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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 104» Samstag, den 27. Dezember 1902. 53. Jahrgang.
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$MVt CtttP 11nfprYirrdl1inn ^ ^^ Zustellung unsere« Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der wolle dieselbe f'CVil Cult 4411111 UllUJUliy ss bald wie möglich bet dem betreffenden Postamte bestellen. Nur diejenigen auswärtigen Postabonnenten, welche bis spätestens 28. Dez. unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen, daß ihnen unsere Zeitung vom1. Januar ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg bezahlen. — Jede Postanstalt und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.
Zu recht zahlreiche« Bestellvnge« auf das mit dem 1. Januar 1903 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
Deutsches Reich.
— Der Kaiser hat anläßlich des Weihnachtsfeftes eine Reihe von Auszeichnungen und Gnadenbeweisen an Beamte des Auswärtigen Dienstes verliehen.
-r- Kronprinz Wilhelm hat, wie noch erinnerlich sein dürfte, vor einigen Tagen in seinem Dankschreiben an die Arbeiterschaft der Stadt Oels die Anrede „An die Arbeiter meiner Stadt Oels" und ferner im Text die Wendunb „meiner lieben Oelser" gebraucht. Es mag, da diese Anrede wohl vielen fremdartig vorgekommen ist, deshalb darauf hingewiesen sein, daß das kleine Fürstenthum Oels seit dem 18. Oktober 1884 dem jeweiligen Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen als Lehen über* wiesen worden ist. Aus diesem Grunde ist Kronprinz Wilhelm jetzt Inhaber des Lehensfürstenthums und deshalb ist die Wendung „meine lieben Oelser" wohlberechtigt.
— Ueber ein neues Honneur vor dem Kaiser wird berichtet: Nachdem schon bei der letzten großen Herbstparade die Truppen den Parademarsch vor dem Kaiser nicht mehr mit „Gewehr über", sondern mit angezogenem Gewehr ausgeführt hatten, gelangt jetzt auch für die Wachtposten statt des Präsentirens eine neue Art der Ehrenbezeugung vor der Person des Kaisers zur Einführung. Unter Berufung auf die- von seinen Vorfahren überlieftrte--- Traditionen hat der Kaiser das Kommando des Gardekorps durch Kabinetsordre angewiesen, das neue Honneur einüben zu lassen. Das Kommando für das Honneur wird lauten: „Zieht das Gewehr an!" Nach ausgeführtem Kommando ruht der Kolben des steil an gezogenen Gewehres in der linken Hand, während die Rechte den oberen Lauf hält. Die Grenadiere des alten Fritz sind in manchen Abbildungen mit angezogenem Gewehr dargestellt.
— Das sächsische Königshaus, der vielgeprüfte Kaiser von Oesterreich und der Großherzog von Toskana, Chef der Zweiglinie der kaiserlich-österreichischen Familie, sind von einem schweren Schicksalsschlag heimgesucht worden.
Die sächsische Kronprinzessin Louise, eine Tochter des Großherzogs von Toskana und eng verwandt mit dem österreichischen Kaiserhause, seit 21. Nov. 1891 mit dem sächsischen Kronprinzen vermählt, 32 Jahre alt, Mutter von 5 Kindern ist einer Neigung gefolgt, die sie zu dem 24jährigen französischen Sprachlehrer ihrer Kinder ergriffen hatte. Dieser Lehrer ist am 2. Dez. plötzlich entlassen worden. Am 7. Dez. ist der Kronprinz von Sachsen, obwohl sein gebrochener Fuß noch nicht geheilt war, infolge böser Nachrichten auS Dresden von Salzburg nach Dresden abgereist. Hier mögen zwischen den Ehegatten heftige Auseinandersetzungen stattgefunden haben, die eine weitere Fortsetzung der Ehe nicht mehr gestatteten. Die Kronprinzessin reiste am 9. Dez. in hochschwangerem Zustande von Dresden zu ihren Eltern nach Salzburg. Hier kam es auch zu höchst peinlichen Scenen und der greife Vater der Kronprinzessin lehnte es ab, seine Tochter bei sich zu behalten. Die Kronprinzessin von Sachsen reiste darauf in der Nacht vom 11. zum 12. Dezember heimlich von Salzburg ab und zwar nach Genf, wo sie sich nun mit ihrem Geliebten, dem Sprachlehrer Giron, der aus Belgien stammt, aufhält. Ein Bruder von ihr, der Erzherzog Leopold Ferdinand, hat gleichzeitig mit ihr an Sr. Majestät den Kaiser von Oesterreich das Ersuchen gerichtet aus der kaiserlichen Familie ausscheiden zu dürfen. Dieser Schritt des Erzherzogs hängt mit der , Absicht zusammen, eine Ehe mit einer Schauspielerin, Adamowitz, Tochter eines Postbeamten in Jglau, zu schließen. Er befindet sich mit seiner Braut unter dem Namen Wülfingen ebenfalls in Genf und zwar im gleichen Hotel, wo seine Schwester mit ihrem Geliebten wohnt.
