Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 22. April 1903
54. Jahrgang
Bestellungen ^ «rs
»> fortwährend von allen Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegengenommen.
Amtliches.
Diejenigen Herren Bürgermeister des Kreises, welche noch mit der Erledigung meiner Verfügung vom 2. d. Mts. Nr. 2317 — Kreisblatt Nr. 14 — betreffend die Erstattung des Berichts über die Zahl der Haltekinder rc. im Rückstände sind, werden an die Erledigung mit 24 Stunden Frist erinnert.
Schlüchtern, den 20. April 1903.
Der Königliche Landrat: J. V.: G o e r z.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser machte Montag Vormittag einen Spaziergang im Tiergarten, sprach im Auswärtigen Amt vor und hörte nach der Rückkehr ins Schloß Vor- träge. Zur Tafel war der frühere deutsche Gesandte in Venezuela v. Piligramm geladen.
— Der Kaiser besucht heute Mittwoch in Gotha den Herzog Karl Eduard und reist dann nach der Wartburg bei Eisenach weiter, wo die Ankunft nachmittags erfolgt. Am 27. April früh fährt der Mo- narch nach Berlin zurück.
— Der deutsche Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich begaben sich am 19. April in Begleitung des deutschen Generalkonsuls Rewoski nach Pozzuoli; um die dortigen Altertümer zu besichtigen.
Am 21. April trat das Abgeordnetenhaus nnd der Reichstag wieder zusammen. Die Sitzung des Abgeordnetenhauses begann um 12 Uhr. Auf der Tagesordnung stand: Wahlprüfungen, Nachtragsetat, Anträge betreffend Bildung kleiner Renten^llter und betreffend Errichtung von Genesungsheimen, Petitionen. Die um 2 Uhr begonnene Reichstagssitzung hat folgende Tagesordnung; Novelle zum Reichsbeamtengesetz, Vorlage betreffend Aenderung des Wahlreglements, Phosphor gesetz.
Reichstagspräsident Graf Ballestrem, der Montag früh 5 Uhr mit dem schlesischen Zuge in Berlin eintreffen wollte, ist nach telegraphischer Meldung mit dem Zuge im Schnee stecken geblieben und war bis zum Miltag in Berlin noch nicht eingetroffen.
— Es ist nunmehr beim Königlichen Oberpräsidium wie beim Königlichen Generalkommando des 11. Armeekorps in Kassel aus dem Kaiserlichen Hofmarschallamte die entgültige Meldung eingetroffen, daß der Kaiser, die Kaiserin und auch die Kaiserlichen Prinzen während des Kaisermanövers zwischen dem 4. und 11 bezw. 16. und 19. Armeekorps zeitweise in Kassel und Wilhelmshöhe residieren werden. Voraussichtlich werden, soweit
Line -HeehZeitspeise.
Erzählung von F. Arnefeldt.
(Nachdruck verboten) Fortsetzung.
„Da ist zuerst Ihr Zugeständnis und das Zeugnis Anderer, daß Sie Herrn v. Rehfeld nach dem Leben getrachtet haben, nnd dann der Dolch, den Sie und andere als Ihr Eigentum erkennen."
„Aber diese beiden Umstände zeugen doch für mich!" schrie Benno mit aufgehobenen Händen. „Es wäre ja Wahnsinn, hätte ich nach Allem, was vorher gegangen, den Mord verüben wollen; es währe Wahnsinn, hätte ich mich dazu meines eigenartigen Dolches bedient und diesen am Orte der Tat zurückgelassen."
„Es war Wahnsinn", bestätigte der Landrichter, „die Leidenschaft und die Rachsucht haben Sie toll und blind gemacht; erst als das Verbrechen begangen war, erwachten Sie aus Ihrem Rausche."
„In der Leidenschaft überfällt man keinen Schlafenden.
„Herr von Rehfeld hat nicht geschlafen, er hat sich gegen seinen Mörder zur Wehr gesetzt; in seinen erstarrten Fingern fanden wir das Berloque; haben Sie es noch nicht vermißt?"
Er hielt dann Benno den kleinen elfenbeinernen Totenschädel hin.
„Ich kann nicht vermissen, was ich nie besessen habe", erwiderte dieser, „ich kenne diesen Gegenstand Nicht."
bis jetzt nach be,n vorgesehenen Reiseplan mitgeteilt Werden kann, die Kaiserin am 27. August in Kassel eimreffen und auf Schloß Wilhelmshöhe Wohnung nehmen. Freitag, 28. August wird sodann im Residenzschlosse zu Kassel ein Festmahl für die Offiziere des 11. Armeekorps und die fremden Militärs und am Sonnabend ein Festmahl für die Zivilbebörden der Provinz und Nachbargebiet veranstaltet werden. Zu diesem Festmahl werden auch die Mitglieder des hessischen Kommunallandtages eine Einladung erhalten.
