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Samstag, den 11. Juli 1903
54. Jahrgang.
Deutsches Deich.
— Auf der Nordlandreise begleiten den Kaiser Generaladjutant Graf Kessel, der Chef des Marinekabinetts, Vize-Admiral v. Senden-Bibrau, die General- Adjutanten Generalleutnant v. Scholl und Generalmajor v. Moltke, Oberstleutnant v. Plüskow, Flügeladjutant, Fregattenkapitän Grumme, Generalarzt Leuthold, Hausmarschall Freiherr v. Lyncker, Prinz Albert von Schleswig-Holstein, Prinz Sayn - Wittgenstein, Fürst zu Eulenburg-Hertefeld, Oberbürgermeister Heintze, Gesandter v. Tschirschky und Bögendorff und die Professoren Güßfeld und Saltzmann.
— Der „Berliner Börsenkurier" meldet: Kaiser Wilhelm erhielt die Nachricht von der Erkrankung des Papstes am Sonntag an Bord der Hohenzollern. Bei dem Schiffsgottesdienst sprach der Kaiser ein Gebet für den Papst und sagte: Depeschen aus Rom enthalten schlechte Nachrichten. Der Papst, den ich kenne, liebe und verehre, ist in Gefahr. Beten wir für ihn. Der Kaiser sprach dann ein einfaches, eindrucksvolles Gebet für den Papst. Der Schlußsatz lautete: Die Welt braucht große, gute Männer. Möge der allmächtige Gott dem heiligen Vater noch viele Jahre schenken.
— Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen, Sohn des Prinzregenten von Braunschweig, ist in Chamounix eingetroffen und beabsichtigt bei günstigem Wetter eine Besteigung des Montblanc zu unternehmen.
— Bei Krupp ist ein größerer Posten Feldhaubitzen mit Rohrrücklauf bestellt worden. Anscheinend beabsichtigt man, alle Haubitzenbatterien mit solchen Geschützen auszurüsten. Die Schießversuche ergaben eine bisher unerreichte Feuerwirkung.
— Zum 14. Deutschen Bundesschießen in Hannover, das am 5. Juli mit dem großen Festzug seinen An> fang nahm, waren mehr als 6000 Schützen eingetroffen. Unter ihnen befinden sich zahlreiche Schützen aus Bayern, den verschiedenen österreichischen Kronländern, besonders Tirol, und aus der Schweiz. Es sind außerdem zahlreiche Abordnungen aus dein In- und Auslande sowie aus Amerika eingetroffen. Der deutsche Kaiser und sämtliche deutschen Wmdesfürsten, auch der Kaiser von Oesterreich, haben wertvolle Ehrengaben zuM Schießen gewidmet.
Als Vertreter des Deutschen Kaisers, des Protektors des Bundesschießens, traf am 5. Juli Prinz Friedrich Leopold von Preußen ein. Derselbe begab sich direkt nach der Wohnung des Regierungspräsidenten und nahm dort Vo:x Balkon aus den Vorbeimarsch des Festzuges in Augenschein.
Prinz Friedrich Leopold von Preußen nahm, nachdem er den Festzug in Augenschein genommen, an dem von der Stadt Hannover gegebenen Frühstück teil und brächte hierbei ein Hoch auf den Kaiser aus. Nach der Beendigung des Frübstücks unternahm der Prinz
fiaröenfefs u inatomüurg.
Roman von O. König-Liebthnl.
(Fortsetzung.)
Ein paar Jahre hätte sich Papa noch allein durchhelfen können.---Uebrigens traf ich auch Herrn von Loschwitz in der Stadt und er läßt sich Dir em- psehlen. Er hatte es sehr eilig. Morgen will er zu uns herüberkommen, um mit Papa etwas zu besprechen. Er war lange nicht bei uns."
„Was mag er nur haben?" fragte die Freiin besorgt, „seit vierzehn Tagen war er nicht hier."
„Ich weiß es nicht, Mama. Große Sorgen scheinen ihn zu drücken. Wir sprachen nur wenig Worte zusammen. Er war freundlich und versuchte, heiter zu sein. Aber doch bemerkte ich eine gewisse Unruhe an ihm."
„Hoffentlich ist es nichts von Bedeutung."
Die Freiin stand auf.
„Ich glaube, ich muß eilen, wenn ich noch vor der Dunkelheit von Steffen zurück sein will."
„Wenn es Dir angenehm ist, Mama, so begleite ich Dich zu dem armen Steffen; ich wollte sowieso noch die Abendluft genießen."
Sie gingen durch den Park, der das Schloß von dem Dorfe trennte. Dieses machte einen traurigen Anblick. Zu beiden Seiten der Dorfstraße standen die Häuser, wenn man die elenden Lehmhütten so nennen Nill- Hier hatte der Sturm die eine Hälfte des Daches
eine Rundfahrt über den Festplatz und trat um halb 4 Uhr die Rückreise an.
