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M 8.
Mittwoch, den 27. Januar 1904.
55. Jahrgang.
Dem Kaiser!
Se. Majestät Kaiser Wilhelm II. vollendet am heutigen Tage sein 45. Lebensjahr. An diesem Freudentage unseres Kaiserhauses nimmt das deutsche Bolk an allen Orten des Reiches in diesem Jahre um so herzlicheren Anteil, als der allverehrte-Herrscher ihn in alter Frische und Gesundheit nach glücklich über- standener Krankheit begehen kann, sodaß zu schlimmen Befürchtungen nunmehr nicht der mindeste Anlaß vorliegt und wir mit unserer Festesfreude drum den innigsten Dank für solch göttliche Fügung verbinden können. Mit starker Hand, wie seither in seiner bald 16jährigen Regierungszeit wird Se. Maj. Kaiser Wilhelm des Reiches Steuer hoffentlich noch lange Jahre führen treu feinem bisher gehaltenen Gelöbnis: seinem Volke ein milder und gerechter Fürst zu sein, wahre Frömmigkeit und Gottesfurcht zu pflegen, den Frieden zu schirmen, die Wohlfahrt des Landes zu mehren, den Armen und Bedrängten ein Helfer, dem Rechte ein treuer Wächter zu sein. Eingedenk dieser Worte hat er sich mit Tatkraft und unermüdlichem Fleiße um den Ausbau des Reiches im Innern und nach Außen verdient gemacht und groß sind seine Erfolge in wirtschaftlicher wie in politischer Beziehung. Treu und unentwegt wacht er darüber, daß auch von Außen her kein feindseliger Handstreich die Sicherheit des Vaterlandes gefährdet. Um dieser eifrigen Pflichterfüllung und um dieser väterlichen Sorge willen hat das deutsche Volk seinen Kaiser in das Herz geschlossen und blickt mit Vertrauen nach dem Throne hin. Nicht nur an festlichen Tafeln, sondern auch in den schlichten Hütten der Arbeiter richten sich heute Aller Augen und Herzen nach dem kaiserlichen Vorbilds und die Gebete von Tausenden vereinigen sich in dem Wunsche: Gott schütze und erhalte uns noch lauge unseren Kaiser! Möge ihm jedes Leid fern bleiben, möge ihm dauernde Gesundheit und ungetrübtes Glück im Kreise seiner Familie beschieden sein, möge es ihm vergönnt sein, mit ungeteilter Krast seines hohen Herrscheramtes zu erreichen zum Heil und Segen seines Volkes.
Wohl denn, sei an seinem Teile Jeder auch von uns bereit, So wie er stets einzutreten Für des Reiches Herrlichkeit. Laßt den Hader der Parteien Ruhn, wo er sich eingestellt: Deutschland, Deutschland über alles, Ueber alles in der Welt!
Das wird auch die schönste Gabe Für des Reiches Herrscher sein, Die. zu hehrem Festestage Ihm sein treues Volk kann weihn. Solch Gelöbnis kling' zum Rufe Weit heut drum ins Reich hinaus: Unserm Kaiser Heil und Segen, Glück und Heil dem Kaiserhaus!
Deutsches Reich.
— Se. Maj. der Kaiser traf am 21. Januar um 9 Uhr von Berlin in Potsdam ein und begab sich zu Wagen nach dem großen Exerzierschuppen, wo er die 2., 7. und 12. Kompagnie des 1. Garderegiments besichtigte. Sodann fand ein zweimaliger Vorbeimarsch statt. Der Kronprinz führte als Hauptmann die zweite Kompagnie. Der Schaustellung wohnten bei Prinz Friedrich Leopold, Prinz Eitel Friedrich, die Generalität, das Hauptquartier und die fremdherrlichen Offiziere. Um 11 Uhr begab sich der Kaiser zu Fuß nach dem Regimentshause des Offizierkorps und nahm dort das Frühstück ein. Um 12'/4 Uhr fuhr Se. Maj. der Kaiser nach dem Stadtschloß. Hier zog er Jagduniform an und fuhr dann zur' Fasanen- und Kaninchenjagd nach dem Entenfang. Der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich fuhren in einem Schlitten ebenfalls zur Jagd, wobei der Kronprinz die Pferde lenkte.
— Ueber den ersten Besuch des Prinzen Adalbert in Tsingtau wird folgendes mitgeteilt: Der Prinz ging am 11. Dezember nach langer Seefahrt zum erstenmal an Land und wurde von dem Gouverneur, der Zivilgemeinde und dem Chinesenkomitee empfangen. Beim Frühstück im Gouverneurshaus dankte Prinz Adalbert für den ihm in der Kolonie zuteil gewordenen Empfang. Nach längerer Reise wieder auf deutschem Grund und Boden, möchte er die Gelegenheit benutzen, den Gruß seines kaiserlichen Vaters den anwesenden Herren auszurichten. „Seien ,Sie gewiß," fuhr der Prinz fort, daß So. Maj. der Kaiser das regste Interesse an unserer ostasiatischen Kolonie nimmt! Er läßt Ihnen agen, daß er von Ihnen erwartet, daß Sie alle fest zu ammenhalten,einerlei welcher Konfession u.weichenRanges tut das eilte große Ziel vor Augen, die Entwickelung des Schutzgebietes zum Wohle des Vaterlandes." Die Rede klang in ein Hoch auf das Blühen, Wachsen und Gedeihen der Kolonie aus.
