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• X 53. Mittwoch, den 2. Juli 1902. 53. Jahrgang.
^HollltMAOM auf ^e .Schlüchierner Zeitung" ' M^kUU»U^»i werden noch fortwährend von allen I ea "'1— PostanstaltenundLandbriesträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Der Kaiser überreichte am Sonnabend dem Gewinner in der Regatta Dover—Helgoland, Dempter, den Helgoland-Pokal an Bord der „Hohenzollern". Heute Bormittag wohnte das Kaiserpaar der Enthüllung zweier Gedenktafeln für die bei der China-Expedition gebliebenen Offiziere und Mannschaften der Ostseestation und für die mit der „Gneisenau" Untergegangenen in der Kieler Garnisonkirche bei. An der Feier nahmen die anwesenden Fürstlichkeiten und die Admiralität Theil. Der Kaiser begab sich später an Bord des „Meteor", um an der Regatta theilzunehmen. Die Kaiserin fuhr gegen Mittag mit der Herzogin Friedrich Ferdinand von Schleswig-Holstein und deren Prinzessinnen Töchtern zum Besuche nach Ploen. Sie gedachte am Nachmittag zurückzukehren.
Ueber den bevorstehenden Besuch des Kaisers in Posen berichtet die „Post": Der Kaiser beschäftigt sich zur Zeit viel mit dem amtlichen Material über die polnische Bewegung in Posen. Er beabsichtigt bei seiner Anwesenheit daselbst während der großen Manöver sich programmatisch über die Polenpolitik des preußischen Staates zu äußern. Die Gelegenheit hierzu wird voraussichtlich das Bankett bieten, das der Kaiser am 4. September den Ständen der Provinz Posen im neuen Provinzialmuseum giebt. Nach der nunmehr vorn Kaiser genehmigten Zeiteintheilung für das Kaiserma- növer 1002 wird das 5. Armeekorps am 3. September bei Lawica unweit Posen vor dem Kaiser in Parade stehen. Der 4. September ist Ruhetag; der 5., 6., 7. und 8. September sind Marschtage mit Aufklärungsübungen; am 9., 10., 11. und 12. September finden große Manöver zwischen dem 5. und 3. Armeekorps in der Linie Bentschen-Meseritz statt. An den Kaisermanövern wird auch Prinz Ludwig von Bayern theil- nehmen.
— Dem Bundesrath ist jetzt eine Vorlage zugegangen, wodurch das Gesetz betreffend die Schlachtvieh- und Fleischbeschau vom 3. Juni 1900 im vollen Umfange am 1. April 1903 in Kraft treten soll. Bisher waren nur einzelne Theile dieses Gesetzes in Kraft gesetzt worden. Wegen den umfangreichen Vorberatungen und Vorbereitungen ließ sich der Termin für das Jnkraftreten des Gesetzes nicht früher festsetzen; nach langem Harren hat man nun endlich Gewißheit.
— In der Sitzung des Bundesrathes wurden der Entwurf einer Bekanntmachung wegen wechselseitiger Benachrichtigung der Miltär- und Polizeibehörden über das Auftreten übertragbarer Krankheiten und der Entwurf eines Gesetzes, betreffend Weißphosphorzündwaaren den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Dem Aus- schußantrage bis zu den Beschlüssen des Reichstages zu dem Entwurf eines Gesetzes betreffend den Servistaris und die Klasseneintheilung der Orte, sowie Abänderung des Gesetzes über die Bewilligung von Wohnungsgeldzuschüssen wurde die Zustimmung ertheilt. Bei der Plenarsitzung beriethen die vereinigten Ausschüsse für das Landheer und die Festungen und für das Seewesen.
— Der Dreibund erneuert. Das Vertragsinstrument der Verlängerung des Bündnisses mit Oesterreich-Ungarn und Italien wurde am 28. Juni in Berlin durch den Reichskanzler Grafen Bülow und die Botschafter Graf Szögyeny-Marich und Graf Lanza unterzeichnet. Der Dreibund ist in unveränderter Form erneuert worden.
— Auf der in Innsbruck abgehaltenen europäischen Fahrplankonferenz wurde von der Verwaltung der bayerischen Staatsbahnen die Absicht geäußert, im Winterfahrplan die Schnellzüge Hamburg-München und zurück, die erst nach langen Bemühungen und gerade auf Anregung der bayerischen Staatsbahnen von der preußischen Staatsbahnverwaltung nach langjährigem Widerstände zugestanden wurden, wieder aufzuhebem
— Die Firma Vorsig-Berlin, die jüngst ihre 50= OOOfte Lokomotive fertig gestellt hat, hat eine Bestellung auf 32 Lokomotiven mit Tendern für die ostin- dische Eisenbahn in Indien erhalten.
