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Samstag, den 7. November 1903
54. Jahrgang
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Deutsches Reich.
— Zur Zweikaiserzusammenkunft in Wiesbaden. Die Gesamtzahl des von der Stadt Wiesbaden in Quartieren unterzubringenden Militärs beträgt während der Kaisertage etwa 3500 Mann. Die übrigen Mannschaften werden seitens der Militärbehörden verpflegt. Die Truppen, die zur Spalierbildung erforderlich waren, trafen teils zu Fuß, teils per Bahn am Mittwoch vormittag ein und verließen Wiesbaden um 12 Uhr nachts. An der Spalierbildung waren beteitigt: die Jnfanterieregimenter Nr. 80 aus Wiesbaden und Homburg, Nr. 87, 88, 117 chus Mainz, Nr. 81 aus Frankfurt, Nr. 116 aus Gießen und 166 aus Hanau, im ganzen 5000 bis 6000 Mann. Die Absperrungsmaßregeln sind nach dem „Rhein. Kur." so scharf, wie man sie in Wiesbaden noch nicht erlebt hat. Die Burgstraße und der Schloßplatz waren bei derVorbeifahrt des Monarchen für das Publikum gesperrt. Die Bewohner der Burgstraße konnten natürlich in ihren Häusern aus- und eingehen. In dem Augenblick aber in dem die beiden Kaiser die Straße passierten, war auch dies untersagt. Die Einzugsstraße war von Militär angefüllt, wer in Bürgerkleiduug steckte, mußte sie verlassen. Sogar die Fenster sollten geschlossen bleiben, bis die Equipage mit dem Zaren und unserem Kaiser die Häuser passiert hatte.
Daß unter diesen Umständen die Freude der Bevölkerung nicht so groß ist, als wenn unser Kaiser nach Wiesbaden kommt, braucht nicht gesagt zu werden. Die aus all den beispiellosen Sicherheitsmaßnahmen sprechende Sorge teilte sich unwillkürlich der Bürgerschaft mit.
Die großen Vorsichtsmaßregeln sind, wie man hört, auf Befehle höheren Orts zurückzuführen. Sobald der Zar Wiesbaden verlassen hat, bleiben nur die sonst bei Anwesenheit unseres Kaisers gewohnten Absperrungen bestehen. Außer den Wiesbadenern fluteten auch Tausende von Fremden, die Zeugen des großen Ereignisses der Zweikaiserbegegnung sein wollten, durch die Straßen. Als am Dienstag Kaiser Wilhelm in Wiesbaden eintraf, war von Absperrungsmaßregeln nichts zu merken, jedermann hatte Gelegenheit, dem Kaiser ehrfurchtsvollen Gruß darzubringen. Um so schlimmer war es am Mittwoch. — Schon ani Dienstag fanden wiederholte Absperrungsmaßregeln statt, aus deren Verlauf die guten Wiesbadener erkannten, daß sie bei dem Einzüge nicht viel sehen würden.
Nach Ankunft des Kaisers am Schlosse brach die nach Tausenden zählende Menge in so stürmische Huldigungen aus, daß der Monach auf den Balkon hinaus- trat und wiederholt grüßend dankte.
— Se. Majestät Kaiser Wilhelm hat dem Sultan als Gegengeschenk für das ihm im Laufe des Sommers übermittelte Geschenk einen Trakehner- Viererzug ge- sandt. ___
Das Geheimnis des Schleiers.
Roman von H. v. Bmitzki, aus dem Ungarischen von C. Langsch Nachdruck verboten
„So weigern Sie sich auch heute?"
„Was soll ich tun?"
„Ich verlange um jeden Preis, Theodors Aufenthalt zu wisfen. Wenn ich es nicht durch Sie, erfahren kann, werde ich die ganze Welt nach ihm durchsuchen."
„In diesem Augenblick kann ich nichts versprechen," sagte mit sichtlicher Unentschlossenheit, welches der Aufmerksamkeit Sabinens nicht entging,, der Doktor. „Vielleicht kann ich Ihren Wunsch bald erfüllen. Mein Versprechen bindet mich und ich muß mich erst von demselben befreien."
Sabine biß sich in die Sippen.
„Also von ihm kommt das Verbot. Er verbirgt sich also vor mir. Er, welcher mir tausendmal seine Liebe erklärte, welcher für mich leben und sterben wollte, welcher — — —" Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, die Worte erstürben auf ihren Lippen und sie brach in heftiges leidenschaftliches Weinen aus.
„Diese Aufregung wird Ihnen schaden, Gräfin," sagte Sigmund mitleidig. „Sie bedürfen weder einer Reise, noch Luftveränderung, sondern nur der Ruhe."
.„Wer sollte Sie mir geben, mein Leben ist ver- -vüstet. — Sie wissen durch wen."
