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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 13. Februar 1904.
55. Jahrgang.
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Deutsches Reich.
— Se. Maj. der Kaiser nahm am 8. Februar die Meldung des chinesischen Generals a. D. v. Hanneken entgegen, der sich nacb China begibt. Ferner empfing Se. Maj. der Kaiser am 8. Febr. den aus Aalesund zurückgekehrten Fregattenkapitän V. Grumme, mit dem der Kaiser am 9. Febr. auch einen Spaziergang im Tiergarten machte. Dann besuchte Se. Maj. der Kaiser den Reichskanzler und hörte im Schlosse militärische und Marinevorträge an.
— Se. Maj. der Kaiser und Prinz Heinrich trafen am 9. Febr. abends gegen 7 Uhr mittelst Sonder- zuges auf dem Potsdamer Bahnhof ein und fuhren nach dem Kasino des ersten Garderegiments, in dem eine Feier zur Erinnerung an den Eintritt des Kaisers in das Regiment stattfand. An der Feier nahmen auch der Kronprinz, Prinz Friedrich Leopold sowie der Großherzog von Sachsen-Weimar teil.
-- Mehrere Blätter melden, das Kaiserpaar werde nachdem von der Mittclmeerreise endgültig abgesehen sei, einen Frühjahrsaufenthalt in Homburg v. d. H. nehmen.
— Die deutsche Post nach Tokio wird bis auf weiteres nicht mehr über Sibirien, sondern über Amerika, die Post nach Schanghai, Kiauischou und Tschifu über Suez geleitet. Für die chinesische Provinz Petschili, Peking, Tientsin, Tonku und Tschinwangta. werden die Sendungen nach wie vor über Sibirien befördert.
— In der Sitzung vom 8. Febr. des Zentralkomitees vom Roten Kreuz wurde beschlossen, betreffs Beteiligung des deutschen Roten Kreuzes am Kriegssanitätsdienst in Ostasien, ein Anerbieten sowohl -n das russische, wie das japanische Rote Kreuz zu richten.
— Die Korvettenkapitäne Tümmler und Hintze, Marineattachös in Petersburg und Tokio, werden angewiesen, sich zur Berichterstattung nach dem Kriegsschauplatze int fernen Osten zu begeben.
— Der „Verband der Kriegsfreiwilligen von 1870-71" hat den Reichskanzler zu seinem Ehrenmitglied ernannt. Am Sonnabend überbrachte eine Abordnung des Verbandes dem Grafen Bülow die künsterlerisch ausgefertigte Ernennungsurkunde. Graf Bülow hat bekanntlich den Feldzug 1870-71 als Kriegsfreiwilliger mitgemacht; im Juli 1870 war er in das damalige 1. Rheinische Husaren-Regimenr (Königs-Husaren) Nr. 7 eingetreten und nahm in dessen Reihen an dem Feldzuge im Göbenschen (8.) Armeekorps bis zu Ende teil.
— Wie die „Köln. Volksztg." meldet, ist Kardinal Fischer, der am 10. Febr. nach Berlin fuhr, um seinen Herrenhaussitz einzunehmen, für den 14. Febr. zur Audienz bei dem Kaiser befohlen worden.
— Der Reichstag setzte am Montag die Beratung des Etats des Reichsamts des Innern fort. Im Jn-
Itm eine Stunde.
Nach dem Französischen deutsch bearbeitet von A. Geisel. Nachdruck verboten.
„Ehe sie das Zimmer verließ, sah sie sich in dem« selben um, als ob sie sagen wollte: „Gottlob, nun werde ich nie mehr einsam sein!" Und als sie dann nach ungefähr zwei Stunden so matt und gebrochen zurückkam, konnte ich mich kaum fassen vor Jammer."
„Sprachen Sie mit ihr nach ihrer Heimkehr?"
„Ja, einen Augenblick, sie klopfte an meine Türe, und als ich ihr Gesicht sah, wußte ich sofort, daß ihr G tte nicht mitgekommen war. Sie hielt das Päckchen mit den Briefen in der Hand und sagte tonlos: Mein Gatte ist tot I"
„Ich hätte ihr gerne Trost zugesprochen, allein ich konnte anfänglich vor Schrecken kein Worthervorbringen; gleich ihr hatte ich nicht daran gezweifelt, daß Herr Picart kommen werde. Sie schien auch gar nicht zu erwarten, daß ich etwas sagen werde; denn sie fuhr hastig fort: „Ich habe jedem Einzelnen ins Gesicht gesehen, als die Ankömmlinge in Begleitung eines Polizeikommissärs das Schiff verließen — mein Mann war nicht darunter. Hier habe ich alle Briefe, die ich ihm schrieb, während er fern war, aber niemals ab- sandte — es ist eine Art Tagebuch, welches ich für ihn führte — wollen Sie diese Briefe als Andenken an ein armes, gebrochenes Weib behalten?"
