WüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.
*M 29» Mittwoch, den 9. April 1902. 53. Jahrgang.
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Kp^Hnn^s»^ °uf die .Schlüchterner Zeitung' werden noch fortwährend von allen - - . - PostanstaltenundLandbriestrügern,
sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser, der Freitag Nachmittag mit seiner Gemahlin und dem Kronprinzen das alte Museum in Berlin besichtigte, machte Sonnabend Morgen den gewohnten Spaziergang im Thiergarten. Ins Schloß zurückgekehrt, hörte er Verträge und nahm Meldungen entgegen.
— Unser Seeoffizierkorps soll nach dem Flottengesetz von 1900 bis 1920 um 1200 Köpfe vergrößert werden, sodaß die Zahl der jährlich einzustellenden Seekadetten eine entsprechende Erhöhung erfahren muß. Aus diesem Grunde wird auch eine Vermehrung der Schulschiffe eintreten.
— Große Funde von Guttapercha und Kautschuk sind in Deutsch-Neuguinea gemacht worden. Bei der zunehmenden Bedeutung der Guttapercha gewinnt diese Kolonie dadurch ungemein an Werth.
— Ordens- und Weihefest in Marienburg. Am 5. Juni findet großer Empfang des Kaisers in Marienburg, dann Frühstück in der Marienburg und demnächst Einweihung der Schloßkirche St. Marien statt, die einen rein evangelischen Charakter tragen soll. Am 6. Juni findet die Einweihung der Marienburg und des Kapitels des Johanniterordens statt unter Theilnahme der österreichischen Deutschherrn-Ritter und der Balley Utrecht. An den Feierlichkeiten, sowie an dem darauf folgenden Galamahl werden sich 150 Personen, darunter auch der als Deutschherren-Meister fungirende Erzherzog Johann von Oesterreich, betheiligen.
Nach einem Erlaß des Staatssekretärs des Reichspostamts sind die Amtsbezeichnungen für die höheren Postbeamten jetzt folgende: Posteleve, Postprak- tikant, Ober-Postpraktikant, .Postinspektor bezw. Telegrapheninspektor, Ober-Postinspektor, Postrath, Ober- Postrath, Ober-Postdirektor. Der mittleren Laufbahn stehen nunmehr ausschließlich folgende Titel zu: Post- bez. Telegraphengehilfe, Post- bez. Telegraphenassistent, Ober Postassistent, Post- bezw. Telegraphensekretär, Ober-Post- bezw. Ober-Telegraphensekretär, Postkassierer, bezw. Telegraphenamtskasssierer und Postmeister.
— Die Neigung zur Auswanderung wächst mit den zunehmenden Arbeiterentlassungen im Ruhrrevier. „Täglich", so schreibt die „Bochumer Ztg.", gelangen Anfragen aus Bergarbeiterkreisen an uns, in denen um Auskunft über die Verhältnisse in England und Amerika ersucht wird. Vor längeren Wochen schon theilten wir mit, daß englische Agenten hiesige Bergarbeiter nach Schottland anzuwerben bemüht sind. Ohne Zweifel aber hat man es hier aber mit englischen Werbern zu thun, die Kanonenfutter für Südafrika in aller Herren Länder suchen. Vor der Auswanderung nach England kann also nur gewarnt werden. In Amerika blüht augenblicklich die Industrie wie hier vor dem Krach des letzten Jahres; Kundige prophezeien auch für dort einen plötzlichen Zusammenbruch, der noch ver- hängnißvoller werden dürfte, als der Krach in Deutschland, weil eben drüben Alles großartiger ist. Ob es unter diesen Umständen gerathen ist, nach Amerika auszuwandern, das möge sich jeder Auswanderungs- lustige reiflich überlegen. Hoffentlich bricht für unsere Gegend bald eine bessere Zeit an, die auch dem deutschen Arbeiter in der Heimalh ein Auskommen gestatten. Anzeichen einer kleinen Besserung machen sich in bei „Eisenindustrie" schon bemerkbar; hält diese an, dann steht auch dem Bergbau eine bessere Zukunft bevor."
Essen. Jni rheinisch-westfälischen Kohlenrevier sind gegenwärtig ganz außerordentliche Absatzstockungen zu verzeichnen. Sie haben sich derart vermehrt, daß zahlreiche Feierschichten eingelegt werden mußten und die Zechenbahnhöfe von geladenen Kohlenwagen gänzlich gefüllt sind. Die Folge davon ist, daß seit dem lb. Februar allein im Ruhrrevier 8c00 Bergarbeiter entlassen werden mußten. — Aus mehreren Städten Westfalens wird gemeldet, daß englische Werber sich bemühen, durch größere Geldsummen, die sofort aus- gezahlt werden, Leute zum Eintritt in das südafrikanische Heer zu bestimmen. Auch größere Pserdeankäufe sind in den letzten Tagen wiederholt abgeschlossen worden.
