Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 23. Mai 1903.
54. Jahrgang.
Bestellunqen SUf «
1 «' fortwährend von allen Postanstalten und LandVriefträgern, sowie von der Expedition entgegengenommen.
Amtliches.
Die Einsendung der Stammrollen der Jahrgänge 1879 und 1880 — betr. Kreisblatts-Bekanntmachung vom 8. d. Alts. — wird denjenigen Herren Bürgermeistern, welche hiermit noch im Rückstände sind, in Erinnerung gebracht und umgehend bei 3 Mark Strafe erwartet.
Schlächtern, den 22. Mai 1903.
Der Zivil-Vorsitzende der Ersatz-Kommission: J. V.: Berta.
Die große Zahl von Beweisen herzlicher Teilnahme, welche ich am 18.
d. Mts. gelegentlich meines 70jährigen
Geburtstages aus allen Teilen des Kreistages erhalten habe gestattet mir leider nicht allen freundlichen Schreibern sofort persönlich dem Wunsche meines Herzens entsprechend zu danken. Ich bitte deshalb zu erlauben, Allen die mir ihre Teilnahme bezeugt haben heute auf diesem Wege durch die Presse vorläufig zu danken und später im Einzelnen dies noch persönlich nachzu». holen.
Ahlersbach, 20. Mai 1903.
Roth, Geheimer Reg.-Rat.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser und die Kaiserin sind am 19. Mai abends gegen 8 Uhr mit Gefolge von Kürzel abgereist. Auf dem Bahnhof waren zur Verabschiebung anwesend: der Bezirkspräsident von Lothringen, Graf Zeppelin, der Kreisdirektor von Metz, General v Stötzer, der Bürgermeister von Kürzel, sowie Kriegervereine und Schulen. Der Kaiserin wurden von Kindern zahlreiche Blumenspenden überreicht.
— Der Kaiser hörte am 20. Mai, vormittags, im Sonderzuge die Vorträge des Stellvertreters des Kriegsministers, Generalleutnant v. Einem und des Chefs des Militärkabinetts Generaladjutanten Grafen Hülsen-Häseler und des Chefs des Marinekabinetts, Generaladjutanten Admiral Freiherr V. Senden-Bibran.
Line -Hschzeitsverse.
Erzählung von F. Arnescldt.
(Nachdruck verboten)
Fortsetzung.
„Nein, eines Macchiavel!" hieß es durcheinander. Man lachte laut; es gab in dem Kreise indeß noch einige, die sich betroffen ansahen und mißbilligend die Köpfe schüttelten; Herr von Sanden aber konnte sich nicht enthalten, sehr bedenklich zu sagen:
„Ich gratuliere Ihnen, wenn Sie die Maxime vergessen haben, sie ist gefährlich."
„Ei, spielen Sie doch nicht den Splitterrichter, Sanden", war die übermütige Entgegnung. „Ihr Freund Goethe sagt ja schon: Grau ist alle Teorie"
„Aber er fügt hinzu: Grün ist des Lebens goldner Baum", erwiderte Herr von Sanden bedächtig. „Herr Günther trug seine Maxime sogar als Talismann bei sich —"
„Er hat ihn ja verloren", unterbrach ihn der Baron. „Wohin so eilig? Wollen Sie ihn suchen?" Die letzten Worte wurden an Günther gerichtet, weil dieser wieder seinen Hut ergriffen hatte und Miene wachte, sich fortzuschleichen. Er konnte die Grotte nicht verlassen. Ein Fremder vertrat ihm den Weg.
■ Bald nachdem Baron Lorch mit Günther einge- treten war und ihn feinen Bekannten zugeführt hatte, toar ein alter Herr mit weißem Haar in unscheinbarer, k»vas altmodischer Kleidung in die Konditorei gekommen;
Auf der Station Wildpark nahm der Kaiser die Abmeldung des bisherigen großbritannischen Militär- attachees Oberst Waiers entgegen und empfing aus den Händen des Obersten Stephan von der geheimen Kriegskanzlei die neue Rangliste.
— Der kaiserliche Sonderzug traf am Mittwoch Mittag 12 Uhr 40 Min. auf der Wildpark-Station ein. Zum Empfange waren am Bahnhöfe der Kronprinz, der Prinz Joachim und die Prinzessin Viktoria Luise erschienen. Die Begrüßung der sEltern mit ihren Kindern waren sehr herzlich. Die Prinzessin überreichte ihren Eltern einen Blumenstrauß. Sodann fuhren die Majestäten mit dem Prinzen Joachim und der Prinzessin Viktoria Luise im offenen Zweispänner nach bety Reuen Palais, wohin der Kronprinz folgte.
