vor dem Bookinham-Palaste eine große Menschenmenge ein, welche ihrer Freude durch Absingen der Nationalhymne Ausdruck gab.
— Lord Kitchener telegraphirte vom 31. Mai: Das Schriftstück, welches die Bedingungen der Nebergabe enthält, ist Abends 10'/2 Uhr von allen Burendele- girten, Milner und Kitchener unterzeichnet worden. — Der Frieden ist da. Die Voraussage, daß am heutigen Montag Nachmittage im Unterhause die offizielle Mittheilung über die Entscheidung erfolgen werde, wird sich nunmehr erfüllen. Das Blutvergießen hat ein Ende. Zu großen Zugeständnissen haben sich die Engländer bereit finden lassen müssen, doch seine Selbständigkeit hat ein tapferes, freiheitsliebendes Volk verloren.
London, 31. Mai. Eine Meldung der „Daily Mail" aus Shanghai von gestern besagt: In der Provinz Tschekiang treten Boxerbanden auf, sie hätten den Bewohnern im Pangtsee-Thal Nachrichten zugehen lassen, daß sie alle Fremden umbringen wollen. Bereits seien katholische und protestantische Missionen von ihnen zerstört, viele Personen getödtet und beraubt worden, aus vielen Dörfern sei die Einwohnerschaft herausgejagt. Truppen zur Unterdrückung des Aufruhrs seien abgegangen.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 3. Juni 1902.
* — In der vergangenen Woche vom 27. bis zum 31. Mai wurde unter Vorsitz des Herrn Provinzial- schulrath Otto zu Casfel am hiesigen Seminar die diesjährige „zweite Lehrerprüfung" abgehalten. Zu derselben hatten sich 38 Examinanden eingefunden. Es wurde hier zum erstenmal nach der neuen Prüfungsordnung vom 1. Juli 1901 geprüft. Das schriftliche Thema zu der innerhalb 4 Stunden anzufertigenden Klausurarbeit lautete: „Wie ich mir und meinen Schülern den Unterricht interessant zu machen suche." Nach Beendigung der schriftlicben Prüfung hatte jeder Examinand in der Seminarübungsschule eine Lehrprobe abzuhalten. Die mündliche Prüfung erstreckte sich hauptsächlich auf Pädagogik und die Methodik sämmtlicher Lehrfächer der Volksschule. Außerdem wurde jeder Examinand in demjenigen Fache eingehend geprüft, in dem er sich der neuen Prüfungsordnung zufolge nach freier Wahl weitergebildet hatte. 27 Lehrer bestanden die Prüfung.
Bad Orb, 30. Mai. Am 27. Mai tagte int Kurhause Orb die Versammlung der Landräthe des Bezirks Cassel, an welcher auch der Herr Oberpräsident, Se. Excellenz Staatsminister Graf von Zedlitz-TrUtzschler, theilnahm. Außer einer größeren Anzahl von Land- räthen waren anwesend der Herr Regierungs-Präsident von Trott zu Solz, Ober-Regierungsräthe Mauve und Fliedner, Geheimer Regierungsrath Dörnberg und Ober-Präsidialrath Fromme. Die Herren trafen am 26. Abends in Orb ein und nahmen im Kurhause Quartier. Nachdem am 27. Mai früh eine Besichtigung der hiesigen Kur-Anlagen, der Quellen, der Stadt 2C. stattgefunden hatte, wurde eine gemeinschaftliche Sitzung im Kursaale abgehalten und nach dem Mittagessen eine gemeinschaftliche Fahrt auf der Eisenbahn nach Birstein unternommen. Am 28. Mai früh verließen die Herren wieder unser Bad.
Eschwege, 30. Mai. Eine ergötzliche Szene spielte sich dieser Tage auf dem hiesigen Bahnhöfe ab. Ein biederer bejahrter Landbewohner, welcher Frieda zum ersten Male auf dem kürzlich eröffneten neuen Schienenwege zu erreichen gedachte, forderte eine Fahrkarte vierter Klasse dorthin. Als ihm nun der Schalterbeamte für eine solche 20 Pfennig abverlangte, kam er schön an. Das „schlichte Kind vom Lande" erklärte rundweg, dieser Preis sei ihm zu hoch, ehe er so viel Geld für die Eisenbahnfahrt ausgebe, wolle er den Weg lieber zu Fuß machen; im Uebrigen sei er nun schon 61 Jahre lang nach Frieda gewandert und da könne dies auch weiterhin geschehen. Sprach's, machte Kehrt und trollte unter vergnügtem Schmunzeln der Umstehenden gen Frieda von dannen.