An dem Bankett in der Festhalle, welches der Vorsitzende des Festausschusses, Senator Fink, mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf den Kaiser eröffnete, nahmen 2500 Personen teil, darunter der Regierungspräsident v. Philipsborn.
Um 5 Uhr begann das Konkurrenzschießen auf 300 Meter in der Schießhalle.
In dem 20 Meter hohen Gabentempel sind die 550 Preise aufgestellt. Prächtig in seinen edlen, einfachen Formen ist der Kaiserpreis, ein urnenartiger Pokal mit Deckel. Der Pokal ist mit reicher Vergoldung versehen, die Henkel tragen als Schmuck Anhänger, deren einer eine Armbrust darstellt, während der zweite die Form eines Jagdordens mit Hirschhaken hat. Der Deckel wird überragt von goldener Kaiserkrone. Der Kronprinzprotektor stiftete einen silbernen Humpen mit W und Krone, der König von Württemberg einen großen silbervergoldeten Pokal, Prinzregent Luüpold von Bayern einen prächtigen Münzenhumpen, Prinz Albrecht von Preußen hat einen ähnlichen Preis gewählt. Der Kaiser von Oesterreich sandte eine Kristalljardiniere nebst zwei Vasen, alles mit reicher Silberauflage, der Herzog von Sachsen-Altenburg wählte eine Uhr in Eichenholzgehäuse mit Wappen, der Herzog von Meiningen einen silbervergoldeten Pokal, der Regent von Lippe sechs silberne Becher. Unübersehbär sind die übrigen von Städten, Korporationen und Privaten gestifteten Preise in Silber, Kristall, Kaiserzinn und Porzellan; wohl das schönste und wertvollste ist aber die von der Stadt Hannover geschenkte silberne Bowle.
— Acht chinesische Offiziere, die in Deutschland rgre militärische Ausbildung erhalten sollen, sind unter Führung des sächsischen Oberleutnants a. D. und Chefinstrukteurs der Kaiserlichen Militärschule in Nanking v. Tettenborn in Berlin eingetroffen. Auf Bitten der chinesischen Regierung gestattete der Kaiser, daß sie auf die Dauer von drei Jahren zu preußischen Truppenteilen kommandiert werden. Und zwar werden vier von ihnen der Infanterie, drei der Artillerie und einer den Pionieren zugeteilt. Es sind sämtlich Söhne von hohen chinesischen Beamten und alle aus der Militärschule zu Nanking hervorgegangen, an der vorgenannter Oberleutnant v. Tettenborn und Graf Praschma als oberste Lehrer walten. Die Kosten der Reise und des Aufenthalts in Deutschland bestreitet die chinesische Regierung. Die chinesischen Offiziere erhielten bereits mehrere Jahre in Nanking deutschen Unterricht. ■, Um sich aber im Gebrauch der fremden Sprache zu vervollkommnen, dürften sie vorerst noch auf einige Monate in einer deutschen Pension, wahrscheinlich in Casfel, untergebracht werden. Ihr Mentor, Herr v. Tettenborn, tat sich während der letzten chinesischen Wirren,
heruntergerissen; dort war der Giebel gestützt, um den Einsturz noch einige Zeit aufzuhalten. In diesen Hütten wohnten die Arbeiter des reichen Freiherrn von Harden- fels. Meldete der Oberinspektor, daß dieses oder jenes Haus ausgebessert werden müßte, so hörte der Freiherr das ruhig mit an und die Sache war damit für ihn erledigt. Auch die Bitten seiner Frau und seines Sohnes, ordentliche Wohnhäuser bauen zu lassen, waren stets umsonst. „Ist noch nicht nötig," war seine Antwort. Wie gern hätte die Freiin hier Wandel geschafft. Aber sie konnte es nicht und durfte es nicht.
Still und in sich gekehrt ging sie an der Seite Kurts die Dorfstraße entlang. Kurt hörte so manchen Seufzer; er wußte wohl, woran seine Mutter, die er über alles liebte, dachte.
„Mama," unterbrach er das Schweigen, „hier muß es anders werden; hier wird es einmal anders werden, wenn ich--
Er beendete den Satz nicht, seine Mutter hatte ihn verstanden.
Von dem Felde kehrten die Arbeiter heim, ehrerbietig machten sie Platz und grüßten ohne Scheu und Furcht. Die Kinder, in die elendesten Lumpen gehülll, kamen herbei und reichten der gnädigen Frau und dem jungen Herrn die kleinen, schmutzigen Hände.
Wieviel Segen konnte der Freiherr hier stiften! Aber der stolze Mann dachte nicht daran. Er wollte mit diesen Leuten nichts zu tun haben.
