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Mittwoch, den 14. Oktober 1903

54. Jahrgang

Erscheint Mittwoch und Samstag. - Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Deutsches Reich.

Se. Majestät der Kaiser ist vorige Woche in Hubertusstock eingetroffen, wohin sich auch die Kaiserin und Prinz Adalbert begeben haben.

Se. Majestät der Kaiser wird bestimmt am 19. Dezember anläßlich des l 00jährige» Bestehens der in Hannover garnisonierenden 3 Regimenter einem von den Offizierkorps der 3 Regimenter veranstalteten gemeinsamem Festmahle beiwohnen.

Se. Maj. der Kaiser hat befohlen, daß die Enthüllung der Denkmäler des Kaisers und der Kaiserin Friedrich vor dem Brandenburger Tor zu Berlin am 18. d. M., dem Geburtstage Kaiser Fried­richs, stattfinden solle. Der Kaiser wird der Enthüllung beiwohnen. Zur Zeit weilt der Kaiser noch in Hubertusstock.

Das Kaiserpaar kehrt in diesen Tagen aus Hubertusstock nach Potsdam zurück. Der Kaiser und Prinz Adalbert jagten mit gutem Erfolge, die Kaiserin photographierte viel. Am Sonntag findet die Ein­segnung der Prinzen August Wilhelm und Oskar statt.

Abänderung der Reichs-Kriegsflagge. Der Kaiser hat bestimmt, daß das schwarze Mittelkreuz in her Reichs-Kriegsflagge andere Abmessungen nach einem vom Kaiser festgesetzten Muster erhält.

Der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich sind vom Besuche des Herzogs Karl Theodor in Bayern nach Potsdam zurückgekehrt.

Der Aufenthalt des Prinzen Adalbert von Preußen in Ostasien soll angeblich ein volles Jahr dauern. DemBerl. Tagebl." wird nämlich aus.Kiel gemeldet, man beabsichtige, im Herbst 1904 den KreuzerHertha", der Ende November dieses Jahres den Prinzen an Bord nimmt, heimzuberufen. Gleichzeitig werde die Heimreise des Prinzen erwartet, dessen Kommando nach Ostasien somit ein Jahr dauern würde.

Dem Vorsitzenden des Aufsichtsrats derStu­diengesellschaft für elektrische Schnellbahnen" hat der Kaiser auf die Mitteilung, daß eine Geschwindigkeit von 200 Kilometer in der Stunde erreicht sei, gratuliertzu den« schönen Erfolge, den deutsche Tat­kraft und Beharrlichkeit damit errungen haben."

Zu der Gewerbeordnungsnovelle, die den Alko­holmißbrauch bekämpfen will, hat ein in Leipzig ab- gehaltener Vertretertag der Gastwirteverbände Deutsch­lands Stellung genommen. Es wird verlangt, daß auch der Ausschank nichtgeistiger Getränke der Erlaubnis bedürfen solle, ebenso der Kleinhandel mit Wein, Bier, Branntwein und Spiritus. Die Konzession soll nur bei Gefahr der Völlerei versagt werden oder wenn die Gefahr vorliege, daß wissentlich oder vorsätzlich gefälschte Nahrungsmittel im Betrieb verwertet werden könnten.

Das (Bel^imnU des Schleiers.

Roman von H. v. Benitzki, aus dem Ungarischen von C. Langsch.

Nachdruck verboten.

Ich habe keine Gedanken

Vielleicht komme ich von

Ich weiß nicht, was icy tun soll", begann sie nach einiger Zeit stockend.Ich habe keine Gedanken und bin völlig verwirrt. Vielleicht komme ich von neuem oder schreibe Ihnen. Vielleicht bringt mir Ihr Bruder von dem Toten Nachricht, wir sehen uns noch, aber jetzt gehe ich."

Langsamen Schrittes entfernte sie sich und erreichte taumelno die Tür. Bertalan eilte sie zu stützen,, aber sie wies seine Hilfe zurück. schwankend durchschritt sie das Komptoir und verschwand in der halb geöff­neten Tür still und geräuschlos wie ein Hauch.

IV.

Nach diesem traurigen und aufregenden Besuche ver­spürte Bertalan keine Lust zur Arbeit. Er begab sich in seine Wohnung und ließ sich gedankenvoll in einen Lehnstuhl nieder. Seine Frau bemerkte sehr bald die Wolken auf seiner Stirn.

Hast Du Unannehmlichkeiten gehabt?" fragte seine Frau.

,Ich hatte soeben einen seltsamen Besuch. Eine üefverschleierte Dame wünschte mich zu sprechen. Sie es, welche Theodor in Schulden stürzte und wer ^, was wir in Zukunft noch erfahren."

