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^? 0 Mittwoch, den 20. Januar 1904.
55. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Am Geburtstage Sr. Majestät des Kaisers, 27. dS. MiS., wird, da wegen der baulichen Veränderungen im Königlichen Opernhause die am Abend übliche Galavorstellung in diesem Jahre in Wegfall kommt, im Kgl. Schloß eine Ballfestlichkeit abzuhalten, zu welcher 800 Einladungen ergehen sollten. — Bei dem Fest des Schwarzen Adlerorden» am Freitag fungierten, der „Post" zufolge, zum erstenmal auf Befehl des Kaisers zwei Herolde aus dem.Kavalierstande, welche von jetzt an bei allen größeren Staatsaktionen dem betreffenden Festzuge voranschreiten sollen. Se. Mast der Kaiser hatte hierzu die Kammerjunker Regierungs> assessor Graf Rantzau-Potsdam und v. Leko-Gluskie bestimmt. Die Heroldetrachten der beiden Herren hatte der Kaiser selbst ausgewählt.
—- Die Eröffnung des Landtages im Weißen Saale hat sich am Samstag programmäßig vollzogen. Von beiden Häusern hatten sich die Mitglieder in so großer Anzahl eingefunden, wie nach der Erinnerung der ältesten Journalisten noch niemals. Diese ungewöhnlich starke Beteiligung war darauf zurückzuführen, daß der Kaiser die Eröffnung persönlich vornahm, und jedermann gern den Kaiser sprechen hören wollte. Der Kaiser verlas die Thronrede mit lauter, durchaus gesund klingender Stimme. Wenn man einen Unterschied gegen früher hervorheben will, so darf man sagen, daß der Kaiser etwas weniger schneidig, etwas weniger im Kommandoton als früher sprach, und daß ihm ein paarmal eine Silbe oder ein Wort stecken zu bleiben schien m. der Weise, wie dies jedem Rekon- valeSzenten zu geleit pflegt, der einen Kehlkopfkatarrh hinter sich hat. Das Aussehen des Kaisers kann nur als ein vorzügliches bezeichnet werden. Bei der Verlesung der Thronrede wurde der Passus, der von der Besserung der Finanzen spricht, mit Bravos begrüßt: ferner erhob sich am Schluß der Thronrede lang anhaltender Beifall. Beim Eintritt des Kaisers brächte Landesdirektor Frhr. Manteuffel als bisheriger erster Vizepräsident des Herrenhauses, nach der Verlesung der Thronrede und nachdem der Reichskanzler den Landtag der Monarchie für eröffnet erklärt hatte, der. als Alterspräsident des Abgeordnetenhauses fungierende nationalliberale Abg. Schaffner ein Hoch auf den Kaiser aus. Unter den anwesenden Mitgliedern beider Häuser des Landtages überwogen die prunkvollen Uniformen ungewöhnlich, die verhältnismäßig wenigen Herren im schlichten Frack verschwanden unter der Menge der Uniformen. Die Eröffnung vollzog sich mit dem üblichen großen Pomp, die Schloßgardekompagnie mit den historischen Helmmützen hatte an der Ostseite des Weißen Saales Aufstellung genommen, und die mitten in die Eröffnungszeremonie hinein- schallenden lauten Kommandos gaben dem Ganzen das übliche militärische Gepräge. Die Minister waren
Da$ Geheiinnis des Schleiers.
Roman von H. v. Benitzki, aus dem Ungarischen von $. Langsch Nachdruck verboten
An ihrem jetzigen Aufenthaltsorte hatte sie viele Gelegenheit, neue Bekanntschaften anzuknüpfen. Ihre Schönheit, ihr Name, ihre Erscheinung war Gesprächs- tema in Cannes. Ihre völlige Zurückgezogenheit erregte das Interesse und man wünschte lebhaft ihren Umgang. Allein sie wußte sich die Welt fern zu halten und widerstand jedem Entgegenkommen.
Zwei Monate waren vergangen, seit sie sich in Cannes aufhielt, aber weder vom Commersee noch von Budapest waren Nachrichten zu ihr gedrungen. Da las sie eines Tages in einer Wiener Zeitung, daß in Pest zwischen einem Grafen und einem jungen Rechtsanwalt ein Pistolenduell stattgesunden habe, bei welchem letzterer schwer verwundet sei. Die Buchstaben tanzten ihr vor den Augen und sie dachte an Theodor und Balkanyi, dessen Abschiedsworte am Bahnhöfe, daß noch ein wichtiges Geschäft ihn zurückhalte, ihr plötzlich verständlich schienen. Sie hoffte, Adrienne werde ihr möglicherweise von Sigmund und Theodor Nachricht geben können und entschloß sich an sie zu wenden. Oft hatte sie sich in Gedanken mit dem lieblichen Mädchen beschäftigt. Ihre mutige Tat, dem Vater und Bräutigam die Briefe zu nehmen, um sie ihr zurückzustellen, hatte ihre volle Shuipatie erworben und sie liebte sie
sämtlich anwesend und trugen große Uniform. Als der Kaiser der in der Gardedukorps-Uniform, zunächst aus der Schloßkapelle kommend, den Weißen Saal passiert hatte, mit dem sogenannten großen Vortritt in den Weißen Saal zurückgekehrt war, nahm er unter dem purpurnen Baldachin vor dem Throne Aufstellung, bedeckte das Haupt mit dem Helm und verlas die ihm vom Reichskanzler mit tiefer Verbeugung überreichte Thronrede.
