Beilage z. Schlüchterner Zeitung
Nr. 98.
Mittwoch, den 9. Dezember 1903.
Jahrgang 54.
Das Geheimnis des SehLeievs.
Roman von H. ». Bmitzki, aus dem Ungarischen von 6. Langsch Nachdruck verboten
Nach einigen Tagen antwortete Theodor Klara und bat sie um genaue Auskunft. Besonders unangenehm berührte ihn die Schmuckaffaire. Wie konnte Bertalan wagen, ihn zurückzunehmen, schrieb er voll Zorn seiner Schwägerin. Er gehörte jener Dame, welche ihn Ber- talan verächtlich, wie einen langweilig gewordenen Gegenstand nbergab. Er hat durch diese Handlung die ganze Familie Perzay beschimpft.
Ungeduldig und sehnsüchtig erwartete er die Antwort seiner Schwägerin, aber sie blieb aus. Es war eine verzweiflungsvolle Zeit für ihn. Er war auf dem Punkte, die Geduld zu verlieren und entschied sich in kurzer Zeit abzureisen. Die Ruhe des Comersees war ihm unerträglich, die ewige Gleichheit der Natur und Adriennes einfaches, von jeder Koketterie freies Wesen langweilte ihn; immer wieder kam ihm Sabinens heiße, alles mit sich fortreißende Natur in den Sinn. Er mußte fort, sich erfrischen, beruhigen, aber er wagte seine Absicht weder Tamerlan noch Adrienne mitzu- teilen. Unentschlossen verbrachte er die Tage, da öffnete sich eines Morgens die Tür und zu seiner größten Ueberraschung trat Sigmund ins Zimmer.
Gemessen grüßten sie einander. Sigmund konnte ihni nicht verzeihen, daß er ihn getäuscht und über Sabine die Unwahrheit gesagt hatte. Theodor war ihm entschieden abgeneigt, und unwillkürlich prägten sich ihre gegenseitigen Gefühle auf ihrem Antlitz aus
„Wann kamst Du?" fragte Theodor lauernd.
„Gestern Abend! Ich begleitete Gräfin Sabine, welche Dich zu sprechen wünscht. Sie läßt Dich durch mich bitten, sie zu besuchen."
„Durch Dich?" rief Theodor spöttisch, „aus welchem Grunde? Warum schrieb sie nicht? Ein Zwischenträger ist bei uns nicht nötig. Ich verstehe Sabinens Betragen nicht."
Sigmund stieg bei diesem unverschämten herausfordernden Tone das Blut ins Gesicht. Nach allem was geschehen und was ihm Theodor gesagt hatte, erschien ihm dies Betragen unerklärlich. Sein ganzes Innere empörte sich über den leichtsinnigen, wankelmütigen Bruder, den er in seinem Benehmen der Gräfin Sabine gegenüber so recht kennen und verachten gelernt hatte.
„Nach dem, was Gräfin Gerendy durch Dich erfahren," sagte er ruhig, aber scharf, „kann sie Dir nicht mehr schreiben, zumal Du ihr bis jetzt ihre Briefe, welche Du doch in dem Schreibtisch zurücklassen wolltest, noch nicht wieder zurückgegeben hast, sondern sie, wer weiß, zu welchem Zweck, bei Deiner Abreise, die man, gelinde gesagt, Flucht nennen kann, mit Dir nahmst."
„Sigmund!" rief Theodor wütend; dann faßte er sich schnell wieder und sagte mit höhnischem Lächeln: „Dich beunruhigen wohl diese Briefe? Du würdest wohl ungern hin einblicken und Dich überzeugen, wie heiß Sabinens Liebe, die keinen! Andern zuteil ward, zu mir war."
„Genug!" rief Sigmund empört. „Ich verbiete Dir, in solchem Tone und auf solche Art von der Gräfin zu sprechen, welche betört und unglücklich genug war, Dir ihre Neigung, welche Du nie verdientest, zu schenken."
„Auch die Rücksichtnahme auf deu Bruder hat ihre Grenze!" rief drohend Theodor. „Diesen Ton dulde ich nicht!"
Sigmund nahm seinen Hut.
„Welche Antwort soll ich der Gräfin bringen?"
„Ich werde dies selbst besorgen; in einigen Stunden werde ich bei ihr sein."
Der Arzt verließ, von den wütenden Blicken seines Bruders begleitet, das Zimmer.
XVI.
Dr. Perzay begab sich von Theodor direkt in seine Wohnung, die sich in demselben Hotel, in welchem Sabine abgestiegen war, befand.
Kann ich die Gräfin sprechen?" fragte er den Kammerdiener. „
„Sie ist schon auf und erwartet deu Herrn Doktor.
Die Türen und Fenster des Zimmers, welches Sig- wund betrat, waren weit geöffnet, frische Morgenluft strömte herein, und die hellen Strahlen der Sonne ließen alles in verklärendem Glänze erscheinen. Sabine erhob sich erregt, ihre großen Augen hingen fragend an ihm, während ihre zitternden Hände einen kleinen Zettel hielten.
