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HE 74 Mittwoch, den 16. September 1903. 54. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Am 11. September begab sich der Kaiser früh ö3/., Uhr ins Manövergelände. Dem Manöver wohnten der König von Sachsen und die übrigen Fürstlichkeiten bei. Der Kaiser führte die blaue Armee, bestehend aus dem 4., 11. und 12. Korps, und das Kavalleriekorps gegen das rote 19. Armeekorps unter General v. Treitschke. Letzterer hatte bei Gröbitz und Stößen eine Verteidigungsstellung eingenommen. Die blaue Partei führte die vollständige Umzingelung durch und schloß mit einer Kavallerierattacke.
Nach Beendigung der Kaisermanöver am 11. Sept. sandte Se. Majestät der Kaiser folgendes Schreiben an Se. Majestät den König von Sachsen:
Durch:auchtigster Großmächtigster Fürst! Freundlichst lieber Vetter und Bruder! Es gereicht Mir zur aufrichtigsten Freude, Euer Majestät nach Beendigung der vor Mir abgehaltenen Manöver Meine vollste Anerkennung über den vortrefflichen Zustand der beiden Königlich Sächsischen Armeekorps erneut zum Aus- lruck zu bringen. Die hervorragenden Leistungen der Truppen ließen bei allen Gelegenheiten erkennen, daß das Auge ihres Königs, des in Krieg nud Frieden rühmlichst bewährten Führers, ihre Ausbildung sorgfältigst überwacht. Mich aber erfüllt es stets mit hoher Genugtuung, daß Ich Mich mit Eurer Majestät in vollkommener Uebereinstimmung weiß über die Ziele, die zur Erhaltung und Förderung der Schlagfertigkeit des Heeres anzustreben sind. Eure Majestät bitte Ich, Ihren Truppen und deren Führern von Meiner lebhaften Anerkennung Kenntnis geben zu wollen. Zugleich ist es Mir Bedürfnis, Eurer Majestät auch &i dieser Gelegenheki ' Meinen wärmsten Dank für die herzliche Aufnahme zu wiederholen, die Mir in Eurer Majestät Haus und Ihrem Lande in so wohltuender Weise bereitet worden ist Mit der Versicherung der vollkommensten Hochachtung und wahren Freundschaft verbleibe Ich Euer Majestät freundwilliger Vetter und Bruder Wilhelm II. R. Merseburg, den 11. September 1903. An des Königs von Sachsen Majestät.
— Seine Majestät der Kaiser ist am 12. September vormittags ll3/4 Uhr von Merseburg nach Ungarn abgereist. Die Kaiserin begleitete ihn zum Bahnhof, wo sich die Spitzen der Behörden eingefunden hatten. Auf dem Wege hatten Krieger- und andere Vereine, sowie Schulen Spalier gebildet, die mit dem Publikum dem Kaiserpaar herzliche andauernde Kundgebungen darbrachten. Prinz Eitel Friedrich, der kurz vorher abreiste, wurde ü lebhaft begrüßt. Die Kaiserin ist 1 Uhr 15 Mu nach Wildpark zurückgekehrt und traf nachmittags 5 Uhr 35 Min. dort ein.
— Wie dem „Berliner Tageblatt" aus Wien gemeldet wird, ist der Hofzug des Kaisers am Sonntag Morgen in Wien angekommen, von wo er nach einem
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Roman von O. König Liebthal.
(Fortsetzung.)
Dieser fuhr von seinem Sitze auf; in stürmischer Ueberraschung hat er zu Kurt heran, faßte seine Hand und mit glückstrahlenden Augen rief er aus: „Kurt, ich danke Ihnen, ich nehme Waldenburg zurück aus Ihren — nein, aus Deinen Händen, Du giebst mir mein Leben wieder, ewig werde ich Dein Schuldner bleiben, aber auch Dein Freund und Bruder."
„Du hast mir nicht zu danken, Paul; ich habe nur getan, was mir die Stimme meines Herzens gebot. — Und nun komm, wir werden im Park erwartet.
VIII.
Tante Ottilie war trotz ihrer vierundvierzig Jahre eine stattliche Erscheinung. Ihr tiefschwarzes, gekräuseltes Haar gab ihr ein jugendliches Aussehen, und und wenn Lucie zu ihr besonders zärtlich sein wollte, nannte sie sie stets „Krauskopf". Wenn auch eine schwere Last als Hausdame ihres Schwagers auf ihren Schultern ruhte, so war sie doch immer vergnügt und heiter und hatte es gern, wenn ihre Nichte mit ihr scherzte und plauderte.