— Das Abgeordnetenhaus hielt am Samstag um 12 */, Uhr seine erste geschäftliche Sitzung ab. Als Alterspräsident gedachte Abg. Schaffner in der Eröffnungsansprache der Wiedergenesung des Kaisers Das Haus beschloß, die nächste Sitzung Dienstag 11 Uhr abzuhalten mit der Tagesordnung: Präsidentenwahl und Entgegennahme von Vorlagen der Regierung. Ein konservativer Antrag, die nächste Sitzung bereits am Montag 2 Uhr abzuhalten, wurde abgelehnt.
1. Sitzung vom 16. Januar.
12 Uhr. Am Regierungstisch Frhr. v. Rheinbaben. Das Haus ist gut besetzt.
Alterspräsident Abg. Schaffner (nationallib.) eröffnet die Sitzung mit folgenden Worten: Meine Herren! Nach § 1 unserer Geschäftsordnung tritt das Haus den Beginn seiner neuen Legislaturperiode unter dem Vorsitz seines ältesten Mitgliedes zusammen. Das Amt des Alterspräsidenten kann jedoch von dem ältesten MUgliede auf das nächstälteste übertragen werden. Der Aelteste unter uns ist der Abg. Szumann, er hat von feinem Rechte Gebrauch gemacht und das ihm zustehende Amt auf mich übertragen. Herr Kollege Dr. Szumann ist am 3. Februar 1822 geboren, und tch selbst am 23. Februar 1822. Ich frage, ob einer von Ihnen älter ist, als wir beide. (Pause.) Das scheint nicht der Fall zu sein, ich übernehme also hiermit das Amt des Alterspräsidenten. (Beifall). (Der Abg. Schaffner nimmt den Präsidentensitz ein.) Die Sitzung ist eröffnet. Meine hochverehrten 'Herren! Unseren patriotischen Gefühlen folgend, und nach der guten, alten Sitte dieses Hauses, wenden sich unsere Gedanken beim Eintritt in unsere Geschäfte auf das Oberhaupt und die Krone unseres Landes, unseren erhabenen Landesvater. (Die Mitglieder erheben sich.) Bange Sorge hat viele Wochen hindurch alle Preußenherzen erfüllt um die Gesundheit unseres verehrten und geliebten Kaisers und Königs. Heute nun sind wir in der glücklichen Lage gewesen, mit eigenen Augen zu sehen, mit eigenen Ohren zu hören, daß die schlimmen und niederdrückenden Befürchtungen keinen Grund mehr haben, daß Seine Majestät die alte Frische und Gesundheit wiedererlangt hat. Gott dem Allmächtigen sei Dank für diese gnadenbringende Fügung! Möge auch Seiner Majestä, unserem aller- gnädigsten Kaiser und diese gnadenbringde Fügung! Möge auch Seiner Majestät, unserem allergnädigster wie eine jüngere Schwester und sehnte sich nach aufrichtiger Freundschaft mit ihr. Und so schrieb sie ihr und bat sie, ihren Aufenthalt weder den Perzays noch sonst jemand zu verraten, ihr aber alles mitzuteilen, besonders viel von sich selbst, deren Geschicke sie so warm interessierten.
Sie erhielt in kurzer Zeit Antwort. Einen freundlichen Brief, liebenswürdig, wie die Schreiberin selbst, einfach und herzlich und obgleich er viel Trauriges enthielt, erfreute er Sabine doch:
Das Mädchen sagte, wie freudig sie der Gräfin Brief überrascht habe und daß, wenn sie ihren Aufenthalt gewußt hätte, sie längst nach Cannes gekommen wäre, da sie fortwährend mit ihrem Vater weitere und kürzere Ausflüge mache, aber immer wieder nach Hause zurückkehre, um sich auszuruhen. Dann schrieb sie ihren Verwandten. Sigmund hatte sie und ihren Vater eine zeitlang begleitet, dann wollte er allein eine weite Reise unternehmen, doch hatte sie alle Ueberredungs- kunst angewandt und ihn mit Gewalt an ihrer Seite festgehalten.
