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chlüchternerAitung

Erschcint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

97. Mittwoch, den 3. Dezember 1902. 53. Jahrgang.

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$MMhtttrt(>tiauf bie -Schlüchrerncr Zeitung" JpV^vWUmjVllwerben nod) fortwährend von allen s. Postanstalten und Landbriesträgern, sewie von der Expedition entgegen genommen.

TetttsckiesReich

Reichstag. Die Sitzung vom 27. Nov. beginnt mit der Berichterstattung über Bittschriften zur Zoll­tarifvorlage; die Abstimmung darüber kann aber erst bei der dritten Lesung erfolgen. Dem Hause geht ein Kompromißantrag zu, unterzeichnet von den Abgg. v. Krrdorff, Bassermann, Groeber, Herold, Graf Limburg- Stirum, v. Kröcher, Dr. Paasche, Dr. Sattler, Dr. Spähn, Speck, Dr. Stockmann und v. Tiedemann und lautet:Der Reichstag wolle beschließe», für den Fall der Annahme des § 1 Abs. 1 des Entwurfs eines Zolltarifgesetzes, denselben wie folgt zu fassen:Bei der Einführung von Waaren in das deutsche Zollgebiet werden, soweit nicht für die Einsuhr aus bestimmten Ländern andere Vorschriften gelten, Zölle nach Maß­gabe der im Reichstage am 6. Oktober 1902 vorge­legten endgiltigen Beschlüsse der 16. Kommission über den Zolltarif erhoben; jedoch werden in Abweichung von diesen Beschlüssen die Zollsätze der Nr. 803 (Spa­ten Schaufeln usw.) auf Mk. 4,50 statt Mk. 6,, 809 (Heu, Dünger usw. Gabeln) auf Mk. 7,50 statt Mk. lu., 810 (Sensen, Sicheln usw.) auf Mk. 12, statt Mk. 15,, 816 (anderweitig nicht genannte land­wirtschaftliche Geräte über 3 Kilogramm) Mk. 8,, unter 3 Kilogramm Mk. 12, statt Mk. 10, resp. 15,, 825 (Drahtseile, Stacheldraht usw.) auf Mk. 8, statt 10,, 905 (Pflüge für Krafibetrieb und Mähmaschinen) auf Mk. 4, statt 5,-, 906 (andere nicht besonders genannte Maschinen je nach der Schwere) auf Mk. 15,- statt 18,-, Mk. 12,- statt i^-, Mk. 10,- statt 12 , Mk. 9, - statt 10,-, Mk. 7,50 statt 8,, Mk. 5,50 statt 6,50, Mk. 4,50 statt 5,50 und Mk. 3, statt 3,50 herabgesetzt." Es entspinnt sich eine äußerst lebhafte Debatte, ob es zulässig sei, diesen Antrag zu verhandeln oder nicht, immer heftiger werden die Redner, da endlich entwickelt sich eine Scene, wie sie im Reichstage noch nie dagewesen ist. Nach einander sprachen die Abgg. Singer, Stadthagen und Ulrich und protestierten in erregtesten Ausdrücken gegen das Vorgehen der Mehrheit. Man hörte Schimpf­worte, wie: Heuchler, Taschendiebe, Räuber, Gemein­heit, Niederträchtigkeit usw. Der Abg. Ulrich bekam einen förmlichen Tobsuchtsanfall. Er schrie fortgesetzt, obwohl ihn der Präsident unterbrach, in das Haus hinein, fauchte, als Präsident Graf Ballestrem ihn drei­mal hinter einander zur Ordnung rief, diesen mit un­artikulierten Lauten an. Die Rechte verlangte, daß Ulrich hinausgeworfen werde; der Präsident aber er­klärte seine Machtmittel für erschöpft. Die Debatte wurde etwas ruhiger, als mehrere freisinnige Redner das Wort nahmen und wurde dann schließlich auf einen Antrag des Grafen Hompesch vertagt. Am 28. Nov. wird vorstehende Debatte bis in die achte Abend­stunde fortgesetzt, sie verlief anfänglich wesentlich ruhig, artete aber dann in solche Skandalszenen aus, dap, Vizepräsident Büsing die Verhandlung auf eine halbe Stunde aussetzte. Bald nach der Wiedereröffnung ver­lief die Debatte resultatlos und ward auf den 29. Nov. vertagt. Die Sitzung am Sonnabend war kurz, langweilig und friedlich. Es stand nicht der Tarif, sondern die Poleninterpellation zuerst auf der Tages­ordnung. Staatssekretär Graf Posadowsky erklärte, die Antwort darauf solle erst erfolgen, wenn die ange- stellten Erhebungen abgeschlossen sein werden. Um 2'/, Uhr nachmittags war der Reich lag bereits be­schlußunfähig, da mehrere Abgeordnete den Saal ver­ließen. Die Zolltarifdebatte wurde wieder vertagt.