— Der „Staatsanzeiger" meldet: Herzog Friedrich von Anhalt ist am 24. Januar abends 11 Uhr 20 Minuten sanft entschlafen. Der in seinem sehr wohlhabenden Lande recht beliebte Herzog folgte seinem Vater, Herzog Leopold, am 22. Mai 1871. Er war seit 1854 vermählt mit jder Prinzessin Antoinette von Sachsen-Altenburg. Aus der Ehe stammen vier Kinder : Erbprinz Leopold, kinderlos verstorben 1886, der seit 1889 mit der Prinzessin Marie von Baden in kinderloser Ehe vermählte Erbprinz und nunmehrige Herzog Friedrich (geb. 19. August 1856), die mit dem Erb- großherzog von Meklenburg-Strelitz vermählte Prinzessin Marie, und endlich Prinz Eduard, der fünf Kinder, darunter drei Söhne, besitzt, also voraussichtlich der Stammhalter der künftigen Herzoge von Anhalt einmal werden wird.
— Blätlermeldungen zufolge beschloß das Reichs- militWgericht auf Grund eines Gutachtens einer Kom-
I mission des wissenschaftlichen Senats der Kaiser Wilhelm-Akademie in Berlin, nach welchem Prinz Arenberg bei Begehung der ihm zur Last gelegcen Tat sich im Zustande gestörter Geistestätigkeit befunden habe, die Wiederaufnahme des Verfahrens gegen ihn und Rückverweisung an die erste Instanz.
— Wie das Mainzer Tageblatt erführt, geht man in maßgebenden Kreisen der Landwirtschaftlichen Genossenschaft mit der Absicht um, demnächst in Darmstadt eine landwirtschaftliche Hochschule ins Leben zu rufen, die in erster Linie den Zweck verfolgen soll, für die gründliche Heranbildung der Beamten für die landwirtschaftlichen Genossenschaften zu sorgen.
— Die allgemeine Einführung des Nachtdienstes im Fernsprechverkehr des Reichs-TelegraphengebieteS mit Bayern, Württemberg und Oesterreich ist vom Reichspostamt mit Wirkung vom 1. Februar an angeordnet worden.
— Die Nachweisungen üb^r die Ergebnisse der anderweiten Verpachtungen 190c! pachtfrei gewordenen Domänenwerke, sowie derjenigen Domänen, welche 1904 pachtfrei werden und bis auf einige wenige bereits neuverpachtet sind.! Es haben 38 Pachtungen mit 18 460 Hektar den Pachtzins 821454,71 Mk. (durchschnittlich 44,50 Mk. pro Hektar) gebracht. Bei der Neuverpachtung sind für 18275 Hektar bei einem Grundsteuerreinertrage von 383153 Mk. 648 515,01 Mk. (durchschnittlich 35,48 Alk. pro Hektar) erzielt worden. Hiernach beträgt der neue Pachtzins 172 929,69 Mk. weniger gegen den etatsmäßigen Pachtzins._______
Ausland.
— Zur Verstärkung der Schutztruppe für Deutsch 'Südwcstafrika werden am 29. Januar und am 5' Februar vormittags 8 Uhr, beim Oberkommando bei1 Schutztruppeu in Berlin Transporte in Stärke von 170 und 330 Köpfen zusammengestellt und dort mitTropen- uniforinen eingekleidet. Die vor den genannten Tagen eintreffenden Mannschaften werden im städtischen Ordonanzhause, Neue Königstraße 21, einquartiert. Am 29. Januar und 5. Februar, zwischen 6 und 7 Uhr abends, werden die Transporte daselbst gespeist und von dort ans mit den Regimentsmusiken des Kaiser-Franz- und Königin-Elisabeth-Regimeuts zum Lehrter Bahnhof geführt, wo sie um 11.58 nach Hamburg fahren, um ihre Ausreise mit den Schiffen „Adolf Woermanu" und Luice Woermann" anzutreten.
Unseren Lesern wird folgende Zusammenstellung über das. zur Verwendung in Südwestafrika gebildete Marine-Expeditionskorps willkommen sein. .Es gliedert sich wie folgt: Ein Bataillon Marine-Infanterie, bestehend aus 4 Kompagnien. (Kommandeur: Major v. Glasenapp. Kompagnieführer: Hauptleute Haering, Fischel, Lieber, Schering.)
