Erschcint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 10. Februar 1904
55. Jahrgang
Fortwährend
werden Abonnements auf die
Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Kreisblatt von der Expedition entgegengenommen.
finden in der Schlüchterner
Zeitung den meisten Erfolg, da sie die größte Auflage der im Kreise Schlüchtern erscheinenden Zeitungen besitzt.
Amtliches.
Die Herren Bürgermeister der Stadt- und Landgemeinden ersuche ich hierdurch, die Jahresbeiträge für den Zweigverein vom Roten Kreuz pro 1902 von den Mitgliedern des Vereins gefälligst erheben und bis spätestens zum 1. März d. Js. an den Schatzmeister, Herrn Rentmeister Pfalzgraf hierselbst nebst dem Mitglieder-Verzeichnis, welches in einigen Tagen übersandt werden wird, abliefern zu wollen.
Schlüchtern, den 4. Februar 1904.
Der Vorstand des Zweigvereins vom Roten Kreuz Roth.
Deutsches Reich.
— Bei der Parade über die nach Südwestafrika abgehenden Soldaten im Hofe des Königlichen Schlosses hat Se. Maj. der Kaiser folgende Ansprache gehalten: „Es freut mich, daß Ihr Euch so zahlreich und opferwillig für die schwere Aufgabe bereit erklärt habt, die Eurer harrt. Ich habe Euch hinausschicken müssen, damit Ihr Ruhe und Ordnung in unserem Schutzgebiet in Südwestasrika wiederherstellt. Wenn auch bessere Nachrichten eingetroffen sind, bleibt für Euch doch noch ernste Arbeit zu tun übrig. Durch das heldenhafte Vorgehen der dortigen Truppen sind Erfolge erkämpft worden, und ich erwarte von Euch, daß Ihr Euren Kameraden nachtut. Eure Aufgabe ist aber nicht nur die, zu kämpfen, sondern, wenn die Ruhe wieder hergestellt ist, zu trösten und wieder aufzurichten. Haltet treu zu den Deutschen da draußen und lindert ihren Schmerz. Tut Eure Pflicht tapfer, selbstlos und hingebend. Ich wünsche Euch allen ein herzliches Lebewohl, Adieu!" — Der Transportführer Hauptmann v. Bagenski dankte im Namen der aus- rückenden Offiziere und Mannschaften für die hohe Gnade, daß der Kaiser in eigener Person den Truppen Lebewohl gesagt habe. Als die Truppen auf dem Lehrter Bahnhöfe bereits die Kupees bestiegen hatten, erschien dort plötzlich der Kronprinz. Er schritt den Zug entlang, die Mannschaften, die sich an die Fenster drängten, freundlich grüßend, und nahm dann bei
llm eine Stunde.
Nach dem Französischen deutsch bearbeitet von A. Geisel.
Nachdruck verboten.
In trübe Gedanken versunken schritt ich die Rue des Martins in Havre entlang; die Szene, deren ich zufälliger Zeuge geworden, hatte mich traurig gestimmt. Als Berichterstatter eines großen Pariser Zeitungsblattes hatte ich nach Havre reisen müssen, um eine 1 ier stattfindende Feier zu schildern, und ich war gerade dazu gekommen, als das Schiff, welches die verbannten Kommunarden nach verbüßter Strafe zur Heimat zurück- brachte, in Havre einlief. Es war ein jammervoller Anblick; bleich, hohläugig, in Lumpen gekleidet drängten die Heimkehrenden dem Landungsplatz zu, wo sich eine große Menschenmenge versammelt hatte; gar mancher hoffte, von Angehörigen oder Freunden in Empfang genommen zu werden, und schlich trübselig allein weiter, wenn seine Hoffnung sich nicht erfüllte. Auch bei denen, die gekommen waren, Verwandte oder Freunde zu empfangen, gab es viele enttäuschte Gesichter, und alles in allem waren es sehr gedrückte Empfindungen, mit welchen ich endlich dem Hafen den Rücken kehrte und in die Rue des Martins einbog.
Da hörte ich plötzlich eigen lauten Schreckensschrei au mein Ohr dringen, und aus meinen Gedanken auf= geschreckt, sah ich eine allem Anscheine nach dem Ar- beiterstande angehörende Frau händeringend am offenen Dachfenster stehen. Offenbar halte sich irgend etwas
dem für die Offiziere bestimmten Wagen Aufstellung^ wo er sich vom Oberst Dürr, dem Kommandeur der Marine-Infanterie, der sich mit seinem Stäbe ebenfalls nach Südwestafrika begibt, vom Hauptman von Bagenski und den anderen Offizieren verabschiedete. Er blieb,
bis der Zug kurz vor 10 Uhr unter den Klängen der Musik und den Hurras der !
dampfte. .