Der Kaiser wohnte am Montag Vormittag beut Gottesdienst in der Kirche im Schlosse Neubeck . bei. Superintendent Bojanowski hielt die Adventspredigt.

- Am 28. November gegen 12 Uhr mittags traf der Kaiser in Görlitz zur Einweihung der Ruhmes- Halle ein, einpfangen vom Cultusminister Dr. Studt, dem Oberpräsidenten Fürsten von Hatzfeldt, dein Corps- wmmandeur von Stülpnagel und anderen. Nach der Vegrüßung bestieg seine Majestät mit General von Stülpnagel einen offenen Wagen, und fuhr, auf dem ganzen Wege, von der Bevölkerung stürmisch begrüßt,

Feier dankte Bürgermeister Heyne namens des Comi- tees dem Kaiser als Markgrafen der Oberlausitz für die Einrichtung der Lausitzer Ruhmeshalle. Unbe­schadet der Liebe zum angestammten Fürstenhause habe sich die sächsische Oberlausitz mit den Preußen zu einem Werk geeinigt, das ein sichtbares Zeichen sein solle der Liebe zu Kaiser und Reich. Oberbürgermeister Büchte- mann dankte Sr. Majestät namens der Stadt, und wies auf das Vorbild der ersten Kaiser hin, deren Doppel- standbild die Ruhmeshalle schmückt. Redner schloß mit den Worten:Dem Vaterland unsere Liebe, den Bundesfürsten unsere Treue, dem Kaiser unser Herz!" und brächte sodann ein Hoch auf den Kaiser aus. Um 12 Uhr 50 Minuten erfolgte die Abreise.

Prinz Heinrich von Preußen ist Freitag Abend nach einer zweitägigenUebungsfahrtmitdem 1.Geschwader aus dem westlichen Theil der Ostsee nach Kiel znrück- gekehrt und hat sich alsbald zur Begrüßung seines Gastes, des Prinzen Johann Georg von Sachsen, ius Schloß begeben.

DieSt. James Gazette" erfährt, daß die vom Kaiser entsandte Kommission nach der Universität Ox­ford im Zusammenhang mit den Rhodes-Stipendien stehe. Der Kaiser interessire sich lebhaft für den Plan, soweit derselbe Deutschland betreffe, und wünsche, daß die deutschen Unterrichtsbehörden das möglichste thun, um dessen Erfolg zu sichern.

