chlüchternerZeitung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
i
Mittwoch, den 6. Mai 1903
Jahrgang.
Bestellumen &# S^
^ ’ ^ n fortwährend von allen
Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegengenommen.
Deutsches Reich.
— Se. Majestät der Kaiser trat am 30. April abends 11 Uhr von Bückeburg die Reise über Hannover nach Rom an. Auf der Fahrt zum Bahnhöfe wurden dem Kaiser von der zahlreich in den Straßen versammelten Menge begeisterte Huldigungen dargebracht. Bei der Verabschiedung am Bahnhöfe war der Fürst mit den Prinzen des fürstlichen Haufes anwesend. In Hannover traf der kaiserliche Sonderzug nachts 11 Uhr 40 Min. ein. Nachdem Reichskanzler Graf Bülow und Generalfeldmarschall Graf Waldersee den Hofzug, bestiegen hatten, erfolgte um 11 Uhr 50 Min. die Weiterfahrt nach Rom. Der Kaiser ernannte den Großherzog von Sachsen zum General. Bei dem Hofkonzert in Bückeburg führte der Kaiser, der das Band des Ordens von Oranien-Naffau trug, die Königin Wilhelmine der Niederlande.
— Der Kaiser hat auf seiner Romfahrt über Straßburg, wo ihn der Statthalter begrüßte, und Luzern, wo der Hofzug Freitag nachmittag um 5 Uhr 51 Minuten eintraf und nach 9 Minuten Aufenthalt weiterfuhr, am Sonnabend um 7'1 Uhr früh Chiasso erreicht. Auf italienischem Boden wurde der Kaiser am Sonnabend zuerst in Civitavecchia offiziell begrüßt. Sott erwarteten den Kaiser General Roger, Kontre- admiral de Libero, die dem Kaiser attachierten Leutnants Gastaldello und Marciani, sowie die dem deutschen Kronprinzen, dem Prinzen Eitel Friedrich und dem Generalfeldmarschall Grafen Waldersee attachierten Offi ziere den Hofzug. Auch die Behörden begrüßten den Kaiser in amtlicher Form.
— Der Kaiser traf in Begleitung des Kronprinzen, des Prinzen Eitel Friedrich, des Reichskanzlers Grafen v. Bülow und des Generalfeldmarschalls Grafen von Waldersee am Sonnabend um 5 Uhr 15 Min in Rom ein und wurde am Bahnhöfe vom König Viktor Emanuel, dem Herzog von Aosta, dem Herzog der Abruzzen, dem Herzog von Genua und dem Grafen von Turin empfangen. Eine ungeheure Menschenmenge begrüßte den Kaiser bei seiner Ankunft. Alle Zeitungen widmen dem deutschen Kaiser enthusiastische Begrüßungsartikel.
— Der deutsche Reichstag ist am 30. April mit der 302. Sitzung geschlossen worden. Dem Reichstag folgte am 1. Mai in gemeinsamer Sitzung beider Häuser der Schluß des preußischen Landtages durch eine vom Justizminister verlesene königliche Botschaft.,
— Der König von Sachsen traf am 1. Mai von München in Stuttgart ein. Auf dem Hauptbahnhof
fand großer Empfang statt, zu dem der König, die Prinzen, der zuni Ehrendienst kommandierte Kriegsminister Generalleutnant v. Schnürlen, der sächsische Gesandte Frhr. v. Friesen, die Hofstaaten, sämtliche Generale und die Vertreter der Stadt erschienen waren. Die beiden Monarchen begrüßten sich auf das Herzlichste. Am 2. Mai abends reiste der König von Sachsen über Leipzig von Stuttgart ab und traf am Sonntag, von der Bevölkerung aufs wärmste begrüßt, wieder in Dresden ein.
— Ein Privat-Telegramm aus Breslau meldet: Der kommandierende General des sechsten Korps, der Erbprinz von Sachsen-Meiningen, hat seinen Abschied eingereicht und verlegt seinen Wohnsitz nach Schloß Gebenstein. Der Erbprinz ist bekanntlich der Schwager
des Kaisers.
— Die so außerordentlich wichtige Frage nach der Konfession der Bevölkerung im Deutschen Reiche, die auch bei den Reichstagswahlen eine wichtige Rolle spielt, ist sehr eingehend bei der letzten Volkszählung erörtert und geprüft worden. Von der gesamten Bevölkerung waren am 1. Dezember 1900:
I. Christen absolut
1. Evangelische 35 231104 62,5
2. Katholische, und zwar römisch-kath. 2032t 441
'■ 908 0,0
steigende Bewegung. Im Reiche wurden nach der „Deutschen Justizstatistik" im Jahre 1895 8326, i. I. 1896 8460, i. J. 1897 8876, i. J. 1898 9008, i. J. 1899 9433, i. J. 1900 7922 und i. J. 1901 7892 Ehescheidungen gezählt. Ihre Zahlt hat also, wie in Preußen, nachdem sie vordem, und zwar schon seit 1892, fortgesetzt gestiegen war, im Jahre 1900 gegen 1899 wesentlich abgenommen. Bemerkenswert ist, daß in der Berichtszeit der Anteil Preußens an der Gesamtziffer der Ehescheidungen in Deutschland erheblich gesunken ist.