„Ich nickte unter Schluchzen; sie legte das Päck-
Dr. Porsch beräumte die nächste Sitzung auf eine Bietel- stunde später an. In der zweiten Sitzung wurde zunächst die Beratung des Etats ler landwirtschaftlichen Verwaltung fortgesetzt. Am Schluß der Sitzung wurde die Abstimmung über die Justizgesetze wiederholt. Beide Gesetzentwürfe wurden an eine besondere Kommission von 21 Mitgliedern verwiesen. In der nächsten Sitzung, welche am Mittwoch stattfand, standen die Fortsetzung der Beratung des Etats der landwirtschaftlichen Verwaltung sowie der Etat der Gestütsoerwaltung auf der Tagesordnung._____________________________
Ausland.
— Der Kommandant des „Habicht" meldet aus Swakopmund: Der Feind hat die llmgegend von Omaruru verlassen. Operation gegen Gobabis wieder ausgenommen.
— Die „Köln. Ztg." meldet aus Berlin vom 7. Febr.: 3"v B-rittenmachung unserer Truppen in Südwestafnka g 'd bisher 300 Pferde in Argentinien angekauft worden, die am 20. d. M. mit dem Dampfer „Etiola" nach Swakapmund abgehen sollen. Es ist dies nur ein Vortransport; der Ankauf von weiteren 700 argentinischen Pferden ist in die Wege geleitet, die von einer deutschen Regierungskonimission, welche bereits nach Buenvs'Aires abgegangen ist und dort in zehn Tagen eintreffen wird, abgenommen werden sollen. Für den Fall, daß sich noch ein weiterer Ersatz als nötig herausstellen sollte, sind Verbindungen in Mexiko angeknüpft worden. Ebenso wird die Frage erwogen, ob man einen Versuch mit einer Sendung deutscher Pferde machen soll.____
Drr Krieg zwischen Japan und Rußland.
Die Würfel sind gefallen und die Torpedoboote sind losgegangen. In überraschender Schnelligkeit hat Japan dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen die Eröffnung der Feindseligkeiten folgen lassen.
Die schnelle Offensive der Japaner ist ohne weiteres zu verstehen, wenn man bedenkt, daß sie die schwere Versäumnis gut zu machen haben, die ihnen durch die Verschleppung der Verhandlungen seitens Rußlands in militärischer Beziehung erwachsen ist. Daß die schnelle Offensive vor Port Arthur zugleich.auch eine wirksame war, wird ohne weiteres klar, wenn man zwischen den Zeilen der amtlichen russischen Meldung zu lesen versteht. Der „Charakter der Beschädigungen" welche die vier russischen Kriegsschiffe erlitten haben, ist zweifellos ein sehr ernster.
Daß Japan den Angriff zur See ergreifen würde, war selbstverständlich, denn es kann an einen Angriff zu Lande erst dann denken, wenn es sich die Herrschaft zur See gesichert hat. Bei Port Arthur sind die günstigeren Chancen jedenfalls auf Seiten Japans.
f' Auch was den Landkrieg anbetrifft, den Japan voraussichtlich zuerst auf Korea beginnen wird, wo
Direkt über der Familie Lepage wohniea zwei Brüder, Jean und Camille Picard. Camille der jüngere Bruder, nahm Violinstunden bei Monsieur Lepage, und diese Stunden vermittelten das gegenseitige Bekanntwerden der beiden Familien. Jean Picard, der ältere Bruder, war Assistenzarzt im Spital, während der jüngere die kaufmännische Laufbahn erwählt hatte. Jean faßte bald eine innige Neigung zu seiner liebreizenden jungen Hausgenossili, und gewohnt, stets seinem Herzen zu folgen, beschloß er, Elise zu heiraten, falls sie seine Liebe erwidere. Er suchte Lepage auf und hielt bei ihm um die Hand seiner Tochter an; als der Musiker, beglückt durch die Aussicht, seiner Tochter Zukunft gesichert zu sehen, dem Jungen Arzte stockend mitteilte, er fei nicht in der Lage, Elise ein Mitgift zu geben, entgegnete Jean Picard lächelnd, er liebe sie wie sie sei und frage nicht nach Geld und Gut.
