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SchlüchternerMung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

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Mittwoch, den 10. Dezember 1902.

53. Jahrgang.

K^^Illt««^0^E dieSchlüchierner Zeitung"

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Deutsches Reich

Der Kaiser traf am 5. Dez. um 12,Uhr 3b Min. mittelst Sonderzuges auf dem Oberschlesischen Bahn­höfe in Breslau ein. Dort waren der kommandirende General Erbprinz von Sachsen-Meiningen, der Ober­präsident Herzog zu Trachenberg, Fürst von Hatzfeld und Polizeipräsident Dr. Biemke erschienen. Nach Begrüßung derselben begab sich der Kaiser in die unteren Räume des Bahnhofgebäudes und begrüßte das dort versammelte Offizierkorps seines hiesigen Leibkürassierregiments Großer Kurfürst. Sodann be­gab sich der Kaiser, gefolgt von dem Erbprinzen von Sachsen-Meiningen, dem Oberpräsidenten und den Herren des Jagdgefolges in das Fürstenzimmer am Bahnhof und empfing daselbst eine aus 15 Mitgliedern bestehende Deputation hiesiger Arbeiter. Deren Sprecher Feder­schmied Karl Klammtohielt folgende Ansprache:

Mehrere tausend Arbeiter der Breslauer Waggon- sabriken und Maschinenbauanstalten bitten Ew. Majestät, die untertänigsten Huldigungen darbringen zu dürfen. Das Vertrauen, welches Ew. Majestät in der Essener Rede den deutschen Arbeitern schenkten, hat uns mit tief empfundenem, ehrfurchtsvollem Dank erfüllt. Wir geloben Ew. Majestät unentwegte Treue und bitten zu Gott, er möge Ew. Majestät segnen und schützen immerdar."

Die Antwort des Kaisers hat folgenden Wortlaut:

Daß die Arbeiter Breslaus sich entschlossen haben, zu mir, ihrem König und Landesvater, zu kommen, hat mich mit freudiger Befriedigung erfüllt und das in zweifacher Weise. Zum Ersten habt Ihr meine in Essen ausgesprochenen Erwartungen nicht getäuscht, zum anderen habt Ihr dadurch das Andenken meines seligen Freundes Herrn Krupp vorwurfsfrei wahren helfen.

Von Herzen danke ich dem Sprecher für seine warm empfundenen patriotischen Worte. Sie zeugen davon, daß ehrenhafte Gesinnung und Anhänglichkeit an König und Vaterland unter Euch fest wurzeln. Euer Stand ist stets Gegenstand meines eingehenden Interesses und meiner Fürsorge gewesen, denn mit Stolz konnte ich im Auslande beobachten, wie der deutsche Arbeiter vor allen anderen angesehen wird, und mit Recht.

Ihr dürft freudig an Eure Brust schlagen und Eurer Arbeit und Eures Standes froh sein. Durch die herrliche Botschaft des großen Kaisers Wilhelm I. eingeleitet, ist von mir die soziale Gesetzgebung weiter­geführt, durch die für die Arbeiter eine gesicherte und gute Existenzbedingung geschaffen worden bis ins Alter hinein unter Auferlegung von oft bedeutenden Opfern für die Arbeitgeber. Und unser Deutschland ist das einzige Land, in welchem diese Gesetzgebung in hohem Maße zum Wohle der arbeitenden Klassen fortentwickelt ist. Auf Grund dieser von Euren Königen Euch zu­gewendeten großen Fürsorge bin ich berechtigt auch ein Wort aufklärender Mahnung an Euch zu richten. Jahrelang habt Ihr und Eure deutschen Brüder Euch durch die Agitatoren der Sozialisten in dem Wahne erhalten lassen, daß, wenn Ihr nicht dieser Partei an- gehörtet oder Euch zu ihr bekenntet, Ihr für nichts geachtet und nicht in der Lage sein würdet. Euren berechtigten Interessen Gehör zu verschaffen zur Ver­besserung Eurer Lage. Das ist eine grobe Lüge und ein schwerer Irrthum.

Statt Euch objektiv zu vertreten, haben diese Agi­tatoren Euch aufzuhetzen versucht gegen Eure Arbeit­geber, die anderen Stände, gegen Thron und Altar, und Euch zugleich auf das rücksichtsloseste ausgebeutet, terrorisirt und geknechtet, um ihre Macht zu stärken, lind wozu werde diese Macht gebraucht? Nicht zur Förderung Eures Wohles, sondern um Haß zu säen zwischen den Klassen und zur Ausstreuung feiger Ve^ leumdungen, denen nichts heilig geblieben, und die sich schließlich am Hehrsten vergriffen, was wir hiemeden besitzen, an der deutschen Mannesehre! Mit solchen Menschen könnt und dürft Ihr als ehrliebende Männer nichts mehr zu thun haben und nicht mehr von ihnen Euch leiten lassen. Nein! Sendet uns Eure Freunde und Kameraden aus Eurer Mitte, den einfachen

