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Kraßnoje Sselo, 14. Juli. Der Kaiser und der König von Italien sind in Begleitung der Kaiserin und der Kaiserin-Mutter heute Nachmittag um 6 Uhr hier eingetroffen. Auf dem reich geschmückten Bahn­höfe war eine aus Gardetruppen bestehende Ehren­wache aufgestellt. Nachdem die Majestäten die Front abgeschritten hatten, überreichte eine Abordnung der Ortsbehörde auf einem aus Holz geschnitzten Teller Salz und Brot. Sodann besichtigten die Monarchen das Lager. Die beiden Kaiserinnen fuhren in einem Wagen vorauf, ihnen folgten die Souveräne mit großem Gefolge zu Pferde. Die Truppen, die vor den Zelten aufgestellt waren, begrüßten, gleich einer zahlreich versammelten Volksmenge die Herrschaften mit begeisterten Hurrahrufen. Nachdem das Lager abgeritten war, wurde vor dem Kaiserzelt eine Serenade und ein großer Zapfenstreich von etwa 2000 Musikern und Spielleuten ausgeführt. Leider brach jetzt ein schwerer, anhaltender Regen aus. Die Majestäten be- gaben sich sodann nach dem Palais zu Kraßnoje Sselo, wo ein Familiendiner und Marschalltafel stattsand. Nach dem Diner fand im Theater die Aufführung zweier Ballets statt. Die Nacht über verbleiben die Majestäten in Kraßnoje Sselo. Morgen früh findet große Parade statt.

Paris, 15. Juli. In einem Wagen 1. Clasfe eines von Paris nach Versailles fahrenden Eisenbahn­zuges wurde heute Vormittag gegen einen Deutschen, Dr. Ordenstein, ein Mordversuch begangen. Ein an­ständig gekleideter junger Mann brächte ihm mehrere Messerstiche in den Leib bei. Dem Ueberfallenen ge­lang es, das Nothzeichen zu geben und der Thäter wurde verhaftet, weigert sich aber seinen Namen an- zugeben. Der Verwundete, dessen Zustand ernst ist, wurde in ein Krankenhaus gebracht. Dr. Ordenstein ist ein in der hiesigen deutschen Colonie sehr ange­sehener Arzt und aus Worms gebürtig. Die Aerzte des Hospitals Beaujon, wohin der Verwundete ge­bracht wurde, sind der Ansicht, daß es gefährlich sein würde, heute noch zu einer Operation zu schreiten, und verschoben die Entscheidung! auf morgen. Der Thäter wurde heute Nachmittag '.in das Polizeidepot gebracht; er weigert sich fortgesetzt, seine Personalien anzugeben.

Males und Provinzielles.

* Schlüchtern, 15. Juli 1902.

** Die diesjährige Entlaffungs-Prüfung in dem Königlichen Schullehrer-Seminar zu Schlüchtern ist auf den 26. August, an welchem Tage die schriftliche Prüfung beginnt, und die folgenden Tage angesetzt. Die mündliche Prüfung nimmt am 1. September ihren Anfang. Die Aufnahme-Prüfung erfolgt in Schlüchtern am 8. und 9. September, in Frankenberg am 18. und 19. desselben Monats. Auf den ersten Tag ist die schriftliche, auf den zweiten die mündliche Prüfung angesetzt.

[:] Zum Gerichtsassessor ernannt: Refr. v. Kietz ell im Bez. Gaffel; zuin Reg.-Baumeister der Reg.-Bau- hrer Aug. Schlott aus Mottgers, Kr. Schlüchtern.

* Der Wiedereinführung von ,Z und '/, Pfund Gewichtsstücken ist der preußische Handelsminister näher getreten, nachdem sie der Centralverband der deutschen Kaufleute und Gewerbetreibenden beantragt hatte. Auf eine Umfrage des Handelsministers haben die Weitesten der Kaufmannschaft von Berlin berichtet, daß der Ver­kauf nach '/. und 7-2 Pfund noch immer die Regel bilde, der Verkauf nach 100, 200, 300 Gramm rc. aber eine seltene Ausnahme sei. Demnach wünsche der Kleinhandel Gewichtsstücke zu 125 uud 250 Gramm, um nicht zwei oder drei Stücke verwenden zu müssen. Da sich gegen die Verkehrsgewohnheit doch nickts machen lasse, empfiehlt sich die Neuerung, doch solle man den neuen Gewichten das Gewicht in Gramm aufdrücken und ihnen eine in die Augen fallende ab­weichende Form, z. B. quatratischen Querschnitt geben, um einer Verwechslung, mit oder ohne Absicht, vorzu- beugen.