— In Gegenwart des Großherzogs, der Groß- Herzogin, des Erbgroßherzogs, des Prinzen Max von Badm und seiner Gemahlin und der Prinzessin Wilhelm fand in Karlsruhe die feierliche Eröffnung der von der Abteilung Karlsruhe der Deutschen Kolonial- gesellschaft veranstalteren Kolonial-Jagd-Ausstellung statt. Die Ausstellung enthält Sammlungen von Jagdtrophäen und Jagdausrüstungen aus den deutschen Kolonien.
— Das „Armee-Verordnnngsblatt" veröffentlicht eine Kabinettsordre, wonach die 11. Ulanen den Namen Ulanenregiment Graf Häseler, 2. brandenburgisches Nr. 11, erhalten.
— Unter dem Vorsitz des Fürsten von Hatzfeld fand am 18. Mai die Hauptversammlung des deutschen Fischerei-Vereins in Berlin statt. Es waren Abordnungen von 2b Vereinen anwesend, darunter die Leiter der bedeutenden biologischen Versuchsstationen und Zuchtanstalten Deutschlands. Aus dem Bericht ist ersichtlich: Der Reichszuschuß beträgt Mk. 47,000, derjenige vom preußischen Landwirtschaftsministerium Mk. 4000, die übrigen Bundesstaaten steuern insgesamt Mk. 2200 bei. Für Lieferung von Vereinsschriften an die königlichen Oberförster bewilligte der preußische Landwirtschastsminister 500 Mk. Die Einnahmen aus den Mitgliederbeiträgen sind auf mindestens 5600 Mk. angenommen. An Ausgaben sind für Fischaussetzungen insgesamt 37,470 Mark vorgesehen. Für die wissenschaftliche Station Müggel- see sind 5500 Mk., für die Station Trachenberg 500 Mark ausgeworfen. Für direkte Förderung der Fischerei durch Zeitschrifren sind 4500 Mk. vorgesehen. Im Rheingebiet sind im Jahre 1902 allein 1300 000 Lachseier vom Verein ausgesetzt worden.
— Am 20. Mai wurde die deutsche Städteaus- stellung in Dresden in Gegenwart des Königs und des Hofes eröffnet. Anwesend waren u. A. Graf Posadowsky, von Hammerstein, die Minister Sachsens, die Oberpräsidenten von Bötticher, Fürst Hatzfeldt, Herzog von Trachenberge, Vertreter sämtlicher Bundes
er führte eine tief verschleierte Dame im einfachen Traueranzuge am Arme. Er hatte eine Erfrischung bestellt und mit seiner Begleiterin einen Platz gesucht, den sie zufällig in der dicht neben den Herren befindlichen Grotte fanden.
Sie waren auf diese Weise Zeugen der sehr lebhaft geführten Unterhaltung geworden, ohne daß einer aus dem Kreise auf das stille, unscheinbare Paar geachtet hätte. Ebenso hatte es Niemand bemerkt, daß die Dame, als der Baron Günther's Wahlspruch zum besten gab, in die Höhe fuhr, einen leisen Schrei aus- stieß und von dem Herrn sanft wieder auf ihren Sitz gedrückt ward. Um so größer war daher die Verwunderung, als der alte Herr plötzlich am Eingänge der Grotte erschien, höflich grüßte und mit leisem schüchternen Ton sagte:
„Ich bitte die Herren tausendmal um Vergebung; ganz durch Zufall und ohne daß es in meiner Absicht lag, habe ich ihr Gespräch mit angehört —"
„Ei, deshalb brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen, mein guter Mann, wir verlangen keinen Eid, daß Sie es nicht verraten," lachte Baron Lorch, den die Angst des gewissenhaften Kleinstädters belustigte; Günther aber, der sich am Fortgehen verhindert sah, schnob den Alten hochfahrend an: „Was soll die Albernheit!" und wollte chn beiseite schieben.
Mit dem alten Spießbürger war aber nicht so leicht fertig zu werden. Er pflanzte sich in einer so energischen Weise in den Eingang der Grotte, daß
staaten, der Reichslande usw. Außerdem wohnten etwa 150 Oberbürg wmeister und Stadtverordnetenvorsteher deutscher Städte der Feier bei. Die Eröffnungsrede hielt der Dresdener Oberbürgermeister Beutler, der auf die glänzende Städteentwicklung und die Kraft des deutschen Bürgertums hinwies. Hierauf wurde die Ausstellung im Namen des Königs vom kgl. Kommissar von Burgsdorff eröffnet.