— Der Truppentransport
Menge aus der Halle
für Südwestafrika traf Zunächst wurden die
am 6. Febr. in Hamburg ein.
Truppen in Infanterie, Kavallerie, Artillerie, See
soldaten und Eisenbahntruppen abgeteilt, je zu drei Kompagnien formiert und hierauf an Bord der „Lucie Woermann" gebracht, wo ihnen ein Frühstück gereicht wurde. Der Stab des Expeditionskorps traf am 6. Febr. mittags in Hamburg ein.
— Erbprinz Bernhard von Meiningen ist an einer Blutvergiftung des rechten Fußes erkrankt. Bis jetzt haben sich mehrere operative Eingriffe nötig gemacht. Das Befinden des erkrankten Thronfolgers gibt bisher zu besonderen Besorgnissen keinen Anlaß.
— Im Reichstag wurde noch die ganze Donnerstagssitzung mit der Fortsetzung der ersten Beratung des Gesetzentwurfs betreffend die Entschädigung unschuldig Verhafteter ausgefüllt. Der Sozialdemokrat Frohme hielt eine einstündige, sein Fraktionsgenosse Stadthagen eine beinahe zweistündige Rede. Staatssekretär Nieberding wies die allgemeinen Anschuldigungen zurück, er ersuchte, ihm positive Fälle vorzu- tragen, daniit bei wirklich nachgewiesenen Mißgriffen Abhilfe geschaffen werden könne. Neue sachliche Momente erbrachte die sehr weit fortgesponnene Beratung nicht. Nachdem die Vorlage einer Kommission überwiefen worden war, vertagte sich das Haus gegen. 5 A Uhr, da man auf keiner Seite mehr Suft zeigte, in die Fortsetzung der Beratung des Etats des Reichsamts des Innern einzutreten.
Am Samstag führte der Reichstag in einer über ■ langen, sehr angeregten Sitzung die Generaldebatte die beim Gehalt des Staatssekretärs im Reichsamt des Innern seit fast 14 Tagen im Gang war, glücklich zu Ende. Gegen halb 8 Uhr könnte der Präsident verkünden, daß die Diskussion geschlossen und das Gehalt bewilligt sei.
— Im Abgeordnetenhaus wurde am Donnerstag die Beratung des Etats der landwirtschaftlichen Verwaltung beim Titel Ministergehalt fortgesetzt. Abg. Dr. Hirsch (Freis. Vp.), dessen Ausführungen sich Abg. Brömel (Freis. Vgg.) anschloß, erklärte, daß seine Partei jederzeit für die berechtigten Forderungen der Landwirtschaft eintrete. Der freikoNservative Abg. Gamp trat in erregtem Ton den Darlegungen des Abgeordneten Hirsch entgegen. Landwirtschaftsminister v.
Podbielski, der ausnihrlich auf alle bisher in der Debatte
berührten Fragen einging, bemerkte untcr anderem, daß sitzende Herr, Amtsrichter ^engsberger von hier die ! keinem Zweifel— war einfach, aber anff.iücnd nett
trauriges hier ereignet, und da ein Reporter stets offene Augen und Ohren haben muß, beeilte ich mich, in das
betreffende Haus zu treten, um womöglich in Erfahrung zu bringen, was geschehen sei.
Im Hausgang traf ich sämtliche Hausbewohner mit verstörten Gesichtern — alle hatten den Schrei "vernommen ; aber niemand wußte, was denn eigentlich geschehen sei, und ein wirres Durcheinander von Stimmen klang mir entgegen.
Durch hastige Fragen ermittelte ich wenigstens, daß der Schrei aus der Mansardenwohnung gehört worden sei, und ohne mich weiter aufzuhalren, eilte ich die engen, dunklen Treppen hinaus. Dicht hinter mir drängten sich zahlreiche Neugierige. Als ich den obersten Vorplatz erreichte, trat mir eine Frau, dieselbe, wdlche ich von der Straße aus händeringend am Fenster gesehen hatte, entgegen und sagte traurig: „Alle Hilfe kommt zu spät — sie ist tot!" Dabei wies sie mit der Hand auf die halboffene Tür eines kleines Zinimers und als ich die Tür vollens ausstieß, erblickte ich auf einem sauberen, weißgedecklen Bett, welches die eine Längswand des kleinen, auffallend ordentlich aussehenden Gemachs einnahm, die regungslose Gestalt einer Frau von etwa 30 Jahren. Starr und verglast waren die von langen, dunklen Wimpern beschatteten blauen Augen; um den kleinen, feingeschnittenen Mund lag ein herber Schmerzenszug und bie schmalen weißen Hände hatten sich anscheinend im Todesktampf' geballt. Die Leiche — denn daß ich eine solche vor mir hatte, unterlag
der Gewährung des Koalitionsrechts an die ländlichen Arbeiter schwere Bedenken entgegenständen.
