WüchternerMung
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27. Mittwoch, den 2. April 1902. 53. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Wie genieldet wird, so wird der Kaiser nach dem Besuch der Düsseldorfer Ausstellung die Kruppsche Fabrik besuchen, welch letztere Reise mit den bevorstehenden Neuerungen bei der Feldartillerie in Zusammenhang stehen dürfte.
Kiel. Der englischen Regierung ist es neuerdings wiederum geglückt, von hinten herum in Nord-Schleswig und in Jütland etwa 1OUO Pferde anzukaufen. Die Thiere sind für ihren Kriegsbedarf in Südafrika bestimmt und werden zunächst, um keinen offiziellen Anstoß zu erregen, nach England verfrachtet. Von dort aus gehen sie dann nach Südafrika.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 1. April.
* — Lehrer Börner in Ulmbach ist nach Hanau versetzt worden.
* — Nach Absolvierung eines Kurses an der Lehr- schniiede zu Fulda haben am 29. März ds. Js. die Schmiede Fritz Traudt aus Steinau, Kreis Schlüchtern, und Johannes Glock aus Weichersbach, Kreis Schlüchtern, die Prüfung behufs Erlangung der Befähigung zur selbstständigen Ausübung des Hufbeschlaggewerbes, und zwar der Erstere mit Auszeichnung bestanden. Dem Schmiede Traudt wurde Seitens des Kuratoriums der Lehrschmiede in Fulda eine Prämie in Höhe von 40 Mark zutheil.
* — Das vielumstrittene Gasthaus „zum Löwen" dahier wurde am 29. März er. endgültig zum Preise von 43,C00 Mk. an den Metzger Adam Denhard, Kaspar's Sohn, dahier verkauft. Dieser für kleinstädtische Verhältnisse enorme Preis ist jedenfalls ein Beweis dafür, daß Gastwirthschaft und Metzgerei, gemeinsam betrieben, trotz aller Klagen über schlechten Geschäftsgang und geringen Verdienst doch noch einen bedeutenden Gewinn abwerfen müssen. Auf das Anwesen auch reflektierende gut situirte Kaufleute, Vieh- und Frucht- Händler haben sich an diesen Preis nicht herangewagt.
* — Der Verursacher zahlreicher Zugentgleisungen ist endlich in dem Eisenwurm entdeckt worden. Dieses zu der Klasse der Tausendfüßler gehörende Thier tritt namentlich auf den mit O-Zügen befahrenen Linien besonders häufig auf. Es frißt sich in den Schienen, nach Art der Rindenborkenkäfer, maulwurfsartige Gänge, und unterhöhlt auf diese Weise einen großen Theil der Schienen. Veranlaßt durch die im vorigen Sommer hier oberhalb ihres Etab- lissements stattgehabten Bahnunfälle beschäftigte sich der Chemiker der Chemischen Fabrik hier mit der Erfindung eines Serums gegen dieses so schädliche Thier, mit welchem die Bahnschienen geimpft werden sollen. Ebenso stellt dieses Etablissement hin und wieder Versuche mit seinem neu ausgefundenen Eisenkitt an, mit dem etwa gebrochene Bauträger und Bahnschienen sofort wieder zusammengekrttet werden sollen. Morgen Abend soll ein solcher Versuch bei der Ziegelei angestellt werden.
* — Wie unsern Lesern schon bekannt ist, weilen zwei Söhne und eine Tochter unserer Stadt seit Jahr und Tag im Innern von Afrika. Der Eine hat sich als ehemaliges Mitglied der Schutztruppe gegen die Hottentotten und Kaffern, es giebt nämlich auch dorten solche, was hier manche Leute bezweifeln, am Rande der großen Laß'noor-Wüste angesiedelt. Der Andere dagegen lernt die Neger der Sonumali-Küste zum Arbeiten an und treibt in seinen Mußestunden Löwenjagden und Forschungsexpeditionen ins Innere des schwarzen Erdtheils. Bei einer der letzten Expeditionen von der Ostküste nach Großpopo an der Westküste hatte er, nur noch wenige Tagereisen vom Ziel entfernt, das Malheur, so auf den sich quer durch Afrika ziehenden Aequator zu treten, daß er sich beide Füße erheblich verbrannte. Infolgedessen mußte er den allergrößten Theil seiner für unser Schlüchterner afrikanisches Museum bestimmten Sammlungen im Stiche lassen, was im Interesse unseres Kurortes sehr zu bedauern ist, da doch unser afrikanisches Museum im besten Zuge war, zu einer für die Fremden sehr sehenswerthen Einrichtung zu werden.