— Die Forderungen zur Errichtung der katholischtheologischen Fakultät an der Universität Straßburg sind von der Kommission des reichsländischen Landesausschusses mit erheblicher Mehrheit bewilligt worden.
— Das Präsidium des Deutschen Flottenvereins hat in Berlin eine Sitzung abgehalten und in Ausführung eines Beschlusses der Hauptversammlung bestimmt, daß vom 1. Januar 1904 ab der Gesellschaft
Seemannshaus für Unteroffiziere und Mannschaften ärgerlichen Marine" unter dem Protektorate des
der fi
0/0
russisch-orthodoxe
Angehörige anderer griechisch- katholischen Kirchen
zusammen Katholische
3. andere Christen
II. Jsraeliten
III. Bekenner anderer nicht christl. Relig.
IV. Personen anderen Bekenntnisses
5 864
20 327 913
203 793
586 833
995
10 602
5 938
36,1
0,0
36,1
0,4
1,0
0,0 0,0 0,0
V. Ohne Angabe der Religionsbekenntn.
Fast zwei Drittel — 62,5 Proz. — sind also von der Gesamtbevölkerung evangelisch, etwas über ein Drittel — 36,1 Proz. — katholisch, 0,4 Proz. andere Christen, 1 Proz. Jsraeliten.
— Infolge Entgegenkommens der Gerichtsbehörden ist es möglich geworden, die Ehescheidungen für das preußische Staatsgebiet und dessen einzelne Provinzen festzustellen. Es erfolgten nach der „Statist. Korr": rechtskräftiffe Urteile auf Ehescheidung: 1895 1896 1897 1898 1899 1900
Prinzen und der Prinzessin Heinrich jährlich 15 000Mk. zugewendet werden sollen. Auch mit dem Verein „Seemannsheim" soll ein ähnliches Abkommen getroffen werden.
Nach längeren Vorbereitungen ist in Leipzig ein Arbeitslosenversicherungsverein gegründet worden. Der Verein soll sich zusammensetzen aus Mitgliedern, die sich zur Gewährung einer Garantiesumme 500 Mk. (Stiftern) oder zu laufenden Jahresbeiträgen von mindestens 5 Mk. (Förderer) verpflichten, und aus Versicherten, die durch Zahlung verschieden abzustufender Wochenprämien nach Ablauf einer gewissen Karenzzeit im Falle der Arbeitslosigkeit das Recht auf Gewährung zeitl! h begrenzten Tagegeldes erwerben.
in der Provinz: Ostpreußen Westpreußen Berlin Brandenburg Pommern Posen Schlesien
378
257
1380
646
307
163 679
560
Sachsen Schleswig-Holstein 241
Hannover Westfalen Hessen-Nassan Rheinland
160
167
322
1901
349
328
348
335
238
207
243
223
208
245
194
193
1448
1536
1457
1536
1068
98;
659
685
790
764
618
581
280
276
291
287
223
240
149
174
174
187
113
103
726
649
640
604
497
442
538
604
562
598
525
461
229
222
253
243
230
241
211
212
229
221
211
198
170
201
224
191
178
201
160
197
193
210
187
199
399
303
437
424
472
6 9
1
3
2
3
1
6
5562
5713
5798
5948
4755
4675
Ehe- eine
Hohenzollern — im Staate 5475
Im Gesamtstaate zeigt hiernach die Zahl der
scheidungen in der Zeit von 1895 bis 1899
Eine Hochzeitsreise
Erzählung von F. Arnefeldt.
(Nachdruck verboten)
Fortsetzung.
Selbst eine Verurteilung wollte er lieber über sich ergehen lassen, als diesen Zustand noch länger ertragen. Sie mußten ihm, wie er hoffte, doch Freiheit bringen, wenn auch durch den Tod.
