Erscheint Mittwoch und Samstag. - Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raunt 10 Pfg.
Mittwoch den 13. Mai 1903
54. Jahrgang
CHA-TiAlfMMA am auf die „SMchterner BeslemmM w
Z_______...___________ fortwährend von allen Poftanstalten nnd Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegengenommen.
Amtliches.
J.-Rr. 709 K. A. Die Hevrcll Bürgermeister werden veranlaßt die landwirtschaftlichen Unilagebeiträge innerhalb 10 Tagen an die Kreis-Kommunalkasse möglichst in einer Summe, jederDills aber ratenweise abzuliefern.
Schlüchtern, 9. Mai 1903,
Der Vorsitzende des Sektionsvorstandes:
Deutsches Reich.
— Von der Rückreise des Kaisers aus Rom wird dem „L.-A." aus Zürich telegraphiert, daß während des dortigen acht Minuten dauernden Aufenthalts des Hofzuges der deutsche Konsul in Zürich vom Reichskanzler Grafen Bülow empfangen wurde. In Zug mußte aus bahntechnischen Gründen ein kurzer Aufenthalt stattfinden, den eine Schar weißgekleideter Mac der dazu benützte, prächtige Buketts von Älpenblumen für die Kaiserin mit schönen Schleifen in den schweizerischen Farben und mit der Widmung „Herzlichen Gruß Ihrer Majestät von Zugern am Zugerberg" zu über geben. Der Kaiser nahm die Gabe dankend entgegen.
— Ein Besuch Sr. Majestät des Kaisers in Mainz ist für den 10. Juni in Aussicht ^genommen. An diesem Tage soll au; dem Gco^m «aride in Gegenwart des Großherzogs von Hessen eine Truppenschau abgehalten werden, an der der Kaiser von Wiesbaden aus teilznnehmcn gedenkt. — Der Kaiser hat dem Hohenzollernmuseum zur Erinnerung an den Unfall der Kaiserin ein Stück Borke überweisen lassen, über das ein Zettel, der daneben liegt, folgende Auskunft gibt: Baumrinde, mit der Kaiser Wilhelm am 27. Mä^rz 1903 der Kaiserin den ersten Notverband um den gebrochenen Arm anlegte, bis ärztliche Hilfe Fam. — Prinz Eitel Friedrich trifft. am 19. Mai zur Fortsetzung seiner Studien wieder in Böun ein.
— Der Deutsche Kronpritz und Prinz Eitel Friedrich trafen am 8. Mai gegen 5 Uhr nachmittags in Berlin wieder ein, sie wurden am Bahnhöfe von Ihrer Majestät der Kaiserin empfangen und legalen sich alsbald nach Potsdam.
— Der Wahlausruf der deutschkonservativen Partei ist erschienen. Er enthält folgende Hauptsätze: Der zukünftige Reichstag wird sich in erster Linie mit der Neuregelung unserer Handelsbeziehungen zu beschäftigen
Erzählung üch F. Amefcldt.
(Nachdruck mboten) FcrlsctziM.
„Der Schädel redet doch; rief sie bebend. „Sehen Sie diese Linien an, sie sind nur anscheinend kraus und unregelmäßig, sie bilden Buchstaben Worte."
, Der kurzsichtige Rechtsanwalt brächte den Schädel ganz dicht au die Augen und schüttelte verneinend den Kopf.
„Ich vermag nichts zu erkennen" sagte er.
„Auch ich kann mit bloßen Augen die Schrift nicht lesen; aber je mehr ich sie betrachte, um desto genauer sehe ich, daß es Schrift ist!" entgegnete Erna und zog
„Was haben Sie?" fragte Erna.
„Nichts, noch nichts, gnädige Frau", versetzte er abwehrend; „aber Sie haben doch einen guten Fund gemacht; wir wollen ihn benutzen, jedoch mit Vorsicht!"
„Wir müssen den Verfertiger des Berloques suchen", sagte die junge Frau, „nur ein geschickter Mann kann den Schädel ausgeführt haben, es wird deren nicht allzuviel in Deutschland geben. Er wird, er muß zu finden sein; erlassen wir einen Aufruf durch alle Zeitungen, setzen wir eine Belohnung aus "
.Und warnen wir den Mörder, daß wir auf Spur sind", fiel der Rechtsanwalt m's Wort.
Erna senkte traurig das Haupt. „Sie haben Recht" seufzte sie: „aber wie sollen wir ihn finden?"
Betrachten wir den Schädel nochmals", ermunterte sie Wecker „vielleicht verkündet er noch mehr, ich bin aus einem Saulus ein Paulus geworden und habe unbedingten Glauben an seine Zauberkraft."
