M 19. Samstag/den 7. März 1903. 54. Jahrgang.
*ag««Ma>%^^ SMM^ÄLFÄZ^W»MÄW»^^LLMWMKr^MMMWMWL8ÄWM^LÄ«MtKtM«MrMMAW^-- ''
Beftellunqen W ;M ' '' fortwährend von allen
Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Ex- pedition entgegengenommen.___________
Deutsches Reich.
— Der Kaiser, der Mittwoch Abend vor Helgoland eintraf, landete am Donnerstag bei Regenwetter an der Düne und besichtigte diese, sowie besonders die Dünenschutzbauten. In seiner Begleitung befanden sich der Großherzog von Oldenburg und Prinz Heinrich von Preußen. Am Freitag traf der Kaiser an Bord des Linienschiffes „Kaiser Wilhelm 11." in Bremer- haven ein. — Am Sonnabend, 7. März findet in Berlin die Huldigungsfahrt der Automobilisten vor dem Kaiser statt.
— Im Reichstag fand am 28. Febr. die Beratung über den Etat der Reichspost- und Telegraphen-Ver- wactung statt. Die Einnahmen aus Porto und Telegrammgebühren sind auf 425 Millionen -=■ 15 Mill. mehr als im Vorjahr — veranschlagt. Staatssekretär Kraetke hielt einen einleitenden Vortrag, auch über die Verhältnisse der Postassistenten und die Vermehrung etatsmäßiger Stellen. Es wird eine Vermehrung von 341 höheren Beamten-, 2001) Postassistenten- und 2729 Unterbeamtenstellen gefordert. Die Beratung wurde am 2. März beendet und die Vorlage genehmigt ebenso ohne Debatte der Etat der Reichsdruckerei. Das konservative Mitglied des Reichstags Herr v. Winterfeld hatte am 2. März seinen 80. Geburtstag, der Reichstag selbst hatte dem Kollegen auf seinem Platze einen schönen Blumenstrauß gestellt und der Präsident gedachte des noch jugendlich frischen Geburtstagskindes mit ehrenden Worten.
— Im Abgeordnetenhause kam am 2. März dD? Verbot des Trierer Bischofs Dr. Korum zur Sprache. Nach verschiedentlichen Aussprachen erklärt Ministerpräsident Graf Bülow, daß die Schuld an dem Konflikte in der Diözese Trier nach seinem pflichtgemäßen Ermessen lediglich den Herrn Bischof von Trier betrifft. Der Friede müsse auch von Seiten der Kirche und ihren Organen gewahrt werden. Wir leben in Preußen in einem konfessionell gemischten Staate und müssen uns ineinander schicken und den konfessionellen Zwiespalt vermeiden. Jeder Versuch, die Würde und die Rechte des Staates zu verletzen, würde mit Entschiedenheit zurückgewiesen, er hoffe, daß der bedauerliche Zwiespalt ohne weitere für die Beziehungen zwischen Staat und Kirche störenden und für die Allgemeinheit schädlichen Folgen bleibe. Der Herr Bischof habe es durch seine Reise nach Rom unmöglich gemacht mit ihm zu erörtern, der deutsche Gesandte beim päpstlichen Stuhle sei aber angewiesen, die Aufmerksamkeit der Kurie auf die Bedeutung dieses Falles zu lenken.
— Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht folgende Warnung:
„Personen, die nach Transvaal oder der Oranje- flußkolonie zu reisen beabsichtigen, werd« nachdrücklich davor gewarnt, die Ausreise anzutreten, wenn sie sich nicht zuvor vergewissert haben, daß ihnen der britische Erlaubnisschein/ der zum Eintritt nach Transvaal oder der Oraujeflußkolonie und zum Aufenthalte daselbst erforderlich ist, erteilt wird. Deutsche müssen zur Erlangung des Erlaubnisscheines (Permit) die Vermittelung der Kaiserlichen Konsularbehörden in Südafrika in Anspruch nehmen. Sie haben sich hierzu an dasjenige kaiserliche Konsultat zu wenden, das für den südafrikanischen Hafenplatz zuständig ist, von dem aus die Reise nach Transvaal oder der Oranjefluß- kolonie erfolgen soll.
In den Anträgen auf Erteilung eines Permit muß genau angegeben: ob der Erlaubnisschein für dauernden oder vorübergehenden Aufenthalt, in letzterem Falle für wie lange Zeit, gewünscht wird; der Ort, für den der Erlaubnisschein ausgestellt werden soll; der Name des Gesuchstellers und seiner Familienangehörigen (bei Kindern unter 16 Jahren genügt Angabe der Zahl); die gegenwärtige und die frühere Adresse des Gesuchstellers; ob der Gesuchsteller ein eigenes Geschäft oder eine feste Anstellung besitzt; ob er über die notwendigen Mittel zum Lebensunterhalte für sich und seine Familie verfügt, und ob er zwei gute Referenzen in Südafrika bezeichnen kann und welche.
