Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 10, Oktober 1903
54. Jahrgang
Deutsches Kelch.
— Se. Majestät der Kaiser ist Dienstag spätabends aus Rominten in Hubertusstock in der Schorfheide angekommen. Auf der Reise machte er in Kabinen und Marienburg halt. In Marienburg besichtigte der Monarch das Ordensschloß unter Führung des Geh. Baurats Steinbrecht. Die Kaiserin und Prinz Adalbert begaben sich Dienstag abend 7 Uhr 15 Minuten ebenfalls von Potsdain mittels Sonderzuges nach Hubertusstock.
— Am Dienstag mittag 12 Uhr fand im alten Palais in Darmstadt die Ziviltrauung des Prinzen Andreas von Griechenland mit der Prinzessin Alice von Battenberg statt. Der König von Griechenland und der Vater der Braut waren Trauzeugen.
— Wie der „Hann. Anz." meldet, sind Präsident von Hannover Dr. Wenzel, sowie direktor Tramm nach Berlin gereist, um in
der Ober- der Stadt- Angelegen- Stellen zu
werde
heilen der Kanalvorlage mit den teilenden verhandeln. Die Mittellandkanalvorlage bedingt dem Landtage zugehen.
— Der Deutsche Philologentag mit fast 1000
suchern ist in Halle eröffnet worden. Im Namen Kultusministers und des Oberpräsidenten wurden
un-
Be- des die
Versammelten von dem Geh. Provinzialschulrat Trosien begrüßt. Der Kaiser stiftete einen namhaften Betrag, Weidmanns Buchhandlung in Berlirr 1000 Mark für ein wissenschaftliches Werk.
— Wie die „Schles. Ztg." hört, hat im Landwirt- schastsministerium unter dem Vorsitz des Landwirt- schastsministers von Podbielski und in Gegenwart des Finanzministers Freiherrn von Rheinbaben und des Ministers der öffentlichen Arbeiten Budde eine Ministerialkonferenz stattgefunden, an der auch Oberpräsident Graf Zedlitz-Trützschler mit dem Oberpräsidialrate Dr. Michaelis, dem Oderstrombaudireklor Oberbaurate Hamel und dem Regierungs- und Baurate Fischer teilnahm. Es soll sich, nach dem genannten Blatte, in der Konferenz um eine Vereinbarung darüber gehandelt haben, welche Maßnahmen zum Zwecke der Vorbeugung von Hochwasserschäden zu ergreifen sind, insbesondere aber um ein Regulierungsprogramm für den Oderstrom. Der Direktor im Landwirtschafts- minifteiiuni Wirklicher Geheimer Ober-Regierungsrat Dr. Hermes, Geh. Ober-Baurat von Münstermann und Geh. Regierungsrat Dr. Schilling (diese ebenfalls aus dem Landwirtschaftsministerium), sowie aus dem Ministerium der öffentlichen Arbeiten der Geheime Baurat Röder sind in diesen Tagen in Schlesien zum Zwecke einer technischen Revision der auf Grund des Hochwafferschutzgesetzes in der Ausführung begriffenen Baumbeitem
Ausland.
— Für den Vogelschutz in der Schweiz geschieht
9a$ Geheimnis des Schleiers.
Roman von H. v. Benitzki, aus dem Ungarischen von C. Langsch. Nachdruck verboten.
„Auf den ersten Blick," entgegnete dieser mit bedeutungsvollem Lächeln.
was er
Sie trennten sich. Bertalon wußte nicht, beginnen sollte. Jeder Tag konnte ihm neue Ueber- raschungen bringen. Dabei lauteten die Nachrichten über Theodor immer trauriger. Nach dem Ausspruch der Aerzte befand er sich im letzten Stadium der Schwindsucht und war rettungslos verloren.
Unter anderen Verhältnissen wäre er sogleich an das Sterbelager des Bruders geeilt, doch Theodors unaufrichtiges Benehmen und sein Leichtsinn, der das alte solide Haus dem Ruin entgegenzufuhren drohte, hatte seine Liebe und seinen Schmerz um ihn bedeutend abgekühlt. Täglich gingen neue Forderungen ein, täglich fürchtete er den Sturz, und so erwartete er düstern Geinüts die Trauerbotschaft, die auch bald an einem trüben Wintertage eintraf.
, Theodor war todt! Nun bereute Bertalon feine Härte, bereute, nicht zu ihm geeilt zu sein und be- tukinte ihn mit heißen Tränen. Klara teilte seinen Schmerz. Theodor war so sanft, so gut, hatte nur aus Schwäche gefehlt, — kurz, die Liebe fand tausend Entschuldigungen für die Fehler des Verblichenen.
jetzt erfreulicherweise mehr als früher. Die Tessiner Grenzwächter haben in diesem Jahre 5 348 Fällen, 8 939 Bogen und ähnliche Vorrichtungen, und 4 228 Roß- haarschlingen weggenommen.