— Der „Staats-Anz." veröffentlicht die Ver
ordnung, wonach die beiden Häuser des Landtages der Monarchie auf den 13. Januar einberufen werden.
— Ueber die Gruppirung der besseren Einkommen in Preußen im Jahre 1901 wird berichtet: Auf 1000 Köpfe der Bevölkerung kamen 12,79 Personen mit einem Einkommen von mehr als 3000 Mk., gegen 10,60 im Jahre 1892. Sondert man Stadt und Land, so kamen in den Städten auf 1000 Personen im Jahre 1892: 20,10, 1901: 22,79 mit über 3000 Mk. Einkommen, auf dem Lande 4,38 und 5,21. Auf letzterem ist aber die Vermehrung eine stärkere gewesen; sie betrug hier 19 vom Hundert gegen 13,4 vom Hundert in den Städten. Im Osten hatten von 1000 Personen 22,22, im Westen 23,62 Personen ein besseres Einkommen; auf dem Lande dagegen betrug der Antheil im Westen 6,22, im Osten 4,14; doch waren die sehr reichen Personen im Osten auf dem Lande häufiger als im Westen.
— Die Direktion und der Aufsichtsrath der Darmstädter Bank theilen mit: Die Direktion hat in der Sitzung des Aufsichtsratbs dem letzteren über die Unterschlagungen des flüchtigen Bankbeamten Neßler Bericht erstattet. Neßler ist seit dem Oktober 1881 bei der Bank beschäftigt gewesen, seine Bezüge bei der Bank betrugen 5300 Mk. per Jahr; er hatte die Verwaltung eines Tresors, ohne Prokura der Bank zu besitzen. Der Schaden ist durch die bisher ange- stellten Ermittlungen auf ungefähr 700 000 Mark festgestellt. Neßler wurde am 22. Dez. in einem Hotel in Brunnen am Vierwaldtstädtersee verhaftet. Es wurden bei ihm nur 272 Francs vorgefunden, doch ist mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, daß Neßler bei seiner Flucht einen bedeutenden Betrag mitgenommen hat.
Ausland.
— Die französische Schwindlerfamilie, Madame Humbert nebst Gatten, Bruder, Tochter und Schwiegersohn, ist ihrem Schicksal nicht entgangen und in Madrid verhaftet worden. Die von der Bande verübten Betrügereien betragen viele Millionen Francs. Frau Humbert war eine nahe Verwandte eines früheren französischen Finanzministers. Die ganze Familie wird an Frankreich ausgeliefert und es werden bei der gerichtlichen Verhandlung ganz interessante Sachen zum Vorschein kommen, da die Humberts die höchsten Kreise mit in ihr Netz gezogen und regelrecht ausge- beutet, auch theilweise als Helfeshelfer benutzt haben.
"Venezuela.
— Das gemeinschaftliche Vorgehen Deutschlands und Englands gegen Venezuela hat bis jetzt keine großen Erfolge erzielt. Deutschland, England und Italien haben den amerikanischen Präsident Roosevelt zur Uebernahme eines Schiedsrichteramts ersucht. Präsident Roosevelt will sich nicht vor Überreichung der formellen Noten entgiltig entscheiden. Nun, falls Herr Roosevelt das Schiedsrichteramt nicht annimmt ober daran unannehmbare Bedingungen knüpft, werden wir mit Venezuela auch fertig werden, namentlich da sich uns Italien und Frankreich noch angeschlossen haben, denn in eine allgemeine europäische Aktion gegen den venezolanischen Präsident, wird sich Herr Roosevelt wohl nicht mehr so viel Einreden erlauben als bisher.
— Die Lage in Venezuela scheint sich nicht so bald zu klären. Es dürfte daher recht erwünscht sein, wenn wir einige informirende Angaben über Venezuela und seine Beziehungen zu Deutschland geben werden. Venezuela umfaßt 593 943 englische Quadratmeilen, d. h. mit anderen Worten, es ist fünfmal so groß als Großbritannien und Irland zusammengenommen und fast doppelt so groß als das deutsche Reich, die Bevölkerung beträgt aber nur 2'/, Millionen. Das Land besitzt im Norden mehrere vorzügliche Häfen in dem karibischen Meer; im Süden grenzt es an Brasilien, im Osten an Britisch-Gnyana und im Westen wird
es burch die Landenge von Anama von der Republik von Columbia getrennt. Die Staatsschuld beträgt etwa 60 Mill. Mk., von der nahezu die Hälfte auf Deutschland entfällt.