Die Behörden werden dem Unfug der Werber hoffentlich schnell ein Ende machen.
Erfurt, 27. März. Eine feine Pleite hat der bekannte Blumenhändler Friedrich Huck hierselbst gemacht. Aus seiner Konkursmasse sind 0,36 pCt. ausgeschüttet und hat daraufhin jetzt eine Koburger Firma für ihre 856.50 Mk. betragende Forderung 3 Mk. 9 Pfg. be- kommen. Das ist ein Geschäft!
Gotha, 27. März. Im Sprechzimmer eines hiesigen vielbeschäftigten Arztes trug sich gestern mittag folgender tragischer Vorfall zu: In: Wartezimmer hatten sich ca. 2u Personen beiderlei Geschlechts behufs Konsultation angesammelt, als plötzlich ein in mittleren Jahren stehender Mann langsam sich an eine neben ihm sitzende Frau lehnte und gleich darauf leblos vom Stuhle fiel. Der sofort herbeigerufene Arzt konnte nur konstatierrn, öaß der Mann durch einen Schlaganfall ein Kind des Todes geworden war. Der so jäh aus dem Leben Geschiedene wurde als ein in der Grethengasse wohnhafter verheiratheter Mann agnosziert. Dem Manne war es gegen Mittag unwohl geworden, und auf Befürworten seiner fürsorglichen Frau war er deshalb zum Arzt gegangen.
Brcslau. Ein schreckliches Verbrechen ist in Franzdorf bei Weißenkirchen in Schlesien verübt worden. Ein dortiger Einwohner Naniens Balika nahn: an seinem Erzfeinde Balan in der Weise Rache, daß er ihn an das Rad seines Wagen fesselte, und dann die Pferde antrieb. Das Fuhrwerk raste die Straße entlang, den von Blut triefenden Balan nach sich schleppend; als der Wagen von Dorfbewohnern endlich zum Stehen gebracht wurde, war Balan bereits todt. Der Mörder ist verhaftet.
Ausland.
England. König Eduard will die Geschichte da unten zu Ende haben, die ihm keine ruhige Nacht mehr gönnt und die ganze Freude an seiner Königskrönung vergällt. Und ist der King auch wohl kein Genie, er hat sehr, sehr viel gesunde Menschenkenntniß; er weiß was man in Europa überall spricht, er giebt sich auch keiner Täuschung darüber hin, was die Angehörigen seiner Soldaten denken. Er hat vor Allem Kenntniß davon, daß nicht nur die britische Armee in Südafrika geistig oder körperlich marode ist, und daß Großbritanien nnd Irland nicht im Stande ist, den erforderlichen ausgiebigen Ersatz zu bieten. .King Eduard hat, was feinen Ministern weniger gegeben ist, ein sehr feines Verständniß für den Hohn; er fühlt, daß das England, welches heute schon überall ausgelacht wird, bald von Niemanden mehr gefürchtet sein wird. Der König will ein Ende des Krieges sehen. Natürlich läßt sich das nicht von heute auf morgen machen, es ist auch sehr gut möglich, daß es nicht in verschiedenen Wochen der Fall sein wird. Aber das Ende kommt, der König will nicht mehr und das Land kann nicht mehr. Da hilft aller ministerielle Eigensinn nichts, und dieser Eigensinn ist heute wirklich nicht mehr so riesengroß. Der Plan, der den neuesten Verhandlungen zu Grunde gelegt werden soll, sieht schon sehr viel anders aus, als die früheren Absichten.
London, 4. April Zur Ermordung von Buren durch australische Offiziere erklärt eine Mittheilung des Kriegsministeriums unter Darlegung der bekannten Thatsachen, daß infolge der eingeleiteten Untersuchung fünf Offiziere im Januar 1902 in Pietersburg kriegsgerichtlich abgeurtheilt wurden, die als Urheber resp. Theilnehmer an zwölf Morden für schuldig befunden wurden. Die Leutnants Hancock und Morant wurden des Mordes für schuldig befunden und zum Tode ver- urtheilt. Die Urtheile wurden bestätigt und vollstreckt. Dieselben Offiziere werben auch der Ermordung des Geistlichen Hesse beschuldigt. — Die an Bord des Dampfers „Dunra" aus Südafrika eingetroffenen Offiziere erklärten, im ganzen seien 31 Anklagen gegen australische Offiziere eingereicht worden, darunter nicht weniger als 7 wegen Ermordung von Frauen und Kindern. — Ueber die australischen Offiziere, die Hin- gerichtet bezw. zu lebenslänglicher Zwangsarbeit ver- urtheilt wurden, weil sie gefangene Buren getödtet und beraubt hatten, erfährt ein Londoner Blatt, daß die Untersuchung gegen die Verurtheilten auf Antrag des deutschen Konsuls in Pretoria eingeleitet werden mußte.