schlichten Mann aus der Werkstatt, der Euer Ver­trauen besitzt, in die Volksvertretung; der stehe ein für Eure Wünsche und Interessen, und freudig werden wir ihn willkommen heißen als Arbeitervertreter des deutschen Arbeiterstandes, nicht als Sozialdemokraten. Mit solchen Vertretern des Arbeiterstandes, so viele ihrer sein mögen, werden wir gern zusammenarbeiten für des Volkes und des Landes Wohl, und wird so für Eure Zukunft gut gesorgt sein, zumal da sie na­türlich fest fußen werden auf der Königstreue, auf der Achtung vor dem Gesetze und dem Staate und vor der Ehre ihrer Mitbürger und Brüder, getreu dem Schritftwort:Fürchtet Gott, habt die Brüder lieb, ehret den König."

Reichstag. Am 3. 4. und 5. Dez. weitere Ver­bandlungen über das Zolltarifgesetz. Vicepräsident Büsing eröffnet die Discussion über § 1 Abs. 1. Dr. Barth beantragt, daß zunächst die von der Kommission bestellten Referenten - 23 an der Zahl verhört werden sollen. Es entspinnen sich an allen 3 Tagen über die einzelnen Positionen wieder recht lebhafte De­batten, vielfache Anträge auf Rückweisungen an die Kommission, mehrstündige Geschäftsordnungsdebatten mit stürmischen Scenen u. s. W. Am Donnerstag mußte der Präsident zum erstenmal im Deutsch. Reichs­tag von dem Paragraphen 60 Absatz 3 Gebrauch machen und den Abgeordneten Singer von der Sitzung ausschließen. Im Großen und Ganzen verliefen die Sitzungen im ewigen Einerlei und, ohne daß dabei irgend Etwas von Bedeutung erreicht worden ist. Am Sonnabend fiel die Sitzung aus und da am 8. Dez. katholischer Feiertag ist, findet die nächste Sitzung am 9. Dezember statt. Im übrigen hat nunmehr auch die Mehrheit jede Hoffnung auf Verabschiedung des Zoll­tarifs in dritter Lesung vor Weihnachten aufgegeben, man wird zufrieden sein, wenn es gelingt, Ende dieser Woche die zweite Plenarberathung mit der Annahme des Antrags Kardorff zum Abschluß zu bringen. Da in der Woche vor dem Weihnachtsfest erfahrungsgemäß an ein beschlußfähiges Haus nicht zu denken ist, sollen alsdann die Ferien beginnen und die dritte Lesung des Zolltarifs nach der ersten Etatsberathung in der zweiten Hälfte des Januar in Angriff genommen werden.

Am 7. Dezember wurde im Schmelzbau der Krupp'schen Gußstahlfabrik in Essen von den Werk­angehörigen eine große Trauerfeier für Krupp veran- staltet. Wohl 25,000 Personen füllten den gewaltigen, würdigen Trauerschmuck tragenden Raum. Ein Ange­stellter der Firma, v. Schütz, hielt die Gedächtnißrede, worin er auch kurz die Verleumdungen berührte, die in der letzten Zeit gegen Krupp erhoben wurden. Er schloß mit der Aufforderung an die Anwesenden, das Andenken des Verstorbenen rein zu erhalten. Mit Musik- und Gesangsvorträgen nahm die ernstliche Feierlichkeit ihren Abschluß. Die Versammlung sandte an den Kaiser und an Frau Margarethe Krupp Te­legramme. In gleicher Weise wie in Essen wurden auch in Bochum durch die Belegschaften der Krupp­schen Zechen Hannibal I und II und Hannover I und II, sowie in Kiel von den Beamten und Arbeitern der Germaniawerft Trauerfeiern veranstaltet. In Kiel hielt Marineoberpfarrer Rogge die Gedächmißrede. Von beiden Orten wurden ebenfalls Telegramme an den Kaiser und Frau Krupp gesandt.

Ausland.

Traurige Zustände herrschen in London. Wie die dortigen Zeitungen feststellen, beläuft sich die Zahl der Arbeitslosen auf über 300000, von denen etwa 30000 nicht einmal eine Schlafgelegenheit haben, sondern unter den Bogen der Themsebrücke nächtigen müssen. Die Regierung wird aufgefordert, diesen Zuständen möglichst abzuhelfen.

Der Untersuchungsrichter am kgl. Landgericht Neapel hat seine am 21. November begonnene Unter­suchung auf Capri mit folgendem Beschluß beendigt: Haftbefehl. Gegen den etwa 48jährigen Maler Christian Allers, Angehörigen des Deutschen Reichs, vordem in Karlsruhe im Großherzogthum Baden, ergeht der richterliche Befehl auf Festnahme und Einlieferung in die Gefängnisse des Landgerichts Neapel. Der Allers ist nach den eingelaufenen zwei Denunziationen und den von mir geprüften Thatsachen dringend verdächtig, in der auf seinen Namen im Grundkataster eingetragenen

Villa auf der Insel Capri in den Jahren 1900 bis 1902 in mindestens zehn Fällen mit zwei minderjährigen Knaben Vergehen und Verfehlungen wider die guten Sitten verübt zu haben. Der An^eschuldigte ist flüchtig. Capri, 26. November 1902. Dr. jur. Collenza."