Der Einzug des Erbgroßherzogpaares in Karls­ruhe erfolgte am 27. November Mittag vom Haupt­bahnhofe aus. Auf festlich geschmücktem Bahnhof an­wesend war das gesummte Ministerium und andere hohe Persönlichkeiten. Nach herzlicher Begrüßung fuhr das Paar unter dem Jubel der Bevölkerung durch die geschmückten Straßen, wo Vereine, Schulen und die Studentenschaft Spalier bildeten, nach dem Rathhaus, wo selbst der Stadtrath und der Bürgerausschuß das Paar bewillkommneten. Oberbürgermeister Schnetzler drückte die lebhafte Freude der Bevölkerung von Karls­ruhe über die dauernde Rückkehr des Paares aus und schloß mit einem dreifachen Hoch auf dasselbe. Der Erbgroßherzog dankte in einer kurzen Ansprache, wobei er versicherte, daß er und seine Gemahlin glücklich seien, wieder in die Heimath zurückkehren und zum Wohl derselben beitragen zu dürfen.

Die drei KreuzerAmazone",Ariadne" und Niobe", welche wie mehrere Zeitungen meldeten, nach Venezuela gehen sollten, nach Kieler Meldungen aber nur eine Fahrt nach Norwegen angetreten haben, re- präsentiren den neuesten Typus unserer Marine; es sind Kreuzer, die sich überall sehen lassen können.Ama­zone" ist am 6. Oktober 1900 vom Stapel gelaufen und auf der Germaniawerft in Kiel gebaut,Ariad­ne" lief am 10. August 1900 zu Wasser und ist auf der Werft Weser in Bremen Hergestell; bei de Schiffe wurden im vorigen Jahre fertig;Niobe" istder älteste der drei genannten kleinen Kreuzer; am 18. Juli 1899 lief er vom Stappel und noch in demselben Jahre wurde er auf der Werft Weser fertig.

Die Berliner Stadtverordnetenversammlung hat ihre Zustimniung zur Ausnahme einer neuen Anleihe der Stadt in der Höhe von 228 Millionen Mark in Jnhaberpapieren ertheilt. Zum Perfektwerden der An­leihe sind nunmehr noch die Zustimniung des Ober­präsidiums als der Aufsichtsbehörde und ferner ein Königliches Privileg erforderlich.

Ueber die für 1903 geplante Gesellschaftsreise der Deutschen Landwirthschaftsgesellschaft durch die Ver­einigten Staaten von Amerika wird berichtet: Die Reise wird im Frühjahr 1903, und zwar, soweit bis jetzt bestimmt, am 18. April mit dem DampferPre­toria" von Hamburg ausgehen. Die Ankunft in Newyork erfolgt in den letzten Tagen des April. Von hier wird der Äeg im Allgemeinen über Baltimore nach Washington gehen, sodann durch Westvirginia, Kentucki nach St. Louis, darauf nach Kansas Cyti Omaha, Denver, Große Salzsee, Californien, St. Franzisko, Staat Washington, Montane, Nord-Dakota, Minnesota, Wisconsin, Chicago, Michigan, den Niagara­fall und zurück nach Newyork. Es ist nicht ausge­schlossen, daß der bezeichnete Weg noch im Einzelnen eine Abänderung erfährt. Die Rückkehr von der Reffe wird voraussichtlich am 14. Juli in Hamburg statt- finden.

«ach der Ruhmeshalle, Bei der dort stattfindenden

Die Kruppsche Fabrik geht auf Krupps älteste Tochter Bertha über; bis zu ihrer Großjährigkeit ver­tritt Frau Krupp dieselbe. Das Direktorium bleibt unverändert. Frau Krupp schenkt in Vertretung ihrer Tochter zu Fürsorgeeinrichtungen j ihren Arbeitern 2 Millionen, ihren Beamten 1 Million, außerdem für gemeinnützige Zwecke der Stadt Essen 1 Million.

Die Studentenschaft der drei badischen Hochschulen bereitet eine Adresse an die Hochschullehrer vor, die Protest erhebt gegen die unqualifizirbare Art und Weise, wie von Seiten der erzbischöflichen Kurie und der ihr ergebenen Presse das Ansehen der akademischen Lehrer systematisch untergraben wird. Es steht zu er­warten, daß anch die akademische Lehrerschaft sich zu einer derartigen Kundgebung entschließt.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchtern, 2. Dezember 1902.

