Deutsches Reich
— Der Kaiser, die Kaiserin und die drei ältesten Prinzen nahmen am Sylvester-Morgen das hl. Abendmahl. Bei Beginn des neuen Jahres beglückwünschte sich die kaiserliche Familie gegenseitig. Die Christbäume erstrahlten noch einmal in vollem Glänze. Am Neujahrsmorgen kam die kaiserliche Familie nach Berlin und wohnte dem Festgottesdienste in der Schloßkapelle bei. Hieran reihte sich die große Gratnlativnseour im Weißen Saale.
— Der König von Sachsen ist seit mehreren Wochen erkrankt, sein Zustand hat sich leider sehr verschlimmert, jedenfalls haben die letzten erschütternden Ereignisse am sächsischen Hofe dazu beigetragen. Das Haupterfordernis für den hohen Kranken soll Einhaltung allerstreugiter Ruhe sein.
- - Das Krönungs- und Ordensfest wird am Sonntag, den 18. Januar, an welchem Tage dasselbe im Jahre 1701 durch König Friedrich I. gestiftet wurde, gefeiert. Am Freitag, den 16. Januar, wird der Kaiser an einer Anzahl von Rittern des Schwarzen Adler-Ordens die Investitur vornehmen und ein Ordenskapitel abhalten.
■— Der nach Ostafrika in See gegangene Kreuzer „Sperber" gebt auf Befehl des Kaisers zunächst nach Venezuela.
— Die neuen Marineforderungen für 1903 sind: Zwei Linienschiffe „M" „N", der Panzerkreuzer „M" und „N" und eine Torpedodivision.
— Nachdem die verbündeten Regierungen in der Sitzung des Bundesrats Dom 18. Dezember die Ein- führung einer einheitlichen Rechtschreibung, vereinbart haben, hat das preußische Staatsministerium in seiner letzten Sitzung vor dem Feste beschlossen, daß für die Schreibweise in dem amtlichen Verkehr der Behörden vom 1. Januar 1903 ab die im Weidmannschen Verlage J 902 erschienenen „Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis" maßgebend sein sollen. Die vereinbarte, auch von Oesterreich und der Schweiz gutgeheißene Rechtschreibung wird also fortan in allen Reinschriften und Veröffentlichungen der staatlichen Behörden angewandt, und es darf gehofft werden, daß auch die kommunalen und sonstigen nichtstaatlichen Behörden sich derselben ir dem vorbezeichneten Umfange bedienen werden. Am 1. April werden die Schulen mit der Einführung der neuen Rechtschreibung Nachfolgen.
— Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, im Oktober 1903 als Zweijährig-Freiwillige bei dem Garde-Jägerbataillon einzutreten, werden gebeten, sich möglichst am 2., 3. oder 4. Februar zum Zwecke der ärztlichen Untersuchung unter Vorlegung eines Melde- scheins auf dem Geschäftszimmer des Bataillons in Potsdam zu melden. Das Mindestmaß beträgt 1,67 Meter Es wird jedoch darauf aufmerksam gemacht,
Eine H-ehzeitsreise
Erzählung von F. Arnefeldt.
(Nachdruck verboten)
Fortsetzung.
Mit einer Gewandtheit, welche bewies, daß er in solchen Geschäften kein Neuling sei, öffnete der Arzt, Rock, Weste unb Hemd des Verwundeten, besah und berührte eine unterhalb der linken Brust befindliche Wunde, richtete sich auf und sagte den ^Umstehenden, welche ihm im bangen, entsetzensvollen Schweige» zugeschaut hatten: ,
„Hier kommt menschliche Hilfe zu spät. Der Mörder hat sein Handwerk verstanden, der Stoß ist gerave in's Herz gegangen." * .
Tot! tot!" erklang aus der anderen Ecke des Koupees ein schwacher, aber markerschütternder Schrei. Die Ohnmächtige War zu sich gekommen, hatte den Ausspruch des Arztes gehört, sprang auf und wollte vorwärts stürzen. Der Reisende versuchte sie zmnck- zuhalten.
„Laß mich, Benno, laß mich!" murmelte sie und versuchte sich zu entwinden; aber sie war noch viel zu schwach; sie wankte und sank in die Kissen des Wagens zurück.
Im nächsten Augenblick war der Arzt an ihrer Seite; er zog eine kleine Reiseapotheke hecvor, entnahm derselben ein Fläschchen und neb ihr mit der darm Enthaltenen Essenz die Schläfe. Die belebende Wirkung,
daß nur besonders kräftige und vollkommen tadellos gebaute junge Leute Aussicht auf Einstellung haben. Das Bataillon stellt nur solche Freiwillige ein, welche vom Bataillonsarzt für tauglich befunden sind.
