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M 60.

Samstag, den 26. Juli 1902.

53. Jahrgang.

-=======!==^^^ Postanstalten undLaudbriesträgcrn, sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin. Auf seiner Nordlandsreise weilt unser Kaiser z. Zt. in Drontheim. Das Wetter ist schön, wenn auch kühl. Kaiser Wilhelin ging Dienstag Vor­mittag um 9 Uhr an Land, fuhr mit seiner Begleitung zum Dome und besichtigte ihn unter Führung des Konsuls Jensen. Nach einstündigem Aufenthalte im Dome begab sich der Kaiser ' und sein Gefolge zum Frühstück in die Villa des Konsuls und kehrte um i >/.^ Uhr auf dieHohenzollern" zurück. Abends um 7 Uhr giebt Se. Majestät im Fjeldsäter Sanatorium ein Mahl. Für den Wiederherstellungsfonds der Domkirche hat der Kaiser auch in diesem Jahre 1000 Kronen gespendet.

DieHohenzollern" befindet sich auf der Fahrt von Drontheim nach Bergen; der Weg geht über Merok. Einem Franzosen Trousselle, dessen Jacht in den nordischen Gewässern Schaden erlitt, stellte der Kaiser zur Ausbesserung einige Taucher zur Verfügung. Der Franzose machte darauf einen Dankbesuch an Bord derHohenzollern".

Der Kaiser hat König Georg von Sachsen von der Stellung als Generalinspekteur der zweiten Armee­inspektion entbunden.

-- Von einem Geschenk des Sultans für Kaiser Wilhelm II. wird aus Konstantinopel berichtet. Da­nach habe der Sultan dem deutschen Geschäftsträger, Baron Wangenheim, in der letzten Audienz mitgetheilt, daß er dem deutschen Kaiser zum Zwecke archäologischer Forschungen den auf den kaiserlichen Domänen Lei Masul gelegenen Berg Kalatel Schirgal überlasse. In wissenschaftlichen Kreisen ist man der Ansicht, daß Aus­grabungen daselbst von höchster Wichtigkeit für die assyrische Geschichte sein werden.

Der Besuch des Königs von Italien in Berlin findet zwischen dem 25. und 28. August statt. Der Minister des Aeußern, Prinetti, wird den König aber­mals begleiten. Bei dieser Gelegenheit wird in dem Kieler Hafen das SchulschiffAmerigo Vespucci" ent­sandt, wahrscheinlich auch das PanzerschiffLiguria" unter dem Befehle des Herzogs der Abruzzeu.

Geheimer Medizinalrath Professor Gerhardt von Berlin, die bekannte Autorität auf dem Gebiete der Brustkrankheiten, ist auf seiner Besitzung Gamburg in Baden gestorben. Dagegen geht es Professor Virchow, von dem es hieß, fein Befinden errege Besorgniß, wieder besfer.

Ueber die Bewegungsfreiheit der Dreibund­staaten veröffentlicht dieKöln. Ztg." einen anscheinend aus deni Auswärtigen Amte stammenden Leitartikel, in dem es u. a. heißt: Der Dreibund hindert keinen der drei Staaten, mit Ländern frenudschaftliche Be­ziehungen zu pflegen, die außerhalb des Bundes stehen. Deutschland sei ebenso bemüht, wie zu Rußland auch zu Frankreich in angenehme Beziehungen zu treten. Es gereiche ihm zur Befriedigung, daß bezüglich Frank­reichs eine Lage geschaffen sei, die durchaus angenehme lokale Beziehungen ermögliche. Alle fünf beteiligten Staaten könnten heute zusammen und einzeln unter einander durchaus friedliche, freundliche Beziehungen unterhalten. Die Besserung der Beziehungen zwischen Italien und Frankreich erfülle Deutschland mit Genug­thuung, weil nicht nur die wirtschaftliche Lage des italienischen Verbündeten dadurch erleichtert, sondern auch ein Reibungsfaktor beseitigt wird, der unter Um­ständen Schwierigkeiten hervorrufen könnte.

Seitens des Landwirthschaftsministers in Berlin ist der deutschen Landwirthschaftsgesellschaft ein Betrag Von 4000 Mk. zur Verfügung gestellt worden zwecks Erlaß eines Preisausschreibens für eine Flachsrauf- Maschine. Nach der letzten Statistik werden in Deutsch­land ungefähr 60000 Hektar Flachs angebaut, welche Fläche ein Zehntel von dem in Deutschland ver­sponnenen Flachs liefert, während neun Zehntel einge- fuhrt werden, in der Hauptsache aus Rußland und Holland. Allgemein wird das Bedürfniß nach einer Flachsranfmaschine anerkannt, weil die Arbeit des Raufens körperlich sehr anstrengend ist. Eine von der

deutschen Landwirthschaftsgesellschaft veranlaßte Rund­frage hat ergeben, daß fast allgemein eine Steigerung der Anbaufläche in Aussicht gestellt wird, wenn es ge­lingen sollte, eine gute Flachsranfmaschine zu erfinden. Da das Bedürfniß mach einer solchen Maschine auch im Auslande besteht, wäre dem Erfinder nicht allein nur ein guter Absatz in Deutschland, sondern ein Export nach dem Auslande in sichere Aussicht zu stellen Einer angestellten Berechnung nach müßte eine Maschine von etwa 1000 Mk. Anschaffungspreis und einer Be­spannung von 3 Pferden pro Tag 2 Hektar leisten können.