Zum Präsidenten des Reichsmilitärgerichts in Berlin ist der General der Kavallerie, bisherige Führer des 9. Armeekorps von Massow ernannt worden. Das 9. Korps erhielt Generalleutnant v. Bock-Polach, an dessen Stelle die 1. Division Generalmajor Gronau von der 9. Feldartilleriebrigade, den Oberst Schwarz vorn Feldartillerieregiment Nr. 56 ersetzt. Robert von Massow steht im 65. Lebensjahre. Er ist aus dem Kadettenkorps hervorgegangen und nahm an dem amerikanischen Bürgerkriege teil. Im Kriege 1870 und 71 erwarb er sicb das Eiserne Kreuz 1. Klasse. Als Nachfolger des Grafen Waldersee wurde er im April 1»9ö Kommandeur des 9. Korps in Altona. Auch Generalleutnant v. Bock entstammt dem Kadettenkorps. Bei der Mainarmee focht er mit Auszeichnung sodaß er das Ehrenzeichen 1. Klasse erhielt. Im deutsch-französischen Kriege bekam er als Regimentsadjutant das Eiserne Kreuz 2. Klasse. Später führte er die 36. Brigade und die 37. Division. Im Sommer vorigen Jahres wurde er bei einer Besichtigung des Tilsiter Dragonerregiments versehentlich durch einen Lanzenstich schwer verletzt.
— Dem Reichsbankpräsidenten Dr. Koch wurde aus Anlaß seines 50 jährigen Dienstjubiläums vom Kaiser der Rote Adlerorden 1. Klasse mit Eichenlaub verliehen. Der hessische Gesandte überreichte dem Jubilar den hessischen Verdienstorden Philipps des Großmütigen. Der preußische Finanzminister von Rheinbaben, der Handelsminister Möller und der Reichsschatzsekretär v. Stengel überbrachten persönlich ihre Glückwünsche. Namens der Mitglieder des Zentralausschusses der Reichsbank überreichte Geh. Kommerzienrat Frentzel den Betrag von 1341'00 Mk. zur Grünoung einer Stiftung für hilfsbedürftige Beamte der Bank und deren Hinterbliebene.
— An Stelle des zum Oberpräsidenten von Ostpreußen ernannten bisherigen Regierungspräsidenten von Mvltke in Potsdam, ist der Oberpräsidialrat der Provinz Brandenburg, von der Schulenburg, zum Regierungspräsidenten in Potsdam ernannt worden.
wurde gesetzt, dauert hat.
Die Abreise des Zarenpaares von Darmstadt endgiltig auf Sonnabend, 7. November, fest- Der Aufenthalt hat nahezu 6 Wochen ge- — die längste Dauer, die er bis jetzt gehabt
— Aus New-York wird dem „Berl. Tagebl." gemeldet: Kaiser Wilhelm hat dem Präsidenten des deutschen Kriegerbundes in New-York Richard Müller in Anerkennung seiner Verdienste um die Organisation der deutschen Kriegerverbände in den letzten 10 Jahren den Roten Adlerorden 4. Klasse verliehen. Der Vizepräsident des Kriegerbundes Heinrich Pfeiffer erhielt den Kronxnorden 4. Klaffe.
— Die Einführung des Helms für Mannschaften
Einige Sekunden hing der Arzt seinen Gedanten nach.
„Erlauben Sie mir, Ihnen einen Rat zu geben, der Sie int ersten Augenblicke überraschen wird?"
„Sprechen Sie."
„Reisen Sie nicht und warten Sie ruhig ab, hoffen Sie, Theodor in kurzem wieder zu ihren Füßen zu sehen. Als er Pest verließ und seine Todesnachricht verbreitete, floh er nicht Jhret-, sondern seiner Schulden wegen, welche jetzt Bertalan, unser ältester Bruder, in Ordnung zu bringen bemüht ist."
„Schulden?" fragte Sabine erschrocken. „Hatte Theodor Schulden? Er behauptete doch, sein Vermögen sei so groß, daß er nicht imstande wäre, die Zinsen davon zu verausgaben?"
„Vielleicht glaubte er was er sagte. So gewissenhaft wie er in Geschäften anderer war, ebenso leichtsinnig war er leider in seinen eignen. Da das ererbte Vermögen ungeteilt blieb, wußte er wahrscheinlich nicht, was und wie viel sein eigen war."
„So hat er auch Sie durch seinen Leichtsinn geschädigt?"
„Mich nicht, ich habe mein Vermögen, da ich Bräutigam bin, aus der Gemeinschaft gezogen."