— Mit dem zu Ende gegangenen Jahr ist auch der Berliner Bürgermeisterkrieg zu Grabe getragen, der in den letzten 2 Jahren so viel Staub aufge- wirbelt hat. Der von der Stadtverordnetenversammlung fast einstimmig gewählte Regierungsrat Dr. Reincke ist jetzt Dom Kaiser als Zweiter Bürgermeister von Berlin bestätigt worden. , .
— Deutschland und England haben dem amerikanischen Staatsdepartement ihre Bedingungen für die schiedsgerichtliche Entscheidung des Vene-, zuelastreites mitgeteilt. Deutschland fordere die Zahlung von 60000 Pf. St. und eine Entschuldigung von Venezuela, Großbritannien sei bereit, auf die Entschuldigung zu verzichten, und verlange 8000 Pf. St. Diese Sunniten seien zu Entschädigungen für die deutschen und englischen Staatsangehörigen bestimmt, die von den venezolanischen Behörden verhaftet und anderweitig ungehörig behandelt worden seien. Beide Regierungen lehnten es ab, über diese Beleidigungen stillschweigend Hinwegzugehen, da sie nicht nur als grobe Verletzungen des Völkerrechts, sondern auch als offene Beschimpfung der Staatsgewalt zweier europäischer Mächte betrachten.
- Die venezolanische Angelegenheit ist mit ihrer Verweisung an das Haager Schiedsgericht auf einen toten Strang gelangt. Ob die Blockade fort- dauern wird oder nicht, ist noch nicht zu beurteilen.
Ausland.
— In London fand ein von der Königin für 1500 Witwen und Waisen im Kriege gefallener Soldaten veranstaltetes Mahl statt. Die Speisesäle waren reich mit Flaggen geschmückt. Es herrschte große Begeisterung.
— Oesterreich kündigte am 28. Dez. den Handelsvertrag mit Italien.
- Der russische Minister des Auswärtigen, Graf Lamsdorff, hat seine Besuche in Serbien und Bulgarien unter den größtmöglichen Ehr enerweisungen beendet und sich nach Wien begeben, wo er mit dem Leiter der österreichisch-auswärtigen Politik das besprechen wird worauf es ankommt, die künftige Gestaltung der Behandlung der maeedonischen Frage.
Mules und Provinzielles.
* Schlüchtern, 2. Januar 1903.
- * Auch in diesem Jahre werden unsere Abonnenten einen mehrfarbigen Wandkalender erhalten. Um auch denen, die die Schlüchterner Zeitung-zu bestellen vielleicht übersehen haben, diese Gratisbeilage zu liefern, werden mir den Kalender erst der nächsten Nummer beifügen.
—* Im Januar fangen schon die Tage an zu
welche dieses Verfahren ausübte, war so stark, daß sie ein Teil ihrer Willenskraft wiedergewann und weitere Hilfsleistungen des ihr fremden Mannes mit den Worten abwehrte:
„Ruft Dorothea! Warum kommt sie nicht?" Sie deutete dabei mit der Hand auf das nebenan liegende Koupee.
Der Wagen bestand aus drei unter einander durch Türen verbundenen Koupees. Das in der Mitte belegene Koupee erster Klasse hatte auf der ganzen Strecke der Ermordete und seine Frau allein inne gehabt ; in dem rechts davon befindlichen Koupee zweiter Klasse fuhr eine Kammerfrau, die längere Zeit allein geblieben, da der Zug nur schwach besetzt war; linker Hand lag 'ein Rauchkoupee, indem die Passagiere mehrmals gewechselt hatten; zuletzt war, wie der den Wagen beaufsichtigende Schaffner bem Oberbeamten bereits zugeflüstert, auch darin nur ein einziger Herr zurückgeblieben, derselbe, den die Beamten in dem Koupee erster Klasse betroffen halten.
Als der Schaffner die junge Frau nach ihrer Dienerin verlangen hörte, durchzuckte ihn ein jäher Schreck. Er hatte sie mehrmals gesehen, denn sie war auf einigen Stationen ausgestiegen, um Befehle ihrer Herrin auSzurichten, und er wußte, daß sie kein junges Mädchen, sondern eine bejahrte Frau war. Ließ es sich annehmen, daß eine solche so fest schlafen sollte, um weder von dem Halten des Zuges, noch Don dem Hülseruf und dem Stimmengewirr in dem benachbarten
„langen". Am 1. ging die Sonne 8 Uhr 14 Minuten auf und um 3 Uhr 53 Minuten unter; am 31. Januar geht sie 7 Uhr 48 Min. aus und 4 Uhr 40 Min. unter. Die Dämmerung dauert im Jauuar 43 Minuten. Tageslänge am 1. Januar 7 Stunden 39 Min., am 31. schon 8 Stunden 52 Minuten.