Die Ausstellung ist im städtischen Ausstellungspark in dem von der Stadt Dresden mit einem Kostenauf- wc ) von rund 1800 000 Mk. errichteten massiven Au^tellungspalast, sowie in verschiedenen großen und kleineren Hallen, welch' letztere nach der Ausstellung wieder entfernt werden. Die gesamte Grundfläche umfaßt etwa 20000 Quadratmeter. Die Objekte sind zu acht Gruppen geordnet, und zwar sind es folgende: 1. Verkehr, Beleuchtung, Straßenbau und Entwässerung Brücken und Häfen, einschließlich des gesamten Tiefbau- und Vermessungswesens, der Straßenbahn usw.,
2. Stadterweiterungen, Baupolizei und Wohnungswesen,
3. öffentliche Kunst (Architektur, Malerei, Bilonerei usw.), 4. allgemeine Gesundheit und Wohlfart, Polizeiwesen,
5. Schulwesen, Volksbilduug,
6. Armenwesen Krankenpflege, Wohltätigkeitsanstalten und Stiftungen,
7. Kassen-, Finanz- und Steuerverwaltung, städtischer Gewerbebetrieb, Grundbesitz, Sparkassen und Leih- wesen,
8. Registratur- und Bureaueinrichtungen, Beamtenschaft, Statistik und Literatur.
Je nach Art der Objekte werden dieselben in Natur vorgeführt oder durch Gemälde, Modelle, Zeichnungen dargestellt. Ein besonders Interesse werden die von einigen Städten und verschiedenen Gewerbetreibenden ausgeführten Straßenstrecken mit allen charakteristischen Einbauten, wie Schleusen, Kabel, Wasser- und Gas- roh»e, Bau- und Bewässerungseinrichtungen beanspruchen können.
— Die Zentralgenossenschaft der hessischen landwirtschaftlichen Konsumvereine hielt am 18. Mai in Darmstadt ihre 13. Generalversammlung ab. Dem Verbände gehören 101 landwirtschaftliche Genossenschaften an. Insgesamt wurden im vergangenen Jahre Waren im Werte von etwa 1200 000 Mark bezogen.
Ausland.
— Bei der Antrittsvorlesung des neuen italienischen Dozenten Lorenzoni in Innsbruck kam es zu Lärmszenen in der Universität zwischen den Deutschen und Italienern, die mit einer Prügelei endeten. Die Ursache war eine Herausforderung der Italiener, welche die Deutschen Hunde nannten. Unter der „Wacht am Rhein" und anderen Liedern wurden die Italiener hinausge- Günther nicht an ihn, vorbeizuschlüpfen vermochte, und fuhr womöglich noch schüchterner und demütiger fort:
„Verzeihung, meine hochverehrten Herren, ich habe vernommen, daß einer der Herren etwas verloren hat, und schätze mich glücklich, villeicht zu dessen Wiedererlangung behüflich sein zu können."
„Haben sie vielleicht den Talisman gefunden?" riefen einige Herren.
„Kommt der berühmte Totenschädel wieder zum Vorscheine?" fragte Baron Lorch. „Schnell, zeigen Sie her, mein Herr."
„El. .der Gaukler und Possenreißer!" schrie Günther, „lassen Sie mich durch; ich bin nicht aufgelegt, Ihre dummen Scherze mit anzuhören."
Aller Blicke wandten sich voll Verwunderung auf den jungen Mann, mit dem innerhalb weniger Sekunden eine merkwürdige Veränderung vorgegangen war. Seine bleichen Züge hatten sich mit einem fahlen Grau bedeckt, die graublauen Augen starrten gläsern aus ihren Höhlen hervor, krampfhaft bebten die Lippen, und verzweifelt waren die Anstrengungen, sich dem Fremden zu entwinden, der ihn mit einer Kraft, die man feinem Alter gar nicht zugetraut hätte, mit der einen Hand festhielt, während er mit der anderen dem Baron Lorch den kleinen Totenschädel hinreichte.
„Bei Gott, Ihr verlorenes Berloque, Günther, wie wunderbar!" rief dieser, indem er den Schädel in die Hand nahm und den sich neugierig hinzudrängenden, Herren hinhielt. (Fortsetzung folgt.)