* Der Landwithschaftliche Kreisverein zu Geln- hausen hält nächsten Sonntag in der Bien'schen Wirth­schaft zu Leisenwald seine diesjährige 2. Wanderver- sammlung ab. Es können auch an dieser Versammlung außer den Mitgliedern alle Landwirthe und Interes­senten theilnehmen.

* Die Leistungen der staatlichen Krankenversicher­ungen zeigt folgende Zusammenstellung: Die reichs- gesetzliche Kranken-Versicherung umfaßte im Jahre 1900 23 021 Kassen mit 9,5 Mill. Versicherten. Während die Gesammt-Bevölkerung des deutschen Reiches seit 1896 um 7,8 vom Hundert gestiegen ist, hat sich in derselben Zeit die Zahl der gegen Krankheit Versicherten um26,5v.H. gehoben, sodaßauf Grund des Reichsgesetzes bereits 16,1 v. Hdt. der ganzen Bevölkerung gegen Krankheit versichert sind. Ausgegben wurden für 3,6 Millionen Erkrankungsfälle mit 64,9 Millionen Krank­heitstagen 157 Millionen Mark an Krankheitskosten. Von den letzteren entfallen 44 v. H. auf das Kranken­geld, 22 v. H. auf ärztliche Behandlung und 17 v. H. auf Arzneien und sonstige Heilmittel. Auf einen Ver­sicherten kamen 0,39 Erkranrungsfälle, 6,82 Krankheits­tage und 16,85 Mark an Krankheitskosten. Das Ge-

ler damals schon als Rekrut ausgehoben war, ginn er nach Frankreich ließ sich zur Fremdenlegion anwerben diente in Algier, Tonking u. s. w., führte sich gut, kam wieder nach Frankreich, war zuletzt Feldwebel in Bel­fort. Auf Veranlassung seiner inzwischen achtzig Jah^ alt gewordenen Mutter und in der Annahme, daß er wohl keine allzu harte Strafe zu gewärtigen habe, kehrte er nach Deutschland zurück und stellte sich den Behörden freiwillig. Er wurde dem Jnf.-Reg. Nr. 116 zu­getheilt und gestern vom Kriegsgericht wegen Fahnen­flucht zu 6 Monaten Gefängniß verurtheilt und in die 2. Klaffe des Soldatenstandes versetzt. 14 Tage Unter­suchungshaft werden ihm angerechnet. Das Contu- macialurtheil vom Jahre 1885 wird aufgehoben; zu dienen braucht er jetzt nicht mehr.

Vermischtes.

Einen niedlichen Soldatenbrief aus der Garnison Potsdam bringt diePotsd. Ztg." : Er lautet wörtlich: Geliebtes Anna!

Du bist gewundert, daß Ich solange nicht ge­schrieben bin. Hab' sich doch bekommen einen Brief von zu Hause. Hat sich geschrieben Vater hat krankes Bauch weil sich zuviel hat gesaust von das Buttermilch. Kann nicht verdienen und mir nicht schicken. Bin da­rum in größtes Verlegenheit geraten, weil mir hat gestohlen die Hose der Kamis ein Dieb. Da nun ge­sagt Feldwebel Du bezahlen das Hose sonst holt Dich der Loch und kriegs das Teufel. Was soll machen verfluchtes Zucht. Willst schicken mir 8 Mk. ist alles gut. Wenn dann kommen auf Urlaub gehen auf das Tanz. Schickst Du mir nich's schieß ich mir ganz todt. Vor lautes Kram mein Herzen und Liebe das mir verstohlen das Hose der Kamis. Hab mich ge­kauft Hose die Extra paffen sich wie Leutnant. Willst geliebte Anna mir schicken das Geld bald. Ich habe noch zu schreiben, doch muß ich Holz hacken. für Frau von Feldwebel. Der Teufel mach hakken das Holz. Ich auch schon ganz gut hab gelernt Deutsch bei das Militär. Nun lebst Du wohl und giebst Du Kuß.

Dein geliebtes August. Amen.

Gemüthlich.Nun, Franz, was dachtest Du denn, als Dir mein zukünftiger Schwiegerpapa ein Zehnmarkstück schenkte?"Daß wir den warm halten müssen, Herr Leitnant!"

