chlWenmMnmg
Erschtint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 12.
Mittwoch, den 11. Februar 1903.
Beftelluuqen M «
1 ' fortwährend von allen
Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Ex- pedition entgegengenommen.____
Deutsches Reich
— Der Kaiser trifft zur Rekrutenvereidigung am 3. März in Wilhelmshaven ein.
— Prinz Adalbert, der drittälteste Sohn . des kaiserlichen Paares, wird, einer Meldung aus Kiel zufolge, im Monat März ds. Js. mit den übrigen Fähnrichen seines Jahrganges (1901) die Seevffiziers- prüfung ablegen. Im Sommer dieses Jahres erhält der Prinz in Absolvierung der vorgeschriebenen Spe- zialkurse (Artillerie, Torpedowesen, Funkentelegraphie) verschiedene Kommandos an Bord S. M. S. „Mars" oder der „Olga" und des in Flensburg stationierten „Blücher".
— Im Reichstage ist am 6. Februar nach 4täg. Sitzung das Gehalt des Reichskanzlers und die Ausgaben für die Reichskanzlei einstimmig bewilligt worden. Der Reichstag hatte in den letzten Tagen unter den vielen Vielrednern schwer zu leiden, daher wurde alles so in die Länge gezogen. Das Haus war auch immer schwach besucht.
— Im Abgeordnetenhaus wird durch die Erörterung der verschiedenen „Fälle" (Löhning, Trakehnen, von Willich) die Etatsberatung wesentlich in die Länge gezogen. Bisher ist eine Abkürzung der Etatsverhandlungen gegen das vorige Jahr nicht erfolgt, und inr Jahre 1902 haben diese Verhandlungen eine längere Zeit beansprucht als je. Zunächst dauert die zweite Beratung des Etats des Ministeriums des Innern fort. Dieselbe wird voraussichtlich noch einige Tage dieser Woche in Anspruch nehmen. Am 10. Februar fiel die Plenarsitzung aus, damit die Budgetkommission den Eisenbahnetat beraten kann. Am Mittwoch wird die Etatsberatung fortgesetzt werden, und zwar kommt nach dem Ministerium des Innern der Justizetat an die Reihe. Nach der Erledigung dieses Etats sollen die verschiedenen eingegangenen Gesetzentwürfe (Aus- gleichsfoud, Ausführungsgesetz für das Reichsseuchen- gesetz) in erster Lesung beraten werden, damit sie den Kommissionen zugewiesen werden, und diese rechtzeitig ihre Arbeiten beginnen können.
— Der dem Landtag zugegangene Entwurf eines Ausführungsgesetzes zum Gesetz über die Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten bestimmt über die Anzeigepflicht u. A. Folgendes:
Außer den in dem § 1 des Reichesgesetzes aufge- führten Fällen der Anzeigepflicht—bei Aussatz (Lepra), Cholera (asiatischer), Fleckfieber (Flecktyphus), Gelbfieber, Pest (orientalischer Beulenpest), Pocken (Blattern) - ist jede Erkrankung und jeder Todesfall an:
Line Hochzeitsreise Erzählung von F. Arnefeldt.
(Nachdruck verboten) Fortsetzung.
„Sogleich! auf der Stelle!" rief Beuno, und schon schwoll die Zornader auf seiner Stirn; „glauben Sie, ich vermöchte in der Heimat zu ruhen, ich vermöchte einen Bissen zu genießen, ehe ich erfahren, wie es geschehen daß mein ehrenwerter Name befleck, ist, daß tch mein Haupt nicht mehr frei erheben kann?"
„Du, Benno, Du?" entgegnete Göldner, „Du bist schuldlos."
„Heiße ich nicht Treuenfesd ?" entgegnete der junge Mann bitter lackend ; „bin ich nicht der Erbe der Firma, die jetzt — jetzt - - in der Konkurse figuriert", brächte er mit Anstrengung heraus. „Das Verhängnis bricht über mich herein in seiner ganzen Schwere; ich muß, ich will es auf mich nehmen in allen feinen Folgen; vor allen Dingen muß ich aber klar sehen."
„Das sollst Du auch. Benno, die Einsicht in die Bücher flieht Dir frei, Du wirst bemerken, daß lch Deinen Vorteil redlich bewahrt habe; Du bist als einer der Hauptgläubiger angemeldet."
„3$!“ schrie Benno auf.
„Gewiß. Du warst minderjährig. Dein Vermögen wurde von mir verwaltet.
„Auch das noch!" rief der junge Mann, heftig auffahrend; aber er bezwäng sich.