„ „Ehe Sie mir Ihre Botschaft mitteilen," begann pe, lesen Sie dieses Telegramw, welches ich vor einer
Stunde aus Ungarn bekam. Ich weiß nicht, ob ich sofort nach Pest zurückreisen soll."
„Graf Moritz wurde gestern im Duell verwundet. Nach der Behauptung des Arztes ist die Wunde nicht gefährlich.
Waldar."
„Wer benachrichtigte Sie?" fragte Sigmund, das Telegramm zurückgebend.
„Der Hausinspektor. Der Graf selbst ließ mich seine Verwundung nicht wissen. Vermutlich hält ihn Der Grund derselben zurück."
„Die Wunde soll nicht gefährlich sein," wiederholte Sigmund, „jedenfalls eine Hautschürfung."
„Nun nehmen Sie Platz und sagen Sie mir, was Sie bei ihrem Bruder ausrichteten."
„Er wird sich erlauben, Sie zu besuchen und bald hier sein."
Sabine erschrack. Trotzdem sie doch dieser Begegnung wegen hergereist war, glaubte sie dieselbe ferner und schwieriger. Sie hatte dramatische Verwickelungen, heftige Szenen, die ihr Aerger und Bitterkeit verursachen und ihr nun soviel ruhiger klopfendes Herz in die alte Aufregung versehen würde, erwartet. Sie fühlte sich enttäuscht, daß sie Theodor, welchen sie noch immer zu lieben glaubte, so leicht sehen sollte.
„Also er wird kommen?" fragte sie, nicht wagend, ihren Gedankengang weiter zu verfolgen. „Es ist mir lieb, ich hoffte nicht auf ein solches Entgegenkommen von seiner Seite," sagte sie trocken:
Sigmund staunte und ahnte voll Entzückung den Grund ihrer Gleichgültigkeit.
„Gräfin," sagte er unter dem Eindruck der süßen Hoffnung, „diese Begegnung wird stürmisch sein. Ich habe meinen Bruder geachtet und von Herzen geliebt. Jetzt haben sich beide Gefühle verwandelt. Ich mache Sie aufmerksam: sind Sie stark und ruhig ihm gegenüber. Er ist in all seinen Versprechungen unzuverlässig. Kaum hatte er sich von Ihnen getrennt, so wurde er Bräutigam, aber Gott weiß, ob auch dieses Gelöbnis Erfüllung findet. Glauben Sie ihm nicht, was er auch sagen mag. Seine Rückkehr ist nur momentane Aufwallung und seine Versprechungen und Schwüre kennen Sie als Lüge."
Sabine hörte lächelnd die in fieberhafter Erregung gesprochenen Worte. Sie antwortete nicht, sondern an das Gitter gelehnt, ließ sie ihr Auge gedankenvoll über die in Tau schimmernde Gegend schweifen.
„Schauen Sie," sagte sie nach einigen Minuten des Schweigens, indem sie auf die Berge zeigte, „dort in der Ferne liegen noch die Schatten der Nacht, während über uns sich schon die goldenen Strahlen der Sonne ergießen. Aus grauen Wolken erhebt sie sich lächelnd und wir wissen, daß sie im Kampf mit dem Dunkel der Nacht Siegerin bleibt. So ergeht es meinem Herzen mit der Erinnerung an die Vergangenheit Noch kurze Zeit und seine Wunden vernarben, denn nichts kann die Täuschung so gründlich heilen, als die Hoffnung. Nichts ist schmeichelnder, als der im Dunklen uns leuchtende Stern, welcher uns aus allen Jrr- gängen herausführt."
Sigmund lauschte ihr mit Entzücken.
„Kann ich Ihren Worten vertrauen, Gräfin?" fragte
er zwischen Zweifel und Hoffnung schwankend. „Wird es nicht gefährlich sein, Sie bei der Begegnung allein zu lassen?"
„Seien Sie unbesorgt! Ich fürchte sie nicht. Mein Blut fließt ruhig, und das Vergangene ist ver- geffen. Nur meine Briefe will ich zurückverlangen und Theodor feierlich seine Freiheit, nach welcher er sich so sehnte, zurückgeben. Er brauchte nun weder zu fliehen, noch zu betrügen, um sie zu erhalten."
Sie nahmen Abschied. Der Arzt entfernte sich und Sabine ließ sich wieder im Erker nieder; den Kopf in die Hand gestützt, gab sich ihr heißes Blut neuen Hoffnungen hin, welche, wie sie in diesem Augenblicke fühlte, das Glück ihrer Zukunft ausmachten.
XVII.