Von dem Illustrierten Sonntagsblatt für das christliche HausGrütz Gott" ging uns so­eben das nur 20 Pfennig kostende IX. Heft des XVIII. Jahrgangs zu. Dasselbe hat folgenden Inhalt: Pfingsten. Erbauliche Betrachtung XXXIH./XXXVI. - Pfingstbrausen XXXIJI./XXXV. Liebespflicht und Rechtspflicht XXXHL/XXXIV. Wohlthätigkeit 'auf dem Meere. Der Pfahl im Fleisch. Ein Gruß aus dem Zopflande. - Pfingstlied. Lob M Dreieinigen. Ein Rezept. Morgenrot im Orient. Pfingsten. Eines und alles. Allein XXXV./XXXVL Religion in der Schule. XXXV./XXXVI. Führer auf dem Lebensweg. - Dankespflicht.Es ist in keinem andern Heil. Gnade. Aus Welt und Zeit. Unsere Bilder. Vom Büchertisch. Rätsel. Gemeinnütziges. Anzeigen.

Bestellungen nehmen alle Buchhandlungen rc. oder auch die Verleger Greiner & Pfeiffer, Stuttgart, ent­gegen.___

Der Feinschmecker.

Die Fleischbrühsuppe, Wilhelm, scheint Dir heut' nicht zu behagen?

That kürzlich ihren Grenadier Die dralle Köchin fragen.

Du bist doch sonst was man so sagt Giri rechter Suppenesser." Jawohl?" versetzte der Soldat, Nur war sie sonst viel besser!" Was Du nicht sagst!" die Köchin spricht. Ich denk man kann sie essen!

Nur hab' die Maggi-Würze ich Daran zu thun vergessen." Nachdem sie dieses nachgeholt, Erklärt ihr Schatz vergnüglich: Na, siehst Du, ich hab's gleich gemerkr! Jetzt schmeckt sie ganz vorzüglich!" ________________________H. W.

Eingesandt.

Schon vor einigen Jahren war es einmal der sehn­lichste Wunsch der Bürger der Stadt,wenn nur erst wieder einmal die Klosteruhr uns sagte, ihr müßt frühstücken oder Mittag halten, denn wenn man im Felde arbeitet, sind gerade diese beiden Beschäftigungen nicht zu verachten. Der damalige Regent der wohl- löblichen Klosterrenterei riet aber in Anbetracht der schlechten finanziellen Verhältnisse des Klosters, die Kosten für die Reparatur der Uhr zu sparen ja noch vielmehr, er trug sich sogar mit bem Gedanken, dieselbe, diese Zeugin heiterer und trüber Tage, ganz abnehmen zu lassen. Doch gegen den Willen dieses Herrn, wurde die Alte nochmals in Gang gesetzt und sie zeigte, daß man auch im Alter noch was leisten kann und zur Freude aller Bürger ertönte wieder ihr

samt-Vermögen aller Kassen belauft sich auf rund 156 Millionen Mark, wovon den Orts- und Betriebs­krankenkassen 43 v. H., den eingeschriebenen Hilfskaffen 10 v. H. gehören.

* - Professor Dr. Westphal berichtet in derPa­role" über das Vermögen der deutschen Kriegervereine und ihre Unterstützungsthätigkeit im Jahre 1901. Von den 15 000 Bundesvereinen haben rund 76 die Ver­mögens- und Unterstützungs-Nachweise eingefanbt; sie besitzen zusammen ein Vermögen von rund 14 Milli­onen Mark und haben im Jahre 1901 rund 1/z Millionen Mark für Wohlthätigkeitspflege ausgegeben. Rechnet man hierzu noch die Summe, die der deutsche Kriegerbund selbst an Unterstützungen für Kameraden und Wittwen, für die Waisenpflege und an Sterbe­geldern im Jahre 1901 aus der Bundeskasse gezahlt hat, im Ganzen etwa 361000 Mk., und berücksichtigt man, daß ein erheblicher Theil der Vereine mit den Vermögens-Nachweisen zurückgehalten hat, so kommen nahezu 2 Millionen Mk. heraus, die von den Krieger­vereinen Norddeuschlands für Werke socialer kamerad­schaftlicher Fürsorge in einem Jahre ausgegeben worden sind.

* - - Wie wir erfahren, sind feit dem 5. Juli ds. Js. für die Universitäts-Augenklinik in Gießen folgende Pflegegeldsätze vom Gr. Ministerium für die Kranken III. Klaffe festgesetzt worden: a) für Kinder unter 14 Jahren 70 Pfg., b) für Erwachsene 1 Mark für den Tag.