Treysa, 29. Mai. Ein trauriger Unglücksfall hat sich heute Nachmittag hier zugetragen. Der Dachdecker Heinrich Kümmer war auf dem Wohnhaus des Kaufmanns Hern S. Katz beschäftigt. Während des Aus- besserns brach die Leiter und der Unglückliche stürzte vom Dach auf das Thor seines Nachbars und sodann auf den Hof. Der herbeigerufene Arzt konte nur den Tod konstatiren. Eine Witwe mit sieben noch unversorgten Kindern betrauern in ihm den so jäh ums Leben gekommenen Gatten und Ernährer der Familie. Der Vater des Verunglückten hat auch auf ähnliche Weise seinen Tod gefunden.
Wetzlar, 29. Mai. In Nieder-Girmes spielte ein achtjähriger Knabe, der allein im Zimmer war, mit Zündhölzern. Bei diesem gefährlichen Spiele fingen die Kleider Feuer und der Knabe verbrannte bei lebendigem Leibe. Bei ihrer Heimkunft fanden die Elten die entsetzlich zugerichtete Leiche ihres Kindes.
Frankfurt. In der verflossenen Woche wurde auf der Treppe des Hauses Frohnhofstraße 4 die Leiche eines neugeborenen Kindes männlichen Geschlechts ge-
Die Leiche war in einen gedruckten Frauen- unterrock gewickelt. Die Mutter ist unbekannt. — In der Vogelweidstr., der Nähe des Eisenbahndammes, wurde die vollständig in Verwesung übergegangene Leiche eines anscheinend neugeborenen Kindes gefunden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Leiche aus einem Zuge geworfen worden ist. — Schließlich wurde im Kohlenhafen die Leiche einer unbekannten Frauensperson, welche etwa acht bis vierzehn Tage im Wasser gelegen haben mag, aus dem Main geläudet. Die Geländete ist etwa 25 bis 30 Jahre alt, von mittlerer Statur und hat dunkelblonde Haare. Bekleidet ist sie mit schwarzem Kleid, welches auf der Brust und den Aermeln in Falten genäht ist. Auf dem Rocke befinden sich Garnierungen vom gleichen Stoff. Ferner trägt die Leiche eine blaue Kattunschürze mit weißen Streifen, einen weißleinenen und baumwollenen Unterrock, hellgraue Hose, weißes Wollhemd, graue Strümpfe, gute Knopfstiefel und am linken Ringfinger einen schmalen Ring mit zwei roten Steinen. Personen, welche sachdienliche Angaben machen können, werden ersucht, sich auf Zimmer 36 des Polizei-Präsidiums zu melden.
Wiesbaden. Lord Roberts wird, wie jetzt ganz bestimmt mitgeteilt werden kann, in diesem Jahre hier keine Badekur gebrauchen. Er wird in Deutschland auch nicht vermißt werden.
Aus Mainz wird neuerdings ein Automobilunglück von der vergangenen Woche gemeldet: Ein Auto- niobil aus Frankfurt mit vier Jnsasfen, Monteuren und Technikern, fuhr hier durch. Am Fischerthor geriet das Fahrzeug in das Geleise der Dampfbahn und einer der Jnsasfen, Herr Ingenieur Richter aus Frankfurt a. M., stürzte heraus und wurde schwer verletzt. Er liegt bewußtlos danieder.
Zum weißen Schwan.
Roman von Rudolf Hertzog.
(Fortsetzung.)
„Es bleibt dabei," sagte der Direktor zu Meinard, „Sie besuchen mich in den nächsten Tagen. Wie gesagt, unser zweiter Kapellmeister wünscht einem Ruf nach Hamburg folgen zu können. Wenn es Ihnen paßt, können Sie nächste Woche im Heiling Probe dirigiren."
„Ich werde mir morgen die Ehre geben, Herr Direktor."