— Die Ungunst der wirtschaftlichen Lage wird
durch folgende Mittheilungen illustrirt. Auf dem Ruhr- kohlenmarkt ist der „Köln.Ztg." zufolge nach dem etwas besseren Geschäftsgang des Vormonats in der zweiten Junihälfte eine außerordentliche Stille eingetreten. Infolge dessen ist der Abruf bei den Zechen unbefriedigend, so daß theilweise wieder Feierschichten eingelegt werden müssen. In Hausbrandkohlen stehen ganze Zugladungen auf den Werken. Seitens der Nicht- syndikatszechen wird der Wettbewerb mit scharfer Rücksichtslosigkeit geführt. Die Hoffnung, daß diese Zechen dem Syndikat beitreten werden, wird nicht mehr gehegt. Auch in einzelnen Zweigen der Eisenindustrie haben sich die Preise und Absatzgelegenheiten verschlechtert. — Aus Essen a. d. Ruhr wird der „Berl. Morgenpost" geschrieben, daß bei der Firma Krupp noch fortgesetzt Arbeiterentlassungen erfolgen müssen und daß namentlich im Kanonen-Ressort zahlreiche Kündigungen stattfinden. In der Werkzeug-Macherei wurde die Nachtschicht eingestellt; den hierdurch überflüssig gewordenen Arbeitern wurde gekündigt. Es ist noch sehr fraglich, ob die von der Kündigung betroffenen Arbeiter in andern Betrieben der Fabrik werden untergebracht werden können. Ebenfalls wird ein großer Theil von ihnen anderweitig Verdienst suchen müssen.
— Die Neberproduktion in den deutschen Brennereien hat einen bedeutenden Umfang angenommen, so lesen wir in der „Nat.-Ztg." Die unter steuer- amtlicher Kontrolle befindlichen Branntweinbestände werden am 1. September dieses Jahres etwa 108 Millionen Liter betragen, also nahezu das Fünffache des Bestandes von 1897 und 98 und auch noch über 60 Prozent mehr als der schon ausnahmsweise hohe Bestand in 1901. Im Hinblick hierauf heißt es in einer halbamtlichen Auslassung, daß eine Verminderung der Produktion für die nächste Campagne zur Herstellung des Gleichgewichts zwischen Angebot und Nachfrage unabwendbar geworden und es unausbleiblich sei, daß, wenn nicht rechtzeitig vorgebeugt werde, die Produktionseinschränkung durch Preisdruck erzwungen werden würde. Ein Sinken des Preises auf 30 Mk., bei dem sich der Ertrag des Centners Kortoffeln auf 44.4 Pf. stellt, dürfte zur Wiederherstellung dieses Gleichgewichts ansreichen, widrigenfalls ein noch weiterer Rückgang des Preises zu erwarten wäre. Wird durch freiwillge Einschränkung der Produktion für die nächste Campagne sicher gestellt, daß ein entsprechender Theil der hohen Bestände zur Befriedigung der regelmäßigen Nachfrage abgestoßen werden kann, so läßt sich nicht nur jeder Verschlechterung des gegenwärtigen Zustandes vorbeugen, sondern auch eine Gesundung des Brennereigewerbes für die Zukunft anbahnen.
Ärcfclb, 27. Juni. Die Stadtverordnetenversammlung beschloß in geheimer Sitzung, eine Anleihe von 4 Millionen Mk. zum Erwerb einer Grundfläche für den Exerzierplatz und Kasernements des hierher zu verlegenden Kavallerie-Regts. aufzunehmen.
Kiel, 27. Juni. Die erste See-Regatte des kaiserlichen Nachtklubs hat heüt^ Vormittag um 10 Uhr begonnen. Der „Meteor"' mit Dem Kaiser an Bord nahm sofort die Führung.
Kiel, 27. Juni. Die städtischen Kollegien genehmigten den Bau einer höheren Maschinenschiffsbau- Schule nach einem Dom städtischeu Bauamte vorgelegten Plane. Die Baukosten werden auf 600,000 Mark veranschlagt. Die Schule soll bereits am 1. April 1903 theilweise eröffnet werden.
Osnabrück, 30 Juni. Bei Kaltenweide entgleiste der Salonwagen der Prinzessin Heinrich, die auf der Rückreise von England den Hamburger Schnellzug benützte. Die Prinzessin blieb unverletzt.
Aus Osnabrück schreibt man vom 27. Juni: Gestern begann vor dem Schwurgericht in Greifswald der mit größter Spannung erwartete Prozeß gegen den Tischler Testnow, dem zur Last gelegt wird, sowohl in Lechtingen bei Osnabrück, wie auch in Göhren auf Rügen je zwei Kinder zerstückelt zu haben. Die Voruntersuchung hat die Thäterschaft Testnows bereits zur Evidenz ergeben. Für zwei weitere Morde an Kindern begangen in Mona und bei Stavenhagen in Mecklenburg, fehlt leider das hinreichende Beweismaterial. In jedem Falle hat man es mit einer wahren Bestie in Menschengestalt zu thun, wie sie furchtbarer und abschreckender selten zuvor vor den Richtern getreten
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ist. Nicht am wenigsten soll schlechte Lektüre den T. auf die Bahn des Verbrechens hingelenkt haben. Die Frage der Zurechnungsfähigkeit ist bejaht worden, nachdeni Testnow längere Zeit auf seinen Geisteszustand hin untersucht worden ist.
