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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
39. Mittwochs den 14. Mai 1902. 53. Jahrgang.
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sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich
Berlin. Der Kaiser kam vorgestern zur festgesetzten Stunde um 4 Uhr 50 Min. Nachmittags auf dem Taunus-Bahnhofe in Wiesbaden an. Der Kaiser fuhr im offenen Wagen nach dem Schlosse. Die zahlreiche Volksmenge, welche in den Straßen Aufstellung genommen hatte, begrüßte den Kaiser lehaft. Der Kaiser begab sich Sonntag Morgen 8'/, Uhr mit den Herrn seiner Umgebung zu Fuß nach der dem Schlosse gegenüberliegenden evangelischen Hauptkirche und wohnte dort dem Gottesdienste bei. Am späteren Vormittag unternahm der Kaiser eine Spazierfahrt nach dem Neroberg. 'Der Schloßplatz ist beständig von einer großen Menge Publikum besetzt.
— Der Sonderzug mit der Leiche des Prinzen Georg traf Freitag früh auf Schloß Rheinstein bei Bingen ein. Mitglieder des Kriegervereins trugen den Sarg nach dem Schloß hinauf, wo die Beisetzung in schlichter Weise vor sich ging.
— Die Erneuerung des Dreibundes, an der wir niemals ernsthaft gezweifelt haben, trotzdem seit einer ganzen Reihe von Monaten die beunruhigendsten Gerüchte über d s Ende dieser Allianz verbreitet wurden, ist also Thatsache geworden. Am vergangenen 6. Mai hätte der Dreibundvertrag das letzte Jahr seines Bestehens angetreten, wenn er nicht erneuert worden wäre. Aus der Delegationsrede des Grafen Goluchowski aber hat die Welt erfahren, daß der Dreibund weiter fort- bestehen wird zum Segen der unmittelbar an ihm be- theiligten Völker, nicht minder aber auch zur Wohlfahrt aller europäischen Staaten; denn der Dreibund ist der starke Fels, auf dem Europas Frieden ruht. Auf der Grundlage sich gegenseitig deckender Interessen aufgebaut, jeder aggressiven Tendenz fern, wird der eminent konservative Bund, wie der österreichisch-ungarische Minister des Auswärtigen erklärte, auch weiter die hohen Friedensziele, denen er sein Entstehen verdankt, mit um so größerer Zuversicht verfolgen, als die Ziele des ihm gegenüberstehenden Zweibundes, der eine höchst werth- volle Ergänzung und Förderung der Aufgaben des Dreibundes darstellt, gleichfalls durchaus friedlich sind. Es konnte nicht ausbleiben, daß diese amtlichen Erklärungen einen ungemein günstigen Eindruck machten und so beruhigender wirkten, als doch auch viele Freunnde des Dreibundes bereits unsicher geworden waren, ob die bisherige Konstellation der Mächte Europas noch von längerer Dauer sein würde. Diese Unsicherheit und Sorge sind für absehbare Zeit nun von den Gemütern genommen worden, und das ist ein erhebendes Bewußtsein gerade in der gegenwärtigen ernsten Zeit. Und von ganz besonderem Werthe muß es erscheinen, daß der Graf Goluchowski nicht nur von der Gewißheit der Fortdauer des Dreibundes, sondern auch von der Existenz durchaus guter und freundschaftlicher Beziehungen zu Rußland sprechen konnte. Der äußere Friede ist also nach jeder Richtung hin gesichert.
— Dem Schah von Persien soll während seines Aufenthaltes in Berlin auch ein Einblick in verschiedene Zweige deutscher Industrie gewährt werden. Aus diesem Grunde wird eine eigenartige Ausstellung veranstaltet. Schon jetzt haben mehrere Firmen von Weltruf sich znr Theilnahme an dieser Ausstellung bereit erklärt. Die Anregung dazu hat der persische Generalkonsul Leon in Berlin gegeben. Für die Ausstellung sind vorläufig vier Salons im persischen Gesandschaftshotel bestimmt, doch würde, wenn diese Räume nicht ausreichen sollten, noch an einer zweiten Stelle der Ausstellung ein Platz einge- räumt werden.
— Von den Kohenpreisen. In Ruhrzechenkreisen wird versichert, daß eine Besserung in der Lage der Kohlenindustrie in naher Aussicht stehe. Die Absatzverhältnisse auf dem Kohlenniarkt mehren sich infolge einer regeren Nachfrage wieder in erfreulicher Weise. In Zukünst sollen die bisherigen Feierschichten fortfallen, auch ist eine Vermehrung der Belegschaften zu erwarten. Dagegen wird aus Köln gemeldet, daß sich infolge des schlechten Absatzes von Braunkohlen-^ hriketts die Brikettfabriken am Vorgebirge genöthigt,
gesehen haben, den Betrieb einzuschränken und einen großen Theil der Arbeiter zu entlassen. Es ist schon wiederholt darauf hingewiesen worden, daß sich die Zechenbesitzer zu einer Herabsetzung der Preise verstehen müssen, wenn das Geschäft wieder in Gang kommen soll. Die hohen Kohlenpreise aber legen nicht nur den Kohlenhandel sondern auch die Eisenindustrie ahm.