— Die Skupschtina in Belgrad ist mit einer Thronrede eröffnet worden. In derselben werden merkwürdigerweise die blutigen Ereignisse, die zur Thronbesteigung Peter Karageorgitschs führten, mit keinem Wort berührt, dafür fehlt es aber nicht an Versprechungen betreffs der inneren Politik und tönenden Worten nach außen. Jedenfalls möchten wir den Satz: „Die Beziehungen Serbiens zu den Mächten seien normal" als nicht den Tatsachen entsprechend bezeichnen. . Was die Balkanpolitik betrifft, so hofft Serbien, die Pforte werde Reformen einführen. — Wie dem „Berl. Lvt.-Anz." aus Belgrad telegraphiert wird, macht die Verlesung der Thronrede in der Skupschtina durch den König den vorzüglichsten Eindruck und erregte lebhaften Enthusiasmus. Maßgebende Kreise in Belgrad sprechen der Thronrede große Bedeutung zu.
— Wie die „Agence Havas" meldet, wird auf eine von Italien an die Mächte gerichteten Einladung in Paris eine internationale Konferenz zusammentreten, um die Vorschriften zur Verhütung der Ausbreitung der Pest und Cholera in Europa und im Orient zu ergänzen.
— Der bei feinem Eindringen in das Weiße Haus in Washington verhaftete Ellivt ist geborener Schwede und ist Mechaniker in Minneapolis, wo er wegen häufiger Reden über den Sozialismus als überspannt betrachtet wurde. Vor seiner Reise nach Washington besuchte er die als Ausgangspunkt für anarchistische Verschwörungen bekannte Stadt Patterson. Da die Aerzte ihn für geisteskrank erklärt haben, wurde er dem Irrenhause zugeführt. „Daily Telegr." meldet aus Washington, daß seit der Rückkehr des Präsidenten nicht weniger als sechs Geistesgestörte im weißen Hause verhaftet worden seien. Es seien die größten Vorsichtsmaßregeln zum Schutze Roosevelts getroffen worden.
— Von Raslog (Türkei) sind bereits 3000 Leute über die Grenze geflüchtet, da ihre Existenz dort unmöglich ist. Die türkischen Truppen werfen sich statt auf die Freischaren vorwiegend auf friedliche Dörfer. Die Auswanderung von Nichtkombattanten erleichtert auch die Verproviantierung der Freis charen. — Ueber ihre weitere Taktik befragt, falls in Mazedonien nicht Ordnung geniacht wird, erklären die maßgebenden mazedonischen Kreise, den ganzen Winter durch den Kampfe fortsetzen zu wollen, wobei die bisherige humane Kampfesweise durch eine rücksichtslosere ersetzt werden soll. — In Berane im Sandschak Nowibazar, kam es zwischen Steuer eintreibenden Türken und der serbischen Bevölkerung zu einem blutigen Zusammenstöße. Auf
Eines Vormittags saß Bertalon in seinem im ersten Stockwerk gelegenen Komptoir am Schreibpult, als der Diener eine Dame meldete, welche ihn unter vier Augen und unverzüglich sprechen wollte. Die Dame war tief verschleiert, und der lange faltenreiche Mantel ließ nur wenig von der hohen schlanken Gestalt er- kennen. Einige Augenblicke schien sie mit sich zu tämpfen, und leises Zittern durchlief die feinen Glieder
„Womit kann ich dienen?" sagte endlich Bertalon, durch das eigentümliche Betragen befremdet.
„Ich komme in Geschäften," sprach mit vibrierender Stimme die Dame.
Er nötigte sie, Platz zu nehmen, jedoch leistete sie dieser Aufforderung keine Folge.
„Ihr Bruder starb!" fuhr sie fort.
„Der Kaufmann sah gespannt auf den undurchdringlichen Schleier und zögerte mit der Antwort. „Er hat ausgerungen, zu unserm Schmerz" Heut oder morgen erwarte ich meinen Bruder Sigmund, welcher die letzten Stunden bei ihm war und mir die traurigen Details seines Todes und Begräbnisses, bei welchem ich leider nicht sein konnte, mitteilen wird."
Die Dame sank auf den eben noch verschmähten Stuhl und blickte stumm vor sich hin. Sein Kaufmann wurde plötzlich klar, bei wem mann die Summen, welche ihm soviel Kopfzerbrechen verursachten, zu suchen hatte
Leitete der Verstorbene Ihre Geschäfte und Pro- zesfe?" fragte er. „Bitte, nennen Sie mir die Sachen.
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beiden Seiten gab es mehrere Tote und Verwundete. Diese Nachricht rief dort große Beunruhigung hervor.
Zur Landtagswahl.
