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SchlüchternerAttung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.

M 24 Samstag^de-flssHärz 1902. 53. Jahrgang.

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Die Zolltarifkampagne.

Die Verhandlungen über die Zolltarifvorlage im Reichstage haben bereits 3*/2 Monate beansprucht. In dieser Zeit ist außer der ersten Lesung im Plenum lediglich die erste Lesung des Tarifgesetzes selbst in der Komission zum Abschluß gebracht worden. Von den nahezu 100U Positionen des Zolltarifs sind da­gegen vorerst nur ein halbes Hundert und zwar gleich­falls nur in erster Lesung in der Kommission durch­berathen worden. Es bleiben also noch zu erledigen in erster Lesung gegen 900 Positionen des Zolltarifs, die ganze zweite Lesung des Tarifgesetzes und des Tarifs in der Kommission, sowie die Spezialberathung zweiter Lesung im. Plenum und die dritte Lesung, bei welcher bekanntlich sowohl General- wie Spezialdebatte sich wiederholen. Die Legislaturperiode des Reichs­tages läuft Mitte Juni 1903 ab. Es stehen mithin längstens einschließlich aller Arbeitspausen etwa 7« Jahre bis zur Erledigung der gesetzgeberischen Aufgabe zur Verfügung. Der Vergleich zwisch dem, was bisher geleistet und der Zeit, die dazu gebraucht ist, mit dem was noch der Erledigung harrt und der »dazu verfügbaren Zeit, läßt keinen Zweifel darüber zu, daß, wenn die Verhandlungen in demselben lang­samen Tempo wie bisher fortgeführt werden, die Be­fürchtung nicht abzuweisen ist, man werde das gesetz­geberische Werk bis zum Ende der Legislaturperiode nicht zum Abschluß bringen. Daß ein solcher Ausgang der Verhandlungen vom Standpunkte des Gemeinwohls überaus bedauerlich sein würde, bedarf wohl kaum der näheren Darlegung. Vom nationalwirthschaftlichen Standpunkte müßte die dadurch bedingte beträchtliche Hinausschiebung des Zeitpunktes, mit dem die Neu­regelung unserer Zoll- und Handelsbeziehungen zum Abschluß gebracht und damit der Industrie und dem Handel wieder die Möglichkeit geboten wird, mit festen, auf lange Zeit gerichteten Handelsverhältnisfen zu rechnen, auf das Tiefste beklagt werden. Vom politischen Standpunkte aber wäre zweifellos mehr als unerwünscht, wenn auf diese Weise die Frage des Zolltarifs in den Mittelpunkt der Wahlbewegung für den Reichstag gestellt und so den Parteien, welche die Erregung der Leidenschaften und der Unzufriedenheiten gegen unsere Staatsordnung als Geschäft betreiben, Gelegenheit ge­boten würde, die weniger urtheilsfähigen und leicht irrezuführenden großen Massen in der bedenklichsten Weise zu verhetzen. Bei dem bestehenden Reichswahl­recht wühlt jede allgemeine Reichstagswahl ohnehin schon die gesammte Bevölkerung bis in die Tiefe aus. Vollzöge sich eine solche Wahl unter dem Zeichen des Zolltarifs, so ist eine Unterwühlung der der sozialdemo­kratischen Propaganda zugänglichen breiten Massen von solcher Intensität zu erwarten, wie sie bisher noch niemals dagewesen ist. Wirthschaftspolitische, wie allge- mein politische Gesichtspunkte von der größten Bedeutung weisen daher gleichmäßig mit zwingender Gewalt da­rauf hin, den Zolltarif jedenfalls vor Ablauf der Legislaturperiode zur Verabschiedung zu bringen. Die Verantwortung dafür trägt in erster Linie die schutz- zöllnerische Mehrheit des Reichstages; sie verfügt sowohl in dieser Körperschaft selbst, wie in der Tarif­kommission über eine so starke Stimmenzahl, daß die Minderheit dagegen bei richtigem Gebrauch des Ueber- gewichts an Stimmen nicht wohl aufkommen kann. Die Mehrheit wird sich, um dieser ihrer Verantwortung vor dem Lande und Volke im vollen Umfange gerecht zu werden, mit der Ueberzeugung durchdringen müssen, daß es weniger darauf ankommt, Einzelwünsche gegen­über der Vorlage der verbündeten Regierungen zu be­friedigen, als das ganze Werk so rasch, als. dies mit einer gründlichen Durchberathung vereinbar ist, unter