. Schon seit fast zwei Stunden saß sie am Fenster «hres Zimmers, das nach dem Park hinaus lag. Da sie von hier aus das Kommen des Herrn von Losch- ^vitz nicht bemerken konnte, auch Raven und Kurt ihr
Lokomotivenwechsel ohne Aufenthalt die Fahrt nach Mohaes fortsetzte. In Mohaes angelangt, stattete der Kaiser dem Erzherzog Friedrich und seiner Gemahlin einen halbstündigen Besuch ab. Später fand die erste Jagd statt. Der Kaiser erlegte einen prachtvollen Vierzehnender und einen Sechzehnender, wovon die Kaiserin in einem Telegramm benachrichtigt wurde.
— Prinz Adalbert von Preußen wird in der zweiten Hälfte dieses Monats die Ergänzungsprüfung in der Artillerie ablegen. Die Prüfung bildet gleichzeitig die Beendigung seines theoretischen Ausbildungs- ganges in der Seeoffizier-Laufbahn. Am 18. April 1901 an Bord des Schulschiffes „Charlotte" unter dem Kommando des Kapitäns zur See Müller eingeschifft. machte Prinz Adalbert aus diesem Schiffe die Ausbildungszeit als Seekadett durch. Nach Beendigung der Auslandsreise legte er im März 1902 die Prüfung zum Fähnrich zur See ab, nach deren Beendigung er ein Jahr lang als Offiziersschüler die unter der Direktion des Kapitäns zur See Ehrlich stehende Marineschule besuchte. Im März d. I bestand der Prinz die Seeoffiziers-Hauptprüfung, kam darauf zwei Monate zum Torpedokursus an Bord „Blücher", im Juni zum Jnfanteriekulsus beim 1. Seebataillon und daraus an Bord des Artillerieschulschiffes „Mars". Dieser theoretischen Ausbildung folgt jetzt der praktische Dienst, zu dessen Erlernung Prinz Adalbert an Bord der „Hertha" kommandiert ist. Die Ausreise nach Ostasien wird er mit dem Fähnrichstransport des Kreuzergeschwaders an Bord des fahrplanmäßigen Reichspostdampfers gegen Ende Oktober von Genua oder Neapel aus antreten.
— Nach dem Königlich preußischen Statistischen Bureau gab es am Schlüsse des Betriebsjahres 1901 im preußischen Staate insgesamt 1508. Sparkassen gegen 1490 im Jahre 1900. In diesen Kassen betrugen die Gesamteinlagen
beim Beginn des Jahres 5 746 924 642,63 Mk. am Schlüsse des Jahres 6236458932,18 „ mithin Zugang 489 524289,45 „
Dieser Zugang für 1901 ergiebt sich aus den gutgeschriebenen Zinsen mit 175 863 722,07 „
neue Einlagen mit 1 651218974,13 „
zusammen 1 »27 082 696,20 Mk. Davon ab Rückzahlungen mit 1337 548 406,75 „ verbleiben wie oben 480 534 289,45 Mk.
Dieses Ergebnis stellt sich als ein außerordentlich günstiges dar. Auf jeden Kopf der vorgeschriebenen Bevölkerung Preußens von 35,082,875 Ortsanwesen- ben entfielen an Spareinlagen 177,76 Mk. gegen 166,46 Mk. im Vorjahre. Es stellte sich der Anteil an je 100 Mk. Einlage in den Provinzen Hohenzollern auf 0,26, Ostpreußen 1,81, Posen 1,83, Westpreußen 1,91, Stadtkreis Berlin 4,49, Pommern 4,79, Hessen
nichts gesagt hatten. So wußte sie noch nicht, daß Herr von Loschwitz, den sie schon einmal gesehen hatte, als dieser mit ihrem Schwager verhandelt hatte, anwesend war.
Müßig lagen ihre Hände jetzt im Schoß und gedankenvoll blickte sie in den Park hinaus, wo sie eben Raven und Lucie bemerkte.
„Wo habt ihr denn Kurt gelassen?' rief sie, als sie das Fenster geöffnet hatte.
„Komm schnell herunter, Tantchen, es ist Besuch da!" antwortete Lucie lachend.
„Wer denn?"
„Dein zukünftiger Gatte!" rief Lucie hinauf, so laut sie konnte.
„Aber Kind, wenn Herr von Loschwitz das hört!" tadelte Raven sein übermütiges Töchterchen und versetzte ihr einen leichten Schlag auf die Schulter.
Schnell hatte Taute das Fenster geschloffen und eilte nun in den Park, um ihrer Nichte die wohlverdiente Strafpredigt zu halten. Doch ehe sie diese beginnen konnte, sagte Lucie mit kläglicher Stimme: „Laß gut sein,Tantchen, ich wills nicht wieder sagen."
Plaudernd wandelten sie durch den Park und ließen sich bald in einer Laube nieder.