Oberhaun, 12. Juli. Mit eiuem Bauunternehmer in Sieglos, der Pächter der am Stoppelsberge befind­lichen großen Sandsteinbrüche ist, hat ein Bauamt Unterhandlungen um 20000 Kbm. Sandsteine eingeleitet. Diese Lieferung soll in den nächsten zwei Jahren ge­schehen. Es wird vermuthet, daß der Bebraer Bahn­hof umgebaut werden wird.

Ellingerode Kr. Witzenhausen, 16. Juli. In Ab­wesenheit der Eltern kam das 9jährige Töchterchen der Eheleute Hartei dem Herde zu nahe, so daß die Kleider Feuer fingen. Das Kind trug schwere Brandwunden davon, denen es heute erlegen ist.

Cassel, 15. Juli. Seit dem Jahre 1880 befindet sich in den Räumen der Gewerbehalle eine Auslegestelle der vom Kaiserlichen Patentamt in Berlin herausge­gebenen Patentschriften über die in den Patentklaffen Nr. 189 ertheilten Patente, beginnend mit Nr. 3000, die an jedem Werktage in der Zeit von 10 1 Uhr von Jedermann unentgeltlich benutzt werden kann. Durch die Auslegung der Patentschriften wird Jedermann Ge­legenheit gegeben, sich über den Inhalt eines Patentes zu unterrichten. Um auch auswärtswohnenden Per­sonen die Einsicht der Patentklassenschriften zu ermög­lichen, ist die leihweise Abgabe einzelner Nummer auf kürzere Zeit gestattet. Die neu erscheinenden Patent? fchriften werden den Auslegestellen vom Kaiserlichen Patentamt in Berlin in wöchentlichen Zwischenräumen überwiesen und dem Publikum alsbald nach ihrem Er­scheinen zugänglich gemacht.

Schlierbach. Die unlängst im Kahlgrund entdeckten Petroleumlager sollen demnächst erschlossen werden. Behufs Vornahme von Bohrungen schließt gegen­wärtig eine westfälische Firma mit den Grundbesitzern Kaufverträge ab.

Hanau, 17. Juli. Die einen Theil Oberhessens und den nordwestlichen Theil des Landkreises Hanau durchschneidende Nebenbahn Stockheim-Höchst an der Nidder-Vilbel wird jedenfalls in aller Kürze in Angriff genommen werden. Den an der Linie belegenen Ge­meinden des diesseitigen Kreises ist jetzt mitgetheilt worden, daß die Linienführung der genannten Neben­bahnstrecke endgiltig festgelegt ist. Die Bahn wird laut Staatsvertrag von Preußen und Hessen gebaut, soweit Gebietstheile beider Staaten in Betracht kom­men.

Hanau, 16. Juli. Gestern hat hier ein gefährlicher Betrüger, der vielfach vorbestrafte Reisende A. Meyer aus Nürnberg, verschiedene Geschäftsleuten auf raffinierte Weise arg geschädigt. Er gab sich als Vertreter einer Nürnberger Fabrik für Patentsetzwagen aus, und bot den Geschäftsleute die Vertretung der Fabrik für einen gewissen Bezirk an. Den Betrag für die erste Be­stellung ließ er sich als Kaution sofort ausbezahlen. Einer der Geschädigten fand später, als er eine Fach­zeitung zur Hand nahm, daß bereits vor dem Schwind­ler, der in anderen deutschen Städten Betrügereien ver­übt hat, gewarnt wird. Auch wird er schon von der Staatsanwaltschaft in Nürnberg und Karlsruhe ver­folgt. Die Nachforschungen seitens der hiesigen Polizei blieben erfolglos.

Eisenoch, 15. Juli. Ein schwerer Unfall ereignete sich am Sonnabend kurz vor der Abfahrt des Vor- mittags-Schnellzuges der Werrabahn. In der Nähe der Fahrzeugfabrik stürzte ein Schaffner bei der Revi­sion der Fahrkarten herab und erlitt mehrere Rippen- brüche. Der Schwerverwundete wurde im Packwagen des Zuges untergebracht.

Darmstadt, 15. Juli. Kriegsgericht. Wenn auch spät, so hat ihn doch das Schicksal erreicht. Der heute 38 Jahre alte Jos. Kapplin aus Regisheim i. E. war 1884 Lehrer in Altkirch, vertrug sich aber nicht mit seinem Rektor und trat aus dem Schuldienst aus. Obwohl