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Samstag, den 28. Februar 1903.
54. Jahrgang.
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Deutsches Reich
— Der Kaiser hatte am 25. Febr. eine Konferenz mit dem Reichskanzler Grafen Bülow und hörte im Schloß die Vorträge des Hausministers v. Wedel, des Stellvertreters des Chefs des Zivilkabinetts Geh. Regierungsrats Mießner.
Der Königliche Hof legt für den Herzog Nikolaus von Württemberg die Trauer auf fünf Tage an, also bis einschließlich den 1. März d. J.
— Reichstag. Am 23. Februar wurde bei einer Anwesenheit von nur 14 Mitgliedern die Spezial- berstung des Etats des Reichsamts des Innern fortgesetzt beim Kapitel „Reichsgesundheitsamt". Man sprach über Einrichtungen in den Krankenhäusern und Irrenanstalten, dann über die in dem Ruhrgebiet unter den Bergarbeitern aufgetretene Wurmkrankheit.
Am 24. Febr. werden die Beratungen über die dauernden Ausgaben für das Reichsgesundheitsamt fortgesetzt. Es wird über Tierseuchen, Milzbrand- gefahr, Maul- u. Klauenseuche gesprochen. Staatssekretär Graf Posadowsky teilt mit, daß die strengen Maßregeln für die Landwirtschaft segensreich wirken, wenn auch einzelnen Gehöften durch scharfe Sperr- maßregeln Opfer auferlegt werden, hinsichtlich Verhütung von Miizbranderkrankungen tut das Reichsgesundheitsamt alles Zulässige. Auf eine Anfrage erwidert der Staatssekretär, daß hinsichtlich des Verkaufs von konzentrierter Essigsäure sog. Essigessenz eine allgemeine Regelung in Aussicht genommen sei. Dann folgt eine Besprechung des Weingesetzes, aus welcher hervorgeht, daß die Kontrolle über den Wein den einzelnen Bundesstaaten zusteht und die Kontrolle verschiedenartig gehandhabt wird, einheitliche Grundsätze über die Untersuchung des Weines jedoch längst existieren und wir seit 2 Jahren ein sehr strenges Weingesetz haben, welches uns vor Fälschungen bewahrt.
— Im Abgeordnetenhaus nahmen am 23. Febr. die Beratungen über die „Eisenbahnverwaltung" ihren Anfang. Minister Budde hielt seine Antrittsrede und führte aus, daß er gewillt sei die Leitung der Eisenbahnverwaltung nach dem alten bewährten System weiter zu führen und gerne Reformen einführen wolle, sofern sich dieselben als notwendig erweisen und auf der andern Seite keine schädigenden Wirkungen hervorbringen, er hoffe, die Eisenbahnen zu einer bevorzugten Lebensader des Landes zu machen und als das Rückgrat der preußischen Staatsfinanzen zu erhalten. Diese Ausführungen des Ministers werden mit großem Beifall ausgenommen.
Am 24. wird die Debatte über Eisenbahnverwaltung fortgesetzt und über Gütertarife und eine Personenverkehrsreform gesprochen, weiter über die politischen Verhältnisse der Bahnbeamten, und deren Staatsbürgerlichen Rechte. Minister Budde erklärt, daß er die Koalitionsfreiheit der Eisenbahnarbeiter nicht anfasse und verliest die Bestimmungen des Arbeitsvertrages der Eisenbahnverwaltung. Die politischen Gesinnungen des Einzelnen seien ihm gleichgültig, aber er verlange Ordnung und Disziplin im Betriebe der Staatsbahnverwaltung.
— Der Erbprinz und die Erbprinzessin von Sachsen- Meiningen feierten am 21. Febr. in Breslau ihre silberne Hochzeit. Der Oberpräsident von Schlesien, die Spitzen sämtlicher Behörden, Vertreter des Magistrats, der Universität Breslau, eine Abordnung des Herzogtums und der Stadt Meiningen, sowie Abordnungen verschiedener Regimenter und zahlreicher Vereine brachten dem hohen Paare ihre Glückwünsche dar.
— Am Montag ist Herzog Nikolaus von Württemberg seiner vor etwa vierzehn Tagen erfolgten schweren Erkrankung auf seinem Schlosse Karlsruhe in Schlesien erlegen. Der Herzog, welcher im 70. Lebensjahre stand und mit der ihm schon im Jahre 1892 in den Tod vorauf gegangenen Herzogin Wilhelmine von Württemberg in kinderlos gebliebener Ehe vermählt war, war der letzte protestantische Amvärter auf den Stuttgarter Thron. Wegen des hohen Alters des nunmehrigen Thronfolgers Herzogs Philipp wird dessen Sohn, der Generalleutnant und Kommandeur der 26.