* — Die Arbeiten zum Neubau des am Unterthor zu errichtenden Bade- und Kurhauses sind vor Kurzem in Angriff genommen; die Baugrube ist ausgehoben worden, die Kanalisirungsarbeit geht ihrer Vollendung entgegen und auch sonst ist das meiste Baumaterial
schon an Ort und Stelle. Später sollen schattige Parkanlagen zum Eichholz hinüber führen, und das Röderwasser zu einem großen Teich ausgebaggert werden, dem linksdie Heeggärtenfjnach dem Muster des im Palmengarten zu Frankfurt befindlichen zu „Irrgärten" gemacht und rechts Lawn-Tenis-Plätze, eine Radrennbahn, eine Seufzerallee mit in dichtem Gebüsch versteckt aufgestellten Ruhebänken und^noch andere zu einem modernen Kurort gehörende Anlagen hergestellt werden. Auch das idillisch gelegene alte Schlößchen soll in die Kuranlagen einbezogen werden. Die Stadt hat den Ankauf neulich wie bekannt beschlossen. Jenseits der alten Bahnhof-Straße am Eichholz hin nach Niederzell zu aber soll eine große Rennbahn nach dem Muster der bei Baden-Baden befindlichen"Jffezheimer großen Rennbahn angelegt werden. Wie man auch vernimmt, liegt es im Project, unsere Singspielhalle zu einem Opernhaus zu entwickeln, was umso leichter ist, als uns ja, wie die Vorstellungen beweisen, die erforderlichen Künstler unter den Einheimischen gratis zu Gebote stehen. Was die Oberammergauer fertig brachten, macht man hier wohl auch noch! Jetzt müssen nur auch die Fremden nicht ausbleiben. Es liegt doch auch im Plan, sich um eine der neu errichte! werdenden Batterien Artillerie als Garnison zu bewerben. Die Kaserne kommt an die Kaiserstraße und als Kanonen- schuppen und Reithaus wird die Stadthalle am Unterthor Verwendung finden. Die angrenzenden Wiesen geben den Exercierplatz. Die Nachfrage nach Sommerlogis ist daruni schon stark, auch im nahen Steinau, wohin dann Automobilwagenverkehr eingerichtet wird.
* — (Aus der Sitzung der Hanauer Strafkammer vom 28. März. Eine gemeine Handlungsweise legte der Weißbinder Menge von Marjoß dadurch ntbvn i Tag, daß als der Förster Scherz ihn wegen Wilddieberei zur Anzeigebringen mußte, er 14 in dessen Garten stehende Zwergobstbäume der Kronen beraubte. Menge verbüßt gegenwärtig eine 2'/Jährige Zuchthausstrafe und für seine niederträchtige Gesinnung, welche er durch den Frevel an den Bäumen bewies, erhielt er eine Zusatzstrafe von drei Monaten. — Concurrenzneid herrscht zwischen den Handelsleuten Felsinger und Döppel von Schlüchtern. Beleidigungen führten schon zur Verur- theilung des Döppel zu einer kurzen Freiheitsstrafe und am 15. Februar kam es in der Rüffer'schen Wirthschaft zu Schlüchtern wiederum zu einem Zusammenstoß zwischen den Beiden, in dessen Verlauf Felsinger seinem Gegner Döppel ein Bierglas an den Kopf warf, daß Blut floß. 4 Wochen Gefängniß werden ihm hierfür zudiktirt. — Am 8. Februar wurde der Spenglergeselle Max Hofmann aus Breslau unter dem Verdacht, dem Schlosferlehrling Holzhauer zu Schlüchtern aus einem Koffer 6 Mark gestohlen zu haben, in Haft genommen, in welcher er bis heute zubringen mußte. Die Verhandlung erbringt seine völlige Unschuld, und dem Antrag auf Freisprechung seitens des Herrn Staatsanwalts entspricht das Gericht. — Der 23jährige Schreiner Schmidt zu Salniünster trug einen Backenbart und zwar sogen. „Koteletts". Am Abend des 27. Januar kam Schmidt in die Wölfische Wirthschaft zu Salmünster und bald ertönten von verschiedenen Seiten Rufe, wie „Jetzt kommen die Koteletts", „nein, das sind erst Rumsteaks" u. s. w. Diese Sticheleien galten natürlich dem Schmidt mit seinen „Koteletts", worüber es dann zu Auseinandersetzungen kam und Schmidt an die Luft expedirt wurde Er kam nochmals in die Wirthschaft und erbat sich seinen zurückgelassenen Hut. Hierbei schlugen verschiedene Burschen auf ihn ein und Schmidt griff in der Nothwehr zu seinem Messer und stach den 18jährigen Zimmermann Krüger in die linke Brustseite. Obwohl das Gericht Nothwehr des Schmidt annimnit, wird er doch zu 3 Monaten Gefängniß verurtheilt. (H. Ztg.)