— * Nächsten Sonntag, den 4. Januar, abends 7 Uhr, veranstaltet der katholische Kirchengesangverein in Ulmbach unter Leitung des Herrn Lehrers Kamender von Ulmbach eine Abendunterhaltung im Vereinslokale (Heilsche Wirtschaft). Nach dem Programm zu urteilen, dürfte den Besuchern ein genußreicher Abend in Aussicht stehen. Gutgeschulte Männerchöre mit humoristischen Szenen verschiedener Art wechseln in guter Reihenfolge mit einander ab. Die Klavierbegleitung hat in dankenswerter Weise Herr Lehrer Frei von Uerzell übernommen. Da der Erlös zu einem wohltätigen Zweck verwandt .wird, dürfte ein zahlreicher Besuch zu erwarten sein.
—* (Verjährung von Forderungen.) Es ist ziemlich weithin die Ansicht verbreitet, daß durch die Nachsicht und Gutmütigkeit, oft auch Nachlässigkeit des Gläubigers „verjährte" Forderungen nicht mehr einklagbar seien. Ist der Schuldner ein halbwegs anständiger Mann, der noch auf Reputation hält, so wird er sich sehr hüten, sich auf Verjährung zu berufen, namentlich, wenn die Forderung berechtigt ist und er die Schuld nicht bestreiten kann, giur in dem Falle, daß ein Schuldner aus eigenem Antriebe vor Gericht auf das Verjährungsrecht sich beruft, und das bringt nicht jeder fertig, muß der Richter ohne weiteres die Klage abweisen.
—* Die Sicherstellnng des Rettungswesens bei Eisenbahnunfällen hat jetzt im Bereich der preußischhessischen Eisenbahnverwaltung eine anerkennenswerte Förderung erfahren. An verschiedenen Stationen sind, was Thüringen anlangt, teils Hilfszüge, bestehend aus einem Arztwagen und einem Gerätewagen aufgestellt, die jederzeit binnen ‘/2 bis 1 Stunde, bei Betriebs- Unfälleu nutzbar gemacht werden können. Hilsszüge sind dem Vernehmen nach ausgestellt, in Erfurt, Gera, Meiningeu,Saalfeld undNordhausen,währendinArnstadt, Coburg, Eisenach, Gotha, und Jena Hilfsgerätewagen bereit gehalten werden. Da auch das Sanitätswesen bei der Bahnverwaltungiunausgesetzt vervollkommnet ist und wird, darf die Verbesserung im Rettungswesen als ein gesunder Fortschritt bezeichnet werden.
- * Einem dringenden Bedürfnis des Reisepubli- kums soll nun doch entsprochen werden, inbem der D= Zug Frankfurt-Altona (ab Casfel 12,18 nachts), der bisher nur Wagen 1. und 2. Klasse hatte, vom 1. Mai ab auch Wagen 3. Klasse führen wird. Die Schlafwagen laufen in dem Zuge nach wie vor. Auch der Gegerzug Altona-Frankfurt, der bisher auch nur Wagen 1. und 2. Klasse hatte, wird am 1. Mai Wagen 3. Klasse führen.
Koupee geweckt zu werden? War etwa auch an ihr ein Verbrechen verübt worden?
Ohne ein Wort zu sagen, eilte der Mann in das Koupee und hielt seine Laterne in die Höhe, so daß ihr volles Licht auf das Gesicht der Dienerin fiel, welche lange ausgestreckt mit geschlossenen Augen auf der gepolsterten Bank lag. Ihr Atem ging vernehmbar und belehrte den Beamten darüber, daß er keine Tote, sondern eine Schlafende vor sich habe; aber dieser feste Schlaf hatte nichtsdestoweniger etwas Unnatürliches und deshalb Beängstigendes. Die Schlafende erwachte weder von dem grellen Lichtschein, der plötzlich ihre Augen traf, noch hatten das Rufen und Sch ttteln des Mannes einen besseren Erfolg. Erst nachdem er ihr den von der Gebieterin gehörten Namen „Dorothea" wiederholt in die Ohren geschrieen hatte, fuhr sie auf,- blickte verstört um sich und vermochte Die Bande des Schlafes noch nicht abzuschütteln.
„Kommen Sie zu ihrer Herrin, Dorothea", sagte der Schaffner. Sie starrte ihn an, ohne den Sinn seiner Rede zu verstehen.
„Ihre Herrin bedarf Ihrer!" fuhr der Schaffner fort. Die Kammerfrau verstand ihn nicht und machte Miene, in ihren Dchlaf zurückzusinken.
Jetzt ergriff er sie bei den Schultern, schüttelte sie derb und schrie ihr ins Ohr: „Kommen Sie, es ist keine Zeit zum Schlafen, es ist ein ' furchtbares Unglück geschehen: man hat Ihren Herrn ermordet!" (Fortsetzung folgt.)