* Verlängerte Verkaufszeit ist diesmal auch wie­der für die offenen Verkaufsstellen au den zwei letzten Sonntagen vor Weihnachten bis abends 8 Uhr, also am 14. und 21. Dezember, unter Wahrung der für den Hauptgottesdienst bestimmten Pause, festgesetzt. Während des übrigen Gottesdienstes dürfen an den genannten Tagen die Geschäfte geöffnet sein.

* Der thüringische Wetterprophet Habenicht in Gotha verkündet trockene Kälteperioden bei heiterem Himmel und meist schwacher Luftbewegung von Ende dieses Monats bis Februar in Mitteleuropa als wahr­scheinlich.

* Bauernregeln für den Monat Dezember. De­zember kalt mit Schnee, Niemand sagt, o web! Dezember warm, daß Gott erbarm! Im Dezember sollen Eisblumen blühn, Weihnacht sei nur auf dem Tische grün. Liegen Adam und Eva (24.) im Klee, stieren sie Ostern dann im Schnee. Siehst Du noch Zippen im Waldgehege, hats mit der Kälte noch gute Wege. Auf Barbara (4.) die Sonne weicht, auf Luciä (13.) sie wieder herschleicht Ist es um Weih­nachten feucht und naß, giebt's leere Speicher und leeres Faß. Weihnacht im Schnee, Ostern im Klee. Sylvesterwind und warme Sonn', verdirbt nie Hoff­nung auf Wein und Korn.Dezember kalt mit Schnee, giebt Korn auf jeder Höh. Jst's in der heiligen Nacht hell und klar, so giebt's ein segensreiches Jahr. Klappern die Bäume von Eis in den Weihnachts- tagen, so werden sie im nächsten Jahr viel Früchte tragen.

* Wie aus dem Inseratenteil ersichtlich, findet am nächsten Donnerstag Abend ein Konzert der Ge­schwister Ernestine und Elmire Boucher aus Paris im Saale des Hotelzum Stern" hier statt. Die Künst­lerinnen haben kürzlich in dem musikverständigen Leip­zig große Triumphe gefeiert. Die ältere der beiden Schwestern brächte ein Violinkonzert von Vt Stunden Dauer zu Gehör. Auch ihre Schwester leiste Vorzüg­liches auf dem Klavier. Bei einem kraftvollen An­schläge überwinde sie die größten Schwierigkeiten mit einer geradezu unglaublichen Leichtigkeit.

* (Eingesandt.) Die feit einiger Zeit geplante theatralische Abendunterhaltung des hiesigen Turnvereins findet nunmehr nächsten Sonntag statt. Wie wir hören, kommen einige besonders auserwählte Einakter zur Aufführung und steht uns daher ein genußbringender Abend bevor.

* Es kann gar nicht genug davor gewarnt wer­den, daß Personen, die an einer ansteckenden Krank- Hell leiden oder erst in der Wiederherstellung begriffen sind, sich viel mit Haustieren zu schaffen machen. Die Erfahrungen sprechen unwiderleglich dafür, daß auf diesem Wege Krankheitskeime verbreitet werden. Es ist ja auch nichts natürlicher, als daß ein Kranker bei Liebkosungen gegenüber einer Katze oder einem Hund den Krankheitskeim auf das Fell des Tieres übertragen kann, und daß ferner der Keim durch das nämliche Tier auf die Hände einer anderen Person gelangt, wonach deren Erkrankung nur noch von einem Zufall abhängig bleibt. Am besten wird man sich dadurch schützen, daß es Kranken zur Regel gemacht wird, die Berührung mit Haustieren während der Zeit ihres Leidens zu vermeiden.

* Ostern 1903 wird in Bad Orb der Neubau für die vor zwei Jahren gegründete Rectoratsschule mit Internat eröffnet. Es werden dort Schüler so weit