Gomfritz, 1. April. Der beim Bau der Eisenbahn seiner Zeit bereits vorgesehene, aber bisher unterbliebene Bau eines Bahnhofes bei unserem Orte soll, wie man hört, nicht lange mehr auf seine Verwirklichung zu warten haben. Ein hiesiger Grundbesitzer sucht deshalb nun einen Kapitalisten, um auf seinem in der Nähe des Waldes gelegenen Gelände ein Erholungsheim für Sommerfrischler zu errichten. Dazu ist' es wegen seiner Lage dicht am stundenweit über den Landrücken hin sich erstreckenden Laubholz- und
Tannen-Hochwald usw. ausgezeichnet geeignet. Wasser ist auch genügend da — und nun gar die gute Luft in erster Güte! Für gute und doch billige Verpflegung und tuberkelfreie Milch und Sahne, welche gleich frisch zum Consum den rassereinen „Mähklenburgern" entnommen werden soll, wird bestens gesorgt werden.
Hiutersteinau, 1. April. Eine Radlervereinigung hat sich in einem nahen Dörfchen aufgethan. Dieselbe hält Mittwoch Abend im Dorfwirthshause ihre Versammlung ab. Als Mitglieder werden Personen beiderlei Geschlechts gerne ausgenommen, die im Besitze einer am Orte oder womöglich selbst angefertigten Maschine sind, wobei es gleich, ob dieselbe zum Treten oder Schieben eingerichtet ist.
Ulmbach, 1. April. Um den seit Kurzem so sehr gestiegenen Verkehr unseres Ortes nach den Orten der Umgegend zu erleichtern, wird beabsichtigt, einige Automobilwagen in Betrieb zu setzen, zumal ja vorerst doch keine Aussicht ist, daß die elektrische Verbindung mit Schlüchtern und Steinau bald zu stande kommt. Jn- tressenten werden auf die Mittwoch Abend in der Heil'schen Wirthschaft stattfindende Versammlung aufmerksam gemacht, woselbst auch die Gründung eines Tanzstunden-Vereins besprochen werden soll, damit die Betr. beim nächsten Kriegerfeste auch taktfest sich drehen können nach der Regel: „Uebung macht den Meister!"
Soden, 1. April. In unserem Städtchen wohnt seit längerer Zeit ein Ehepaar, das die Gewohnheit hatte, alljährlich den Winter im Süden zuzubringen, um im Frühjahr zurückzukehren. Vor kurzem nun verunglückte der Eheherr, indem er mit einer elektrischen Starkstromleitung in Berührung kam und augenblicklich getödtet wurde. Die Gattin zog schmerzbewegt nuch-d«u-Lüds«—LL hWß allaemein, sie wurde nicht mehr zurückkehren. Um so großer war "dw—*h^— raschung, als sie dieser Tage mit zwei Begleitern ein- traf — zwei stattliche Herren im besten Alter. Sie ließ sich von Beiden den Hof machen. Aber bald zeigte sie für den einen Bewerber größere Sympathie und machte mit ihm einen Ausflug. Nach der Heimkehr stürzte sich der erklärte Bräutigam auf den Nebenbuhler und brächte ihm schwere Verletzungen bei, so daß er seinen Wunden erlag, während die — Störchin (es handelt sich nämlich um Störche) mit ihrem neugewonnenen Eheherrn es sich wohl sein ließ im alten Nest.
Salmünster, 1. April. Dem Vernehmen nach soll in Kürze dahier eine Gesellschaft m. b. H. ins Leben treten, um ein Intelligenz- und Anzeige-Blatt, das womöglich täglich Morgens und Abends herauskommt, ins Leben zu rufen. Filialgeschäfte in Ahl, Häuser- dick und etlichen anderen Orten der Umgegend find ebenfalls vorgesehen. Das Rohmaterial wird von Berlin bezogen und dann hier an Ort und Stelle den örtlichen Bedürfnissen entsprechend zurecht gemacht d. h. das Mittelstück mit Kopf und Schwanz versehen. Die liebe Jugend freut sich schon auf Material zum Drachensteigenlassen und die Hausfrauen auf Material zum Fensterputzen und Einwickeln, hoffentlich ist's für letzteren Zweck möglichst fettdicht.
Sterlffritz, 1. April. Wie in den „Touristischen Mittheilungen für Hessen" zu lesen, so ist in Schwarzenfels ein Sanatorium für Sommerfrischler in der Einrichtung begriffen. Da unser Ort Bahnstation ist und auch eine hohe, nach allen Seiten freie Lage hat, fo will man auch hier diese gute Lage benutzen, um die Touristen und viele Sommergäste heranzuziehen und ihnen den längeren Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen. Morgen Abend findet im Hötel Amend eine Versammlung von sich dafür Interessirenten statt, wo das weitere beschlossen und auf die Wege geleitet werden soll.
Hanau, 28. März. Das 18. Armeekorps wird in den Kreisen Frankfurt, Hanau und Gelnhausen im Herbste manöveriren. — Auch einige Landstrecken Oberhessens werden in Mitleidenschaft gezogen werden.
Eschwege, 21. März. In einem Dorfe des Eichs- felds sollte dieserTage ein Schwein geschlachtet werden. Alles war bereit, doch als der Metzger in den Schweinestall eindringen wollte, war das ahnungsvolle Schwein ausgeflogen. Nach langem, langem Suchen fand man den Flüchtling behaglich im Bette eines Nachbarhauses liegen.