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Erschtint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 100.

Mittwoch, den 16. Dezember 1903.

54. Jahrgang.

Jeder-

zeit werden Bestellungen auf die Schlüchterner Zeitung mit amtl. Kreisblatt

V . Expedition entgegengenommen.

Inserate finden in derSchlüchterner Zeitung", da sie in jedem Orte des Kreises in beträchtlicher Anzahl verbreitet ist, den sichersten Erfolg. Die immer wiederkehrenden Annoncen zeugen am besten hierfür.

Amtliches.

Aufgebot!

Das auf den Rainen Friedrich Denhardt Georgs Sohn zu Schlüchtern lautende Kreissparkasse- Einlagebuch Nr. 3085 ist angeblich verloren gegangen.

Der etwaige Besitzer dieses Buches wird hiermit aufgefordert, seine vermeintlichen Ansprüche binnen drei Monaten, vom Tage der Einrückung dieser Be­kanntmachung an gerechnet, bei uns geltend zu inachen, widrigenfalls nach Ablauf dieser Frist das obige Buch gelöscht und dem Friedrich Denhardt ein neues Ein­lagebuch ausgestellt werden wird.

Schlüchtern, den 12. Dezember 1903.

Die Direktion der Kreissparkasse: Pfalzgraf.

Deutsches Reich.

Der Kaiser erfreut sich nach Umständen der besten Gesundheit. Er spricht, wie versichert wird, nicht sehr laut, aber doch so vernehmlich, daß man ihn bereits gut in der Unterhaltung versteht. Das Aus­sehen des Monarchen ist überraschend gut und frisch und man merkt seiner ganzen Stimmung an, daß er sich wohl fühlt. Jeder, der ihn längere Zeit nicht gesehen hat und ihm jetzt wieder gegenüber treten durfte, wird sich der Ueberzeugung nicht verschließen können, daß ihm die gegenwärtige Ruhe und Schonung sehr wohl tut. Binnen kurzem kann man nach menschlicher Voraussicht damit rechnen, daß der Monarch seine Stimme wieder voll gebrauchen wird. Unter diesen Unständen denkt er nicht an eine Reise nach dem Süden, und alle Gerüchte, welche von einer Instand­setzung derHohenzollern" zu diesem Zwecke berichten, sind falsch. Der Kaiser ist Sonnabend zum ersten Male seit der Operation in Berlin gewesen und hat mit der Kaiserin die Akademie der Künste besucht und abends einer Vorstellung im Schauspielhause beige­wohnt. Im Theater wurde das Kaiserpaar vom Pub- likum mit einem dreimaligen Hoch begrüßt.

^ör®7pmnt$ des Schleiers.

Roman von H. v. Benitzki, auS dem Ungarischen von C. Langsch

Nachdruck verboten

Meinen Sie dies aufrichtig, oder sollte es Spott sein ? Der Klang Ihrer Stimme läßt mich das Letztere vermuten."

Sie täuschen sich, Herr Tamerlan, aber vor allen Dingen, lassen Sie mich den Grund Ihres Besuches wissen."

Darf ich aufrichtig sein?'

3$ bitte darum."

Ich sehe in Ihrem Hiersein Adriennens Interessen gefährdet.

In welcher Hinsicht?" ~

Verzeihen Sie, aber man sagt, daß Theodor Sie liebt."

Dann würde er sich nicht mit Ihrer Tochter ver­lobt haben."

Vielleicht wollen Sie dieses Verlöbnis lösen?"

Genug!" sagte Sabine stolz,ich^ ersuche Sie, mich zu verlassen. Ich kenne weder Sie noch Ihre Tochter; mit Theodor Perzay aber habe ich fernerhin nichts mehr zu schaffen und niemals mehr werden sich unsere Wege kreuzen."

Tamerlan verbeugte sich.

Wenn es so ist, Gräfin, will ich Sie nicht länger belästigen."