„Sie sind Bräutigam?" fragte Sabine, welche diese Tatsache nicht mit der vor wenigen Minuten ihrer Schönheit gezollten Huldigung zusammenreimen konnte und ein flüchtiges Lächeln, der erste Sonnenstrahl ihrer Unterredung, umspielte ihre Lippen,
des Trains ist durch Kabinettsordre vom 24. v. M. verfügt, und zwar Jnfanteriehelm mit gewölbten Schuppenketten, dazu als Paradestück bei der Garde weißer, bei der Linie — außeretatsmäßig — schwarzer Haarbusch. Die Einführung soll allmählich, nach Maßgabe der verfügbaren Mittel, erfolgen.
Ausland.
— Zu den Unruhen in Deutsch-Südwestafrika wird aus London gemeldet: Aus Beaufort-West im Nord- westen der Kapkolonie berichtet das „Reutersche Bureau," es habe Nachrichten, daß die Garnison in Warmbad in Deutsch-Südwestafrika von Hottentotten maffakriert worden sei. Demselben Bureau wird aus Kapstadt gemeldet, der deutsche Konsul in Kapstadt sei benachrichtigt worden, daß sich der Stamm der Bondels- zwarts in Damaraland im Aufstande befinde. Seiner, von Eingeborenen stammenden Information zufolge seien der Häuptling der Bondelszwarts, sowie der deutsche Unteroffizier, welche die Warmbäder Garnison befehligte, gelötet worden.
— Aus Deutsch-Südwestafrika wird gemeldet, daß Leutnant Jobst im Kampfe bei Warmbad gefallen ist. Wenn im Süden Unruhen stattgesunden, dann ist die Aufgabe unserer Schutztruppe angesichts der Mordtaten der Ovambos im Norden eine sehr schwierige.
— Die philosophische Fakultät der Wiener Universität hat den Hinterbliebenen Theodor Mommsens kondoliert. Auch viele Wiener Gelehrte haben der Familie Beileidstelegramme gesandt.
— Die römischen Blätter heben hervor, daß der Vatikan die Hilfe der Regierung beim Löschen des am So.mtag ausgebrochenen Brandes in Anspruch nahm. Die Beamten der italienischen Behörden, sowie die Angestellten des Vatikans und des Sicherheitsdienstes, die Schweizer- und Munizipalgarden gingen, wie betont wird, gemeinsam an die Löschungsarbeiten. Die italie- nischm Beamten wurden sehr herzlich ausgenommen. Die Blätter bemerken weiter, wie wichtig es war, die im Vatikan befindlichen unvergleichlichen historischen und künstlerischen Schätze zu retten. Verbrannt ist ein Codo- Marcellianus, ein sehr altes Papyrus, sowie einige Inkunabeln und alte Kupferstiche. Die „Tribuna" fügt hinzu, es scheine ausgeschlossen, daß der Brand mutwillig angelegt worden sei. Der päpstliche Würdenträger Puscinelli begab sich auf das Kapital, um dem Bürgermeister den Dank des Papstes auszusprechen.
— Der Generalgouverneur van Kreta, Prinz Georg von Griechenland, ist nach Wien abgereist, woselbst er vom Kaiser Franz Joseph empfangen werden wird. In Wiener politischen Kreisen glaubt man, daß der Besuch des Prinzen mit dessen eventueller Ernennung zum Statthalter von Mazedonien im Zusammenhang steht.
Sigmund berührte dies Lächeln unangeuehim
„Nehmen Sie meine besten Wünsche für die Zukunft," sagte die Gräfin in ihrer freundlichen, gewinnenden Weise.
Sigmund verbeugte sich so stumm und kalt, als ob er diese Freundlichkeit und Aufmerksamkeit beleidigend fände und verließ seinen Platz.
„Gehen Sie?" fragte Sabine überrascht.
„Als ich Ihnen aus warmen Herzen einen Rat gab, antworteten Sie mir nicht und so glaube ich mich überflüssig."
„Gut," sagte Sabine mit freundlichem Lächeln, „gehen Sie, doch versprechen Sie . . ."
Sie brach ab und sann einen Augenblick nach.
„Ich wette, Ihre Gedanken zu erraten, Gräfin."
„Ich glaube es."
„Sie dachten, daß man den Versprechungen der Perzays nicht Glauben schenken darf."
„Ja," sagte Gräfin Gerendy schmerzlich bewegt, indem unwillkürlich Tränen in ihre Augen traten.
„Verfügen Sie über mich, ich mache es mir zur Pflicht, Ihre Ansicht zu widerlegen."
„Pflicht!^ rief Sabine verächtlich, „bei jeder noch so geringen Sache spricht man von Pflicht!«
„Befehlen Sie," sagte Siegmund drängend.
„Versprechen Sie mir, mich täglich zu besuchen; es ist das die Pflicht des gewissenhaften Arztes."
Fortsetzung folgt.