Mit' einem trüben Lächeln nahm Erna den Schädel ..... die Mtfik E E,«= ^ W W I“ sto #n5^gj^ «y- rief fit.
haben. Die konservative Partei hat seit dem Abschlüsse der geltenden Handelsverträge unablässig betont, daß diese "Verträge in ungerechter Weise die Landwirtschaft benachteilign und die Kraft des ganzen Staates durch Schwächung der landwirtschaftlichen Bevölkerung beeinträchtigen. Wenn .die konservative Partei auch an sich nicht unbedingt gegen langfristige Handelsverträge ist, so wird sie demgemäß doch nur solchen Verträgen ihre Zustimmung geben, welche der Landwirtschaft weseuclich bessere Existenzbedingungen bieten und ihr ermöglichen, neben der Industrie und dem Handel wirtschaftlich gleichmäßig zu gedeihen. Die konservative Partei hat, ihrer Tradition folgend, die Erhaltung der vollen Wehrkraft unseres Volkes zu Lande und zu Wasser stets als ihre Ausgabe erachtet in dein Bcwnßi- sein, daß Deutschlands Machtstellung und die Erhaltung einer friedlichen Entwicklung vornehmlich auf seiner Wehrhaftigkeit zu Lande und auch auf seiner Seemacht beruht. Daher wird die foufertoative Partei auch ferner für die Erhaltung unserer Armee in ihrer alten Bedeutung und Tüchtigkeit eintreten und wird auch die Entwicklung der Marine in einer unseren Handelsbeziehungen und unseren Finanzen entsprechenden Weise fördern. Eine sparsame Verwaltung der Finanzen des Reiches und der'Einzelstaaten, eine pflegliche Behandlung der Einnahmequellen des Staates, sowie eine Beschränkung der Ausgaben auf das Notwendige und Zweckmäßige unter Vermeidung jeden Luxus wird unsere Unterstützung finden. Wir wünschen die Finanzkraft des Reiches tunlichst auf die Grundlage selbständiger Einnahmequellen gestellt zu sehen, damit nicht durch die fortdauernd gesteigerten Zuschüsse der Einzelstaaten deren eigene Steuerkraft und damit fchließ- lich ihre politische'Selbständigkeit, welche eine der "Voraussetzungen des förderativen Charakters des Reiches ist, gefährdet werden. Die mißliche Lage der Mittelstände der landwirtschaftlichen kleinen und mittleren Besitzer, des Handwerker- und des Kleingewerbestandcs erheischt, daß eine richtige Sozialpolitik vor allem hier einsetzt und diesen schwer um die Existenz kämpfenden Klassen wirksam beisteht. Es müssen also auch Schutz- wehren für Handwerk und Kleingewerbe gegen groß- kapitaliste Auswüchse und undeutsche Verletzung von Treue und Glauben im Geschäftsverkehr geschaffen werden. Diese allein richtige und segensreiche Sozialpolitik sieht im grundsätzlichen Gegensatze zu den Tendenzen der Svzialdemokratie, welche die arbeitenden Klassen gegen alles Bestehende, gegen alle Grundlagen des StaateS anshetzt, ohne ihre Lage zu verbessern. Daher ist der Kampf gegen die Sozialdemokratie eine wichtige Aufgabe der "konservativen Partei, die nach Wie vor bereit ist, die Regierung in der. Handhabung und Verstärkung staatlicher Machtmittel gegen das gewerbsmäßige Untergraben göttlicher und weltlicher Autorität und des Friedens der Bevölkerung nach
formten sich zu Silben, die Silben zu Worten, und endlich las sie:
„Lieber schlecht als arm."
Wecker, der sie aufmerksam beobachtet hätte, fuhr auf. „Wo steht das?" fragte er.
„Lieber schlecht als arm", wieder holte er, und „T. G." murmelte er dann, „blondes Haar, einen roten Bart.
Kräften zu unterstützen. Die konservative Partei wird deshalb ihre Haltung gegenüber anderen Parteien, wesentlich auch nach deren Verhalten gegenüber der Sozialdemokratie einrichten. Auch in den Einzelland,- tagen muß die fortschreitende Förderung der produktiven Arbeit in Landwirtschaft, Handwerk und Gewerbe, wie dies in der abgelaufenen Legislaturperiode mit Erfolg von der konservativen Partei vertreten worden ist, so auch in Zukunft unausgesetzt im Auge behalten werden.
— Donnerstag, den 4. Juni findet in Bonn die 18. Synode der Altkatholiken des Deutschen Reiches statt. Mitglieder der Synode sind außer der Synodal- repräseutauz alle altkatholischeu Geistlichen und die Vertreter der altkatholischen Gemeinden. Der Vorsitzende der Synode ist der Bischof. Am Vorabend der Synode findet in dem Sitzungszimmer des bischöflichen Seminars Pastoralkonsereuz sämtlicher Geistlichen statt.
