Erschcmt Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
«M 1. I ^^- Freitag, den 1. Januar 1904. wW 55. Jahrgang.
Allen unsern weihten Abonnenten und Mitarbeitern zum Jahreswechsel
Die Expedition der Schlüchterner Zeitung
VNiVERSITXsS BIBLIOTHEK
AeuMtzv!
Mit geräuschvollem Jubel, oft in widerwärtiger ausgelassener Lust ziehen viele über die Scheidegrenze der Jahre. Das Lachen und Lärmen täuscht uns nicht. Viele Menschen wollen nur das Fragen und Klagen ihrer Seele übertönen, das Klingen jener Saite im Herzen, die anfängt zu zittern, so oft wir uns sagen müssen, „ach wiederum ein Jahr verschwunden."
Von dem Perserkönig Lecxes wird erzählt, als er Heerschau hielt über die Hunderttausende, welche er gegen Griechenland führte, da habe er weinen müssen in deni Gedanken, daß in hundert Jahren alle diese gewappnete Manneskraft ins Grab gesunken sei. Solche ernste Gedanken erweckt der Jahreswechsel; wir können dadurch klug werden, damit wir zusehen, wie wir es im neuen Jahr treiben.
Im alt«: Jahr ist vieles im Leben unseres Volkes geschehen, was uns nicht gefallen kann. Es sind klaffende Schäden oben und unten aufgedeckt worden. Wir haben Gerichtsverhandlungen erlebt, die grelle Schlaglichter auf das Leben ganzer Gesellschaften warfen. Viele sind erschrocken und erbost über das Anwachsen der radikalsten Partei, erschrocken, weil sie fürchten, Staat, Kirche, Familie, Religion und Sitte könnten eines Tages dem Ansturm erliegeu. Was soll uns da Freudigkeit für die Zukunft geben, was eine Richtschnur für unser eigenes Leben und das der Gesamtheit?
Zweierlei bewegt uns bei diesen Gedanken: Der aus ernster Selbstprüfung erzeugte Entschluß, ganz anders als bisher Gottes Willen: Wahrheit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe zum Wegweiser alles Tuns und Verhaltens zu machen, und dann sich in dem aus dem Worte Gottes und der Erfahrung begründeten Vertrauen zu stärken, daß im letzten Grunde nicht menschliche Sünde und Irrtum, sondern Gottes Kraft und Weisheit die Geschicke der Einzelnen und der Völker lenkt. Wenn der Ernst der Zeit viele an den lebendigen Gott gemahnt, dann ist noch nichts verloren, dann kann aus solchem Glauben neues Leben entsprießen. Nicht zum Träumen oder Klagen sind wir
Das Gebeirnnis -es Setzleievs.
Roman von H. v. Benitzki, aus dem Ungarischen von C. Langsch Nachdruck verboten
„Soll ich Dir ein Pfand geben, welches Dir beweist, daß ich zurückkehre und in keiner Verbindung mit der Gräfin stehe?"
„Selbstverständlich."
„Ich werde Dir ein Kästchen mit Briesen zur Aufbewahrung übergeben, bis wir uns aufs neue treffen. Diese Briefe sind die Beweise einer langen Liebesgeschichte. Die Frau, welche die Briefe schrieb, ist völlig in Deiner Hand, ihr Ruf, ihr Name ist durch dieselben in Deine Macht gegeben. Ist Dir dies Sicherheit genug?"
„Ja," sagte Tamerlan kurz. Dieses Anerbieten enthüllte ihm das innere Wesen seines zukünftigen Schwiegersohnes. Es war mehr als der Weise gewünscht hatte.
Adrienne hörte mit stummen Entsetzen diese Ueber- einkunft. Tief in den Staub sank ihr Ideal. Furcht vor der Zukunft erfüllte sie. Was für ein Glück, was für eine Sicherheit erwartete sie an der Seite eines solchen Mannes.
