SchlilchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.
J|£ 63» Samstag, den 8. August 1903. 54. Jahrgang.
Fortwährend
werden Bestellungen auf die Schlüchterner Zeitung mit amtl. Kreisblatt von allen Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegen- genommen.
Amtliches.
J.-Nr. 1073. L.-A. Ich sehe mich veranlaßt, wiederholt darauf hinzuweisen, daß nach dem neuen Unfallversicherungsgesetz die landwirtschaftlichen Betriebs- unternehmer oderLeiter verpflichtet sind von jedem Unfall binnen 3 Tagen mittelst des vorgeschriebenen Formulars Anzeige zu machen und zwar einmal bei der Ortspolizeibehörde und gleichzeitig einmal bei dem Kreisausschuß.
Die Nichtbesolgung dieser Vorschrift führt eine Bestrafung der Schuldigen herbei.
Die Herren Bürgermeister werden ersucht, vorstehende Bestimmungen in ortsüblicher Weise bekannt machen zu lassen und dies von Zeit zu Zeit zu wiederholen.
.Schlüchtern, den 31. Juli 1903.
Der Königliche Landrat: Roth.
Deutsches Reich.
— Se. Majestät der Kaiser schenkte der Domkirche zu Drontheim 1000 Kronep, svdaß die Gesamtsumme des kaiserlichen Geschenkes an die Kirche 11000 Kronen beträgt.
— Seine Majestät der Kaiser wird in den Tagen vom 13. bis 14. August von seiner Nordlandreise zurückkehren.
Wie verlautet, wird der Ministerpräsident Graf Bülow unmittelbar nach der Ankunft des Kaisers dem Monarchen in der Hochwasserfrage mündlich Vortrag halten.
— Se. Majestät der Kaiser hat bestimmt, daß der Säbel beim Train in der für die Feldartillerie vorgeschriebenen Weise zu tragen ist. Der Schleppriemen am Säbelkoppel fällt fort.
— Das Zentralkomitee der deutschen Vereine vom Roten Kreuz hat außer den kürzlich nach Brockau bei Breslau gesandten drei Doeckerschen Baracken dem schlesischen Landratsamte Ohlau bezw. der Polizeiverwaltung Kattowitz drei weitere Baracken zur Be- kümpfung der eventuell drohenden Seuchengefahr zur Verfügung gestellt.
— Wie der „Reichsanz." schreibt, wird die Kaiserin Sabinen am 9. d. M. abends verlassen und sich, den eigenen wie den Wünschen des Kaisers entsprechend, zunächst nach Schlesien und Posen begeben, um der durch die Elementarereignisse heimgesuchten Bevölkerung Teilnahme zu beweisen, sowie die Anerkennung für bje ßttföeiWTüTl^^
Roman von O. König Liebthal.
(Fortsetzung.)
Aber ohne große Anstrengung zügelte Herr von Hardenfels das feurige Pferd und im schnellem Galopp gings nach der Brücke. Kaum hatte das Pferd diese jedoch betreten, so gaben die morsäwn Bohlen nach, das Pferd stürzte und in weitem Bogen flog der Reiter in den Graben.
Noch ehe es Herrn von Hardenfels gelungen war, sich von feinem Schreck zu erholen, hielt Herr Raven an der Uiiglücksstelle. Schnell sprang er vom Pferde, um dem Freiherr», den er erkannt hatte, zu helfen. Dieser stand jedoch schon wieder auf den Beinen und schüttelte sich das Wasser aus den nassen Kleidern.
Als er seinen Todfeind neben sich erblickte, zitterte er vor Wut. Er hätte wer weiß was gegeben, wenn es nicht Raven gewesen wäre, der ihn in dieser pein- uchen^Siluation überraschte.
„Ich bedaurr ihr Mißgeschick, mein Herr. Ich baue gewiß die Ehre, meinen Gutsnachbar, Herrn Freiherr von Hardenfels vor mir zu sehen," redete Raven den Freiherr» an und nannte auch seinen Namen. Vorsichtig versuchte er, sich dem Pferde zu nähern, um es aus seiner schrecklichen Lage zu befreien.
„Ich habe nicht um ihre Hilfe gebeten mein Herr," antwortete der Freiherr kalt, ohne ihn anzufehen /Jaßen Sie sich auf Ihrem Ritt nicht stören: ich werde'
in den Tagen der Gefahr geleistete Hilfe kundzugeben. Es ist der ausdrückliche Wunsch der Kaiserin, daß bei diesem Anlaß jeder festliche Empfang unterbleiben soll, auch wird sie es sich versagen, Blumenspenden entgegen« zunehmen. Am 12. d. M. beabsichtigt die Kaiserin zur Rückkehr des Kaisers im Neuen Palais einzutreffen. Später gedenkt das Kaiferpaar in Wilhelmshöhe Aufenthalt zu nehmen.
