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Mittwoch, den 8. Juli 1903
Fortwährend
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Deutsches Reich.
— Se. Majestät der Kaiser befindet sich nunmehr auf seiner Nordlandsreise. Je glühender die Julihitze auf dem Kontinent, um so angenehmer ist solche Reise nach dem hohen Norden hinauf. Mehrere Jahre hinter einander war das Wetter im Juli so, daß man statt der Nordlands- eine italienische Reise vorgezogen hätte. In diesem Jahre ist es, wie gesagt, anders. Bis dicht an den 39. Grad ist die Quecksilbersäule des Zelsius-Thermometer vor einigen Tagen an vielen Orten des Reiches — selbstverständlich haben die Messungen im Schatten stattgefunden, hinaufgeklettert, die kleine Abkühlung, die hier und da infolge von Gewittern eiutrat, ist nicht von langer Dauer gewesen
—’ Am 3. Juli nachmittags trafen die ersten Dachten in Travemünde ein, die an der Wettfahrt Kiel-Travemünde teilgenommen haben, darunter „Meteor" mit dem Kaiser an Bord, der kurz vor der „Hamburg" eintraf. 8 Uhr 12 Min. traf die „Hohen- zollern" ein mit der Kaiserin an Bord, worauf der Kaiser sich an Bord der „Hohenzollern" begab. Ferner sind Finanzminister v. Rheinbaben und Geheimer Oberregierungsrat Valentini Vorn Zivilkabinett einge- troffen.
Prinz Heinrich von Preußen hat in Travemünde auf dem „Meteor" Wohnung genommen. Der Kaiser hörte am 4. Juli Vorträge des Finanzministers v. Rheinbaben und des Geh. Oberregierungsrats V. Valentini und unternahm später mit der Kaiserin einen Spaziergang auf dem Priwall. Um 1 Uhr folgten die Majestäten mit Prinz Heinrich einer Einladung znm Frühstück bei Mr. Vanderbilt auf dessen Lustyacht „Northstor".
— Der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin ist am 1. Juli vom Kaiser ä. la suite der Marine-Infanterie gestellt worden.
— Generalfeldmarschall Graf Häseler, der bisherige kommandierende General des 16. Armeekorps, hat Donnerstag Vormittag Metz verlassen und begibl sich zunächst nach dem von ihm ins Leben gerufenen Soldatengenesungsheim Lettenbach, von dort über Straßburg nach Karlsruhe, wo er sich beim Großherzog von Baden, zu dessen Armeeinspektion das 16. Armeekorps gehört, abmelden wird. Auf dem Bahnhöfe waren zur Verabschiedung die Freunde, die Generalität, zahlreiche Offiziere und der Kreisdirektor erschienen. Mehrere Offiziersdamen überreichten Blumensträuße. Als sich der Zug in Bewegung setzte, flÄWs^^
Roman von O. König-Liebthat.
(Fortsetzung.)
Und als der Freiherr später für diese Zwecke nichts mehr gab, wußte sie andere Mittel und Wege, um Wohlzutun und mitzuteilen.
Endlich hörte die Freiin Schritte und bald trat der Freiherr in die Laube.
„Entschuldige Mathilde, daß ich so lange blieb und Dich warten ließ", sprach er in guter Laune, „ich hatte noch einige notwendige Sachen zu erledigen. Lange kann ich mich auch jetzt nicht hier aufhalten, ich muß noch nach der Stadt. — Wie? Kurt ist noch nicht hier? Wo ist er denn?"
„Kurt ist vor zwei Stunden nach der Stadt geritten, um einige Besorgungen zu machen. „Er wollte sich nicht lange aufhalten und muß jeden Augenblick zurückkommen".
Sie reichte dem Freiherrn, der sich inzwischen gesetzt hatte, eine Tasse Kaffee, die er hastig austrank. Flüchtig verabschiedete er sich gleich wieder von der Freiin und ging in sein Arbeitszimmer zurück. Vorsichtig steckte er die Karten und Pläne in seine Rock- Msche und ritt ebenfalls nach der nicht weit entfernten
Kaum war der Freiherr fort, da erschien Kurt von Hardenfels in der Laube. Als die Freiin ihn gewahrte, erhellte sich ihr Gesicht und lächelnd drohte sie ihm ruit dem Finger.
brächte der neue kommandierende General des 16. Armeekorps, Graf der Infanterie Stoetzer, ein dreifaches Hurrah auf den Grafen Häseler aus.
— Das „Marineverordnungsblatt" veröffentlicht eine kaiserliche Ordre betreffend die Bildung der aktiven Schlachtflotte. Danach werden nach der Auflösung der diesjährigen Herbstübungsflotte die Reservedivisionen der Ost- und Nordsee vorübergehend aufgelöst. Aus den Stammschiffen dieser Reservedivisionen wird das zweite aktive Geschwader gebildet. Aus
beiden aktiven Geschwadern und den zugeteilten Aufklärungsschiffen wird die aktive Schlachtflotte gebildet.