— Die deutsch-evangelische Kirchen-Konferenz hält am 11. Juni eine außerordentliche Tagung in Ecsenach ab. Ai s der Tagesordnung steht der Zusammenschluß der evangelischen Landeskirchen.
— Unser erstes heimisches Geschwader unter deut Befehl des Prinz-Admirals Heinrich von Preußen hat wie schon kurz gemeldet seine große Frühjahrs- Ucbuugsfahrt angetreten. Es ist das erste Mal, daß unsere neuesten Linienschiffe den Kaiser Wilhelm-Kanal befahren. Aber in anderer Beziehung ist die Reise noch bemerkenswerter. Niemals zuvor hat das Reich ein aus vierzehn modernsten und leistungsfähigsten Schiffen bestehendes Geschwader mit 7000 Mann Besatzung zu einer vierwöMgen Uebung in den Atlantischen Ozean schicken können. Die Fahrt geht bis nach Lissabon; die kleinen Kreuzer dürsten den Tajo hinausdampfen und die Hauptstadt Portugals selbst besuchen. Auf der Rückreise läuft der Kreuzer „Blitz" den Hafen von Brest an und zeigt nach langer Zeit die ReichS- kriegsflagge in einem französischen Hafen, um die aus der Heimat eingetroffene Post an Bord zu nehmen. Das Anlaufen niederländischer Häfen ist aufgegeben worden.
— Die neuen Stapelläufe von Schiffen unserer Kriegsmarine beginnen in diesem Monat. Am 26. Mai soll das Linienschiff „J" auf der Schichauwerft an der Weichsel vom Stapel laufen. Es wird das gewaltigste deutsche Schiff sein; seine Wasserverdrängung wird 13000 Tonnen betragen. Einschließlich der Armierung kostet es über 23 Mill. Mk. Allein die 50 Geschütze machen einen Wert von 7 Zg Mill. Mk. aus. Die Länge beträgt 122, die größte Breite 22,2 Meter. Die Besatzung wird sich auf 651 Mann beziffern. Mit 16000 Pferdekräften kann das modernste unserer Kriegsschiffe 18 Seemeilen oder 4'Z deutsche Landmeilen in der Stunde laufen. „J" erhält zum ersten Male die neuen 28 Zentimeter-Schnellfeuerge-
mit Hcstigkcit die Klingel.
„Gehen Sie zum nächsten OptikuS, holen Sie eine Lupe, die beste, die Sie bekommen können", gebot sie dem eintretenden Diener, „schnell, ich warte karauf."
Der Diener eilte hinaus und kehrte nach verhält- mäßig kurzer Zeit wieder; Erna dünkte aber sein Ausbleiben endlos. Mit hastigen Schritten und fliegeudem Atem ging sie im Zimmer auf und ab, und als der Bote eintrat, riß fi£ ihm das kleine Instrument stürmisch aus der Hand und winkte ihm, schnell das Zimmcr zu verlassen.
Mehrere Minuten starrte sie auf Schrift; leise, wie ein r.A ab, einzelne Buchstaben herMzusKßen; die Buchstaben
„Was — was verkündet er?" fragte er atemlos vor Spannung.
„Hier ganz unten in Buchstaben, die selbst unter der Lupe nicht viel großer als Stecknadelköpfe sind, steht C. B. Berlin."
„Heureka!" rief Wecker mit einem Freudensprungs. „Die Anfangsbuchstaben des Verfertigers und sein Wohnort, — jetzt, jetzt sind wir auf der Spur. Ich werde noch heute nach Berlin abreisen."
„Und ich begleite Sie", erklärte Erna, fest entschlossen. „Dort nur kann ich etwas tun: was nützt eS, wenn ich hier müßig sitze, da man mir doch nicht gestattet, Bruno zu sehen und ihm den Trost zu bringen, daß ich an ihn glaube."
- . „Er weiß eS und soll es wissen, was Sie für ihn tun. Ich gehe sogleich zu ihm."
„Machen Sie ihm noch keine Hoffnung; es wäre zu furchtbar, wenn sie getäuscht wurde," bat die junge Frau schon wieder zaghaft.
„Er soll nur das erfahren", versicherte Wecker, „was ihm zu wissen notwendig ist."
„Er entfernte sich eilig und begab sich nach dem Gefängnis, wo er eine lange Unterredung mit seinem Klienten hatte. Sehr nachdenklich verließ er ihn und murmelte kopfschüttelnd vor sich hin:
„Sollte er wirklich so lief gesunken sein? Er befand sich freilich auf abschüssiger Bahn."
(Fortsetzung folgt.)