Der Ministerpräsident Combes von Frankreich hat den Erzbischof von Besanvon und den Bischöfen von Orleans und Saez infolgedes Staatsrathsbeschlusses, daß die Unterzeichnung der Petition zu Gunsten der Kongregationen sich als Mißbrauch darstellte, die Ge­hälter gesperrt. Es ist wahrscheinlich, daß nächstens gegen einen vierten Bischof die gleichen Maßnahmen getroffen werden. Den Bischöfen von Montpellier, Autun, Valence und Viviers ist schon durch früheren Beschluß ihr Gehalt gesperrt worden.

Die nach Europa entsandten Delegirten der vene­zolanischen Regierung ^behaupten, daß ihre Stellung ernstlich durch die Maßnahmen Englands undDeutschlands beeinflußt sei. Sie sind indessen der Ansicht, daß es ihnen schlecht anstehen würde, in Europa eine Anregung früher hervorzurufen, ehe die Haltung der Vereinigten Staaten bekannt geworden ist. Wie es heißt, ist die venezolanische Regierung bereit, die Zahlung der jährlichen Zinsen im Betrage von mehr als 600,000 Pfd. auf die unisicirte Anleihe unter Garantie durch die Zoll- einnabmcn zu leisten. Außerdem solle eine europäische Bank in Caracas errichtet werden. Bei einem solchen Vorgehen, glauben die Delegirten, würden alle Forder­ungen befriedigt werden können.

Kaiser Menelik befahl die Mobilisirung der Armee Ras Makonnerfis im Bezirk Harrar, um in Tigre, wo eine Empörung gegen Menelik ausgebrochen ist, die Aufständischen zu züchtigen.

Lokales und Provinzielles.

$ Schlüchtern, 9. Dezember 1902

* Der Herr Oberpräsident hat durch Erlaß vom 12. Novbr. d. J. genehmigt, daß auch im Laufe des Jahres 1903/4 zum Besten der Anstalt Hephata eine einmalige Sammlung freiwilliger Gaben bei den evan­gelischen Einwohnern des Regierungsbezirks Cassel durch die Geistlichen oder durch polizeilich legitimierte und mit paginierten Sammellisten versehene Sammler ab­gehalten werden darf.

* Herr Gerichtsassessor Hengsberger in Melsungen ist zum Amtsncyter in Schlüchtern ernannt.

-* Für ein Bennigsen-Denkmal sind in der Pro­vinz Hessen-Nassau, im Großherzogtum Hessen und in Thüringen 3305 Mk. gezeichnet worden.

* Die Brandsteuer für das Jahr 1903 ist durch Beschluß des Landesausschusses vom 27. v. Mts. auf den seitherigen Betrag von 18 Pfg. für je 100 Mk. des Umlagekapitals festgesetzt worden. Die Brandsteuer beträgt hiernach für je 1000 Mk. der Versicherungs­summe in Bauartklasse 1 90 Pfg., in Bauartklasse 2 1 Mk. 26 Pfg., in Bauartklasse 3 1 Mk., in Bauartklasse 41 Mk. 98 Pfg., in Bauartklaffe 5 2 Mk. 52 Pfg.

* Bei dem bevorstehenden Weihnachtspacketver- kehr ist auf folgende Punkte besonders zu achten. Die Verpackung der Packete muß fest und dauerhaft sein. Schwache Schachteln, Zigarrenkisten und dergl. sind im allgemeinen zur Beförderung nicht geeignet und dürfen ausnahmsweiseauf Gefahr des Absenders" nur dann angenommen werden, wenn daraus Störungen für den Postbetrieb nicht zu besorgen find. Die Packete müssen mit einer dauerhaften, deutlichen und vollstän­digen Aufschrift versehen sein, so daß nöthigenfalls das Packet auch ohne die Postpacketadresse bestellt werden kann. Die Packetaufschrift muß auf den Packeten selbst niedergeschrieben oder so haltbar befestigt sein, daß sie nicht während der Beförderung durch Zufall abgerissen oder abgestreift werden kann. Die Vereinigung mehrerer Packete zu einer Postpacketadresse ist für die Zeit vom 15. bis 25. Dezember im inneren deutschen Verkehr nicht gestattet. Auch für den Auslandverkehr ist dem Publikum zu empfehlen, während dieser Zeit in seinem eigenen Interesse zu jedem Packet besondere Begleit­papiere anzufertigen.

* Die am vergangenen Sonntag vom hiesigen Turnverein veranstaltete theatralische Abendunterhaltung fand allgemeinen Beifall. Die verschiedenen Auf­führungen, unter Leitung des Herrn Rollmann, waren sehr gut ausgewählt; auch die turnerischen Uebungen