Theodor sah selbst die Niedrigkeit seines Spieles ein und nahm schnell Abschied, nachdem er von Neuem versprochen hatte, die Beiese zu senden und nach acht Tagen zurückzukehren, um die Hochzeit abzuhalten. Adrienne weinte; nicht um den scheidenden Bräutigam,
in der Welt, sondern um unsere Lebensarbeit wohl auszurichten für uns, die Unsrigen und unser Vaterland. Herz und Mut eines in Gott gegründeten Menschen bleiben, auch wenn er Enttäuschungen erlebt, auch wenn die Schritte müde werden, doch jung. Er sieht nicht blos die rastlosen Ströme der Zeit im Meere der Ewigkeit untergehen, er sieht in diesem Meer auch ein ‘festes Land sich erheben. Dort lösen sich die Rätsel der Zeit, dort hört das Stückwerk auf, dort wird das Sehnen gestillt. Wer diese Hoffnung hat, erschrickt nicht über die Flucht der Jahre. Das herrliche Ziel erleuchtet ihm die dunkelsten Wege. Also mutig hinein in das unbekannte Land, in das Jahr 1904; der Herr desselben ist der alte Gott!
Deutsches Reich.
— Am Königlichen Hofe werden der Hofansage zufolge die Winterfeste abgehalten werden: Freitag, Den 1. Januar: Neujahrsgratulation bei Ihren Kaiserlichen und Königlichen Majestäten. Freitag, den 15. Januar: Fest des Hohen Ordens vom Schwarzen Adler. Sonntag, den 17. Januar: Krönungs- und Oidensfest. Mittwoch, den 20. Jan.: Große Cour bei Ihren Kaiserlichen und Königlichen Majestäten im Königlichen Schlosse für das diplo- matische Korps, sämtliche Damen und für die Herren vom Zivil. Sonnabend, den 23. Januar: Militär- Cour. Mittwoch, den 27. Januar: Geburtssest Seiner Majestät des Kaisers und Königs. Ueber die sich hieran anschließenden ^Hvfbälle wird seinerzeit Bestimmung erfolgen.
— Der Hof legte am 26. d. M. für die Fürstin zu Hohenlohe-Langenburg, Prinzessin von Baden, die Trauer auf fünf Tage bis zum 30. d. Mts. einschließlich an.
— Wie der „L. A." aus Petersburger Hofkreisen erfährt, sieht die Zarin im Laufe des Sommers einem freudigen Familien-Ereignis entgegen. Ihr schmerzhaftes Ohrenleiden ist durch eine Operation, die vor mehreren Wochen in Skiernewice vorgenommen wurde, sondern um das verlorene Glück. Als er in Begleitung des Vaters in den Schatten der Platanen verschwand, warf sie sich auf das Ruhebett, auf dem sie so oft von dem Geliebten geträumt. Nun war er verschwunden und kehrte nie mehr zurück. Er stand nicht mehr hoch über allen Sterblichen und liebte sie ihn auch jetzt noch, war doch die Achtung verloren und Liebe ohne Achtung stirbt schnell dahin.
XX.
Gräfin Gerendy hatte eine schlaflose Nacht verbracht. Ihr leidenschaftliches, nach Liebe sich sehnendes Herz empörte sich über den kalten Abschied von Sig- mund, welchen der Verstand ihr diktierte. Von unwiderstehlicher Sehnsucht getrieben, schrieb sie ihm daher bei ihrer Rückkehr Vorn Spaziergang einige Zeilen, in welchen sie ihn bat, sie im Laufe des Abends zu besuchen. Der Bote kehrte mit der Antwort zurück, der Herr Doktor sei auf einige Tage in die Alpen gereift. Diese Nachricht betrübte Sabine aufs höchste und verursachte ihr eine schlaflose Nacht. 1
Theodor hatte Tags zuvor, als er die Gräfin im Trauerschleier gesehen, beim Portier nachgefragt und erfahren, daß'die Gräfin um 11 Uhr abzureisen gedenke. Sofort beschloß er, ihr nach Ungarn nachzufahren.