Ani 6. d. M. fand in Wächtersbach eine größere Versammlung von Vertrauensmännern statt, in der Herr Bürgermeister B e r t a - Soden als Wahlkandidat einen Vortrag hielt. Die Versammlung beschloß, für seine Kandidatur einzutreten und sie nach Kräften zu fördern._________________________________________________
Males und Provinzielles.
Schlüchtern, 9. Oktober 1903.
—* Versetzt sind: Der Postassistent Eberhardt von hier nach Hanau; die Lehrer Schmidt zu Marjoß an die ev. Schule zu Neuenschmidten, Kr. Gelnhausen; Elm zu Sterbfritz an die ev. Schule zu Bruchköbel, Landkreis Hanau; Frischkorn zu Seidenroth an die ev. Schule zu Salmünster; Kircher zu Ahlersbach an die ev. Schule zu Langenselbold, Kr. Hanau.
Einstweilig angestellt: Die Schulamtsbewerber Döring zu Altengronau an der ev. Schule daselbst; Schreiber zu Elm an der ev. Schule daselbst; Kolmer aus Sterbfritz an der ev. Schule zu Kilianstädten, Kr. Haunau; die Schulamtsbewerberin Huck aus Wächtersbach an der Stadtschule zu Steinau.
In den Ruhestand versetzt: Der Lehrer Linker zu Salmünster.
—* Die anhaltenden Regengüsse der letzten Tage haben ein gewaltiges Wachsen des Flußbettes der Kinzig veranlaßt. Dieselbe ist inGelnhausen stark über die Ufer getreten und hat die an sie grenzenden Gärten und tiefer gelegenen Wohnungen unter Wasfer gesetzt. Von der Brücke in Gelnhausen aus betrachtet, nahm sich die Kinzig auS wie ein stattlicher See. Das eingetretene trockene Wetter dürfte ein baldiges Zurück- gehen des Wassers veranlassen. Auch hier soll die Kinzig stark aus den Ufern getreten sein. In der Nähe der Stadthalle soll sämtliche des nachts über auf der Bleiche liegende Wäsche mit fortgeschwemmt sein.
—* Wie wir in Erfahrung brachten, steht allen denjenigen, welche noch Holzkaufgeld zur hiesigen Stadtkasfe schulden und keine Zahlungsfrist erhalten haben, in aller Kürze zwangsweise Beitreibung bevor.
—* In allen Teilen unseres Vaterlandes rüsten sich die zum Militär ausgehobenen jungen Leute zum Abschied. Nur noch wenige Tage, dann beginnt ein anderer bedeutsamer Lebensabschnitt, eine Zeit, die von den jungen Leuten recht verschiedenartig beurteilt und erwartet wird. Während ein Teil der Rekruten mit bangem Herzen den kommenden Ereignissen entgegen- sieht und nur zögernd und zagend den Zivil-Anzug mit des Königs-Rock vertauscht, freut sich der andere Teil unbändig auf die Soldatenzeit und geht mit Lust und Liebe dem neuen Lebensabschnitt entgegen. Die Aengstlichen und Zaghaften bangen sich unnötig. Wohl In 24 Stunden werde ich Ihnen die Papiere zustellen.
Die Dame sprang empor. Fieberschauer glitt über ihren Körper und unwillkürlich faltete sie die Hände. „Wäre es mir erlaubt, des Verstorbenen Zimmer zu sehen 2" fragte sie schwer atmend.
Peinlich berührt willfahrte Bertalon ihrer Bitte und näherte sich der Tür. Die geheimnisvolle Fremde folgte ihm schwankend. Sie stiegen die Wendeltreppe, welche in das obere Stockwerk führte, hinauf und betraten einen mit dicken Teppichen belegten Korridor. Hohe Topfgewächse standen in den Ecken; eine angenehm warme, dusterfüllte Atmosphäre umgab sie. — Das erste Stockwerk zeigte die trockne Physiognomie der Bureaus, das zweite das Heim der Familie Perzay.
Stürmisch klopfte das Herz der Verschleierten. Nachdem sie an mehreren Eingängen vorbeigeschritten waren, blieb Bertalon am Ende des Ganges vor einer Flügeltür stehen und öffnete dieselbe mit einem bereit gehaltenen Schlüssel. Finsternis und kalte un= wöhnliche Luft empfing die Eintretenden. Die Danie fuhr unwillkürlich an den Schleier, dessen dichtes Gewebe die Dunkelheit noch erhöhte. Da schlug der Kaufmann die Fensterläden zurück, und Helles Tageslicht strömte herein.
Sie befanden sich in Theodors Empfangssalon.
In der Mitte desselben stand ein mit türkischem Teppich bedeckter Tisch, den hohe steife Sessel in Leder gepreßt, umgaben, darüber hing ein elegante Lampe. An den Wänden luden Ottomanen zur Nuhe. Ge-