Der Chef des der Chef der des zweiten
ersten Geschwaders ist gleichzeitig
aktiven Schlachtflotte. Der Chef Geschwaders erhält zunächst den
Stab eines Geschwaders von Küstenpanzerschiffen. An der Organisation und der Unterstellung der Torpedo- bootsflotille wird nichts geändert.
— Ueber die einheitliche Regelung der Ferien an den Volksschulen finden nach der „Kreuzztg." in Preußen amtliche Verhandlungen statt, und zwar insbesondere im Hinblick auf die Frage, inwieweit in den Städten die Sommerferien der Volksschulen mit denen der höheren Lehranstalten gleichgestellt werden können. Eine Gleichlegung der Ferien für die ganze Monarchie, die gewichtige Bedenken habe, sei nicht beabsichtigt.
— Die Frage der Unterbringung geisteskranker Verbrecher wächst sich immer mehr zu einer allgemeinen Kalamität aus. Da die Justizbehörde nach Aufhebung des Strafvollzugs nichts mehr mit ihnen zu tun hat, fallen sie der Armenpflege, in Preußen den Provinzen, und somit den öffentlichen Irrenanstalten zur Last. Sie sind für die Entwickelung der Anstalten geradezu ein Hemmschuh. In Württemberg wird beabsichtigt im Anschluß an eine Strafanstalt einen Pavillon für geisteskranke Verbrecher zu errichten. Die Psychiatrisch- neurologische Wochenschrift sieht das als den besten Ausweg an und wünscht, daß sich auch in Preußen die dem entgegenstehenden Schwierigkeiten beseitigen ließen. Man müsse bedenken, wie sehr die andern Kranken durch die Gegenwart dieser gefährlichen Elemente geschädigt werden, und ferner, daß im allgemeinen Interesse eine größere Sicherheit der Jnter- nierung und Unschädlichmachung bei geisteskranken Verbrechern gefordert werden müsse, als die moderne Irrenanstalt bieten kann.
— Vom 6. bis 10. August d. Js. wird in Wernigerode a. H. die 13. Allgemeine deutsche Christliche Studentenkonferenz stattfinden. Ihr Zweck ist, in den Kreisen der Studenten, der künftigen Führer unseres Volkes, lebendiges Christentum zu wecken und zu pflegen, indem sie den Einzelnen auf den Weg zu weisen sucht, auf dem Klarheit und Gewißheit in den Herz und Verstand des Menschen gerade jetzt so sehr bewegenden Fragen erlangt werden kann.
„Wie kannst Du nur so lange bleiben, lieber Kurt? — Komm setze Dich zu mir. Oder, willst Du mich auch allein lassen?" erwiderte die Freiin mit sanfter Slimme.
„Ich bleibe bei Dir, Mama," antwortete Kurt und drückte einen Kuß auf die weiße Stirn seiner Mutter. Dann schlürfte er mit Behagen seine Tasse Kaffee.
„Nun, was sagte der Doktor, Kurt?" — Wird der arme Steffen wieder aufkommen?"
„Aengstige Dich nicht weiter um Steffen, Mama: der Doktor "wird ihn wieder gesund machen. Er war heute bei dem Kranken und ist mit dem Befinden desselben zufrieden. Er freut sich, Dir dies durch mich sagen lassen zu können. Wenn er mehr Zeit gehabt hätte, würde er nicht verfehlt haben, hier vorzusprechen."
Kurt nahm einen Schluck und setzte mit einem leisen Seufzer die Tasse auf den Tisch.
„Ich begreife Papa nicht! Warum verkauft er nicht das Pferd, das schon so viel Unheil angerichtet hat! - Freilich, ihm ist es gleichgültig; er fragt nicht nach dem Leben seiner Arbeiter. Als Steffen von dem Hufe des Pferdes getroffen wie tot da lag, ritt Papa ruhig davon, als ob nichts geschehen sei. Und doch hat der alte Steffen sein ganzes Leben lang treu und redlich für ihn gearbeitet! Müssen die Leute nicht verbittert werden, wenn man sie so behandelt! Ich mag an all das Unglück, was Papa schon heraufbe- schworen hat, gar nicht recht denken!" —--
Auch die Freiin seufzte.