_ Ein Gesetzentwurf betr. die Entschädigung unschuldig verhafteter Personen ist von der hessischen Regierung dem Bundesrat zugegangen, der schon in einer seiner nächsten Sitzungen zu dem Entwürfe Stellung nehmen wird. Die Entschädigung unschuldig verurteilter Personen ist schon seit Jahr und Tag eingeführt, die Entschädigung unschuldig Verhafteter ist vom Reichstage wiederholt verlangt und als dring­lich bezeichnet worden.

Unter den Privatangestellten sDeutschlands wird am 15. Oktober auf Veranlassung des Reichs­amtes des Innern eine allgemeine Erhebung durch Frageborgen stattfinden zum Zwecke der Vorbereitung einer Pensions- und Hinterbliebenen-Versicherung der Privatangestellten auf staatlicher Grundlage.

Mslanb.

Prinzessin Albert von Belgien ist "Sonntag Abend in Brüssel von einem Prinzen entbunden worden.

Die Verbindung auf vielen Eisenbahn- und Trambahnlinien in New-Jersey ist unterbrochen. Die Lage in Paterson ist bedenklich. Man befürchtet den Zusammenbruch des großen Dammes, was ein schweres Unglück nach sich ziehen würde. 50 Häuser sollen in Paterson schon weggeschwemmt worden sein. 500 Familien sind obdachlos; mehrere Tausende sollen wegen der in den Mühlen angerichteten Schäden ohne Arbeit sein. Die Pennsylvania-Eisenbahn konnte den Betrieb wieder aufnehmen.

DieMorning Post" meldet aus Tschifu: Es verlautet, die Russen haben den nächsten Freitag für den Beginn der Feindlichkeiten festgesetzt. Es sind starke Anzeichen vorhanden, daß Deutschland den Aus­bruch der Feindlichkeiten begünstige, (!) da es glaube, dabei sein Einflußgebiet in China vermehren zu können. DieTimes" melden aus Tokio, das Gerücht, Rußland habe Japan die Teilung Koreas vorge­schlagen, sei unbegründet.

Patria" meldet, die Avantgarde des Mullah sei dabei in das italienische Somaligebiet einznsallen. Die Regierung bereite alles für eine eventuelle Ent­sendung von Truppen nach Erythrea vor. Die KriegsschiffeVolturno" undColombo" würden gegen den 26. Oktober nach Obbia in See gehen. Giornale d'Jtalia" schreibt, wenn der Mullah wirk­lich sechs Meilen von Obbia sich befinde, so deute dies nur die Absicht an, die Stadt zu plündern. Dem Messagero" zufolge soll die Lage in Benadir gefähr­lich sein.

Zur Landtagswahl.

' In einer am 11. Oktober in Gelnhausen statt- gefnndenen Versammlung der Vertrauensmänner der Zentrumspartei des Landtagswahlkreises Gelnhausen-

Wie kommst Du zu dem Gedanken?"

Bertalan schilderte seiner Frau das geheimnisvolle Benehmen der Dame. Die Haft, wie welcher sie das Kästchen verlangte, ihre Verzweiflung, als sie es leer fand und welch wunderbar schönen Mund er bei einer Verschiebung des Schleiers erblickt hatte.

Merkwürdig", sagte Klara,wer hätte das von Theodor gedacht. Er war stets beschäftigt und lebte nur seinem Berufe, niemand ahnte, daß er ein Ver­hältnis, ein Liebesabenteuer habe."

Sein zurückgezogenes Betragen, das von seinem sonst so geselligen Leben abstach, konnte uns wohl eine derartige Vermutung nahe legen, doch gaben wir der erhöhten Berufstätigkeit die Schuld, kurz, wir hatten uns an seine Art und Weise gewöhnt. Armer Bru­der, dein Leben war kurz. Hoffentlich hast Du wenig­stens einige glückliche Augenblicke gehabt. Was aber jenes Kästchen enthalten haben mag. und wohin sein Inhalt gekommen, ist mir rätselhaft."

Sicherlich waren die Briefe jener Dame darin, die ihren Ruf und ihre Stellung gefährden können, wenn sie in unrechte Hände gelangen, daher die Angst, mit welcher sie dieselben suchte."

Du kannst Recht haben. Aber wo könnten sie hin genommen sein. Es ist doch Niemand, wie Theodor selbst dazu gekommen."

Vielleicht klärt uns Sigmund das Rätsel auf, Möglicherweise hat ihn der Verstorbene beauftragt, die gefährlichen Dokumente der Dame einzuhändigen.