Heiligenstadt, 9. Mai. Der Truppenübungsplatz für das 11. Armeekorps soll, nachdem, der „K. V." zufolge, das Eichsfeld endgültig fallen gelassen ist, mit dem Uebungsplatz für das 18. Korps vereinigt und in das Gelände der Gemeinde Wermerthshausen (Kreis Marburg und Rüdingshausen (Provinz Oberhessen) gelegt werden. Es dürfte dies der größte Militärübungsplatz in Deuschland werden. In den letzten Tagen wurden von Vertretern der Militär- und Staatsbehörden die vorbereitenden Schritte gethan, um das Enteignungsverfahren einzuleiten.
Fritzlar, 7. Mai. Von der hiesigen Kirchen-Verwal- tung wurden aus dem Dome verschiedene werthvolle kirchliche Alterthümer zur Ausstellung nach Düsseldorf geschickt.
Königsberg. Der städtische Steuererheber in Königsberg wurde wegen Unterschlagung von 10 000 M. verhaftet.
Straßburg, 9. Mai. Der Kaiser wohnte gestern dem Gottesdienste in der evangelischen Ganisonkirche bei und besichtigte alsdann die Landesbibliothek, die Papyressammlung und die elässische Münze. Das Frühstück nahm er bei dem kommandierenden General ein. Nachmittags 4 Uhr machte er eine Ausfahrt nach den Forts. Abends 8 Uhr fand das Diner bei dem Staatssekretär v. Köller statt.
Ausland.
Rußland. Ein kaiserlicher Erlaß verbietet auf weitere Anordnung die Ausfuhr von Pferden aus den Gouvernements von Bessarabien, Wolhynien, Kiew, Je- kataninoslaw, Podolien, Pultawa und Cherson.
Holland, 9. Mai. Die Königin unterzeichnete heute wieder Regierungsakte. — In sämmtlichen protestantischen und katholischen Kirchen des Landes wurde gestern von Neuem für die Königin gebetet. — Bei Empfang holländischer Pilger in Rom äußerte derPapst gestern seine besten Wünsche für Wiederherstellung der Monar chin, welche die Niederländer so heiß lieben. Diesen Worten des Papstes jauchzten die Pilger laut zu. — Der amtliche Krankheitsbericht besagt: Die Königin hatte eine durchaus ruhige Nacht. Das Fieber ist nicht wiedergekehrt. Alles geht nach Wunsch weiter.
Newyork, 9. Mai. Der amerikanische Konsul in Point-ä-Pibe telegraphirte an Staatssekretär Hay, daß gestern früh 7 Uhr St. Pierre in Feuer, Dampf und Rauch gehüllt gewesen sei. Zwanzig Personen hätten sich retten können. Achtzehn Schiffe seien verbrannt und mit allen an Bord befindlichen Personen gesunken. Der amerikanische Konsul in St. Pierre und seine Familie sollen umgekommen sein. Die West- india und Pana Telegraph Company theilte der Western Union Telegraph Company mit, zwei Dampfer, welche nach Unterbrechung des Kabels Depeschen für Martinique an Bord hatten, seien zerstört. Die Gesellschaft sei nicht im stände, festzustellen, ob die Depeschen vorher abgeliefert seien. Diejenigen Depeschen, welche durch den gestern Abend abgegangenen Kabeldampfer befördert seien, hätten über ihren Bestimmungsort hinausgebracht werden müssen, da das Schiff nicht im stände war, Martinique anzulaufen.
— Zu dem Ausbruch des Vulkans auf der Insel Martinique wird aus St. ThomeS gemeldet, daß nicht nur St. Pierre mit wenigstens 25,000 Menschenleben vernichtet ist, sondern auch taufende der Bewohner der Umgegend, die Zollhoch mit Asche bedeckt ist, sind am Verhungern. Die Bewohner der umliegenden Inseln flehen die britischen und amerikanischen Kriegsschiffe an, sie aufzunehmen. Selbst die Vulkane auf Dominica sind ebenfals in bedenklicher Thätigkeit.
Zu dem Unglück bei Pittsburg wird berichtet: 450 italienische Auswanderer befanden sich auf der Reise nach Pittsburg. Der Zug fuhr durch eine selten schöne Gegend, und sämmtliche Insassen waren in freudiger Stimmung, aßen Orangen und Bananen und sangen italienische Volkslieder. Plötzlich rannte eiu Güterzug
in den Auswandererzug hinein. Farmer aus der Nachbarschaft eilten herbei, um zu helfen und zu retten, aber die Unglücklichen, die der Landessprache nicht mächtig waren, hatte eine derartige Panik ergriffen, daß sie sich wie toll geberdeten. Die Farmer sahen ein, daß nur mit Gewalt ein noch schlimmeres Unheit verhütet werden könne, und stellten mit blankem Revolver die Ordnung wieder her. 30 der am schwersten Verwundeten wurden ins Hospital gebracht.