Die Debatte hatte schon aus taktischen Gründen, um nicht Herrn Chamberlain in die Hand zu arbeiten, eine kurze sein sollen. Abg. Graf Reventlow (von der neuen wirtschaftlichen Vereinigung) kehrte sich jedoch nicht daran, sondern zog über die Engländer her und bedauerte, daß die Regierung ihnen eine schwächliche Haltung zeige. Höchstens auf 1 Jahr sollte das Provi­sorium verlängert werden. Staatssekretär Graf Posa- dowsky wies, nachdem auch Graf Kanitz (k.) gesprochen, den ersten Redner barsch zurück, dessen Politik Deutsch­land aufs schwerste schädigen würde und Deutschland in einen Zollkrieg mit aller Welt verwirke lu. Nachdem noch die Abgg. Gothein (fr. Vgg.), von Kardorff (Rp.), Bernstein (Soz.) gesprochen, wurde die Vorlage in 1. und gleich darauf in 2. Lesung erledigt Es wurde ein Antrag Herold (Z.), das Provisorium bis zum 31. Dezember 1905 zu verlängern, mit großer Majorität angenommen. Alsdann wurde die Etats, beratung wieder ausgenommen. Nach den großen 'Reden des Reichskanzlers, des Kriegsministers, der Abgg. Bebel, Richter u. a. m. konnte kaum noch etwas Neues gesagt werden. Der Finanzminister von Rheinbaben klagte über die unüberschwingliche Höhe der Matrikular­beiträge. Abg. von Starzynsly (Pole) sprach im Namen der Polen, Abg. Schrader (fr. Vgg.) kam gleichfalls auf die Soldatenmißhandlung zurück und plaidierte für den Frieden mit der Arbeiterbevölkerung. Abg. Payer (südd. Vp.) forderte, nachdem auch er über Mißstände in der Armee gesprochen, die Sozialdemo- kraten auf, den Klassencharakter abzustreifen. Hierauf wurde Beratung auf Montag vertagt. Vorangehen soll die 3. Lesung des Handelsabkommens mit England.

Die nächstjährigenKaisermannöver sollen zwischen dem 2. und 9. Armeekorps stattfinden, die um je eine Divft.cn verstärkt werden sollen. Wie es heißt, soll auch eine Garde-Division an den Manövern teilnehmen.

Der frühere preußische Landtagsabgeordnete Vopelius-Saarbrücken wurde ins Herrenhaus berufen. Er gehört der freikonservativen Partei an.

DieCh. Allg. Ztg." erfährt aus unterrichteten Kreisen, daß zum Nachfolger des Gouverneurs von Dentsch-Süvwestafrika, des Obersten Leutwein, der deutsche Generalkonsul in Kapstadt von Lindequist aus­ersehen sei. v. Lindequist gilt bei den Deutschen der Kapkolonie als gediegener fachkundiger Mann.

Ausland.

Eine Kommission der Glasfabrikanten, die mit der Prüfung der Frage zur Bildung eines Glastrustes beauftragt war, hat ihren Bericht erstattet und die Bildung eines Trustes als dringend notwendig bezeichnet, um den Lohnforderungen der Arbeiterverbände Wider­stand zu leisten und auf den ausländischen '.Wehsten bessere Verkaufspreise zu erzielen. Ein Ausschuß von fünf Personen (zwei Glasfabrikanten, zwei Ingenieure Was suchtest Du dort unbekannter Weife."

Ich wollte wissen, ob ihr Herkommen mit Theo­dor zusammenhängt und ob sie kommt, das Glück meiner Tochter zu gefährden."

Das ist unverschämt. Wie sannst Du so zudring­lich sein, woher nahmst Du den tWm ?"

Lieber Reffe, Du denkst noch sehr naiv. Die Notwendigkeit drängc den Menschen noch zu ganz anderen Dingen und ich ging nicht nur mit dem Ent­schluß, den Grund ihrer Gegenwart zu erfahren, sondern ich war, da ich sie schlafend fand, fast bereit, die schöne gefähliche Kleopatra zu ermorden/'

Sigmund riß die Geduld. Der höhnische verächt­liche Ton, in welchem der Alte sprach, empörte ihn, und trieb ihm die Zornesröte in das Gesicht.

Ich verbiete Dir in solchem Tone von einer Dame zu sprechen, welche ich kenne, die Du aber erst ein einziges Mal sähest."

Sie war aber anf dem besten Wege, das Glück meines Kindes zu vernichten.

Wolltest Du dies durch Deinen Besuch verhindern?'

Wo keine Ursache, ist auch keine Wirkung. Wenn die Gräfin stirbt oder verschwindet und sie Theodor nicht mehr sieht, so ist auch die drohende Gefahr ge­hoben."

Bist Du wahnsinnig?" Fotsetzung folgt.