Da von der britischen Regierung nur einer monat- weise begrenzten Anzahl von Personen die Reiseerlaubnis 'nach Transvaal und der Oranjeflußkolonie erteilt wird, läßt sich nicht bestimmen, wann jedes einzelne Gesuch zur Erledigung kommen kann. Es wird daher dringend empfohlen, die betreffenden Anträge so frühzeitig wie möglich bei dem zuständigen kaiserlichen Konsultat in Südafrika einzureichen.
— Nach dem Reichskasfen-Ausweis für die Zeit vom 1. April v. Js. bis 31. Januar d. I. wurden an Zöllen und Verbrauchssteuern exklusive Mark 69,396,574 Ausfuhr-Vergütungen Mk. 657,119,834 oder Alk. 13,440,450 mehr vereinnahmt. Post- und Telegraphen-Verwaltung erbrachte Mk. 368,9 Mill. oder Mk. 18,7 Millionen mehr. Die gesamte zur Reichskasse abgeführte Jsteinnahme beträgt Mk. 6732,2 Millionen oder Mk. 3,8 Millionen weniger als in bei» gleichen Zeitraum des Vorjahres.
— Die neue Krankenversicherungsnovelle, die vom Reichstag an eine Kommission verwiesen worden ist, will den Krankenkassen dreierlei Mehrleistungen auferlegen, unter denen die Kosten für die Ausdehnung der Krankenunterstützungsdauer auf die 14. bis einschließlich der 26. Krankheitswoche die weitaus bedeutendsten sind. Die Kostenerhöhung, die aus dieser Mehrbelastung sich ergeben würde, ist auf 11,8 Mill. Mark berechnet und dürfte um 10% der gesamten bisher aufgebrachten Kosten der Kassen herum aus- machen. Viele Krankenkassen haben bekanntlich bereits in ihren Satzungen eine mehr als 13 Wochen umfassende Unterstützungsdauer vorgesehen. Die Neu- belastung würde sich demgemäß bei den einzelnen Kassen recht verschieden gestalten. Für die Gemeindekrankenversicherung, die bisher fast durchweg eine Unterstützungsdauer von 13 Wochen vorsah, führt oie Ausdehnung der Unterstützung eine Erhöhung der Jahreskosten von 1,47 Mk. für jedes Mitglied herbei, so daß der Wochenbeitrag des Arbeitgebers und Versicherten bei Anrechnung von durchschnittlich jährlich 51 Beitragswochen (52 Kalenderwochen abzüglich einer Krankheitswoche) zusammen um 3 Pfg. zu erhöhen ist.
— Seit 1875 wird die Jrreustatistik in den preußischen Jrrenheil- und Pflegeanstalten mittels Zählkarten erhoben. Die Zahl dieser Anstalten war 19u0 auf 249 gestiegen. Entsprechend der Steigerung der Anstalten ist seitdem die Zahl ihrer Insassen erheblich gewachsen. Während 1875 nur 18,161 Fälle von Geisteskrankheit in den Irrenanstalten zur Behandlung gelangten, waren es 1900 deren bereits 76,342. Die Zahl der Fälle von Geisteskrankheit ist indeß nicht gleich mit der Anzahl von Personen, welche den Irrenanstalten behufs Heilung oder Pflege übergeben werden, weil es häufig vorkommt, daß die Geisteskranken innerhalb eines Jahres die Anstalten wechseln. So befau- hen sich im Jahre 1875 unter den Aufgenommenen 7,84 v. H. männliche und 8,87 v. H. weibliche Irre, welche bereits in anderen Anstalten gewesen waren; im Berichtsjahre stieg dieses Anteilverhältnis auf 23,13 für männliche und 22,52 für weibliche Geisteskranke. Unter Berücksichtigung des Wechsel der Anstalten belief sich demnach die Anzahl der Geisteskranken in den Irrenanstalten Preußens 1900 auf 70,958 (38,359 männliche und 32,599 weibliche), während sich 1875 nur 18,267 (9856 männliche und 8411 weibliche) solcher Kranken in Irrenanstalten befanden. Der Zugang allein ist von 5479 Personen im Jahre 1«75 auf 18,155 im Jahre 1900 gestiegen. Unter loO Geisteskranken, welche 1900 in den preußischen Irren- anstalten Aufnahme gefunden hatten, befanden sich tote 1875 58 Männer und 42 Frauen._______
Ausland.
— Die Kommission des internationalen Friedensbureaus hat im Korrespvndenzwege den 12. Weltfriedenskongreß einstimmig auf den nächsten September angesetzt. Die Kommission wird sich am 30. Mai 1903 in Bern versammeln, um Ort, Dauer und Tagesordnung des Kongresses genau und endgiltig festzusetzen.