Schlüchtern jwurde auf Antrag des Herrn Reichstags­abgeordneten Landrats v.Savigny einstimmig beschlossen, Herrn Reichstagsabgeordneten Richard Müller in Fulda als Kandidaten für die Landtagswahl des Kreises Gelnhausen-Schlüchtern aufzustellen. Herr Müller vertritt den Kreis Schlüchtern z. Z. bekanntlich im Reichstage, und war auch im Kreise Gelnhausen- Orb in diesem Sommer Kandidat des Zentrums für den Reichstag, wobei er Gelegenheit hatte, fast in allen größeren Orten mit den Wählern bekannt zu werden mit dem Erfolge, daß in diesem Kreise allein 2700 Stimmen für ihn abgegeben wurden.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 13. Oktober 1903.

* Wie wir aus zuverlässiger Quelle erfahren, wird am Freitag, den 16. Oktober, abends 8 Uhr, ein Ingenieur der Weltfirma Siemens u. Halske Schuckertwerke, Frankfurt a. M. im Saale des Hotels Zum deutschen Kaiser" hier, einen Vortrag über die verschiedenen elektrischen Beleuchtungsarten halten, und gleichzeitig Kleinmotore im Betriebe vorführen.

* Rudolf Falbs Wandkalender für 1904 Januar bis Juni, wird Ende dieses Monats erscheinen. Diese Ausgabe der Wetter-Prognosen hat Rudolf Falb noch selbst bearbeitet. Das weitere Erscheinen des Kalenders ist durch die bei Lebzeiten des Verstorbenen getroffenen Bestimmungen gesichert. Falbs ältester Sohn Otto wird auf Grund der ihm von seinem Vater übergebenen Materialien die ferneren Ausgaben mittels des ihm hinterlassenen Berechnungssystems besorgen.

--* Die Uebergangszeiten zum Sommer ivie zum Winter bilden infolge ihres unbeständigen Wetters und der wechselnden Temperaturen die gefürchtesten Krank­heitsperioden des Jahres. Das Frühjahr ist in dieser Beziehung noch schlimmer als der Herbst; aber auch dieser giebt oft genug recht unerfreuliche Proben seiner Leistungsfähigkeit. Im besonderen sind es die allen äußeren Einflüssen leichter zugänglichen Kinder, die sich in den Wochen der Uebergangsperiode Erkrankungen aller möglichen Art zuziehen. Außer den kaum zu verhütenden katarrhalischen Leiden sind es die Infektions­krankheiten, wie Masern, Scharlach, Diphterie, die jetzt in erheblicherem Umfange auftreten und entsprechend zahlreichere Opfer fordern. Neben ihnen her schreitet die gefürchtet« Influenza, die das höhere Lebensalter bevorzugt, jedoch auch Kinder und jugendliche Leute nicht verschmäht. Alle diese schlimmen Herren haben ihre Visitenkarte bereits abgegeben und hoffen auch in den kommenden Wochen, namentlich aber in dem nebeligen Novembermonat recht viele Besuche abzu- statten. An uns ist es, den ungebetenen Gästen nach Möglichkeit die Tür zu ver perren. Die Vorbeugung und Verhütung sind in der Hygiene die Hauptsache. Wir dürfen nicht gleichgiltig bleiben bis zu dem Augen-

Heut Abend, spätestens Morgen früh, muß er zurückkehren", sagte der Kaufmann gedankenvoll, während ihm immer wieder aufs Neue die Unbekannte vor- schwebie, deren vornehme Haltung und anmutigen Be­wegn» ren er nicht vergessen konnte.

Ruhig und gleichförmig verging der Abend, bis der letzte Zug den erwarteten Bruder brächte.

Bleich und verstört, wie von schwerer Krankheit erstanden, trat er seinen Verwandten entgegen. Was war aus dem lebhaften, lustigen Sigmund geworden? Wenn Theodors Tod auch niederdrückend auf ihn wirkte, so war sein verschlossenes, unstätes Wesen doch seltsam. Bei ;edem Worte stockte er, als fürchte er, ein wichtiges Geheimnis zu verraten. Von Theodors Krankheit und Tode wollte er nicht sprechen. Er schützte Müdigkeit vor und verabschiedete sich.

Hast Du auf Deiner Reise Onkel Faustin be­sucht?" rief ihm Bertalan noch nach. Staunend sahen sie, wie Sigmund bei Nennung dieses Namens zusammenzuckte, verneinend den Kopf schüttelte und schleunigst das Zimmer verließ.

~Was ist ihm nur?" fragten sie einander erstaunt. So sahen wir ihn noch nie. Was kann ihm auf der Reise oder in Cannes zugestoßen sein?'"

Am andern Morgen, als Bertalon längst im Bureau beschäftigt war, trat Sigmund zu ihm ein.

Ich habe Dir wichtige Sachen mitzuteilen", sagte er.Wenn Du Deine Arbeit beendet hast, so erwarte ich Dich in Deinem Zimmer,"