Dach zu bringen. In den Osterferien werden die Mitglieder des Reichstages und der Tarifkonimission Gelegenheit haben, mit ihren Wählern Fühlung zu nehmen; sie werdet! dabei sicher die Ueberzeugung ge­winnen, daß die große Mehrzahl der Wähler von ihnen die Durchführung des großen gesetzgeberischen Werkes des Zolltarifs erwartet und daß man lieber auf die Erfüllung von Einzelwünschen verzichtet, als durch deren Verfolgung das Zustandekommen eines für den wirksamen Schutz aller Zweige der nationalen Arbeit so hochwichtigen Werkes zu gefährden. Man darf sich daher der Hoffnung hingeben, daß, wenn die Ver­handlungen nach Abschluß der Osterferien wieder auf­genommen werden, sie von dem Gesichtspunkte beherrscht werden, nicht blos gute Arbeit zu inachen, sondern diese auch so zu beschleunigen, daß die Verabschiedung der ganzen Vorlage mit Sicherheit vor Abschluß der Legis­laturperiode erfolgen kann.

Deutsches Reich.

Berlin. Ein abermaliger Besuch des Kaisers in Bremen steht für Mitte April bevor, und zwar beab­sichtigt der Monarch in Gesellschaft des Königs von Württemberg einer Einladung des Norddeutschen Lloyd zu einer kurzen Fahrt mit dem SchnelldampferKron­prinz Wilhelm" in die Nordsee und bis nach Skagen hinauf Folge zu leisten.

Prinz Heinrich ist wieder daheim. Nach glück­licher Fahrt traf er Dienstag Nachmittag in Kuxhaven ein, wo er von seinem kaiserlichen Bruder herzlich will­kommen geheißen wurde. Der Kaiser, der Montag Nachmittag Kiel an Bord des LinienschiffesKaiser Wilhelm 11." verlassen hatte, langte in der Nacht zum Dienstag in Brunsbüttel an und setzte von dort aus Vormittags die Fahrt nach Kuxhaven fort, um seinen Bruder zu erwarten. Der Empfang des prinzlichen Amerikafahres fand an Land statt und vollzog sich in feierlicher Weise. In dem Augenblick, als Prinz Hein­rich den SchnelldampferDeutschland" verließ, feuerte der KreuzerHela" einen Salut von 21 Schuß, die Mannschaft dieses Schiffes sowohl wie die Besatzungen der gleichfalls zum Empfang anwesenden Linienschiffe Württeniberg" undBaden" standen in Parade und brachten Hurrahrufe aus. An Land stellte die 4. Ma- trosenartillerie die Ehrenwache, deren Musik spielte, während der Kaiser seinem Bruder entgegeneilte und ihn umarmte und küßte. Nach dem Empfang begab der Kaiser sich mit dem Prinzen Heinrich auf das LinienschiffKaiser Wilhelm II.", das nach Kiel zurückgekehrt.

Unsere englischen Freunde. Ein weiteres Bei­spiel dafür, wie wenig erkenntlich man in England für die freundlichen Worte des Staatssekretärs Freiherrn v. Richthofen im preußischen Abgeordnetenhause ist, liefert die Auslassung eines recht angesehenen Londoner Blattes, desDaily Graphic":Wir befürchten," so schreibt dieses Blatt,daß das, was Baron v. Richt­hofen sagte, nicht sehr zu unserer Besänftigung bei­tragen kann . . . Wenn Baron v. Richthofen die Ansichten der deutschen Regierung äußerte, dann wäre es der richtige Weg gewesen, daß Graf Bülow für seine Rede (früher gegen Chamberlain) um Verzeihung gebeten hätte, weil diese Rede den beleidigenden Ge­danken enthielt, daß es für die deutsche Armee ein Schimpf sei, in einem und demselben Athemzuge gleich­zeitig mit englischen Soldaten erwähnt zu werden. . . Wir haben kein Verständniß für das deutsche System, den einen Minister schmeicheln zu lassen, während der andere Minister beleidigt . . . ." Nicht viel anders klang es aus den Spalten derTimes" heraus und mancher anderen Blätter, woraus man von neuem die nicht erfreuliche Lehre ziehen kann, daß die Engländer im Allgemeinen Höflichkeit und Liebenswürdigkeit nicht vertragen können.

* Angesichts der wieder zunnehmenden Aus­wanderung nach Amerika verdient besondere Beachtung, daß über 5v0 Rückwanderer in den beiden letzten Tagen aus Amerika in Hamburg eintrafen, um ihre alte Heimath, Posen, Ost- und Westpreußen, Rußland und Oesterreich, wieder aufzusuchen. Sie waren zum Theil schon vor Jahren nach Amerika ausgewandert, weil sie hofften, dort günstigere Lebensbedingungen und besseren Lebensunterhalt zu finden als in der Heimath. Enttäuscht kehrten sie jetzt zurück. Wer als Ansiedler

in Amerika nicht über genügende Mittel verfügt, um die Erträgnisse seiner Jahre langen Arbeiten abwarten zu können, geht dort zu Grunde.