— Der Bayerische Kriegerbund hat für die geschädigten schlesischen Kameraden 1500 Mk., der Württembergische Kriegerbund 200 Mk. und der Hamburger Kriegerbund 1000 Mk. bewilligt. Ferner hat ein warmer Freund des Kriegervereinswesens dem Vorstände des Preußischen Landeskriegerverbandes 1000 Mk. für die Schlesier gespendet. Im ganzen sind aus Mitteln der Zentralfonds der Kriegerverbände bereits nahe an 14000 Mk. nach Schlesien gesandt worden. Für ihre durch das Hochwasser in den Provinzen Westpreußen, Posen und Brandenburg geschädigten Kameraden werden die Vorstände des Deutschen Kriegerbundes und des Preußischen Landeskriegerverbandes noch in dieser Woche größere Summen abgehen lassen. Hierunter wird sich eine weitere Spende des obenerwähnten Patrioten im Betrage von 2000 Mark befinden.
- — Im diesjährigen Kaisermanöver sollen die Automobile eine ausgedehn.e Verwendung finden. Die Eisenbahnbrigade wird sich mit ihren 22 Selbstfahrern an dem Manöver beteiligen.
— Mehrere Kreissynoden der Provinz Sachsen wollen durch die Generalsynode den Kaiser bitten, die Sitte des Tausens von Schiffen und Forts ab- zuschaffen, da das den Begriff der heiligen Taufe entwerte.________________________________________________-
Ausland.
— Kardinal Sarto, Erzbischof von Venedig, ist am 4. August, wie wir unseren Lesern am gleichen Tage durch Extrablatt mitteilten, zum Papst gewählt und hat den Namen Pius X. angenommen.
In dem gleichen Alter wie sein Vorgänger, als er zum Papst gewählt wurde, nämlich im 68. Lebensjahre stehend, ist auch Pius X. bereits ein Greis, dem nach menschlicher Voraussicht keine sehr lange Regierungszeit beschieden sein wird. Guiseppe Sarto wurde am 2. Juni 1835 in Riese in der Diözese Treviso in Venetien geboren. Er begann seine Studien in der Heimatstadt und besuchte dann das Kolleg zu Castelfranco. Später trat er in das Priesterseminar zu Padua ein, wo er die ersten Weihen empfing. Nachdem er daselbst seine theologischen Studien vollendet hatte, wurde er in der Kathedrale von Castelfranco zum Priester geweiht und erhielt, trotzdem er noch verhältnismäßig jung war, die Gemeinde von Tombolo, von wo er 1867 nach Salzano versetzt wurde. Der Bischof von Treviso erkannte ’n Sarto dessen hervorragende Begabung und allein schon fertig werden Sie tun gut, sich nicht um meine Angelegenheiten zu kümmern."
Verwundert sah Raven auf, er konnte sich das Benehmen des Freiherrn nicht erklären. Er fand das bestätigt, was man ihm von feinem Nachbar schon erzählt hatte. Doch ließ Raven sich nicht abweisen, er hielt es für seine Pflicht, hier zu helfen, obwohl man seine Hilfe nicht begehrte, ja, schroff abwies.
„Sie allein, Herr von Hardenfels," sagte er mit ruhiger Stimme, „werden dasPferd aus seiner schrecklichen Lage nicht befreien können. Warum weisen Sie meine Hülfe ab, die ich Ihnen gern gewähre?" Und ohne erst eine Antwort abzuwarten, versuchte er das Pferd emporzurichten.
„Lassen Sie augenblicklich mein Pferd los!" schrie der Freiherr und hob mit drohender Gebärde die Reitpeitsche in die Höhe. „So mag es krepieren!" brüllte er weiter, und unbarmherzig bieb er auf das arme Tier ein, ohne sich weiter um Herrn Raven zu bekümmern. Bald hielt der Freiherr erschöpft inne. Das Pferd lag da, ohne sich zu rühren; nur hin und wieder gab es einen schmerzlichen Laut von sich, bis es endlich ganz verstummte.
Staunend hatte Raven das Gebahren dieses Mannes mit angesehen. Einen Menschen, der ein Tier so quälen konnte, verachtete er. Dennoch aber sagte er, wenn auch mit verächtlichem Tone: „Ich würde schnell nach Waldenburg zurückreiten und Ihnen meinen Wagen schicken, wenn ich nicht befürchten müßte, wieder
zog ihn an die Kathedrale, zu deren Kanonikus er ihn ernannte. Bald darauf übertrug er ihm den Posten Primicerio im Kapitel und dann stieg Sarto zum bischöflichen Kanzler und schließlich zum Generalvikar auf und erhielt im Jahre 1884 den erledigten Bischofssitz von Mantua. Hier wußte er sich derartig zur Geltung zu bringen, daß im Jahre 1893 als das Patriarchat von Venedig neu zu besetzen war und man sämtliche Bischöfe von Venetien zur engeren Wahl gestellt hatte, die Entscheidung schließlich zu Gunsten Monsignore Sartos ausfiel.