Eilige Schritte näherten sich dem ZimMr. Die Tür öffnete sich und Theodor trat herein. Dieselbe hohe, schöne, interessante Erscheinung, derselbe warme Blick, das süße Lächeln, welches einst Sabine in's Herz drang. Mit ruhiger Freundlichkeit, frei von der früheren Wärme, begrüßte sie ihn. Ein unbefriedigtes Gefühl beschlich Theodor, dach ohne es merken zu lassen, eilte er auf sie zu, warf sich vor ihr auf die Kniee und rief: „Kannst Du mir meine Verirrung verzeihen? Im Wahnsinn warf ich den köstlichsten Schatz der Erde von mir,"
„Stehen Sie auf," entgegnete Sabine ruhig, nur ein feines Zucken ihrer Brauen zeigte den unangenehmen Eindruck, den sein Betragen auf sie machte.
„Diese Art und Weise ist zwischen uns nicht mehr am Platz. Ich danke, .daß Sie kamen. Setzen Sit sich und sprechen wir ruhig und verständig."
„Nicht eher, als bis ich Ihre Verzeihung erlangt habe."
„Ich habe Ihnen längst verziehen und das Glück und die Qualen der Vergangenheit vergessen. Ich bin geheilt. Kleine Zukunft ist nicht mehr wüst, und ohne Gram uni) Zorn blicke ich auf die Vergangenheit ultd auf Sie. Stehen Sie auf, ich verlange weder Liebes- ergösse noch Entschuldigungen von Ihnen."
„Sabine."
„Nennen Sie mich „Gräfin". Vertrauliche Worte gebühren sich nicht mehr,.- Der eile Stein bleibt derselbe, auch wenn wir ihn in den Staub treten; falsches Gold aber schwärzt sich, selbst bei der sorgsamsten Behandlung. Dem falschen Golde glich Ihre Liebe, und ich wünsche sie nicht ferner in dem eingebildeten Glanz zu sehen.
Theodor sprang auf. Sein Gesicht drückte wahren, nicht erheuchelten Schmerz aus. Er fühlte die ganze Größe seines Verlustes.
„Ich werde mich nie von Ihnen trennen."
„Wünschen Sie nicht, daß ich Ihr Betragen mir gegenüber näher bezeichne. Scheiden wir in Frieden, das ist das Einzige, was ich von Ihnen verlange."
„Aber ich will mich nicht trennen! Wenn es wahr ist, was Sie durch Jahre behauptet und mir geschworen haben, so können wir uns nicht so trennen. Ich habe mich vergangen, aber auf Knieen bitte ich Sie um Verzeihung, zertreten Sie mich, aber vergeben Sie mir. Irren ist ja menschlich. Wer andern vergieb dem wird wieder, vergeben werden." (Forts, folgt
—* Für den Kreis Schlüchtern stellen sich die Ergebnisse der Bewilligung von Alters-, Jusatiden- und Kranken-Renten in der Zeit vom 1. Januar 1891 bis Ende Juni 1903 wie folgt:
Einge- gange- ne An: träge.
Davon sind erledtgt durch
Gesammt- Jahresbetrag der bewilligten
Renten
Ren. ten-Be- willi- gung
Ableh. nung
Tod der An- trag, steiler
Von den Rentenempfängern sind bczw. waren beschäftigt
Nach Abgang durch Tod rc. bleiben noch zu zahlen
in der Land- Wirth, schaft
in der In. dustrie
im Handel und Verkehr
durch Lohnarbeit wechselnder Art
im Staats dienst
im Ge. finde dienst
Posten ^ 4
Altersrenten Invalidenrenten Krankenrenten
212
391
8
133
290
8
431
75
64
2
37
16498,80 82
39600,6(
1095 —
143
4
12
53
2
11
1
13
34
1
17
17
9
32
51
191
2
744
6720,20
26355,80
277,20
33353,20
57194,40 229 | 67 | 12 ) 48 )
1alt Hessen-Nassau, deren Bezirk die Regierungbezirke Saffel und Wiesbaden, sowie das Fürstenthum Waldeck umfaßt, sind seit dem 1. Januar 1891 überhaupt bewilligt:
8 683 Altersrenten im Gesammt-Jahresbetrage von 1183 652 Mk. — Pf.
" 3 356 335 „ 30 „
169 297 „ 40 „
139
Zusammen: 611
Von der Landes-Versicherungsan
23 840 Invalidenrenten „
1 100 Krankenrenten „
39
34
41
//
33 623 Renten mit einem Gesammt-Jahresbetrage von
4 709 284 Mk. 70 Pf.
Hiervon sind nach Berücksichtigung der durch den Tod rc. erfolgten Abgänge Ende September 1903 noch zu zahlen: 3175 Altersrenten im Gesammt-Jahresbetrage von 458 037 Mk. 80 Pf.
14 659 Invalidenrenten „ „ „ „ 2 107 894 „ 80 „
674 Krankenrenten „ „ „ „ 104 740 „ — „
zusammen: 18 508 Renten mit einem Gesammt-Jahresbetrage von 2 670 672 Mk. 60 Pf. Der von dem Reiche zu leistende Zuschuß beträgt 925 100 „ — „
Mithin bleiben Ende September 1903 aus Mitteln der Landes- ” Versicherungsanstalt Hessen-Nassau an Renten zu zahlen jährlich 1 745 272 Mk. 60