Division Herzog Albrecht als Zukünftiger Herrscher des Königreichs Württemberg angesehen. — Herzog Nikolaus wird auf seiner schlesischen Besitzung im Beisein des Königs von Württemberg und des Herzogs Albrecht zur letzten Ruhe bestattet werden.
— Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 16. Februar, welche lautet: Nachdem die zwischen Deutschland und Venezuela entstandenen Streitigkeiten beigelegt sind, ist die von den deutschen Seestreitkräften über die Häfen Puerto Cabello und Maracaibo verhängte Blockade aufgehoben worden. Daran anschließend teilt der „Reichsanzeiger" mit, daß nach amtlichen Mitteilungen Englands bezw. Italiens auch die seitens der See streitkräfte dieser Staaten verhängte Blockade aufgehoben worden ist.
— Die diesjährige Hauptversammlung des Deutschen Flottenvereins findet am Sonntag, 29. März, in München statt.
— Die Uebungsfahrt unserer heimischen Schlachtflotte nach dem Atlantischen Ozean wird am 4. Mai angetreten. Die Heimkehr erfolgt Mitte Juni.
— Der Regierungspräsident Dr. Kruse von Bromberg, der schon lange den Wunsch hat, von dort fort fortzukommen, wird binnen Kurzem nach dem Westen in ein gleiches Amt versetzt werden, wahrscheinlich nach Düsseldorf oder Arnsberg. Uebrigens ist Dr. Kruse für die Neubesetzung des Posener Ober- präsidiums in Betracht gekommen. ________
— Ausland.
- Der „Times" wird aus Moskau gemeldet: Alle Voreehrungen sind zur Einberufung von 100000 Reservisten der ersten und 180000 Reservisten der zweiten Klasse innerhalb 14 Tagen getroffen.
— Die Tschechen haben mit einer Agitation gegen die von Deutschen verwaltete „Böhmische Sparkasse" in Prag eine große Aufregung hervorgerufen. Es ist das Gerücht ausgesprengt worden, die Sparkasse sei finanziell ruiniert. Dieses hatte einen aufregenden Ansturm der Einzahler zur Folge, welche ihre Einlagen zurückforderten, es herrschte in den großen Räumen ein lebensgefährliches Gedränge, mehrere Frauen fielen in Ohnmacht. Die Auszahlung erfolgte anstandslos, es wurden über 10 Millionen Kronen ausbezahlt. Der Statthalter als Oberprokuraror der Sparkasse erließ eine Bekanntmachung, in der die Gerüchte über angebliche Verluste der Sparkasse entschieden für unbegründet erklärt werden und hinzugefügt wird, daß die Sparkasse für alle Einlagen die denkbar größte Sicherheit bietet.______
IX. Provinziallandtag für Hessen-Nassau.
(Schluß.)
Der Berichterstatter Dr. Flesch-Franksurt betont, die Armengesetzgebung gebe hier nicht den richtigen Rückhalt. Jene unterstütze nur da, wo der Betreffende gearbeitet habe; hier aber handle es sich um solche Personen, die, da wo sie Hilfe heischen, überhaupt noch nicht gearbeitet haben, vielleicht auch eben da nicht Arbeit suchen wollen. Es habe in der Kommission Einigkeit darüber geherrscht, daß man sich der Mithilfe des Staates versichern müsse, einmal durch Erleichterung des Nachweises von Arbeitsgelegenheit in Benutzung des Telefons und der Telegraphie, Verbilligung der Ueberführung Arbeitswilliger nach den Arbeitsstätten, sodann aber durch Beteiligung an den Kosten der Organisation im Allgemeinen. Der Referent empfiehlt folgenden Antrag der Kommission zur Annahme: „Der Provinziallandtag hält in Anerkennung der Notwendigkeit von Einrichtungen zur Unterstützung Arbeitsuchender außerhab ihres Wohnortes und in Würdigung der in der Petition des Verbandes der Verpflegungsstationen im Großherzogtum Hessen und der preußischen Provinz Hessen-Nassau gegebenen Darlegungen eine baldige gesetzliche Regelung der Fürsorge für Arbeitsuchende, sei es für das ganze Staatsgebiet, sei es für einzelne Provinzen, dringend erforderlich, kann sich jedoch nur im Falle erheblicher finanzieller Beteiligung des Staates an den Kosten für eine solche aussprechen."
Abg. Vogt-Cassel ist gegen die Annahme des Antrages, weil der Staat seine Mitwirkung durch Hergabe großer Mittel versagen werde und dann das Ganze nur ein Schlag ins Wasser sein würde.