* DieAlldeutschen Blätter" schreiben: Menschen­händler für Australien? Von einem Mitgliede in Australien wird uns folgende Notiz aus einer austra­lischen Zeitung gesandt:Zucker-Industrie. Herr F. E. Clotten in Frankfurt am Main hat an den Premierminister einen Brief gerichtet, worin er das Angebot macht, nach Queensland auf Staatskosten erstklassige weiße Arbeiter einzuführen, die nicht nur au Arbeit im tropischen und subtropischen Klima ge­wöhnt sind, sondern überdies Erfahrung in der Arbeit auf Zuckerplantagen und anderer tropischer und sub­tropischer Farmerarbeit haben. Er schreibt: Diese Ar­beiter sind eine fleißige, nüchterne und hart arbeitende Menschenklasse, die gegenwärtig bei 14- bis löftünbiger Arbeit durchschnittlich nicht mehr als 2/2 Schillinge täglich verdienen. Ich bin überzeugt, daß, ivenn Ihr Staat und die Zuckerplantagenbesitzer sich bereit erklären, die Ueberfahrt dieser Arbeiter eventuell auch ihrer Familien nach Queensland zu bezahlen und ihnen einen Tagelohn von 4 Schilling anzubieten, ich keine Schwierigkeiten haben werde, für Ihren Staat in den nächsten 12 Monaten einige Tausend solcher Arbeiter zu verschaffen. Ich nehme an, daß auf besonders ge­wünschten Dampfern die Arbeiter pro Kopf bis zur Ladung in Queensland nicht mehr als 8 Lstr. kosten werden." Sollte dieser Herr Clotten in Frankfurt wirklich existieren, so glauben wir, daß die dortige Polizei gut thun würde, seinen Geschäftsbetrieb etwas unter ihre Obhut zu nehmen.

Braunschweig. Der Ingenieur S. voni Eisenwerk Karlshütte" bei Dellingsen (Braunschweig) konnte einer Duellforderung wegen Beleidigung nicht gerecht werden, weil seineSatisfaktionsfähigkeit" nicht nach­gewiesen war. Er hat sich deshalb vor einigen Tagen in der Nähe seiner Wohnung erschossen. In Steiniatwolmsdorf bei Bischofswerda hat der 21= jährige Steinarbeiter Thomas seine greise Mutter auf_ grauenhafte Weise ermordet. Er überfiel die Greisin und zerschlug mit einem Maurerhammer den Schädel, bis der Tod eintrat. Der jugendliche Mörder wurde verhaftet. -- Das tausendste Ei hat ein Huhn des Schulpedells Probst zu Gandersheim (Braunschweig) in einem Zeitraum von sechs Jahren gelegt. Aus diesem Anlaß hatte die Straße, in der Herr P. wohnt, Flaggenschmuck angelegt. Abends vereinigte der glückliche Eierjubilar seine Freunde zu einem ge­waltigen Rühreiermahl um sich und brächte einen schwungvollen Toast auf die fleißige Henne aus.

Aus Baden. Eine unglaublich rohe That soll, wie badische Blätter unter Vorbehalt melden, ein Metzger und Wirth am letzten Samstag in Handschuhsheim an seinem Kinde verübt haben. Das öjährige Söhnchen des Betreffenden soll einen Hundertmarkschein, der ihm zufällig unter die Finger gekommen, in kleine Stücke zerrissen haben. Der Vater sei hierüber so in Wuth gerathen, daß er dem armen Kinde auf dem Hackklotz beide Händchen abgehauen habe.

Aus dem Odenwald, 14. März. Kaum war das Schreckgespenst unserer Landwirthe, die Maul- und Klauenseuche, Dank der sehr strengen sanitären Sperr- maßregeln in unserer Gegend soweit zurückgegangen, daß man ein völliges Erlöschen der Seuche in kürzerer Zeit hoffen durfte, so treten nun bei Beginn des Früh­jahrs, wo die Feldarbeiten das Vieh mehr aus den Ställen treiben, von Neuem allerseits Klagen über ein weiteres Umsichgreifen der gefährlichen Seuche auf. So grasfirt dieselbe gegenwärtig wieder ziemlich heftig in den Kreisen Erbach und Dieburg und mußten dieserhalb die Viehmärkte in verschiedenen Städten wieder ge­schloffen werden. Auch im benachbarten Bayern hat die bösartige Seuche im verflossenen Halbjahr schwere Opfer gefordert. Dort beläuft sich nach einer Mit­theilung derWochenschrift für Thierheilkunde", die Zahl der gefallenen Thiere auf 510 Stück Großvieh, ±2 Kälber und 27 Schweine mit ca. 102,000 Mark Schaden.

Ausland.

. Rußland. Wie derDaily Mail" aus angeblich bester Quelle aus.Kiew gemeldet wird, sind anläßlich der letzten Moskauer Studentenunruhen 15 Studenten zu»;