— Der vom nationalliberalen Abgeordneten Dr. Hofmann-Dillenburg erstattete Bericht über den Entwurf betreffend weitere Abänderungen des Kranken- kafsenversicherungsgesetzes umfaßt 52 Druckseiten. Es sind darin ausführlich die Äußerungen der Bundesratsbevollmächtigten über deren Stellungnahme zu einer Gesamtrevision des Krankenkaffengesetzes niedergelegt. Mit dem vorliegenden Entwürfe follte, wie bereits öfter betont, nur das zunächst Dringliche erreicht werden; eine umfassende Krankenkassen-Novelle, welche auch die Stellung der Ärzte und Apotheker zur Krankenkasse ordnet, wird sobald als möglich dem Reichstag in der nächsten Legislaturperiode vorgelegt.
Der Reichskanzler Graf Bülow traf rechtzeitig zum Wiederbeginn der Reichstags-Verhandlungen in Berlin ein. Er machte von Sorrent bei stürmischem Wetter auf einem Torpedo die Überfahrt nach Neaper und reiste von dort mit dem Nord-Süd-Expreß direkt nach Berlin ab.
— Um die Übertragung ansteckender Krankheiten auf das Militär möglichst zu verhindern, sind durch Ministerialerlaß an die Kreis- und Ortsbehörden- besondere Bestimmungen ergangen. Danach sind . die Ortspolizeibehörden der Garnisonsorte sowie derjenigen Orte, die im Umkreise von 20 Kilometer von einer Garnison oder im Gelände für militärische Uebungen belegen sind, verpflichtet, den Militärbehörden von dem Auftreten solcher Erkrankungen unverzüglich Mitteilung zu machen. Jedem Bericht sind Angaben über die Wohnungen und die Gebäude, wo die Krankheiten herrschen, beizufügen. Die Anzeigen sind für die Garnisonorte und für die in ihrem Umkreise von 20 Kilo- metern belegenen Orte an den Kommandanten oezw Garnisonältesten, für Orte im militärischen Uebungsgelände an ba§ Generalkommando zu richten. Äls Gelände für militärische Uebungen gilt außer dem Manöverterrain auch dasjenige für die Abhaltung des Regiments- und Brigädeexerzierens. Im Interesse einer wirksamen Seuchenbekämpfung erachten die Minister es für erwünscht daß beide Teile, Milirär- und Polizeibehörden sich nicht ängstlich an den Wortlaut des Erlasses halten, sondern sich gegenseitig von dem Auftreten ansteckender Krankheiten Mitteilung machen, sobald die Entstehung einer Epidemie befürchtet werden kann.
„Oder wollen ihn nicht kennen", bemerkte der Landrichter; es kommt darauf kaum noch etwas an."
„Auf dieses Berloque kommt Alles an!" versetzte Benno außer sich. „Herr Landrichter, Sie halten damit die Spur des Mörders in Händen."
„Ich werde ihr nachgehen", erwiderte der Richter.
Noch einmal versuchte er seine ganze Krast, den Angeichuldigten zum Geständnis zu bringen; Benno beharrte aber bei seinem Leugnen.
„Mit der Pistole in der Hand wollte ich Rehfeld gegenübertreten, zum Zweikampf mit mir wollte ich ihn zwingen", wiederholte er, „und ich hätte ihn nicht gefehlt; aber ein Meuchelmörder bin ich nicht. Wäre ich jedoch im Rausche der Leidenschaft, wie Sie wähnen, dazu geworden", fügte er stolz hinzu, „so würde ich den Mut haben, mich zu der Tat zu bekennen und ihre Folgen auf mich zu nehmen!"
Der Landrichter zuckte die Achseln. „Vielleicht besäßen Sie den Mut, wenn er Ihnen den Hinblick auf Frau v. Rehfeld gebräche."
„Hält man diese Dame etwa für meine Mitschuldige?" fragte Benno mit verächtlichem Lachen, setzte aber sogleich voll tiefster Herzensangst hinzu: „Es ist nicht möglich; Sie können sie nicht beschuldigt, nicht eingekerkert haben!"
„Noch nicht; ich kann Ihnen aber nicht verhehlen, daß sie sich durch ihre sichtlichen Bemühungen, Sie zu retten, wenigstens das Einverständnis mit Ihnen ver-
Ausland.