„Bon. Ich denke, Sie werden unserem Orchester zur Zierde gereichen. Ganz abgesehen davon, daß mir der Graf in feiner Zeitung den Hals zu brechen versuchen würde, wenn ich ein so großer Müsikbanause wäre, Sie zu übersehen."
Graf Schöner lächelte still in sein Glas. „Prost, Herr Direktor," meinte er ironisch. „Ich habe zwar nichts gehört, aber doch Alles verstanden."
„Dann bin ich geliefert," seufzte der joviale Direktor mit komischer Resignation „Nun muß ich Sie schon bitten, Herr Meinard, nur ja zum Probedirigiren zu kommen, sonst schreibt dieser blutige Herr noch in die Zeitung: „Ich hätte künstlich Ihr Auftreten unterdrückt."
Ertrank seinGlas aus und schüttelte den Herren die Hand.
„Verzeihen Sie meinen schnellen Aufbruch. Aber ich war, bevor ich an das Vergnügen Ihrer Gesellschaft denken konnte, leider schon anderwärts Verpflichtungen eingegangen. Außerdem ist mir die Nähe des Grafen und seine augenblickliche Laune zu kitzlich. Hat er mich erst zu seinen schweren sechsundachtziger Sorten verführt, so liest vielleicht morgen das erstaunte Deutschland: Ich hätte meinen Posten als Intendant freiwillig für das Schauspiel auf Graf Schöner, für die Oper auf Herrn Meinard übertragen. Ich selbst aber würde von jetzt an Zettel verkaufen. — Guten Abend, meine Herren. Empfehle mich allerunterthänigst, meine Damen."
Wie er fort war, meinte der Graf lachend: „Mir ist, als hätten wir zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Daß unser augenblicklicher zweiter Kapellmeister sich gerade jetzt nach Hamburg sehnen muß, das ist wirklich ein schöner Zug von dem verehrten Herrn. Sobald er erst dort ist, werde ich ihm dafür einen dankbaren Nekrolog widmen. — Was ich Sie fragen wollte, Herr Pfalzdorf," wände er sich leiser an diesen, „wissen Sie denn schon, daß Fräulein Friedrich morgen früh abreist?"
„Fräulein Friedrich? — Abreist?" wiederholte Heinrich bestürzt.
„Ich erfahre es soeben von meiner Braut, der sie ein Abschiedsbillet geschickt hat. Da sehen Sie wieder, wozu Bräute gut sind."
Heinrich konnte das Unerwartete noch nicht fassen. „Ich werde sofort Fräulein Vilma fragen," murmelte er. „Sie ist bis heute Fräulein Friedrichs Lehrerin gewesen und muß deshalb auch davon wissen." Und während Fräulein von Wald durch Schöner in ein Gespräch mit Meinard verflochten wurde, fand Heinrich Zeit, Vilma das eben Gehörte mitzutheilen.
Vilma erschrak. „O Gott," hauchte sie, „sei nicht böse, Heinrich, daß ich nicht schon davon sprach. Aber auf der Herfahrt dachte ich nur an's Konzert, und seitdem kam ich auch nicht dazu."
Heinrich beruhigte sie und bat um möglichst genauen Bericht. Und Vilma erzählte.
Lisa war am Nachmittage selbst bei ihr gewesen, um sich zu entschuldigen, daß sie nicht das Konzert besuchen könne. Sie müsse jedoch am nächsten Morgen früh schon abreisen, da sie der Theaterdirektor der badischen Stadt H. im Laufe der Woche als Marie im Waffenschmied gastiren lassen wolle. Sie würde alsdann an der Oper selbst weiter studiren, bis sie mit der neuen Saison ihr Engagement antreten könne.
„Sie war nicht so ruhig wie sonst," schloß Vilnia, „und ängstigte mich."
Heinrich saß, als ob ihn der Schlag gerührt hätte. Jetzt also, wo alle Schiffe in den Hafen einzufahren schienen, sollte das Bärenfelds noch stranden? — Dann raffte er sich auf und sagte laut über den Tisch zu Schöner: „Sie haben Recht, Herr Graf, Fräulein Friedrich reist morgen früh. Aber was Sie vermuthlich sehr in Erstaunen setzen wird, ist, daß sie abreist, um im Laufe der kommenden Woche am Stadttheater zu H. als Marie im Waffenschmied zu gastiren."
„Wa—as? Was ist das?"
