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Samstag, den 6. September 1902.
53. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Am Dienstag Abend trafen der Kaiser, die Kaiserin und der Kronprinz in Posen ein. Auf dem Bahnhof fand großer militärischer Empfang statt. Das Grenadierregiment Graf Gleist von Nollendorf stellte die Ehrenkompagnie. Der Kaiser, in der Uniform der Garde du Corps, begab sich zu Pferde, die Kaiserin in einem offenen Vierspänner in die Stadt. Am Berliner Thor wurde das Kaiserpaar von den Behörden empfangen, Nach der Begrüßung durch den Oberbürgermeister hielt der Kaiser folgende Ansprache: „Empfangen Sie den Dank der Kaiserin und meinen für den freundlichen Empfang seitens der Stadt und für die Ausschmückung, wie die Gesinnungen, denen Sie soeben beredten Ausdruck verliehen haben. Ich freue mich Von Herzen, daß heute ein anderes Bild meinen Augen sich zeigen wird, als damals in diesen trüben Tagen, als die Wellen des Stromes sich gegen und zum Theil über Ihre Häuser dahinwälzten. Was
1 diese Stadt und dieses Land sind, verdanken Sie der Arbeit der preußischen Könige. Ich, als ihr Nachfolger, werde auch meinen Theil, wie ich es damals schon bei der Sitzung im Magistratssaal gethan, es an der Sorge für die Stadt und Unterstützung in ihrer Entwickelung nicht ermangeln lassen. In seinen Entwickelungsbestrebungen ist Posen in ein Stadium getreten, in dem es mit den bisherigen Abgrenzungen nicht mehr auskommen kann. Zu eng ist der Gürtel ihres Gewandes, zu klein die Mauerkrone für ihr Haupt. Ich habe in Folge dessen heute eine Ordre vollzogen, nach welcher das Rayongesetz ein für alle Mal fällt. (Brausende Hurrahrufe.) Ich erwarte von der Einsicht des Oberbürgermeisters, des Magistrats und der Stadtverordneten, wie von dem Patriotismus der Einwohner daß die Stadt nun .mit allen Kräften an ihre Entwickelung Hand anlegt und daß sie sich dieser großen Wohlthat würdig zeigen wird. Ich hege keinen Zweifel, daß sich binnen Kurzem Straßen und Häuserquartiere erheben werden, welche auch den Armen ein menschenwürdigeres Dasein ermöglichen, als die Wallischei jetzt thut. Ich hoffe, daß die bösen alten Stadttheile verschwinden werden, und bitte Sie, [in meinem und der Kaiserin Namen den herzlichsten und innigsten Dank für die Stimmung und Begrüßung sowie für den Empfang der Stadt Posen auszusprechen. Ich danke Ihnen und der gesammten Bürgerschaft dadurch, daß ich Ihnen die Hand reiche."
— Die kaiserlichen Prinzen Adalbert, August Wilhelm und Oskar befinden sich gegenwärtig auf einer Reise zur Besichtigung des dänischen Kriegsschauplatzes vom Jahre 1864.
— Der Großherzog von Baden wird in den nächsten Tagen zum Besuche der Krupp'schen Werke in Essen eintreffen und von dort aus die Düsseldorfer Ausstellung besuchen. Der Großherzog von Hessen der am Sonntage zum Besuche der Ausstellung nach Düsseldorf abgereist ist, folgt von dort aus ebenfalls einer Einladung des Geh. Raths Krupp nach der Villa Hügel bei Essen.
— Zu Schiedsrichtern bei den Kaisermanövern wurden Feldmarschall Graf Waldersee und General v. Mittlach, der Chef des Militär-Reitinstituts in Hannover, ernannt.
— Als Leiter der kriegsmäßig besetzten Signal- und Telegraphenstationen im Ostseegebiet arbeitete während der Herbstübungen an jedem Punkt ein Oberpostassistent, da im Ernstfall die Besetzung mit diesen Beamten vorgesehen ist. Die Herbstübungsflotte hat ihre Uebungen in der Ostsee beendet und ist nach der Norosee gedampft.
— Die Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft haben beschlossen, beim Staatssekretär des Reichsschatzamtes wegen vermehrter Ausprägung von Zehnmarkstücken vorstellig zu werden, da sich ein empfindlicher Mangel an dieser Münzsorte herausgestellt habe.
— Wie für Berlin so hat der König von Italien auch der Stadt Potsdam 10 000 Lire für die Armen überwiesen.
— Der kaiserliche Gouverneur von Deutsch-Süd- Westafrika, Oberst Leutwein, ist in Berlin aus Hamburg eingetroffen.