Als Sabine am andern Morgen früher als gewöhnlich aufstehen wollte, um sich zur Reise vcwzubereiten, fühlte sie sich so mutlos und unruhig, wie noch nie in ihrem Leben. Um zehn Uhr sollte sie Graf Balkanyi abholen kommen.
fast vollständig behoben. Auch das Allgemeinbefinden und die Stimmung sollen vorzüglich sein.
— Ueber den Inhalt der zu erwartenden Vorlage betreffend die Kreistierärzte wird folgendes mitgeteilt: Die Vorlage enthält eine Neuregelung der Dienstbezüge und gibt den Kreistierärzten die Pensionsberechtigung. Bei deren Berechnung soll nicht nur das zu erwartende Gehalt, sondern auch ein Teil der Gebühreneinnahme zu Grunde gelegt werden. Die Gehaltserhöhung wird zum ersten Male im Etat 1905 erscheinen; über die Rangerhöhung, die durch Königliche Kabinettsorder zu regeln sein wird, ist noch keine Entscheidung getroffen.
— Am 1. Feiertag besuchte der Großherzog um 6 Uhr früh den Gottesdienst und begab sich eine Stunde später in die Herberge zur Heimat, wo er jedem der anwesenden 80 Handwerksburschen ein blankes Geldstück zum Geschenk machte.
Ausland.
— Im neuen Froguis-Theater in Chicagon fand am 30. Dezember eine furchtbare Brandkatastrophe während der Vorstellung statt Es sind anscheinend Hunderte von Menschen umgekommen. Die Polizei meint sogar, daß 500 Menschen umgekommen sind.
— Nach einem Telegramm aus Panama hat der britische Konsul der Juanta mitgeteilt, daß Großbritannien die Republik Panama offiziell anerkenne.
— Der greife italienische Staatsmann Zanardelli, bis vor zwei Monaten Ministerpräsident, ist in seiner Besitzung am Gardasee gestorben. Er hatte am Magenkrebs gelitten. Bis zu seinen letzten Augenblicken war er bei vollstem Bewußtsein. Das Königspaar kondolierte sofort seinen Hinterbliebenen. Die Beisetzung soll auf Staatskosten erfolgen. Unter dem Ministerium Zanardelli ist die französisch-italienische Annäherung herbeigeführt, doch war Zanardelli ein erprobter Freund des Dreibundes.
— Rußland und Japan kaufen in Menge Rindfleisch in Chikago an. 100 00 t Barrels Mehl sind in den letzten Tagen in St. Paul zum Export nach Japan verkauft worden.
„Sagen sie dem Grafen," befahl sie der eintretenden Dienerin, „daß ich mich krank fühle und das Bett nicyt verlassen werde"
Diese Antwort wurde dem Grasen. als er sich um halb zehn Uhr nach dem Befinden der Gräfin erkundigen ließ. —
Infolgedessen verließ nun Theodor den Comersee in dem Glauben, daß Sabine längst in einem der Koupee's sich befinde.
Der Tag war schön und klar, da aber Sabine sich nicht zeigen wollte, beschloß sie, ihn im Zimmer zu;n- bringen. Träumend saß sie am Fenster, die Ruhe und der Friede der Natur wirkten wohltuend auf ihri Nerven und sie schaute in ihr Inneres, um ihre Gefühle zu prüfen.
„Warum bleibe ich denn hier? Weshalb reife ich denn nicht, was hält mich zurück?"
Eine riesige Erbschaft erwartet sie in Ungarn. Sie war reich und frei und doch berührte sie dies kaum. Sie fragte sich immer wieder und zögerte mit der Antwort, denn sie erschien ihr unglaublich. Sie war durch die Täuschung vorsichtig geworden und fürchtete ihr eigenes Herz nicht mehr zu kennen. Sie begann zu ahnen, daß die Seibenfdiajt nur berauscht und daß ernste Zuneigung die wahre und unveränderliche Liebe hervorbringt. Die ganze Nc tur sprach ihr von Hoffnug. Das Rauschen in den Wipfeln der Bäume vereinte sich mit dem Gemurmel der Wellen des Sees und wiederholte unaufhörlich: „Wer nicht liebt, hat einen