— Der Papst hat am 3. März als den fünfundzwanzigsten Jahrestage seiner Krönung in der St. Peterskirche in Rom eine Danksagungsmesse celebrirt. Es hatten sich dazu ungefähr 60,000 Menschen iw Petersdome eingefunden, welche den ehrwürdigen
Jubelgreis mit großer Freude begrüßten. Am 2. März begann Leo XIII. sei vierundneunzigstes Lebensjahr. Vor ihm haben nur zwei Päpste das dreiundneunzigste Lebensjahr überschritten: Gregor IX. und der heilige Agathon, der als hundertundsiebenjähriger starb.
— Das österreichische Herrenhaus hat eine neue Wehrvorlage und die Erhöhung des Rekrutenkontingents angenommen, dieselbe muß nun auch noch vom ungarischen Parlament angenommen werden, wenn sie ausgeübt werden soll, da das Heer gemeinsam ist und Ungarn 35 Prozent, Oesterreich 65 Prozent zu den Kosten beiträgt. In Oesterreich werden aber bereits im März die erhöhte Anzahl von Rekruten ausgehoben.
— Vorige Woche hat ein großer Sturm in England und Schottland ungeheuren Schaden angerichtet. Unter der Wucht des Windes stürzten viele Häuser zusammen, Dächer wurden abgedeckt, Landungsbrücken und Molen arg beschädigt, Fabrikschornsteine und Kirchtürme umgeknickt. Zahlreiche Schiffe sind zu Grunde gegangen, barunter drei Dampfer und kleine Fahrzeuge, deren Mannschaften gerettet wurden. Aus der Furneßlinie wurde zwischen Cark und Ulverstone ein ganzer Eisenbahnzug, als er gerade über den Levenfluß fuhr, umgeworfen. Dabei wurden 32 Personen verletzt, vier werden vermißt. Sie dürften in den Wellen des Flusses ihren Tod gefunden haben. Es war ein gräßliches Unwetter. Auch in Amerika hat der große Sturm eine Menge Schäden verursacht, auch sind einige Unglücksfülle vorgekommen.
Males und Provinzielles.
* Schlüchtern, 6. März 1903.
—* Der Fernsprechverkehr zwischen Schlüchtern und Heldenbergen ist zugelassen worden. Die Gebühr für ein gewöhnliches Gespräch bis zur Dauer von 3 Minuten beträgt 25 Pfg.
—* Nachdem im Ober-Postvirektionsbezirk Cassel die Fernsprech-Bauarbeiten für das vom 1. April 19u2 bis 1. April 1903 laufende Rechnungsjahr inzwischen eingestellt sind, werden nach einer den Postanstalten zugegangenen Anordnung, neue Fernsprech-Anschlüsse vor dem 1. April dieses Jahres nicht mehr Hergestell l, Zur Ausführung im laufenden Jahre innerhalb des ersten, die Monate April bis Juli umfassenden Bauabschnitts, gelangen in der Regel nur solche Neuan- meldungeu zu Fernsprechanschlüssen zur Vormerkung, welche bis zum 10. März vorliegen. Für alle, welche auf die Herstellung eines Fernsprechanschlusses in der Zeit vom 1. April bis Ende Juli Wert legen, empfiehlt es sich daher, sich möglichst bald über die Anmeldung schlüssig zu machen. Die Anmeldungen werden von den Postämtern, an welche der Anschluß gewünscht wird entgegengenomm en. Die erforderlichen Amnelde- papiere können ebenda bezogen werden.
—* Eine Zählung der Veteranen findet zur Zeit im ganzen Deutschen Reiche statt. Diese Zählung ist naturgemäß mit gar mancherlei Schwierigkeiten und Umständlichkeiten verknüpft, zumal ein großer Teil der Veteranen nicht Kriegervereinen angehört und daher sehr leicht der Fall eintreten kann, daß eine Anzahl Veteranen ungezählt bleibt. Um aber eine ganz genaue Feststellung unserer noch lebenden Krieger aus der großen Zeit von 1870 bis 1871 zu ermöglichen, seien alle Veteranen erneut auf diese Zählung aufmerksam gemacht.
—* Zur Vertreibung von Ratten und Mäusen empfiehlt sich an Stelle des von Kammerjägern verwendeten Arseniks, dessen Verschleppung leicht böse Folgen für Federvieh und andere Haustiere haben kann, die Meerzwiebel, welche man in allen Apotheken und Drogenhandlungen kaufen kann. Eine Anzahl davon wird fein geschnitten und mit Mehl, Wasser und reichlich Speckschinken zum Teig gerührt. Man bückt davon mehrere Pfannkuchen, die man mehrere Nächte an den von den Nagetieren heimgesuchten Orten aufstellt. Die Tiere werden, durch deu Speckduft angezogen, gierig darüber herfallen, und — wenn nicht für immer, so doch für lange Zeit —verschwinden. Auch das Anfüllen der Löcher und Gänge der ungebetenen Gäste mit einem Brei, den man aus Chlorkalk mit Wasser zusammenrührt, erweist sich als zweckdienlich.
* Am Sonntag den 15. b. Bits, wird in Ulmbach eine weltliche Feier des Papstjubiläums Veranstalter