— In Dar-es-Salaam sind mehrere Buren aus Südafrika angekommen, die sich eine neue Heimath
suchen. Die Leute scheine« nach der „Ostafr. Ztg." ziemlich vermögend zu fein. Das Gouvernement wird ihnen entgegenkommen.
Ausland.
Italien. König Viktor Emanuel ist am Montag Nachmittag 4 Uhr von seiner Deutschlandreise in seinem Sommerschloß Naeeonigi mieber eingetroffen und wurde dort von Der Bevölkerung lebhaft begrüßt.
Die Kaiserin Von Rußland, Deren Niederkunft in diesen Tagen erwartet wurde, hat eine Fehlgeburt gehabt, die ohne Komplikationen stattfand bei normaler Temperatur und Puls.
Paris, 3. Sept. Der „Liberte" wird aus Kon- stantinopel gemeldet: Deutschlaud erlangt demnächst eine sehr wichtige Conzession zur Anlage eines Hafens und einer Eisenbahn in Palästina.
New-Pork, 3. September. Bei einer Fahrt, welche Präsident Rocyevelt und Umgebung auf einem Jagdwagen Von Pittsfield nach Lenox unternahm, stieß Der Wagen mit der electrischen Straßenbahn zusammen. Der Präsident tarn mit einigen Quetschungen davon. Der Geheimsecretär des Präsidenten, Cortelyou, erlitt ebenfalls leichte Verletzungen. Ein Geheimpolizist wurde getödtet. Der Führer und der schaffner des Straßenbahnwagens wurden verhaftet. Die Pferde desl Jagdwagens wurden todtgebrückt. — Ein weiteres hier aus Pittsfield eingegangenes Telegramm bestätigt, daß die Verletzungen des Präsidenten nur leichter Natur sind.
Washington, 30. Aug. Das Marine-Departement erhielt einen Bericht mit näheren Einzelheiten über einen von dem Dampfer „Ariposa" auf Der Fahrt von Francisco (in 11 Tagen) nach Taiti unternommenen praktischen Versuch, Erdöl zur Kesselfeuerung zu verwenden. Die von „Ariposa" unter Dampf zurückgelegte Strecke betrug 3498 Kuoten. Es waren dazu 400 Tonnen Oel erforderlich. Die angestellten Messungen ergaben, daß zur Entwickelung einer Pferdekraft Dampf 1,55 engl. Pfund Erdöl erforderlich waren. Das Ergebniß wird als sehr befriedigend betrachtet.
Konstantinopcl, 2. Sept. Die gestrige Feier der Thronbesteigung ist glänzend und ohne Störung verlaufen.
Kapstadt, 2. Sept. Ueber die Zukunft der Gold- minen-Jndustie in Transvaal berichtet der Corre- spondeut des Reuterschen Bureaus aus Barberton Folgendes: Nach sorgfältiger Prüfung vieler Minen in dieser Gegend bin ich der Ansicht, daß hier den Unternehmungen in Goldbergwerken eine große Zukunft in Aussicht steht. Einige bekannte Ingenieure haben kürzlich erklärt, daß die Formation der Hauptschichten des goldhaltigen Gesteins von ebenso permanentem Charakter sei, wie die des Randgebirges, und daß dem Haupterzgange mehrere andere auf beiden Seiten parallel liefen, die die Ausbeutung lohnend erscheinen ließen. Man habe Grund zu glauben, daß Die Erzadern Tausende von Fuß tief unter die Sohle des Thals hinabgingen, ähnlich wie an gewissen Stellen des Randgebiets.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächter», 6. September 1902.
• *— Bei der diesjährigen Entlafsungs-Prüfung am hiesigen Lehrer-Seminar, welche am 1. und 2. Sept. stattfand, haben sämmtliche Kandidaten bestanden.
* Der Postanwärter Schulz in Schlüchtern hat die Prüfung als Postassistent bestanden.
st. Die vom hiesigen Kriegerverein am vergangenen Dienstag verunstaltete Sedanfeier hatte sich eines recht guten Besuches zu erfreuen. Das Programm dieses patriotischen Abends lag in den Händen der Schauspielgesellschaft Rhomberg und war der Bedeutung dieses Gedenktages würdig angepaßt. Das erste Stück „Nach 56 Jahren", war die Wiedergabe einer Scene jener großen Zeit in die man sich an diesem Abend so recht zurückdenken konnte. Die beiden „Alten" dieses Genrebildes und namentlich das alte Mütterchen mit ihrem drolligen französischen Deutsch beherrschten die Situation voll und ganz und gaben ihre Rollen in jeder Hinsicht zufriedenstellend wieder.