Die elende Hütte des Steffen war erreicht; die
die er als Dolmetscher bei den deutschen Truppen mit- machte, wiederholt durch große Umsicht und persönliche Tapferkeit hervor und wurde damals vom Kaiser Wilhelm durch die Verleihung eines Ordens ausgezeichnet.
— Dir zu Ehren des von Rom heimkehrenden Kardinal-Erzbischofs veranstalteten zweitägigen Empfangsfestlichkeiten schloffen mit einem imposanten Festakt auf dem Gürzenich ab. Der Abgeordnete Rören begrüßte in einer Ansprache den Kardinal, worauf dieser und unter Hinweis auf die schmerzlichen Nachrichten aus Rom betonte, mit welch' unendlicher Liebe und Verehrung der Papst von Deutschland, speziell aber vom deutschen Kaiser gesprochen. Letzterem habe er bei seinem Besuch in Rom aber auch beteuert, daß die deutschen Katholiken treu zur Kirche, aber auch zu Kaiser und Reich allezeit stehen werden. Der Kardinal ermähnte alle christlichen Gemeinschaften zu treuem Zusammenarbeiten zum Wohle von Kirche und Staat.
Ausland.
— Am 6. Juli ist Präsident Loubet in Begleitung des Ministers Declaffee von Paris nach Boulogne- sur-Meer abgereist und hat von dort die Reise nach England angetreten. Um 117« Uhr fuhr Herr Loubet mit dem Zug nach dem Seebahnhof von Boulogne, wo er sich auf dem Kreuzer „Guichen" nach Dover einschiffte. Auf der Reede von Dover empfing ihn ein englisches Geschwader, bestehend aus einer Kreuzerdivision und einer Torpedobootflotille. Die 17 großen Schiffe bildeten zwei Linien, durch die der Kreuzer „Guichen" hindurchfuhr. Der Präsident stand auf der Kommandobrücke und grüßte die englischen Matrosen, die ihn mit kräftigen! „Hipp, hipp, hurra!" willkommen hießen. Der Kreuzer „Guichen" warf bei heftigem Winde und bedecktem Himmel Anker und feuerte einen Salut von 21 Schüssen, der von der Batterie von Dover Castle erwidert wurde. An Bord des Kreuzers „Guichen" geschah dann die Vorstellung der Admirale, worauf sich der Präsident in einer Pinaffe ans Land begab. Hier war ein Pavillon errichtet worden, worin der Herzog von Connaught im Namen des Königs Herrn Loubet begrüßte. Eine ungeheure Menschenmenge hatte sich an der Landungsstelle eingefunden. Der Bürgermeister von Dover überreichte dem Präsidenten eine in englischer Sprache abgefaßte Huldigung. Herr Loubet dankte dem Bürgermeister und führte aus: „Frankreich und England haben nicht nur gleiche Interessen an gegenseitiger Annäherung und Verständigung, es ist ihnen auch gemeinsam, daß ihre Wohlfahrt auf liberalen Staatseinrichtungen beruht. Weiter haben beide Länder dieselbe Anhänglichkeit an den Gedanken des Weltfriedens. Ihr Einvernehmen dient zugleich den Fortschritten der Zivilisation und dem Wohle der Menschheit. Im königlichen Wagen begab sich dann der Präsident mit seiner Be-
Freiin und Kurt gingen hinein. In einer alten morschen Bettstelle lag der arme Mann, der das Eintreten der beiden nicht bemerkt hatte. Leise trat die gütige Frau an das Lager des Franken und schaute voll Mitleid auf ihn. Steffen wandte sich nun um, und ein Lächeln ging über das bleiche Gesicht, er wollte seine magere Hand der Freiin reichen, aber ermattet fiel fie auf das Bett zurück, als er sich aufrichten wollte, drückte ihn die Freiin sanft nieder.
„Bleiben sie ruhig ligen, lieber Steffen; haben Sie große Schmerzen?"
„Es — geht — heute — besser," sagte er mit matter Stimme, „nur — die Brust---",
Weiter konnte er nicht reden; ein Husten hinderte ihn daran, — Kurt hatte unterdessen ein Glas mit Wein gefüllt, den er mitgebracht hatte, und reichte ihn dem Kranken, der mit dankerfülltem Blick davon trank.
Die Frau des Steffen trat jetzt ins Zimmer.
„Gott lohnt es Ihnen, gnädige Frau," sagte sie bewegt, „es geht ihm heute besser."
„Ich freue mich mit Ihnen, liebe Frau Steffen; verlieren Sie nicht den Mut, Gott wird weiter helfen."
Die Freiin verließ mit Kurt das Haus, nachdem letzterer noch ein Goldstück in die Hand der Frau gedrückt hatte, damit sie ihren Mann pflegen konnte, und heiterer gingen sie nach Hause.
* *
Im scharfen Trabe war der Freiherr nach der > Stadt geritten. (Fortsetzung folgt.)