— Der junge König von Spanien ist, wie ein französisches Blatt erzählt, ein ganz hervorragender Sprachenkenner und dürfte im Stande sein, den meisten Deputationen, die ihn anläßlich seiner Krönung die Glückwünsche von Fürsten und Völkern überbringen werden, in ihrer Muttersprache zu antworten. Er spricht geläufig Italienisch, Französisch, Englisch und Deutsch; Deutsch besonders soll er wie ein geborener Deutscher sprechen. Auch die klassische» Sprachen beherrscht er „vollständig", er hatte die „meisten" Klassiker in der Ursprache gelesen. Sein Lieblingsschriftsteller nnter den lateinischen Klassikern ist Horaz, dessen Oden er ins Spanische übersetzt hat. Es sei noch hinzugefügt, daß der König auch ein ausgezeichneter Mathematiker und ein vortrefflicher Zeichner ist.
England. Lord Salisbury hat wiederum in einer Ansprache sich sehr entschieden dahin ausgesprochen, daß der Krieg in Südafrika zu einem gedeihlichen Frieden führen müsse. Nach den schrecklichen Opfern, die England gebracht habe, dürfe nicht zugegeben werden, daß eine Lage geschaffen werde, in welcher der Feind den Kampf von Neuem beginnen könne, so bald die Gelegenheit sich biete. Es könne kein Zweifel bestehen, daß die Gewalt der Regierung über das Land eine derartige sein müsse, daß das unmöglich gemacht werde u.rd es sei wichtig, dies klar zu machen.
London,' 8. Mai. Lord Kitchener meldet aus Pretoria den 7. d. M.: Ein Panzerzug von Pretoria nach Pietersburg ist entgleist. Ein Leutnant und zehn Mann wurden getödtet.
London, 9. Mai. Daily Mail meldet aus Pretoria: Steijn macht augenblicklich energische Anstrengungen, um für den Oranje-Freistaat ein Spezialabkommen zu erzielen, durch welches dem Lande eine gewisse Unabhängigkeit erhalten bleibe. Er stützt sich auf die Thatsache, daß der Freistaat der englischen Regierung vor Kriege keinen Anlaß zur Klage gegeben habe.
China. Dem „Standard" wird aus Tientsin tele- graphirt, die aufrührerische Bewegung in der Provinz Tschili sei in der Ausdehnung begriffen. Es seien wieder Angriffe auf christliche Knaben und Missionen gemacht worden. Die Zahl der Aufständischen wird auf 40,000 Mann geschätzt, welche gut bewaffnet seien. Bis jetzt sei es den Truppen des Vizekönigs Juanschikai durchaus mißlungen, die Erhebung niederzuschlagen; die Behörden seien nun bemüht, die Aufständischen durch Geldgeschenke zur Ruhe zu bringen. Nach Pekinger Depeschen des Reut. Bureaus ist Bischof Favier die Mittheilung zugegangen, daß an den Unruhen in Tschili 10,000 Bewaffnete mit einigen Geschützen theilnehmen. — Ein Brief aus Wutschau berichte, daß die Aufständischen Danningfu drei Stunden lang bombardirten. Sie gebrauchten dabei moderne Feldgeschütze. Drei- bis vierhundert Einwohner seien getötet. Die Aufständischen zogen sich darauf auf die Hügel zurück. Aus Kanton wird gemeldet daß zwei Regimenter nach Naningfu gesandt seien. — Bischof Anzer erhielt vom Kaiser Kwangsu den ersten „Rangknopf" wegen seiner Verdienste um die Aufrechterhaltung guter Beziehungen zwischen christlichen und andersgläubigen Chinesen.
Paris, 9. Mai. Der Marineminister erhielt von dem Kommandanten des Kreuzers „Suchet" aus Fort de France (Martinique) vom 8. Mai folgendes Telegramm; Ich komme von St. Pierre zurück. Die Stadt wurde gegen 8 Uhr früh völlig zerstört. Man nimmt an, daß die gesammte Bevölkerung umgekommen ist. Die wenigen Ueberlebenden, etwa 30, brächte ich auf mein Schiff. Alle auf der Rede liegenden Schiffe geriethen in Brand und sind verloren. Der Ausbruch des Vulkans dauert fort. Ich gehe nach Guadeloupe, um Lebensmittel zu holen.
Ueber das Eisenbahnunglück bei Amiens werden grauenhafte Einzelheiten in der „Boff. Zeitung" mit-