Die zweite Nummer, ein lebendes Bild, stellte eine rührende Scene aus dem Feldzuge dar. Ein für sein Vaterland gefallener Soldat haucht in den armen einer Krankenpflegerin und die Hand in der des Freundes und Kriegskameraden fein Leben aus. Die Gruppe wurde recht gut wiedergegeben. — Das Hauptdebüt des Abends hatte unstreitlich die letzte Darstellung „Ein lustiger Krieg", Posse mit Gesang in 3 Akten. Der „August" des Direktors Rhomberg konnte selbst den stärksten Hypochonder zum Lachen bringen, er verstand es, die Lachmuskel Der Zuhörer beständig in Bewegung zu halten. Auch die übrigen Mitspieler trugen ihr Mögliches zum Gelingen dieses urkomischen aber von patriotischem Geiste getragenen Lustspiel bei. Dieser Abend hat uns wieder davon überzeugt, daß Die Theater-Gesellschaft Rhomberg über ganz vorzügliche Kräfte verfügt, Die leider hier die verdiente Würdigung nicht finden. — Dem Kriegerverein fei aber an dieser Stelle Dank gesagt für den genußreichen,Abend, welchen er den hiesigen Einwohnern bereitet hat.
* st. Der sogenannte Alteweibersommer läßt sich in diesem Herbste gut an und das macht außer den Landwirthen, welche unter seinem Schutz die letzten Feldfrüchte einernten können, jedenfalls den alten Damen viel Vergnügen, die nun die letzten Tagen des nach ihnen benannten Sommers inj vollen Zügen genießen können. Der Alteweibersommer ist das feine weiße Gewebe einer Feldspinne, welches im Herbst öfter Wiesen und Felder überzieht. Der Volksglaube früherer Jahrhunderte brächte den fliegenden Sommer in Verbindung mit den Göttern. Nach Einführung des Christenthums bezog man ihn auf Gott und Maria,' weshalb er in Frankreich tils de la Vierte, in Süddeutschland Mariengarn, Marienfaden oder Frauensommer, in England Gossamer (Gottesschleppe) genannt wird. Neuerdings mürbe aber festgestellt, daß die fliegenden Fäden von einer Gattung der Luchsspinnen, Kreuzspinnen rc. gesponnen werden. Diese Spinnen merben oft auch selbst mit ihrem Ge- spinnst vom Winde fortgeführt, manche machen auch aus ihren Spinngeweben lange Fäden und fliegen damit in der Luft herum, können sich jedoch durch Zu- sammenwickeln der Fäden mit ihren Beinen wieder auf die Erde herablassen. Dies die Geschichte des Alteweibersommers.
* * Der September nach Falb bietet der Aunehm- lichkeiten wenig. Nach diesem Wetterkundigen, der glücklicherweise sich nicht selten geirrt hat, soll das Wetter vom 1. bis 8. September regnerisch sein, doch, so meint Falb, sind die Niederschläge spärlich und nicht sehr verbreitet. Der 2. September sollte ein kritischer Termin erster Ordnung sein. In der Zeit vom 9. bis 18. Sebtember erwartet Falb sehr trockenes Wetter. Die Temperatur steigt allmählich und soll um den 12. September ungewöhnliche Höhe erreichen. Zu dieser Zeit würden im Süden und Westen auch Gewitter auftreten, welche einigen Regen bringen. Darauf sinkt die Temperatur wieder bis zur normalen, der Jahreszeit angemessen. Der 17. September ist ein kritischer Termin erster Ordnung. Die Tage Vom 19. bis 24. September bringen allenthalben Regen. Stellenweise erwartet Falb in den ersten Tagen auch Gewitter. Ausfallend kalt sollen die Tage vom 25. bis 30. September fein. Die Regen nehmen allmählich zu und erreichen in den letzten Tagen eine große Verbreitung.
* * Bauernregel für September. War es am Aegiditage (1.) schön, so ist noch vier Wochen gutes Wetter zu erhoffen. — Septemberdonner prophezeit vielen Schnee zur Weihnachtszeit. — Auf Lampert hell und klar, bringt ein trocken Frühjahr. — Herbstgewitter bringen Schnee, doch dem nächsten Jahr kein Weh. — Ein Herbst, der warm und klar, ist gut fürs nächste Jahr. — Nebel nach Sonnenuntergang bringt gutes Wetter noch recht lang. — Wenn Mathäus meint statt lacht, er aus dem Wein oft Essig macht. — Mariä Geburt ziehen die Schwalbeu furt. — Bleibt im Herbst das Laub nahe am Stamm liegen, so folgt ein fruchtbar Jahr. — Nie hat der (September zu bessern vermocht, was ein schlechter August nicht gekocht. — Durch Septenibers heitren Blick schaut noch mal der Mai zurück. — Wenn Michael viel Eicheln bringt, Weihnachten der Schnee die Felder düngt. — Wiutert's im September noch, liegt im März der