Zur Erhöhung der Betriebssicherheit sollen auch auf den preußisch-hessischen Staatsbahnen die Haupt­bahnlinien nach und nach mit Fernsprechanlagen ver­sehen werden, die sowohl eine schnelle als auch be­queme Verständigung zwischen den Stationen und den Bahnwärterposten ermöglichen. Zwischen je zwei Stationen wird eine Leitung gelegt, in welche alle auf dem betreffenden Streckenabschnitt vorhandenen Bahn­wärter- und Schrankenwärterposten eingeschaltet werden. Die jetzt in einzelnen Buden aufgestellten Morseschreiber werden später entbehrlich. Der Minister hat die so­fortige Ausführung dieser Neuanlagen angeordnet, und zwar sollen in erster Linie die Schnellzug strecken mit Fernsprechern ausgerüstet werden. Hiernach wird die Einrichtung auf den übrigen Hauptbahnlinieu durch- geführt.

Aus den Ergebnissen der letzten Volkszählung wird nunmehr auch der ziffernmäßige Nachweis über die im Deutschen Reiche sich aufhaltenden ausländischen Personen bekannt. Solche wohnten am 1. Dezember 1900 nahezu 780000 in unserem Vaterlande, eine Kopfzahl, die unsere Krieger im letzten deutsch-fran­zösischen Kriege beinahe erreicht. So viel Ausländer befanden sich bei uns noch zu keiner Zeit; 1869 schätzte man sie auf 82 000, und am 1. Dezember 1871 wurden 205 755 gezählt. Im Jahre 1880 konnte man schon 6,10 auf WO Personen Reichsangehöriger rechnen, welche Zahl sich von da ab verdoppelte und verdrei­fachte. Am stärksten sind unter den Ausländern natürlich die uns verwandten Oesterreicher vertreten, sie zählen über 390 000 Personen; nach ihnen kommen die Niederländer mit 11,3 Proz., die Italiener mit 9 Proz., die Schweizer mit 7,1 Proz. der gesummten ausländischen Bevölkerung Deutschlands. Besonders sind die Ausländer in Berlin-Charlottenburg, Elsaß- Lothringen, Königreich Sachsen, Köln, München und Hamburg. In Elsaß-Lothringen leben neben 15 000 Franzosen 21000 Italiener, 12 000 Schweizer und 10 5uo Luxemburger. Nach Elsaß-Lothringen beher­bergt das Königreich Sachsen die meisten Ausländer, hauptsächlich der arbeitenden Klasse. In Berlin ist natürlich die überwiegende Anzahl der Studirenden und Vergnügungssüchtigen zu finden: es kommen 18,5 Ausländer auf 1000 Berliner. Unter allen Ausländern sind die Männer in der Mehrzahl, denn auf 100 männ­liche Personen kommen nur 68 weibliche.

Der schweizerische Bundesrath beschloß den Bei­tritt zu der durch die Berliner Konferenz im Juni 1901 aufgestellten deutschen Rechtschreibung.

Dresden, 23. Juli. König Georg von Sachsen ist an Lungenentzündung schwer erkrankt.

Leipzig. Der Prozeß gegen die Unterschlagungen am Leipziger Bankhaus ist nun endlich zu Ende ge­führt und lautet das Urtheil - wie folgt: Direktor Exner 5 Jahre Zuchtshaus, 5 Jahre Ehrverlust, unter Anrechnung von 7 Monaten Untersuchungshaft. Die Aufsichtsrath-Mitglieder: Dodel 15,0u0 Mark Geld­strafe, Mayer 18,000 Mark, Schröder 18,000 Mark, Wölker 18,000 Mark, Dr. Fiebiger 80i0 Mark, Vörster 5000 Mark, Willens 5000 Mark.

Kiel. Eine Barkasse mit 2 Kuttern und einem Dinghy im Schlepptau wurde nachmittags gegen 2 Uhr von dem WeiftdampferAlarm" angerannt. Ein Kutter von der ersten Kompagnie der !. Torpedo- abtheilung ist gekentert. Der Heizer Keßler ist er­trunken. Eine Barkasse von der 1. Torpedo-Abtheilung befindet sich auf der Unfallstelle.