„Ich werde noch heute zu dem armen Steffen
— Die Kriegervereine von Beteln, Wieterheim und Annighausen im Kreise Minden sind, wie die „D. Ztg." meldet, durch den Amtmann Lahde aufgelöst, weil in den betreffenden Ortschaften eine große Anzahl sozialistischer Stimmen abgegeben wurden. Wie die „Rh.-Westf. Ztg." vernimmt, steht die Auflösung der Kriegervereine in 7 und mehr anderen Ortschaften bevor. Auch im Landkreise Bielefeld sind Erhebungen im Gange, wie sich in den Ortschaften mit Kriegervereinen das fozialdemokratische Stimmenverhältnis stellt.
— Die Wanderausstellung der Deutschen Land- Wirtschafts-Gesellschaft zu Hannover hat ihre sechzehn Vorgängerinnen in jeder Beziehung übertroffen! Und das will schon etwas heißen, all die Ausstellungen in Breslau, Magdeburg, Straßburg, München, Berlin, Köln, Hamburg, Dresden tc. zu übertreffen! Mögen auch äußere Umstände, wie die Gunst des Wetters und die vorteilhafte Lage Hannovers an den beiden Hauptverkehrslinien, zu diesem ungewöhnlichen Erfolge beigetragen haben, so ist derselbe doch vor allem den inneren Gründen zuzuschreiben, die im Lande und seiner Bevölkerung vorliegen. Der hochentwickelte Ackerbau und der erwerbslüchtige Mittelstand, der in Niedersachsen die kräftigsten Wurzeln geschlagen hat, sind die Träger des überraschenden Erfolges der Ausstellung. Ebenso haben die Aussteller zum Teil erhebliche Kaufabschlüsse gemacht und neue Kundschaft gewonnen. Seinen Ausdruck findet der Erfolg der Ausstellung in der Besuchsziffer und in dem erzielten Ueberschuß. Hamburg wies 1897 mit 168510 Besuchern bisher die höchste Besuchsziffer auf. Hannover lief der alten Hansastadt mit 227192 den Raug ab. Ein Ueberschuß ist bisher bei der Frankfurter Ausstellung im Jahre 1887, bei der Magdeburger und bei der Hamburger erzielt. Hannover steht aber auch hierin an erster Stelle. Sonst rechnet, auf die einzelnen Ausstellungen verteilt, die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft mit einem Durchschnittsfehlbetrage von 50000 Mk. Allerdings ist die Gesellschaft in der Lage, Zuschüsse in dieser Höhe zu leisten. Nach dem
vom 1. Januar 1899 besaß sie ein 1182050 Mk. Freilich dürfen die Fehlbeträge nicht mit jeder Ausstellung zunehmen. Sie zu decken, würde dann über ihre Kräfte gehen.
Höher noch als der materielle Erfolg ist der geistige Gewinn anzuschlagen, welchen die Ausstellung der Landwirtschaft eingetragen hat. Und das ist schließlich der Zweck der ganzen Veranstaltung. Zwar läßt sich dieser ideelle Erlöß nicht in Geldwert umsetzen, aber er bedeutet ein geistiges Pfund, welches gar mancher Besucher von der Ausstellung mit hinwegnahm, um damit zu wirtschaften. Die Vorführungen hervorragender Tierzüchtungen zeigte ihm, wie gefügig das Tiermaterial in der Hand des einsichtigen Züchters
Jahresabschlüsse
Vermögen von
gehen und sehen, ob er alles Nötige zu seiner Pflege hat. Papa ist nach der Stadt geritten und wird spät nach Hause kommen. Er darf es nicht erfahren, daß ich zu Steffen gehe, erst gestern sagte er mir, daß es sich nicht für eine Freifrau von Hardenfels schicke, die schmutzigen Wohnungen der Arbeiter zm betreten." —
„Ja, die schmutzigen Wohnungen dieser Armen kennt Papa nicht, er hat sie nie betreten; darum weiß er nichts von der Not dieser Menschen und will nichts davon wissen. Die Leute hassen ihn, Mama, und das Schlimmste ist, Papa ist feilst schuld daran."
Ernst hatte Kurt diese Worte gesprochen; seine Hand zitierte und unruhig blickte sein Auge zu der Freiin hinüber.
„Laß gut sein, Kurt, vielleicht erkennt Papa noch einmal sein Unrecht," besänftigte die Freiin ihren Sohn.
„Niemals, Mama!" —
Das Gespräch stockte. Endlich sagte Kurt: „Rittmeister Thiegen und der kleine Baron Hohenstein lassen grüßen, Mama."
„Danke, danke. — Wo hast Du die Herren denn getroffen?"
„Im Kasino. Sie waren sehr erfreut, mich zu sehen und bedauern noch immer, daß ich nicht mehr beim Regimente bin- Ja, ein schönes Leben war das! Papa machte natürlich mit seinem Machtwort dem ein Ende und ich mußte meinen Abschied nehmen.
(Fortsetzung folgt.)