Anfangs war er wortkarg, ernst, oft wieder außer sich und aufgeregt, doch nun endlich ruhiger. Er weilte hier am Commersee, krank am Gemüt, mit bleichem Antlitz und sie zittere für ihn, den sie bei näherer Bekanntschaft so herzlich lieb gewonnen habe und der so wenig seinem Bruder Theodor gleiche. Auch von ihm muß ich erzählen, berichtete der Brief weiter. Er hatte ein Duell in Pest und wurde gefährlich verwundet. Es
Kaiser und König, eine lange, gesegnete, Regierung beschieden sein bei steter Gesundheit, geistiger und körperlicher Frische und Rüstigkeit bis in sein höchstes Alter hinein zum Wohle seines Volkes und zum Wohle des Vaterlandes. Das walte Gott in Gnaden! (Lebhafter Beifall.) Wir können mit befreitem und freudigem Gemüt das alte Gelöbnis der Treue zu unserem König erneuern, indem wir uns zu dem Rufe vereinigen: Se. Maj. der Kaiser, unser allergnädigster König und Herr, Wilhelm IL, er lebe hoch, hoch hoch! (Die Anwesenden stimmen dreimal in den Ruf ein.)
— Wie mehrere Morgenblätter berichten, sind am Freitag Nachmittag in der Reichsbank eine größere Anzahl sehr gut gelungener Fälschungen von 100» Markscheinen angehalten worden. Die vermutlich im Auslande hergestellten Falsifikate müssen schon seit einiger Zeit im Kurse sein. Die Kopien, die auf photographischem Wege hergestellt wurden, tragen da» Ordnungszeichen v mit verschiedenen Nummern, andere geringe Abweichungen sind mit freiem Auge kaum erkennbar. Ueber den Umfang der Fälschung ist noch nichts Näheres bekannt.
— Die Handelskammer Duisburg hat beim Reichsschatzamte eine vermehrte Ausprägung von Kupfermünzen beantragt, da die Bestände in dieser Münzsorte anscheinend dem Bedarf nicht mehr -gewachsen seien. An Löhnungstagen sei es im rheinisch-westfälische» Industriegebiet außerordentlich schwierig, die erforderlichen Mengen an Kupfermünzen herbei zuschaffen.
— Den „M. Neuesten Nachr." zufolge hat Reichsrat Graf Moy bei der Kammer der Reichsräte den Antrag gestellt, die Kammer der Reichsräte iwolle beschißen, es sei der Königlichen StaatSregierung zur Erwägung zu geben, ob nicht im Interesse be» religiösen und politischen Friedens eine Aenderung des dem Landtage vorgelegten Wahlgesetzentwurfs dahin vorzunehmen sei, daß baS Wahlrecht der Geistlichen aller Konfessionen ausgeschlossen oder beschränkt werde.
Ausland.
— Das Wolfsche Bureau erfährt über die Lag« in Deutsch-Südwestafrika: Nach soeben eingetroffenen Nachrichten aus Wiudhuk vom 14. ds. Mts. war Okahandja schwer bedrängt,Entsatzversuche vom Windhuk aus waren gescheitert. Windhuk selbst ist sehr bedroht. Es sind zahlreiche Verluste deutscherseits zu verzeichnen. Der Landsturm ist eingezogen und sofortige Hilfe wurde aus Deutschland erbeten. Die Hereros sind durch ihre Plünderungszüge gut bewaffnet und beritten. Aus Swakopmund wird vom Samstag morgen gemeldet: Ein Trupp Eingeborener ist von Okanjova und Johann Albrechis-Höhe aus auf Karibib in Anmarsch. Die Expedition Laubschats ist Freitag abend wohlbehalten in Karibib angekommen; dauerte Wochen, bis er so weit war, hierher zu kommen, was er auch ohne Furcht und Scheu tat, denn ich und mein Vater hatten ja die Verlobung gelöst. Obgleich nun seine Eitelkeit verletzt ist, freut er sich doch, so leicht von der Heirat losgekommen zu sein. Ich weiß nicht, ob ich recht sehe, schrieb das Mädchen weiter, aber ich glaube, beide Brüder lieben Sie gleich heiß. Auf Theodors Liebe ist nicht viel zu geben, obgleich wir jetzt wie nahe Verwandte in der größten Einigkeit leben; aber Sigmund! Er ist ein ernster, tieffühlender Mann und jede Frau kann stolz sein, ein solches Herz zu gewinnen.
Doch es ist Zeit zu schließen. Mein Brief ist so schon zu lang geworden. In wenig Tagen bin ich bei Ihnen und sage Ihnen mündlich, ■ wie sehr ich mich freue, sie wiederzusehen.
Sabinne saß am MeereSufer und las die Zeilen immer und immer wieder. Sie freute sich herzlich auf Adriennens Ankunft, denn der heutige Brief verriet wieder soviel Geist und Verstand und war in einem solchen Tone gehalten, als hätte ihn nicht ein junges Mädchen, sondern eine ernstdenkende, erfahrungsreiche Frau geschrieben. Die Nachricht von Sigmund machte sie glücklich. Der Gedanke, daß er noch am Commersee weile, niedergeschlagen, traurig, sich vielleicht nach ihr sehne, machte ihr Herz höher schlagen. Vergeblich bemühte sie sich zu glauben, nach den Täuschungen nicht mehr lieben zu können. Sie konnte sich selbst nicht verleugnen. Das Herz war nicht zum Haß, sondern