„Davon später", sagte er gelassener, „die Bücher
Diphtherie (Rachenbräune), Genickstarre, übertragbarer, Kindbettfieber (Wochenbett-, Puerperalfieber), Körnerkrankheit (Granulöse, Trachom), Lungen- und Kehl- kopsstuberkulose (die Erkrankung jedoch nur, wenn ein an vorgeschrittener Lungen- und Kehlkopfs- tuberkulose Erkrankter feine Wohnung wechselt), Rück« fallfieber (Febris reccurens), Ruhr, übertragbarer (Dysenterie), Scharlach (Scharlachfieber), Geschlechtskrankheiten bei Personen, welche gewerbsmäßig Unzucht treiben, Typhus (Unterleibstyphus), Milzbrand, Rotz, Tollwut (Lyssa), Fleisch-, Fisch- und Wurstvergiftung, Trichinose, sowie jeder Fall, welcher den Verdacht von Kindbettfieber, Typhus oder Rotz erweckt, der für den Aufenthaltsort des Erkrankten oder den Sterbeort zuständigen Polizeibehörde unverzüglich anzuzeigen.
Wechselt der Erkrankte die Wohnung oder den Aufenthaltsort, so ist dies unverzüglich bei der Polizeibehörde, bei einem Wechsel des Aufenthaltsortes auch bei derjenigen des neuen Aufenthaltortes, zur Anzeige zu bringen.
Zur Anzeige verpflichtet sind: 1. der zugezogene Arzt, 2. der Haushaltungsvorstand, 3. jede sonst mit der Behandlung oder Pflege des Erkrankten beschäftigte Person, 4. derjenige, in dessen Wohnung ober Behausung der Erkrankungs- oder Todesfall sich ereignet hat, 5. der Leichenschauer.
Die andern Abschnitte regeln die Ermittelung der Krankheit, die Schutzmaßregeln, das Verfahren der Behörden, Entschädigungen, die Kosten und Strafen.
— Reichskanzler Graf Bülow hielt beim Festmahl des deutschen Landwirtschaftsrats eine Ansprache und sagte dabei folgendes: Seit ich das letzte Mal in Ihrer Mitte weilte, ist nach heißen Kämpfen der Zolltarif Gesetz geworden. Lang und dornenvoll war der Weg und in der Geschichte unserer Reichsgesetzgebung wird die Feststellung des neuen Zolltarifs zu den schwierigsten Aufgaben gezählt werden. Bei diesem Rückblick ist es mir ein Bedürfnis, von dieser Stelle aus allen Landwirten zu danken, die zum Zustandekommen des Zolltarifs mitgewirkt haben. Daß der neue. Tarif der Landwirtschaft wesentliche Vorteile bringt, ist unbestreitbar. Brauch ich im einzelnen daran zu erinnern, daß für nahezu alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse der Zollschutz erheblich verstärkt worden ist, daß vor allem für die vier Hauptgetreidearten Mindest- zölle gesetzlich festgelegt sind, die gegen die jetzt geltenden Vertragssätze den Zoll für die Tonne Weizen um 20 Mk., für die Tonne Roggen um 15 Mk., für die Tonne Hafer um 22 Mk. und für die Tonne Braugerste um 20 Mk. erhöhen, an die Wertzölle für Pferde und die Gewichtszölle für alle anderen Viehgattungen? Der Zolltarif kommt in erster Linie der Landwirtschaft zugute und wir werden bei den Handelsvertragsunter- han siungen die Interessen der Landwirtschaft mit besonderem Nachdruck vertreten. Daß nicht alle Wünsche flurchzustudieren, werde ich Zeit genug haben; jetzt aber will ich aus Ihrem Munde hören, was Sie aus dem Hause Treuenfeld und Göldner gemacht haben."
Er setzte sich auf den Stuhl auf der anderen Seite des Doppelpultes, den Stuhl, auf dem, fo lange er hier stand, immer ein Treuenfeld gesessen hatte, der seit seines Vaters Tode unbesetzt geblieben war, den er in Ehren einzunehmen gehofft hatte.
„Sprechen Sie! gebot eBkurz
Noch immer zögerte Göldner. „Benno, ich kann nicht, habe Mitleid, bat er.
Dem jungen Manne ward es weh um's Herz, als er die bittende, klagende Stimme des Mannes vernahm, den er stets nur stolz und selbstbewußt vor sich gesehen hatte; schon wollte er ihm willfahren, da fiel sein Blick auf die Bildnisse seiner Vorfahren, auf das ernste Gesicht seines Vaters, dessen Porträt als das letzte in der Reihe hing.
„Ich stehe hier in ihrem Namen", sprach er zu sich, und muß tun, was sie getan haben würden, ohne Schwäche, ohne Rücksichten. „Sprechen Sie", wiederholte er laut; aber sein Ton klang milder. „Ich will nicht hart sein, aber ich muß wissen, was geschehen ist. Begreifen Sie denn nicht, daß ich während der Meise Folterqualen gelitten habe? Endlich will ich wenigstens der marternden Ungewißheit ledig sein. Machen Sie es kurz, die Einzelheiten erfahre ich später."