Eine Maschinenkanonenabteilung mit Signalpersonal. (Führer: Oberleutnant z. S. Mancholt. ,
Der
3 M-Mingssd^umgewatey.
Original-Militärhumoreske von J. Gaben.
Nachdruck verboten
Man schrieb das Jahr 1887, und es war im Monat Juni, als an einem sonnenhellen Sonntag- Vormittag im Wartesaal 11. Klasse des Münchener Zeniralbahnhofs zwei Herren, etwa in der Mitte der zwanziger. Jahre, Mt sichtlicher Ungeduld nach der Eingangstüre blickten.
Wer diese, unzweifelhaft den höheren Ständen an- gehörigen jungen Leute auch nur oberflächlich betrach- lcie, mußte sich sagen, daß er es hier mit einem Zwillingspaar von so unverkennbarer, wunderbarer Reinlichkeit zu tun habe, wie man sich eben zwei von der Sohle bis zum Scheitel gleich gekleidete Doppelgänger nur immer vorzustellen vermag.
Auch die Ausrüstung der jungen Passagiere war dieselbe — der nämliche Shawl, der gleiche elegante Spazierstock und dasselbe geschmackvolle Bouquet von Frührosen und Veilchen; man hätte sich fast darüber verwundern können, daß sie sich selbst zu unterscheiden vermochte».
Endlich blitzte im Auge des Einen ein Heller Strahl der Zufriedenheit auf, und indem er einen etwas for= pulenten Herrn mit dunklem Vollbart und einer grauen Jägerjoppe etwas unsanft zur Seite „schupfte" eilte er einem höchst gemütlich dreinschauenden Infanteristen
entgegen, der eben ins Portal trat und seine blauen Aeuglein forschend über das Menschengewühl des großen Saales gleiten ließ.
„Kaspar, der Teufel hätte sie massakriert, wenn sie uns im Stich gelassen hätten" — rief1 ihm der davon stürzende Doppelgänger schon von weitem deutlich hörbar entgegen. „Drei Minuten vor Abgang des Zuges kommen Sie, Sie Nashorn, und obendrein so gemächlich, als hätten wir noch drei Stunden.Zeit."
„Mein Gott, Herr Doktor, ko i denn dafür, daß die Starnberger Züg schon so frühzeitig geh'n — I hab noch Zeit", meinte der angeschnauzte Bursche mit mörderlicher Freundlichkeit.
„Aber wir nicht", rief der andere, inzwischen dazu gekommene Doppelgänger höchst ungnädig.
„Hier, nehmen Lie schnell! Sie fahren mit dem nächsten Zug, überreichen den beiden gnädigen Fräuleins mit einer schönen Empfehlung von uns die Bouquets .und sagen, daß wir Punkt 12 Uhr im Seerestaurant eintreffen werden. Aber diskret, verstanden, sonst----"
Der Sprecher hatte keine Zeit mehr. Er drückte dem Soldaten die beiden Bouquets und einen Taler in die Hand, und dann stürmte er, gefolgt von seinem Doppelgänger hinaus, eben noch zur rechten Zeir, um notgedrungen einen Platz in dem sich in Bewegung setzenden Vorortszug nach Starnberg zu erstürmen.
Fast betäubt von dem auf ihn eiudringenden Wortschwall stand der biedere „Zweier" — er war vom
zweiten Regiment — an Ort und Stelle und starrte den Davoneilenden nach, und ob des lebhaften Erstaunens entfiel ihm sogar der Taler, der ihm behufs pünktlicher Erfüllung seiner Pflichten in die Hand gedrückt war.
Der etwas korpulente Herr mit dem dunklen Vollbart und der Jägerjoppe, welcher in allernächster Nähe diesen Vorgang mit angesehen halte, hob das davon rollende Geldstück bereitwilligst auf.
„Hier, mein Lieber", sagte er, indem er flüchtig einen Blick auf die Achselklappe und Säbelquaste des Soldaten warf, „hier, mein Sohn, da hast Du wieder Dein Geld. Nicht wahr, es ist nicht gut, zwei Herren zugleich dienen zu müssen?"
„Ja, der Teuft soll's hol'n ----- aber es is halt nix z'mach'n dageg'n", meinte der Soldat, den Taler in die Hosentasche steckend.
„Das sind wohl zwei Brüder?" forschte der freundliche Herr weiter.
„Na und ob!" fuhr der Gefragte aus.
„Zwillinge sand's sogar — funst hab i aber nix ausz'steh'n bei ihna, ausser mit der bisset stark'» Liab, mit der sie mir zuasetzen".
Wär mir wirklich interessant, zu erfahren, wie die be'den Herren in Zivil Dir aus Liebe züsetzen können", entgegnete der freundliche Herr lachend. „Komm mein Sohn, wir haben noch zwanzig Minuten Zeit. Wir wollen ein Glas Bier zusammen trinken. Jst's Dir recht?"