Der Reichstag genehmigte am Freitag die An­träge auf Einstellung von Strafverfahren der Abge­ordneten Kuhnert, Schöpstin, Goldstein und Geyer. Hierauf wurde die 1. Beratung des Etats fortgesetzt. Abg. Dr. Sattler (nL) erklärte eine Reichsfinanzreform für sehr erstrebenswert. Die Vorbedingung aller großen Anleihen für Heer und Marine sollte die Schuldentilgung sein. Das neue Gesetz bringe wesentliche Fortschritte unb er hoffe, daß es in irgend einer Form zur Ver­abschiedung gelange. Redner hofft auf Maßnahmen gegen Soldatenmißhandlung und gegen den Luxus der Offiziere. Der Abschluß der Handelsverträge sei zu­nächst die wichtigste Frage. Der Kriegsminister spricht hierauf über die Vorgänge von Forbach. Der Kom­mandeur habe dort nicht hingepaßt. Im letzten Jahre sind im Ganzen 50 Offiziere, 525 Unteroffiziere und 52 Gefreite und Gemeine wegen Mißhandlungen ver­urteilt worden. Die Zahl der Mißhandelten betrügt 1239. Diese Zahl sei nicht bedenklich. Wir werden die Mißhandlungen aus der Armee hinausbekommen und müssen sie hinausbekommen. Das wird von keiner Seite mehr anerkannt als vom Kaiser. Der Minister erklärt unser jetziges Geschütz für durchaus kriegsbrauch- bar, wenn wir auch vielleicht zum Rohrrücklaufgeschütz kommen könnten. Er habe zwar keinen Entwurf wegen eines Oinquenats eingebracht, halte aber im Prinzip an der längeren Bindung der Militärbedürfnisse fest. Abg. Richter (fr. Vp.) kommt zunächst auf die Ver­hältnisse in Forbach zu sprechen, die z. T. durch die Abgeschlossenheit des Offizierkorps und die auch den Luxus fördernden Kasinos verschuldet seien. Die Ab­hilfe in Betreff der Mißhandlungen liege in der Vor­bildung der Offiziere und Unteroffiziere. Die Jagd nach den besten Geschützen sei ruinös. Die FriedenS- präsenzstärke sollte jährlich fcügefteHt werden. Sollte die Finanzreformvorlage durchgehen, so werden die Matrikularbeiträge um 3/a Millionen vermindert/ der Anleihebedarf um 20 Millionen gesteigert werden. Der Etat sei allerdings unklar aber durch das vorge­schlagene Gesetz würde er auch nicht klarer. Ange­sichts der Finanzlage sollte man bei den Ausgaben für Ostasien und Afrika sehr vorsichtig sein. Staatssekretär Dr. von Stengel protestiert gegen die Behauptung, daß er das Budgetrecht des Reichstages gering anschlage. Eine Erklärung über neue Steuern lehne er ab. Abg. von Kardorff (Rp.) steht der Finanzreform sympathisch gegenüber und beurteilt die Finanzlage nicht so pessimistisch. Nachdem Redner noch verschiedene von den Vorrednern behandelte Punkte berührt hatte, wird die Weiterberatung auf Sonnabend vertagt. Vorher jedoch soll die erste Lesung des Handelsprovisoriums mit England stattfinden.

Die Etatsdebatte im Reichstag ist Sonnabend durch .die 1. Lesung der Vorlage über die Verlängerung des Handelsprovisoriums mit England unterbrochen worden.

Er wendete sich und verließ das Zimmer. Volb Erregung kam er zu Hause an, wo er Theodor wie gewöhnlich bei Adrienne zu finden glaubte. Aber die verweinten Augen seiner Tochter sagten ihm das Gegen­teil. Der schlaue Grieche begann zu ahnen, daß seine leichtsinnigen Lehren auf empfänglichen Boden gefallen waren:Pflicht, Ehre sind nur ein Begriff, das Ge­wissen schläft leicht ein, schließt die Augen, schweigt usw." 9Zun sah er die Früchte seiner Philosophie. Theodor hatte die Waffe gegen ihn gewendet.

Wo kommst Du her, Vater?" fragte das Mädchen.

Ich hatte Geschäfte," wich er aus, und austs Neue seinen Hut nehmend, beschloß er, Sigmund, von dessen Ankunft er wußte, aufzusuchen.

Seit wann bist Du hier?" fragte Tamerlan, be­gierig, den Grund der kühlen Aufnahme zu erfahren.

Seit gestern Vormittag

Warum hast Du uns, Deine einzigen Bekannten und Verwandten am Ort, noch nicht ausgesucht?"

Ich hatte keine Zeit. Ich begleitete die Gräfin Gernady, deren Hausarzt ich bin, und sie fieberte gestern nach den Anstrengungen der Reise."

Der Hausarzt Der Gräfin zu sein, ist eine ge­fährliche Stellung, denn sie ist bezaubernd schön und unwiderstehlich liebenswürdig, Du aber bist noch jung und feuerig."

Sigmund zuckte die Achseln.Hast Du sie gesehen?" Vor einer Stunde war ich bei ihr."

Du?" fragte überrascht und drohend Sigmund.