„So sei es denn!" seufzte Göldner, einsehend, daß hier kein Entrinnen möglich wäre, und mit leiser Stimme,
54. Jahrgang.
der Landwirtschaft erfüllt werden konnten, weiß ich so gut, wie irgend ein Landwirt, aber das ist kein Grund zum Undank — ich scheue mich nicht, das Wort aus- zusprechen — gegen Diejenigen, die den Tarif mit größter Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit vorbereitet, mit pflichttreuem Eifer vertreten, mit ihrer Verantwortung gedeckt und ihre ganze politische Stellung für ihn eingesetzt haben. Dabei denke ich nicht nur an Minister und Staatssekretäre, sondern ebenso an diejenigen Parlamentarier, Politiker und Landwirte, die für den Tarif gestritten haben. Mit verstärktem Zoll- schutz ist es nicht getan. Das erkennt niemand bereitwilliger an als ich. Das ist von meiner Seite keine allgemeine Redewendung, sondern ich denke dabei an konkrete Maßnahmen, vornehmlich an die Verbesserung der Verkehrsverhältnisse auf dem Lande durch den Bau neuer Schienenwege und befestigter Straßen, an eine kräftige innere Kolonisation und an die Hebung des technischen Betriebes der Landwirtschaft, namentlich auch in den Greifen des kleinen bäuerlichen Besitzes, an eine intensive Förderung des landwirtschaftlichen Bildungswesens, des Genossenschaftswesens und der Landesmeliorationen, an die Hebung der Viehzucht, besonders durch wirksame Bekämpfung der Viehseuchen mit den neueren Erfahrungen der Wissenschaft. Vor uns liegt ein weites Feld für eine ersprießliche Tätigkeit von Reich und Staat in verständnisvollem Zusammenwirken mit den geordneten Vertretungen der Landwirtschaft.
— Die frühere Kronprinzessin von Sachsen ihrem Schicksal nicht entgangen, bittere Reue über ihr verwerfliches Tun zu empfinden und sieht jetzt ein, was sie sich mit ihrer Untreue und mit ihrem verbrecherischen Treiben eingebrockt hat. Es ist ihr und ihrem Lieb- haoer Giron gegangen, wie es immer in solchen Fällen geht, nach kürzen Liebeleien folgt die entnüchternde Moral und die gegenseitige Nichtachtung tritt ein. So ging es auch hier. Alle Beziehungen zwischen der Prinzessin und Giron sind abgebrochen. Giron ist nach Brüssel zu seiner Familie gereist. Prinzessin Luise, welche noch in Genf weilt, hat nach Dresden um die Erlaubnis gebeten am Krankenbette ihres Sohnes weilen zu dürfen, sie ist aber abschlägig befchieden worden. In der sächsischen Hauptstadt ist für - Verirrte, selbst am Krankenlager ihres Kindes, kein Platz mehr, nachdem sie eine höhere Krone als die des Sachsenlandes, die der Mutterwürde, von sich geworfen hat. Vermutlich wird ihr irgendwo in weltabgeschiedener Stille die neue Heimat bereitet werden, wo sie vielleicht in Zukunft einmal ihre Kinder Wiedersehen darf.
Ausland.
— Der Vorstand der Gemeindearbeiter-Organisation beschloß in Amsterdam, daß am Montag die Arbeit vorerst geregelt fortgesetzt und daß die Antwort der Behörde abgewartet werden soll. Vorher hatte die mit vielen Umschweifen und Beschönigungen legte er sein Geständnis ab.
Während der langen Tage der Ueberfahrt, während der Nächte, die er zum Teil schlaflos in seiner Kajüte verbracht hatte, war Benno alle Möglichkeiten durchgegangen, welche den Fall des alten festgegründeten Hauses herbeigeführt haben könnten. Wohl vertraut mit dem Markte, hatte er alle Konjunkturen berechnet, die möglicherweise große Verluste im Gefolge gehabt; er war darauf gefaßt gewesen, zu hören, daß Göldner leichtsinnig Kredit gewährt habe und durch Fallissement« um grvße Summen gekommen fei; er hatte sogar das Geständnis erwartet, daß Spekulationen gewagt worden und fehlgeschlagen seien, und alle diese Dinge kamen in dem Bekenntnis seines Pflegevaters in der Tat auch vor; sie erklärten aber immer noch nicht den Ziflammen- bruch des Hauses. Der eigentliche Grund dafür lag auf einer ganz anderen Seite und darauf war Benno allerdings nicht vorbereitet gewesen.
Göldner hatte sein und seines Mündels Vermögen nicht in seinem Geschäfte, sondern an der Börse verloren. Seit Jahren hatte er dort schon spekuliert, anfangs mit stetem Glück, später mit wechsendem Erfolge. Je näher der Zeitpunkt von Benno's Eintritt in das Geschäft rückte, um so waghalsiger waren GöldnerP Spekulationen geworden; er wollte dem Mündel eine glänzende Vermögenslage überliefern, ohne ihm die Quelle zu nennen, aus welcher der Reichtum geflossen.
(Fortsetzung folgt.)