Schöner war so verblüfft, daß ihm die Worte fehlten.
Aber das darf ja nicht sein," rief er „das darf unter keinen Umständen sein."
„Was wollen wir thun?"
„Was wir thun wollen? — Ja, zum Donnerwetter, was läßt sich da gleich machen?"
Die ganze Gesellschaft sann nach. Auch der alte Meinard war in's Vertrauen gezogen worden.
„Da erscheint nun unser Konrad morgen Mittag mit Gott weiß welchen schönen Gefühlen und findet im Nest den Hauptvogel ausgeflogen", wetterte Schöner weiter. „Da wird er einen netten Begriff von unserer wachsamen Freundschaft erhalten. Dazu kommt, daß uns bis zur Abreise der Dame auch nicht einmal Zeit bleibt, die geringste Intrigue anzuzetteln. Oder hätte einer der verehrten Herrschaften einen Plan? Dann nur ohne Zögern heraus mit der Wissenschaft! Denken Sie daran, daß wir dem Konrad direkt oder indirekt Alle verpflichtet sind."
„Herr Graf," sagte der alte Meinard, „Sie Alle haben so viel für mich gethan, daß ich nun auch etwas thun muß. Die Hauptsache ist jetzt, daß die Dame nicht aus den Augen gelassen wird — vorausgesetzt, daß sie Herrn Bärenfeld wirklich liebt."
„Natürlich liebt sie ihn," entschied der Graf kategorisch. „Ich kenne doch die —"
Er unterbrach sich, schaute schnell seine Braut an und wurde sehr roth. Fräulein von Wald strich ihm schelmisch über das erhitzte Gesicht. (Forts, folgt.)
Vermischtes.
Gotha, 26. Mai Zum zweitenmal wurde im Groß- herzogthum Gotha ein alter Verbrecher begnadigt, der gegen 40 Jahre im Zuchthaus zugebracht hat. Der 1832 in Frimar geborene Mann wurde wegen Raubmordes zum Tode verurtheilt, zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt und nach 30 Jahren auf freien Fuß gesetzt, dann aber wegen schwerer Einbruchsdiebstähle wieder dem Zuchthaus überliefert. Wegen guter Führung ist der 7hjährige Mann nun „bis auf weiteres" beurlaubt worden.
Der schlafende Jnsterburger Ulan, von dem schon berichtet wurde, ist noch immer nicht aufgewacht. Nunmehr dauert der Schlaf bereits 3 Wochen. Der Schafende, der Ulan Bernecker von der 5. Eskadron des Ulanenregiments Nr. 12., der im dritten Jahre diente und sich zur Zeit im Garnisonlazareth befindet, ißt und trinkt von Zeit zu Zeit in halbwachem Zustande nach Verordnung des Arztes, um alsbald wieder in tiefen Schlaf zurückzusinken. Er giebt zwar auf die an ihn gerichteten Fragen Antwort, doch sind diese ganz verworren und unverständlich. Außer dem andauernden Schlaf ist das einzig wesentliche Krankheitszeichen ein stark verlangsamter Puls. Ende der siebenziger Jahre gab es bereits einen „schlafenden Ulan", der wochenlang die öffenliche Anfmersamkeit beschäftigte.
Bürget, 29 Mai. Dieser Tage warf die Katze eines hiesigen Bewohners ein Junges, welches 7 Beine und 2 Schwänze aufweist. Das eine der Beine wuchs aus dem Rücken heraus. Die seltsame Mißgeburt verendete nach kurzer Zeit. Das eigenthümliche Spiel der Natur soll einem Museum überwiesen werden.
Paris, 27. Mai. Die Wissenschaft hat es doch heutzutage weit gebracht! In Lyon machte der Augenarzt Dr. Rollet eine doppelte Staaroperation an einem Wolfe! Letzterer, ein alter Calabreser, befand sich in einer Menagerie und war nach einiger Zeit erblindet. Man fesselte ihn mit Stricken. Dr. Rollet trat mit seinen Assistenten in den Käfig, chloroformirte den vierbeinigen Patienten und extrahirte kunstgerecht die beiden trübe gewordenen Linsen. Die Operation soll vortrefflich gelungen sein. Der Patient befindet ,sich vollkommen wohl.;
Markt- und Handelsnachricht-n.
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