— König Eduard empfing nach Ankunst an seiner Mcht den Gouverneuer von Malta, sowie den Kommandanten des Mittelmeergeschwaders und begab sich bald nach 12 Uhr an Land unter dem Geläut der Glocken und dem Donner der Geschütze der Schiffe und der Forts, die den Königssalut abgaben. Auf den Kais und in den Straßen bildeten Soldaten und Matrosen Spalier. Der König fuhr lebhaft begrüßt von einer zahlreichen Menge, nach dem Schloß und frühstückte bei dem Gouverneur.
— Der König von England wird in Rom am 27. d. Mts. eintreffen und bis zum 30. d. Mts. verweilen.
— Der römische Korrespondent des „B. T." feie5 graphiert: In der Umgebung des Papstes werde ein schleichender Kräfteverfall und eine Erschöpfung Leos konstatiert, die zu denken gebe. Man verhehlt sich nicht, daß die letzte Krankheit des heiligen Vaters doch ernster war, als die Aerzte angaben, und fürchtet, daß möglicherweise schon die nächsten Monate einen Wechsel auf den Stuhl Petri bringen können.
— Der Kaiser Nikolaus hat der Familie des verstorbenen Konsuls Schtscherbina ein Geschenk von lOüOO Rubel gemacht. Das Ministerium des Aeu- ßern entsandte einen Kammerherrn nach Tschernigow um einen Kranz am Sarge Schtscherbinas niederzu- legen.
— Auf den Aufzeichnungen der amerikanische!: Konsulate ist in den drei ersten Monaten de^ Jahres 103 der Wert der deutschen Ausfubr nach den Vereinigten Staaten um mehr als 17 Millionen Mark, nämlich von 23786000 Dollars auf 28t92000 Dolllus ‘ gcsuegeü Nach dem Bericht des Generalkonsuls der Vereinigten Staaten von Nordamerika in Coburg erreichte die Ausfuhr aus dem das Großherzogtum Sachsen und die Herzogtümer Sachsen-Meiningen, sowie Sachsen Coburg und Gotha umfas'enden Bezirk im ersten Viertel dieses Jahres 514163 Dollars gegen nur 360000 Dollar» im vorigen Jahre. Die hauptsächlichsten Ausfuhrartikel waren dem Wert nach solgende: Spielwaren, Porzellan und Steingut, Glas- waren, Baumwebe und -Garne, Wein, Bier und Branntwein, Marbeln von Porzellan und Glas, Gewehre sowie Stahl- und Eisenwaren.
— In deutschen Kreisen von Buenos Aires beabsichtigt man die Gründung eines germanischen Schutz- und Trutzbundes, der alle in Argentinien wohnenden Angehörigen germanischen Stammes, Reichsdeutsche, Deutsch-Oesterreicher, Schweizer, Skandinvier und Holländer, vereinigen soll. Nach den vorläufigen Satzungen, wie sie kürzlich vom Argentinischen Wochenblatt veröffentlicht wurden, bezweckt der Verein gegen- seitigen vermehrten Schutz der Deutschen und ihrer dächtig macht; Sie täten ihr einen bessern Dienst, wenn Sie ein Geständnis ablegten."
„Erna weiß, daß ich unschuldig bin; sie zeugt für mict;^ sie glaubt an mich!" rief Benno, und es ging wie Sonnenschein über sein bleiches finsteres Gesicht. „Sie meinen, ich solle um ihretwillen ein Geständnis ablegen? ich aber sage Ihnen: Um Erua's willen muß ich mich verteidigen bis aufs Aeußerste, und oie Wahrheit wird und muß an den Tag kommen. Meine Ehre ist die ihrige, ihr ruf der meine. Wieder gilt es zu kämpfen für die Reinheit der Namen Treuenfeld und Göldner, Gott wird mich dabei schützen, wie er mir schon einmal beigestanden hat."
Hoch erhobenen Hauptes verließ er das Verhörzimmer und ließ sich in sein Gefängnis zurückführen: der Richter blickte ihm nachdenklich nach; er sah voraus, daß ihm dieser Eisenkopf noch etwas zu schaffen machen werde.
Die Heirat des reichen alternden Herrn v. Rehfeld mit der jugendlichen Verwandten, die lange Zeit beinahe gleich einer Tochter in seinem Hause gehalten worden war, hatte in der ganzen Umgegend großes Aufsehen erregt und Anlaß zu vielerlei Vermutungen und Folgerungen gegeben. Was wollte dies aber bedeuten im Vergleich zu dem unerschöpflichen Gesprächsstoff, den die Nachricht bot, daß der Unglückliche Besitzer von Rehfelde auf seiner Hochzeitsreise von einem grausigen Schicksale erreicht worden sei und nicht lebend in die Heiniat zurückkehrte. (Forts, folgt.)