Venezuela ist ein Bundesfreistaat, der aus 20 Staaten, einem Bundesdistrikt, 4 Territorien und 2 Kolonieen besteht. Venezuela gehörte von 1822 bis 1830 zur Republik Columbia und wurde 1830 selbst- ständig. Eine neue Verfassung in ' Venezuela datirt vom 29. März 1901. Danach besteht der Senat aus 40 in Venezuela geborenen, mindestens 30 Jahre alten Mitgliedern für 6 Jahre. Die Zahl der Europäer in Venezuela betrug 1894 13558 Spanier 6154 Engländer, 3729 Holländer, 3179 Italiener, 2545 Franzosen, 962 Deutsche, 82 Dänen. Von den 2'/, Millionen Bewohnern waren nach der Volkszählung von 1894 mehr als 1'/, Mill. ohne Beruf. Der Handel Venezuelas hatte im Jahre 1898 in der Einfuhr einen Werth von 42,7, in der Ausfuhr von 74,5 Millionen BolivareS.
Ueber die wirthschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Venezuela giebt die amtliche Reichsstatistik über den auswärtigen Handel des deutschen Zollgebiets Auskunft. Venezuela liefert an Deutschland hauptsächlich Kaffes)' Kakaobohnen, Kautschuk und Guttapercha, und bezieht aus Deutschland in erster Linie Eisen- und Baumwoll-Waaren, Reis, Bier und Thonwaaren. Die Ausfuhr von Gewehren aus Deutschland ’ nach Venezuela hatte im Jahre 1901 einen Werth von 1,6 Mill. Mk., die Einfuhr aus Venezuela nach Deutschland betrug 1901 9 423 000 M., die Ausfuhr 7 006 000 M. Von der Einfuhr aus Venezuela hatte die Einfuhr von rohem Kaffee einen Werth von 4 784000 M., rohe Kakaobohnen 1550 000 M., Kautschuk und Guttapercha 1378 000 M., Divi- divi 791000 M., Rohgold 379000 M., Erzeugnisse zum Gewerbe- oder Medizinalgebrauch 108000 M., Balsam 95 000 M., Nutzholz 57 000 M., Reiherfedern 55000 M. Nach Venezuela gingen aus Deutschland im Jahre 1901 feine Eisenwaaren im Werthe von 1794000 M., darunter Gewehre 1563000 M., baumwollene Gewebe 779 000 M., grobe Eisenwaaren 572 000 M., Reis 461000 M., Strumpfwaaren 255000 Mk., Flaschenbier 218 000 M., Artillerie- Zündungen, Patronen, Zündhütchen 176000 M., Thonwaaren 174 000 M., Hohlglas 141000 M., Farbendruckbilder 108000 M., Waaren aus unedlen Metallen 100 000 M., Spielzeug 50 000 M.
Die Szenerie Venezuelas ist unbeschreiblich schön. Hochaufstrebende und zerklüftete Gebirge, liebliche Thäler, eine üppige, tropische Vegetation und der klare blaue Himmel machen das Land zu einem der schönsten Flecken der Erde. Caracas mit seinen 70000 Bewohnern gilt als die „Perle des karibischen Meeres". Das Klima ist gesund und für den Europäer erträglich. Maracaibo, der wichtigste venezolanische Hafen, gewährt dem Fremden ebenfalls einen reizenden Anblick. In Caracas vermißt der europäische Besucher kaum den ihm daheim gebotenen Komfort.
Lokales und Provinzielles.
♦ Schlächtern, 27. Dezember 1902.
* — Am ersten Weihnachtsfeiertag, Nachmittags 5 Uhr, fand in der Rettungs-Anstalt Hof Reich die Weihnachtsfeier statt. Die Feier bestand in gemeinsamen Gesängen und religiösen Vorträgen der Zöglinge. Herr Hausvater Hirte hielt eine ergreifende Ansprache an die Zöglinge, in welcher er auf die Bedeutung des Weihnachtsfestes und auf die Macht des Glaubens an den Heiland hinwies. 9la$ dieser Feier ging es in die Turnhalle der Anstalt, welche dem Feste entsprechend geschmückt war und in welcher die Geschenke für die 73 Zöglinge ausgebreitet waren. Jubel und Freude herrschte unter denZöglingen, als sie die für sie bestimmten Geschenke in Empfang nahmen.