Die beiden Hingerichteten Offiziere hatten erfahren, daß 10 Buren, die sich unterworfen hatten, 2ö ujü Pfund Sterling (500 000 M.) bei sich trugen. Sie stellten die Buren vor ein Scheinkriegsgericht und verurtheilten sie zum Tode. Die erste Abtheilung Soldaten weigerte sich, das Urtheil zu vollstrecken, aber es fanden sich andere, die den Mord vollzogen. Diese Thatsache kam einem Missionar zu Ohren. Als er Vorstellungen erhob, wurde er ohne weiteres von den Offizieren niedergeschossen. Eingeborene, die den Sachverhalt kannten, machten dem deutschen Konsul in Pretoria Mittheilung, der dann energisch vorging. Ein anderes Blatt bestätigt, daß wenigstens 50% der sog. australischen Compagnien aus den schlimmsten Elementen der Grubenarbeiter in Kimberley zusammengesetzt seien. Ob Joe Chamberlein den Muth haben wird, auch angesichts dieser Thatsachen seine Behauptung ^aufrecht zu erhalten, daß die englischen Truppen in Südafrika mehr Manneszucht übten, als die Deutschen 1870=71 in Frankreich. —Derselben Quelle zufolge haben drei andere Offiziere Folgendes verübt: Jni Distrikt Pietersburg hatten sie 23 burische Männer, Frauen und Kinder, die sich friedlich innerhalb ihrer Wagenburg befanden und beim Angriff der Engländer zum Zeichen der Ergebung mit ihren Taschen- uud anderen Tüchern winkten, ohne erbarmen hinschlachten lassen. Ein Knäblein von 4 Jahren z. B., das ohne Verständniß für die unheilvolle Situation an die Deichsel eines Wagens gelehnt stand, wurde mit voller Absicht niedergeschossen, ebenso sein um Weniges älterer Bruder, der hinzugelaufen kam, um nach seinem hingesunkenem Gespielen zu sehen. Die Offiziere sollen also verfahren sein, um keine Zeugen dafür zu haben, wie sie zu ihrer Beute gekommen sind. Unter denselben soll sich ein Oberst und der Sohn eines englischen Admirals befinden.
Italien. Ein sonderbarer Streik, ein Streik der Ladeninhaber ist ausgebrochen der sich gegen die „Mißbräuche" der Konsumvereine richtet. In Rom wurden vom 21. März sämmtliche Geschäfte, Läden und Restaurants geschlossen; auch in Mailand, Florenz und zahlreichen anderen Städten will man sich dem eigenartigen Streik anschließen. Die Konsumvereine haben in den letzten Jahren einen starken Aufschwung genommen, allein im Jahre 1898 — über das die letzte Statistik vorliegt — wurden 227 Konsumgenossenschaften gegründet.
Kapstadt. In seinem Testament hat Cecil Rhodes bedeutende Kapitalien für wissenschaftliche Zwecke ausgesetzt. Außer Freistellen für Studirende aus den englischen Kolonien und den Vereinigten Staaten von Nordamerika werden in einem besonderen Kodizill 15 permanente Stipendien von je 250 Pfd. Sterling (50c0 Mk.) für deutsche Studirende gestiftet. Seiner Verehrung für den deutschen Kaiser gibt Rhodes über vas Grab hinaus dadurch Ausdruck, daß er, während er die Vergebung der kolonialen und amerikanischen Stipendien testamentarisch selbst genau geregelt hat, die Personal-Auswahl für die Besetzung der deutschen Freistellen ein für alle Mal völlig der Entscheidung Kaiser Wilhelnis überläßt. — Der Erblasser erklärt, ein gutes Einvernehmen zwischen England, Deutschland und Amerika werde den Weltfrieden sichern. Er fügt hinzu, daß die durch die Erziehung geschaffenen Beziehungen das festeste Band bilden. — Kaiser Wilhelm II. wird voraussichtlich die ihm im Testament von Cecil Rhodes zugedachte Vertheilung der Stipendien für deutsche Studirende auf der britischen Universität Oxford annehmen. Die Berücksichtigung der Deutschen hat in London wenig Erstaunen erregt, um so mehr aber, daß auch 120 amerikanische Stipendien ausgesetzt sind, denn der Verstorbene war auf die Amerikaneff gerade so schlecht zu sprechen, wie er aus seiner Werthschätzung für den deutschen Kaiser nie ein Hehl machte. Jedenfalls entsprechen die letztwilligen Verfügungen des afrikanischen Millionärs seinen Anschauungen. Eines Tages beklagte er sich über einen Freund, der nur die Hälfte seines Vermögens für öffentliche Zwecke, die andere Hälfte seinen Kindern hinterlassen hatte. Kein Mensch sollte jemals seinen Kindern Geld hinterlassen, meinte er, es sei ein Fluch für die. Kinder, und den besten Dienst leiste man ihnen, wenn man ihnen die beste Erziehung gebe und sie dann in die Welt gehen lasse. Hätten die Kinder Vermögen, so fehle ihnen ver Sporn zur Thatkraft. So hat er sein Vermögen