Es war ein wundervoller Sommerabend, an welchem der junge Mann dem alten Musiker sein Herz erschlossen hatte; der Vater hatte ihm versprochen, Elise von seiner Werbung zu verständigen und am nächsten Vormittag solle er sich die Entscheidung holen. Aus Fenster seines Zimneers tretend, welches den Blick auf ein kleines, dein Hauswart gehöriges Gärtchen gewährte, lauschte Jean in stillem Entzücken dem wirbelnden Gesang der Nachtigallen; plötzlich aber schlug leises Flüstern an fein Ohr, und sich weit aus dem Fenster lehnend, strebte er mit seinem Blick die dichte Bretterwand der kleinen Laube des Gärtchens zu durchdringen, während
teresse einer rechtzeitigen Fertigstellung des Etats wurde auf Vorschlag des Präsidenten beschlossen, in die Be> ratung über die zahlreichen Resolutionen zum Titel Staatssekretär erst nach den Osterferien einzutreten. Eine Debatte, die noch nicht zum Abschluß kam, knüpfte sich an das Kapitel Reichsgesundheitsamt. Abgeordneter Dr. Müller-Meiningen (freist Vp.) sprach über die Bundesratsverordnung betreffend das Verbot von Ge- heimmittel, Abgeordneter Dr. Müller-Sagan über den Bureaukratismus in der biologischen Abteilung des Reichsgesundheitsamts und Abgeordneter Dr Mugdan über speziell den Aerztestand betreffende Fragen. Von allgemeinem Jnrercsse war die Mitteilung des StaatS sekretärs Grafen Posadowsky, daß obligatorische Prüfungen für das Krankenpflegerpersonal eingeführt werden sollten. Der sozialdemokratische Abgeordnete Scheidemann kritisierte den agrarischen Charakter des Fleisch« beschaugesetzes. Die Beschwerde über die Höhe der Gebühren bei der Fleischbeschau erkannte Staatssekretär Graf Posadowsky zum Teil als berechtigt an.
Am Dienstag setzte der Reichstag die Beratung des Etats des Reichsamts des Innern beim Kapitel Reichsgesundheitsamts fort. Vom Reichsgesundheitsamt war in den Verhandlungen wenig oder gar nicht die Rede, wohl aber entspann sich eine uferlose Debatte über das Fleischbeschaugesetz. Agrarier aus allen Parteien liefen Sturm gegen die Fleisch-Einfuhr aus den, Ausland. Außer einem vollständigen Verbot der Vieh- und Fleischeinfuhr wurde verlangt die gänzliche Befreiung der Hausschlachtungen Dom Schauzwang und die Uebernahme der Fleischschaugebühren auf die Staatskasse, sei es im Reich, sei es in den einzel Bundesstaaten. In diesem Sinne sprachen der Antisemit Graf Reventlow, vom Zentrum die Abgeordneten Klose und Dahlem, der Nationalliberale Wallau, die Konservativen Dr Dröscher und Graf Kanitz, sowie der pfälzische Abg. Stauffer vom Bund der Landwirte. Staatssekretär Graf Posadowsky erklärte zum Schmerz der Agrarier diese Forderungen für unausführbar. Am Mittwoch wurde die Etatsberatung fortgesetzt.
— Das Abgeordnetenhaus beriet am Montag zunächst in erster Lesung die Gesetzentwürfe, betreffend die Regelung der Richtergehälter und betreffend die Dienstaufsicht bei größeren Amtsgerichten. Die Abg. Rören (Z), Peltasohn (Fr. Vg.) und Eassel (V. Vp.) äußerten Bedenken gegen die verschärfte Aufsicht der Amtsrichter. Der Justizminister Schönstedt suchte diese Bedenken als unbegründet hinzustellen und erklärte, daß mit diesem Gesetz auch das Gesetz betr. Regelung der Richtergehälter fallen würde. Die Abstimmung über den Antrag auf Kommissionsverweisung blieb zweifelhaft, sodaß Auszählung erfolgen mußte. Diese ergab die Anwesenheit von nur 164 Mitgliedern. Da das Haus somit nicht beschlußfähig war, mußte die Sitzung um halb drei Uhr abgebrochen werden. Vizepräsident chen hier auf den Tisch und entfernte sich schleppenden Schritts, als ob sie die Füße kaum mehr heben könne." „Und Sie ließen sie gehen? Sie mußten doch nach ihren Worten fürchten, daß sie Schlimmes im Sinne habe!" rief ich vorwurfsvoll.
„Ach, und wenn ich das wußte, hatte ich doch kein Recht, sie zum Weiterleben zu zwingen; sie hat's schwer genug empfunden; gönnen wir ihr die Ruhe."
Ich bewunderte im Stillen das Feingefühl der einfachen Frau; ihrer Einladung folgend setzte ich mich ans Fenster und begann das kleine Päckchen Briese zu lesen. Aus dem Inhalt derselben, sowie aus den Mitteilungen der Frau gewann ich ein ziemlich vollständiges Bild von Elise Picards Schicksalen und ich will dieselben hier kurz wiedergeben.
Elise Lepage war die einzige Tochter eines Musikers von bescheidenem Talent, der sein Kind, dessen Liebreiz alle, die mit Elise in Berührung kamen, empfanden, mit größter Sorgfalt erzog. Als das Mädchen Heranwuchs und der zärtliche Vater die guten Anlagen und Fähigkeiten seines Lieblings täglich mehr schätzen lernte, fragte er sich oft, womit er einen solchen Schatz ver- dient habe. Sein sehnlichster Wunsch war, Elise möge einen ihrer würdigen Gatten finden, damit er sie dereinst ohne Söge verlassen könne ; denn, wenn auch die Musikstunden, die er gab, der kleinen Familie eine anständige Existenz sicherten, so hatte Lepage doch kaum Ersparnisse machen können, und dabei war er schon ziemlich alt und gebrechlich.