Meiningen, 27. Juni. Gestern verstarb infolge Wundkrampfes der Leutnant Werner v. Schaper vom 2. Thüringischen Infanterie-Regiment Nr. 32. Derselbe war während einer Schießübnng von einen Soldaten, jedenfalls versehentlich, mit einer Platzpatrone geschossen worden, und es trat infolge des rot gefärbten Holzpfropfens Blutvergiftung ein.
Mannheim, 28. Juni. Hier wurde am letzten Montag, wie nachträglich bekannt wird, ein internationaler Taschendieb verhaftet, der im V-Zug Mai- land-Basel-Frankfurt einem Herrn die Brieftasche entwendet hatte, und dabei erwischt worden war. Der Verhaftete heißt Henri Cool, ist Belgier und schon sechsmal wegen Taschendiebereien vorbestraft. Wahrscheinlich hat man in ihm den Verbrecher abgefaßt, der in letzter Zeit wiederholt die O-Züge unsicher machte.
Stuttgart, 26. Juni. Der Landtag nahm den Commissionsantrag an, wonach das Einkommen unter 500 Mk. steuerfrei ist (bisher 350 Mk. und von bem Einkommen über 100 000 Mark sechs Procent erhoben werden.
Coburg, 27. Juni. In das hiesige Gerichtsgefängniß wurden die Ehefrau des Arbeiters Genther aus Neustadt und eine Kartenlegerin eingeliefert, die schwerer Verbrechen beschuldigt werden. Die Kartenlegerin braute einen Gifttrank, mit dem Frau Genther ihren Mann zu tödten versuchte.
Kopenhagen, 30. Juni. In der Nähe von Falun in Schweden wütet ein großer Waldbrand. 800 Soldaten wurden zu den Löscharbeiten aufgeboten.
Kaiserslautern, 30. Juni. Bei der Station Nie- dermohr überfuhr laut „Pfälz. Presse" an einem Uebergange ohne Barriere der Mittagspersonenzug Land- stuhl-Kusel ein landwirtschaftliches Fuhrwerk. Einer Frau wurde der Kopf, einem Knaben ein Bein abgefahren; der Fuhrmann wurde schwer, ein zweiter Knabe leicht verletzt. Der Wagen ging in Trümmer, das Pferd wurde getötet. Auch die Lokomotive wurde schwer beschädigt.
Ausland.
Bulgarien. Der Fürst von Bulgarien will nicht König, sondern Zar von Bulgarien werden. Er so ll Aussicht haben, daß ihm Kaiser Nikolaus zur Erfüllung dieses Wunsches sowie zur Unabhängigkeit von der Türkei verhilft.
London. Das am Sonntag zur Ausgabe gelangte Bulletin lautet: „Der König fühlte sich nach einer guten Nacht kräftiger. Trotz eines gewissen „Unbehagens" in der Wunve hat sich nichts ereignet, was den befriedigenden Krankheitsverlauf stören könnte." Da ist das merkwürdige und bedächtige Wort „Unbehagen" schon wwder. Wir befürchten, die Aerzte hegen von dem Verlaufe des heutigen Montag, der die Krise bringen soll, doch ernstliche Besorgnis.
Carracas, 29. Juni. Durch ein Regierungsdekret wurde über den Hafen und den Orancofluß der Blokadezustand verhängt.
Madrid, 27. Juni. Gestern früh 53/4 Uhr wurde die ganze Einwohnerschaft der Hanptstadt durch eine furchtbare Explosion aus dein Schlafe gerüttelt. Man hatte ganz allgemein das Gefühl, daß die Häuser ein- stürzten. Eine ungeheure Wolke, die über dem Militärlager zu Carabanchel schwebte, deutete an, daß die Ursache der Erscheinung in einer Explosion des dortigen Pulverhauses zu suchen war. In Madrid sind zahllose Fensterscheiben zersprungen. Carabanchel liegt südwestlich von Madrid, jenseits des Manzanares. Im Laufe des Vormittags begaben sich der König, alle Behörden und Tausende der Bevölkerung nach Carabanchel. Bisher ist festgestellt, daß 3 Personen getödtet und 20 verletzt wurden.
Helena, 27. Juni. Gestern sind 478 gefangene Buren von hier nach Südafrika abgegangen.
Frankreich. In Frankreich ist der Streik um die Einführung der zweijährigen Dienstzeit noch immer nicht ausgetragen. Eine Herabsetzung ihrer Wehrkraft ist das Schlimmste, was die Franzosen sich denken