob, diese schien leer zu sein. Doch nein, dort auf dem Divan unter dem hohen Bogenfenster saß Herr Pierrepoint und las die Zeitung; glücklicherweise kehrte er ihr den Rücken und so durfte sie hoffen, unbemerkt ins Speisezimmer gelangen zu können.
Aber sie hatte die Rechnung ohne Puff gemacht, dessen besonderer Liebling sie war. Der Dachshund lag zu einem Knäuel geballt auf dem Tigerfell zu Füßen seines Herrn, sobald er indes Elly's leisen Schritt vernahm, dehnte und reckte er sich und lief dann dem jungen Mädchen mit allen Zeichen des Entzückens entgegen. Elly, die sonst so freundlich gegen Puff war, hatte heute kein Wort für ihn, sie strebte nur unbemerkt den Divan zu umschiffen. Aber es war umsonst; sobald Puff sich erhoben hatte, ließ Herr Pierrepoint die Zeitung, die er dazu noch verkehrt in der Hand hielt, sinken und sich dem jungen Mädchen zuwendend, sagte er freundlich: „Oh, da sind Sie ja, Fräulein Elly, ich habe hier auf Sie gewartet fühlen Sie sich wieder ganz wohl?"
Dabei überflog sein Blick blitzschnell Elly's erhitztes Gesicht, die scheuen Augen und das tadellos
Abg. Graf zu Schwerin-Löwitsch (k.) meinte, der neue Zolltarif sei der richtige Weg, die Finanzen des Reiches zu bessern. Abg. Gothein (fr. Vgg.) bemerkt, das Verhalten der rechten Seite des Hause laufe geradezu auf Obstruktion hinaus. Nachdem noch die Abgg. Rettig (k,) und v. Kardorff (Rp.), Gamp (Rp.) Dr. Arendt (Rp.) gesprochen, wurde der Vorschlag der Budgetkommission angenommen.
— Im Abgeordnetenhause wurde der Präsident ermächtigt dem Kronprinzen zum Geburtstage zu gratulieren. Vor Eintritt in die Tagesordnung stellte Minister von Budde fest, daß die Zuwendung von 3 Millionen Mark an die preußische Eisenbahnarbeiter in keinem Zusammenhang mit dem ungarischen Eisenbahnerstreik stehe.
— Der Kommandeur der 16. Division v. Trotha in Trier, wurde zum Kommandeur der Schutztruppe in Südwestafrika ernannt.
— Nach der amtlichen Streitstatistik für das Reich streikten im letzten Jahre 99 338 Arbeiter in 7121 Betrieben. Ausgesperrt waren 10122 Arbeiter die meisten Ausstände kamen im Baugewerbe vor.
Ausland.
— Ein Telegramm des Statthalters Alexejew Vorn 30. April lautet: In der Nacht auf den 29. April zeigten sich gegen 2 Uhr in der Uffuribucht beim Skreplewski-Leuchturm vier feindliche Torpedoboote, die sich alsbald auf See zurückzogen. Um 7 Uhr 20 Min. morgens wurde von der Askoldinsel gemeldet, daß sich zehn feindliche Kreuzer und sechs Torpedoboote von Süden her näherten. Anfangs nahm das Geschwader den Kurs in die Uffuribucht, ohne in das Bereich des Geschützfeuers zu kommen. Gegen 10 Uhr vormittags kehrte das feindliche Geschwader um und fuhr in der Richtung auf das Kap Gamov längs der russischen Inseln davon. Als es sich auf der Höhe der Insel Schkott befand, nahm es den Kurs nach Süden und verschwand im Nebel, der eine weitere Beobachtung unmöglich machte.
— General Kuroki berichtet ergänzend: Im Laufe der Kämpfe am 1. Mai leisteten die Russeu an zwei Punkten hartnäckigen Widerstand. Die feindlichen Streitkräfte umfaßten die ganze dritte Division, zwei Regimenter der sechsten Division, eine Kavallerie- Brigade und ungefähr 40 Schnellfeuergeschütze. Wir eroberten 28 Schnellfeuergeschütze sowie eine große Anzahl Gewehre und Munition. Ferner nahmen wir mehr als 20 Offiziere, eine große Zahl Unteroffiziere und Soldaten gefangen. Ich erfahre, daß die Generale Saffulitsch und Kaschtalidski verwundet sind. Unsere Verluste betragen ungefähr 700 Mann, die der Russen über 800. sitzende braune Plüschgewand, zu welchem die gold- gelben Chrysanthemum so prächtig gepaßt hätten, dann lächelte er still für sich hin, und wiederholte seine Frage nach dem Befinden des jungen Mädchens.
„O danke, ich bin wieder völlig wohl, ich weiß gar nicht, wie ich zu der Ohnmacht kam, es war meine erste Erfahrung in dieser Hinsicht. Nun, hoffentlich bleibt's auch die letzte, es war eine recht fatale Empfindung, ohnmächtig zu werden. Und dabei habe ich mir im Fallen auch noch die Hand verstaucht, ich merkte es eben erst, als ich nach dem Treppengeländer fl^iff*
„Lassen Sie mich die Hand sehen, Elly," sagte Herr Pierrepoint ruhig, es fiel ihr gar nicht auf, daß er sie einfach Elly nannte, und gehorsam streckt sie ihm die kleine weiße Hand entgegen.
Herr Pierrepoint untersuchte das schmale Handgelenk, ohne jedoch äußerlich einen Schaden entdecken zu können; während er sich über die Hand beugte, sagte er gelassen: „Wissen Sie, Elly, daß ich heute in Bezug auf Sie verschiedene Entdeckungen gemacht habe.
„Entdeckungen die mich betreffen?" wiederholte sie verwundert.
„Jawohl; Sie haben doch wohl faum erwartet, daß Griggs und seine Kameraden reinen Mund halten würden in Bezug auf den streitigen Weg durch Ihren Park und ebensowenig hat Frau Hilson das Abkommen, welches sie mit ihr trafen, verheimlicht, die arme Alte dankte Gott, daß sie nun den weiten Weg nicht mehr