Hamburg, 23. Juli. Die Morgenblätter melden : Bis gestern Abend wurden 26 Leichen geborgen. Die Leichen werden in der Nienstedter Kirche aufgebahrt. Als vermißt werden bisher 65 Personen gemeldet,

darunter elf Kinder. Die Explosion des Kessels wurde durch den Maschinisten desPrimus" verhindert, der dabei schwere Brandwunden erlitt. Sammlungen zur Unterstützung der Hinterbliebenen sind eingeleitet. In Eilbeck hat sich ein aus 21 Personen bestehendes Hilfs- komite zur Unterstützung der Hinterbliebenen gebildet In einer vom Eilbecker Bürgerverein einberufenen Versammlung, worin obiges Konnte gewählt wurde, wurden sofort 3100 Mark gezeichnet. Von vielen Stellen liefen Beiträge ein, sowie Angebote von Kon­zerten und ähnlichen Veranstaltungen. Auch wurden viele Waisen an Kindesstatt angenommen. Am Donnerstag fand in der Friedenskirche in Eilbeck Gottesdienst statt. Durch die Hamburger Polizei wird versucht werden, alle auf preußischem Gebiete ange­schwemmten Leichen ausgeliefert zu erhalten, um die Opfer gemeinsam bestatten zu können. Der Dampfer Primus" wurde bei Hochwasser durch die Taucher wieder etwas höher gehoben und etwa 50 Meter näher an die Landungsbrücke von Nienstedten gebracht.

Ausland.

Rom, 21. Juli. Bei der gestrigen Abschieds- andienz welche der Papst der vom Civilgouverueur der Philippinen Taft geführten besonderen amerikanischen Mission ertheilte, überreichte er als Zeichen seiner Be­friedigung über den Erfolg der Verhandlungen jedem Mitgliede der Mission ein Andenken. Karvinal Letochowski ist heute früh gestorben.

Wien, 22. Juli. Der längst angekündigte, gestern erschienene Erlaß des Ministerpräsidenten über die Be­kämpfung der Tuberkulose ruft in der Bevölkerung eine tiefgehende Bewegung hervor. Eine Erkrankung an Tuberkulose', ist darnach anzuzeigen. Bei Wohnungs­wechsel und bei Tod eines Kranken soll die Wohnung von Amtswegen desinfiziert werden. Für Wäsche Kleidung, Speise und Absonderung eines Erkrankten werden eingehende Vorschriften gemacht. Es wird die Errichtung einer großen Anzahl von Heilstätten und Asylen für Lungenkranke angestrebt.

Nord-Amerika. Amerikanische Kriegsbeute aus China. Im Gepäck einer Kompanie des von Manila zurückgekehrten 9. amerikanischen Infanterieregiments wurde von Zollbeamten 5 kaiserlich chinesische Siegel und zehn Platten aus dunkelgrüner Jade (Nephrit) mit erhabenen Ornamenten aus getriebenem Golde, den fünfzehigen kaiserlichen Drachen darstellend, entdeckt und mit Beschlag belegt. Als Eigenthümer dieser fast unbezahlbaren Kunstwerke meldete sich der Leutnant Schöffel. Er erklärte, er habe die Siegel und Platten im Gepäck der Kompnie, statt in seinem eigenen Koffer verpackt, weil er sie so besser vor Beschädigungen schützen zu können glaubte. Der Hafeninspektor Don San Francisco nahm die Schätze an sich und ver­ständigte das Schatzamt in Washington von dem kost­baren Funde. Derselbe stammt aus deni kaiserlichen Palast in Peking, bei dessen Plünderung die Gegen­stände in die Hände der Truppen fielen. Auf die Entscheidung des Bundesschatzamtes darf man ge­spannt sein.

New-Dork, 24. Juli. Ein Telegramm aus KingS- town auf St. Vincent berichtet: Heute wurde in der frühesten Morgenstunde wieder ein heftiger, lang an­dauernder Erdstoß verspürt. Die Einwohner flohen erschreckt in Nachtkleidern auf die Straßen und blieben dort bis Tagesanbruch. Die durch die letzten Erdstöße theilweist zerstörten Häuser werden im Interesse der öffentlichen Sicherheit niedergerissen. Das Wetter ist sehr böig, die See tritt von der Küste zurück, man befürchtet deshalb, daß es sich um eine Fluthwelle handelt.

London, 24. Juli. Nach einem Telegramm aus Cowcs ist das Befinden des Königs andauernd günstig. Der König verbrachte eine gute Nacht und machte gestern einen ganz kurzen Spaziergang an Deck. Nach einer Meldung aus Hongkong wurden daselbst in der letzten Woche 21 Pestfälle festgestellt. 20 davon sind tödtlich verlaufen.

London, 24. Juli. Hier wurde ein großer Juwelen­diebstahl verübt. Ein Angestellter der Firma Gebr. Ivans war damit beschäftigt, Diamanten im Werthe von 4000 Pfund zum Versandt nach Amsterdam zu verpacken, als er an's Telephon gerufen wurde. Bei