In diesem Sinne sprach er sich auch gegen seinen Verteidiger aus und bestärkte diesen dadurch in der vorgefaßten Meinung, daß sein Klient sich doch schuldig fühle. Unwillkührlich entschlüpfte Wecker bei der nächsten Unterredung mit Erna eine darauf bezügliche Aeußerung
„Was sagen Sie da?" rief sie aufhorchend; „glauben auch Sie an Benno's Schuld? Sind Sie gekommen mir zu sagen, daß Sie seine Verteidigung aufgegeben /
„Mißverstehen Sie mich nicht, gnädige Frau , beschwichtigte er sie: „da Sie mich aber einmal fragen, halte ich es für besser, daß es klar zwischen uns werde. Ich glaube nicht, daß Benno Treuenfeld ein Meuchelmörder ist; aber es scheint mir nicht undenkbar, daß er im Jähzorn eine rasche, unselige Tat begehen könne — "
„Weiter", befahl sie mit der Miene und dem An- stande der Herrscherin, so daß Wecker dadurch in Verwirrung gebracht, unsicher fortfuhr: „Sollte es nicht zu einem Streite zwischen Herrn von Rehfeld und Treuenfeld gekommen sein und der letztere in seinem
Zorn nach der Waffe gegriffen und den unseligen Stoß geführt haben?
„Und Sie können glauben, daß Benno eine solche Tat leugnen würde? Sie trauen mir zu, daß ich die Hand biete, um sie zu verhehlen; daß ich in Gemein- schafr mit dem Mörder meines Gatten eine Fabel ersonnen habe, um den Verdacht auf einen ganz unschuldigen Menschen zu lenken!" rief sie ganz außer sich. „Unter diesen Umständen muß der Angeklagte auf Ihre Verteidigung verzichten
Sie wandte sich ab, um die Tränen zu verbergen die Zorn und Schmerz ihr wider ihren Willen erpreßten. Wecker stand bestürzt; die junge Dame war entweder eine sehr große Schauspielerin, oder er hatte ihr ein schweres Unrecht zugefügt.
„Verzeihung, gnädige Frau", bat er nach einer Pause; „der Arzt, der Beichtiger und der Verteidiger müssen nun einmal unbedingtes Vertrauen fordern."
„Das haben wir Ihnen nicht vorenthalten", ent- gegnetesie etwas milder; „wir haben Ihnen wahrheitsgetreu den Hergang der traurigen Begebenheit berichtet, soviel wir selbst wissen. Was hätten wir denn auch noch zu verhehlen? Unsere heiligsten Gefühle hat man in der schonungslosesten Weise an das Licht gezerrt, das süße Geheimnis unserer Herzen wird zum Gegenstände einer öffentlichen Gerichtsverhandlung gemacht zu der sich Hunderte von Neugierigen drängen, welche die Zeitungen durch das ganze Land tragen. Es ist, als führte man uns in die Arena, um uns unter dem
Ausland.
— König Ed^rd der VII. von England ist am I. Mai nachmittags 3 Uhr in Paris eingetroffen.
— Als König Eduard in Paris am Samstag Abend die Oper verließ, wurde Zischen vernommen. Polizei schritt ein und nahm 67 Verhaftungen vor, von denen 25 aufrecht erhalten wurden. Unter denen in Haft Behaltenen befanden sich auch mehrere Taschendiebe. Im Gedränw wurden 2 Polizeiagenten schwer verletzt.
- Präsident Loubet ist am 1. Mai von seiner Reise nach Paris zurückgekehrt. Am Bahnhöfe waren Ministerpräsident Combes, der Just-zminister und die Spitzen der Zivil- und Militärbehörden zum Empfange erschienen.
— Vom 4. bis 6. Mai tagt zu Paris der Internationale Vorstand für den Kampf gegen die Tuberkulose, an dem von deutschen und österreichischen Gelehrten die Professoren v. Leyden, Fraenkel, Allhoff, Beifallsjauchzen der Menge reißenden Tieren vorzu- werfen."
„Mut, gnädige Frau, Mut!" tröstete er. Noch ist es nicht so weit, und kommt es dahin, soll Treuenfeld nicht allein stehen."
„Wer wird an seiner Seite sein?"
„Ich, sein Verteidiger."
„Sie glauben ja nicht an ihn; dünken Sie sich nicht zu gut, ein Klopffechterstückchen aufzuführen?" fragte sie bitter.
„Ich glaube an ihn, weil ich an Sie glaube, gnädige Frau", versetzte Wecker feierlich. „Reichen Sie mir die Hand, als Zeichen der Versöhnung. Ich schwöre Ihnen, daß ich alles, alles tun will, um ihn zu retten."
„Sie glauben an uns!" rief sie aufatmend, o, mein Gott, mein Gott, ich danke Dir!" Wenigstens ein Mensch, von so vielen einer! Lassen Sie uns sinnen, überlegen", fuhr sie fort, „was kann man noch tun? Wohin soll ich gehen? Verfügen Sie über mich, sparen Sie nichts; ich bin ja reich!"
„Es giebt nur ein Mittel, TreuenfeldS Unschuld zu erweisen," sagte der Rechtsanwalt traurig, „wenn man den wahren Schuldigen fände"
„Man muß ihn finden und hätte ihn schon gesunden, wenn man ordentlich gesucht hätte!" rief sie eifrig.
„Es sind Nachforschungen angestellt worden", begütigte Wecker sie.
(Fortsetzung folgt.)