Abg. Dr. Geiger-Frankfurt a. M. hält es auch für das beste, wenn man einfach über den Antrag zur
Tagesordnung überginge. Man habe schon genug an polizeilicher Reglementierung und an den den Gemeinden und Kreisen auferlegten Lasten. Zudem sei die Sache nicht spruchreif. Auch müsse er, ohne der schriftstellerischen Ehre der Verfasser zu nahe treten zu wollen, gestehen, daß die Resolution recht herzlich schlecht stilisiert sei. Wenn wir die Resolution also einfach ablehnen, entgehen wir der Gefahr, etwas stilistisch Fehlerhaftes geleistet zu haben.
Abg. von Pappenheim, der das Präsidium seinem Stellvertreter Dr. Humser-Frankfurt übergeben hat, bemerkt, es handle sich hier um die Beseitigung von üblen Folgeerscheinungen der Einführung der Freizügigkeit. Herr Dr. Geiger müßte einmal hinauskommen aufs Land und sich von dem Elend überzeugen. In Cassel auf der Königstraße und in Frankfurt auf der Zeil sehe man solche Leute nicht, wie sie das Land überschwemmen. Das seien durchaus keine Vagabunden von Profession, sondern arbeitswillige und tüchtige Leute, denen ihr Verdienst genommen. Es handle sich hier also um die Erfüllung eines sozialpolitischen Problems, wohl des Schweißes des Edlen wert.
Oberpräsident Graf Zedlitz-Trützschler: Die im Laufe der Debatte aufgestellte Behauptung, daß die Wanderbettelei innerhalb der letzten zehn Jahre zugenommen, erachte er nicht für zutreffend; erst in den letzten Jahren seien die Schwierigkeiten des Arbeitsmarkts hervorgetreten, vorher habe überreichliche Arbeitsgelegenheit bestanden. Das ist ein Argument von schwerster Bedeutung bei Beurteilung der Frage, daß es sich nicht um gewerbsmäßige Bettler handelt, sondern um Leute, ve? :e die Macht der Verhältnisse auf die Straße g&rat$‘. Nun ist es von äußerster Wichtigkeit, derartigen Elementen die Hand zu reichen, damit sie bald wieder in geordnete Verhältnisse eintreten können. Deswegen ist mir die gegebene Anregung auch so sympatisch. Es soll nicht der einseitige Typus der Wanderarbeitsstätten, sondern überhaupt die Organisation des Arbeitsmarktes erstrebt werden, um die Verhinderung der Arbeitslosigkeit zu bewirken. Hier liegt eine Angelegenheit vor, die weder der Staat, noch die Kommune allein lösen kann, beide müssen zusammengehen.
Abg. Dr. Albertie-Wiesbaden stellt den Antrag, den Schlußsatz dahin zu mildern, daß der Provinziallandtag die Angelegenheit nur im Falle erheblicher finanzieller Beteiligung des Staates an den Kosten für eine solche Einrichtung für durchführbar hält.
Nach weiterer Debatte wird der Kommissionsantrag mit der von Alberti beantragten Aenderung angenommen.
Damit ist die Tagesordnung erschöpft. Die Session wird mit einer Ansprache des Oberpräsidenten ge- schlossen.______________
Lokaes und Provinzielles.
* Schlüchtern, 27. Februar 1903.
~ * Am 3. März d. I. findet der erste diesjährige Viehmarkt für Schlüchtern in der Hanauerstraße statt.
—* Freitag, den 6. März finden hier Kinematographische Vorführungen desg Deutschen Flotten- Vereins statt. Der Kinematograph, dieser Apparat von hervorragender Vollendung, wird uns in den nächsten Tagen im lebenden Bilde vieles auf das Seewesen bezügliche, eine Gefechtsübung, Vorgänge an Bord aus dem Leben der Matrosen u. dgl. vorführen. Für den Freund der Flottenbewegung versprechen die Darstellungen hohen Genuß; für jeden aber kann es nur von größtem Interesse sein, der brennenden Frage auf diese zugleich belehrende und unterhaltende Weise näherzutreten, das Urteil über Seewesen und alles damit Zusammenhängende zu klären. Wir können deshalb den Besuch dieser Veranstaltung des Deutschen Flotten-Verems nur auf das Angelegentlichste empfehlen. (Näheres im Inseratenteil.)
-* Wie wir hören, wird der Zug Nr. 1004 welcher mittags 1 Uhr die Haltestelle Mottgers passiert vom 1. Mai d. I. ab dort anhalten.
—* Wir wollen nicht versäumen, auch an dieser Stelle auf das am nächsten Sonntag stattfindende Konzert des hiesigen Seminars in der Aula aufmerksam zu machen. Wie aus den früheren Jahren bekannt, freute man sich stets auf diesen seltenen Genuß und mit voller Befriedigung kehrten stets alle Besucher oieses Konzertes heim.