„Ich habe Euch noch gar nicht mitgeteilt," begann Herr Raven die Unterhaltung, „daß ich Waldenburg Kurt geschenkt habe. Ihr wißt ja, daß wir hier nicht bleiben können, sondern wieder nach Ravenstein zurück müssen. Doch wird Kurt Waldenburg wieder
Nassau 4,85, Schleswig-Holstein 7,73, Brandenburg 8,iö, Schlesien 8,72, Sachsen 10,39, Hannover 12,25, Westfalen 16,04, Rheinland 16,78.
- Der Zusammentritt des Reichstages wird vermutlich nicht vor Ende November erfolgen. Eine frühere Einberufung erscheint schon deswegen untunlich, weil die preußischen Lanötagswablen nicht vor der zweiten Novemberwoche stattsinden werden. Es liegt aber auf der Hand, daß man den Reichstag nicht eher zusammentreten lassen wird, ehe die Wahlen zum Abgeordnetenhause vollständig abgeschlossen sind. Etat und Militärvorlage werden den Hauptberatungsstoff liefern.
— Der vor zwei Jahren erfolgten Eröffnung der Deutschen Heilstätten für minderbemittelte Lungenkranke in Davos schließt sich am 1. November dieses Jahres diejenigen des Sanatoriums Schweizerhof in Davos-Platz an. Das Sanatorium Schweizerhof, dem die Gründer der Davoser Deutschen Heilstätte nahestehen, erbietet sich in erster Linie der deutschen bürgerlichen Gesellschaft, für welche an den Davoser Kurorten eine ärztlich geleitete nicht kostspielige Heilstätte bisher fehlte. Das Sanatorium Schweizerhof enthält 120 Patientenbetten. Für die ärztliche Leitung des Sanatoriums Schweizerhof ist der seit 1880 in Davos ansässige preußische Sanitätsrat Dr. Peters gewonnen. Die Krankenpflege wird von den im Sanatorium stationierten Schwestern der Diakonissen- anstalt in Schw.-Hall ausgeübt werden.
— Ein bedeutungsvolles Erkenntnis fällte das Landgericht in Hagen, indem es einen Maurermeister verurteilte, einem bei ihm beschäftigt gewesenen Lehrling eine jährliche Rente von 125 Mk. zu zahlen, weil er für die Beschäftigungszeit 58 Beitragsmarken zu wenig in die Quittungskarte des Lehrlings eingeklebt hatte. Wegen Verjährung konnten diese Beiträge auch nicht mehr angebracht werden. Ein Rentenan- spruch des Lehrlings gegen die Landesversicherungsanstalt wurde deshalb wegen nicht erfüllter Wartezeit rechtsgültig abgelehnt und der Meister zur Zahlung der Rente erurteilt. Das Landgericht erkannte in dein Verhalten des Meisters ein zivilrechtlich zu vertretendes Verschulden, weshalb er zum Schadenersatz verpflichtet sei.
Allsland.
— Der „Jtalie" zufolge werden der Kaiser und die Kaiserin von Rußland am 24. Oktober in Rom eintreffen und bis zum 27. Oktober dort verweilen.
— Die Internationale Arbeiterschutzkommission in Basel faßte einen Beschluß, wonach das Zentral- bureau und die Landesgruppen energisch darauf hinarbeiten sollen, daß in allen Ländern die Verwendung von Bleiweiß bei öffentlichen und privaten Malerarbeiten verboten wird.
an Herrn von Loschwitz abtreten, deswegen hat ihn nämlich Kurt kommen lassen."
Tante Ottilie ließ vor Ueberraschung beinahe ihren Hut fallen, den sie in ihrer Hand hielt.
„Wir wollen Waldenburg verlassen! — Schcde, es hat nur so gut gefallen. Doch kann ich ja nicht allein hier bleiben; wenn Du gehst, muß ich schon mit."
Raven nickte; es konnte ja nicht anders sein. „Du kannst in Waldenburg bleiben, Tantchen!" neckte Lucie, „Dann hast Du mich wenigstens in der Nähe, wenn ich erst Kurts Frau geworden bin."
„Aber Lucie! — das geht doch unmöglich, wenn Herr von Loschwitz Waldenburg wieder übernimmt," erwiderte Tante Ottilie, fast beleidigt.
„Warum nicht? Du kannst ihm ja die Wirtschaft führen,"
Raven konnte sich das Lachen nicht mehr unterdrücken; er stand aus und sah nach dem Schloß hinüber, um es zu verbergen; dann setzte er sich wieder.
„Du bist heute wieder unausstehlich, Lucie. Wenn Du jetzt nicht vernünftig bist, gehe ich."
In der Tat stand die Tante auf, um sich aber gleich wieder zu setzen, denn Lucie hielt ihre Hand fest und sagte schmollend: „Du kannst heute auch gar keinen Spaß vertragen, Tantchen!"
„Wann werden wir Waldenburg verlassen?" fragte sie, sich an ihren Schwager wendend.