Als Patriarch von Venedig hat Kardinal Sarto ein hervorragendes Verwaltungstalent bewiesen und man erwartet infolgedessen von ihm, daß er als Verwalter der Kirche Großes leisten wird.
Nachdem bei der Wahl im Konklave am 4. August die Prüfung der Stimmzettel ergab, daß Kardinal Sarto gewählt sei, ordnete der Dekan des Heiligen Kollegiums sogleich alle Zeremonien an, um den Papst in seine Würde einzusetzen. Die Häupter der drei Kardinalordnungen traten vor den Sitz des neuen Papstes und der Dekan fragte: Acceptasne electionem in Summiern Pontiftcsm? (Nimmst du die Wahl zum Papst an.) Darauf erwiderte der Neugewählte, daß er so hoher Würde unwert fei; aber, da es Gott gefallen habe, die Stimmen des Heiligen Kollegiums auf ihn zu lenken, beuge er sich seinen Willen, auf seine Hilfe vertrauend. Sodann fragte der Dekan: Quomodo vis vocari? (Wie willst Du Dich nennen.) worauf der Papst antwortete: Pius X. Sodann wurden die Baldachine von den Sitzen der Kardinäle, ausgenommen der des neuen Papstes, entfernt; alle Kardinäle knieten vor dem Papst nieder und er segnete sie zum erstenmale. Ein" apostolischer Protonotar nahm über die Annahme der Wahl eine Urkunde auf. Hierauf vertauschte der Papst in der kleinen Sakristei der Sixtinischen Kapelle das Kardinalskleid mit den päpstlichen Gewändern, ließ sich, nach der Kapelle zurückgekehrt, in der auf der Altarstaffel stehenden Sedia gestatoria nieder und empfing hier die erste Adoration, die erste Huldigung des Heiligen Kollegiums. Jeder Kardinal kniete vor dem Papst nieder, küßte ihm Fuß und Hand, erhob sich dann und küßte ihm beide Wangen, worauf er vom Papste Umarmung und Friedenskuß empfing. Danach ließ der Papst sämtliche Konklavisten zum Fußkuß zu und begab sich darauf auf die innere Loggia der Peterskirche, um das Volk zu segnen.
Die Gestalt des neuen Papstes ist mittelgroß, die Haltung gebeugt, die Züge nicht scharf geschnitten, aber den Charakter von ruhiger Entschlossenheit tragend. Die Gesichtsfarbe ist gesund; die ganze Haltung die eines gesunden Mannes.
Die Krönung des Papstes ist endgiltig auf den 9. d. M. in der Peterskirche festgesetzt. Voraussichtlich abgewiesen zu werden. Leben Sie wohl, -Herr von Hardenfels." —
Leicht lüftete er seinen Hut und ritt davon nach Waldenburg zu; er hatte keine Luft mehr, seinen Spazierritt fortzusetzen. Auch der Freiherr verließ bald darauf den Ort und ging eiligst durch den Wald nach Hardenfels zurück, empört darüber, daß der vom ihm gehaßte Raven Zeuge seines Mißgeschicks gewesen war. Um das Pferd hatte er sich nicht mehr bekümmert, er hatte ja deren mehrere im Stalle stehen. Wie ein Dieb schlich er sich durch den Park und war froh, daß er sein Zimiuer erreichen konnte, ohne gesehen zu werden.
Während dieser Begegnung der beiden Gutsnachbarn wanderten zwei Damen auf schmalem Fußwege von Waldenburg nach der Grenzenwiese zu. Der Tag neigte sich schon zu Ende. Noch einmal brach die Sonne im Sinken durch das die umgebene leichte Gewölk und des Wald und Flur im goldenen Glänze aufglühen, nach einigen Minuten schon war der rote Feuerball am Horizonte verschwunden. Doch herrschte überall noch ein munteres Leben. Hin und wieder huschte ein Häslein über den Weg, oder ein flinkes Reh lief mit gewaltigen Sprüngen dem Wald zu.
Die Danien blieben, unwillkürlich gefesselt von dem zauberhaftem Verschwinden der Sonne.
„Wie herrlich ist dieser Abend," rief Lucie Raven entzückt aus. „Sieh, Tante, dort die niedersinkendE Sonnej (Fortsetzung folgt.)