Am Samstag setzte die Agrardebatte im Abgeordnetenhause aus und der Renusport stand mit dem Totalisator im Mittelpunkt des Interesses. Die Redner erwiesen sich als gutunterrichtete Sportsmen, redeten
von Vollblut, Halbblut, schweren Hengsten und willigten endlich die geforderten 730 000 Mk. Hebung der Pferderennen.
— Der bayerische Eisenbahnrat hat sich mit
be- zur
dem ein-
Vorschläge der bayerischen Staatsbahnverwaltung verstanden erklärt, wonach vom 1. Mai d. I. ab die
erste Wagenklasse bei sämtlichen Personenzügen aufgehoben wird, soweit nicht besondere Verhältnissen Ausnahmen erforderlich machen.
Ausland.
— Die Regierung erhielt aus Batavia die Bestätigung der Meldung vom Ansbruch des Vulkans Merapi. Der Aschenregen verheerte die ganze Um- gegend. Die Verluste sind ungeheuer. 12 Menschen sind lebendig verbrannt. Die Zahl der Verwundeten ist sehr groß.
—* Wir woch sowie
Lokales unö Provinzielles.
Schlüchtern, 9. Februar 1904. ersuchen höfl. die Inserate für die Mitt-
Sonnabend-Nummer unserer Zeitung bis vormittags 11'A Uhr in der Exped.
spätestens
aufgeben zu wollen, damit wir mit der rechtzeiti gen Veröffentlichung Nachkommen können.
—* Wir machen darauf aufmerksam, daß die StaatStteuern für das laufende Vierreljahr und in der
Stadt Schlüchtern auch die zweite Hälfte der Kreis- umlage für das Etatsjahr 1903 bis spätestens den 13. d. Mts. bezahlt werden muß, Widrigenfalls kostenpflichtige Zwangsbeitreibung zu gewärtigen ist.
- * Fortan ist Schlüchtern zum Sprachverkehr mit Hoppegarten (Mark) Sprachgebühr 1 Mk., Fron- Hausen (Bez. Cassel) Sprachgebühr 50 Pfg. und Werrhauscn (Bez. Cassel) Sprachgebühr 50 Pfg. zu- gelassen.
— * Wie aus dem Inseratenteil ersichtlich findet am 15. d. MtS. der Verkauf sämtlichen Grundbesitzes der Gewerkschaft Concordia im Wege des Meistgebots statt, worauf wir unsere Leser auch an dieser Stelle aufmerksam machen wollen.
— r Ant letzten Sonntag fand im Saale des Gast- Hofts „Zum Hessischen Hof" die 1. ordentliche Generalversammlung des im Vorigen Jahre neu gegründeten Kreis-Krieger-Verbandes Schlüchtern statt. Erschienen waren Vertreter von fast sämtlichen Vereinen, welche dem Kreis-Krieger-Verband Schlüchtern angeboren. In einer echt patriotischen Ansprache hieß der Vor-
gekleidet; neben dem Bette am Boden lagen Hut und llmschlagetnch; offenbar hatte die Tote, von einem Ausgange heimkehrend, die Sachen achtlos hingeworfen und sich dann zum Sterben himplegt; denn daß hier fein natürlicher Todesfall vorlag, schloß ich aus dem Fläschchen, welches ich zwischen den starren Fingern der Toten wahrnahm.
Mich im Zimmer umsehend bemerkte ich dem Bette gegenüber einen Tisch, über welchen ein blendend weißes Tischtuch gebreitet war. Der Tisch war für zwei Per, fönen gedeckt; neben dem mit Weißbrot gefüllten kleinen Drahtkörbchen stand ein Schüffelchen mit frischen Radieschen und den Mittelpunkt bildete ein Blumen- glas mit köstlich buftenben Veilchen. Auf der Kommode lag eine angefangene Näharbeit, am Fenster stand eine Nähmaschine — es wär das Heim einer französischen Arbeiterin, bescheiden nett und reinlich.
Wenn aber die Umgebung auf eine Arbeitereristenz hinwies, so war das Gesicht der Toten entschieden das einer Frau, welche den gebildeten Ständen angehört hatte; es lag An durchgeistigter Ausdruck in den feinen bleichen "Zügen, und selbst die Spuren harter Arbeit hatten den Hänoen die zarte, schlanke Form nicht räubr» feinen; Und wenn ich noch daran gezweifelt hätte, ob es eine gebildete Frau war, die hier vormir lag, so würden mich die Bücher, welche auf einem hübschen Regal über der Kommode standen, eines besseren belehrt haben — es waren die