SchlüchtemerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 20.
Samstag, den 8. März 1902. '
53. Jahrgang.
Antrag wird demnächst im Abgeordnetenhause einge- i bracht werden.
— Eine neue polnische Gymnasiasten-Verbindung ist in Gnesen aufgedeckt worden. Es wurden Haussuchungen vorgenommen und viele Bücher, Zeitschriften u. s. w. mit Beschlag belegt. Das Abiturientenexamen wurde verschoben, vier Oberprimaner wurden von demselben zurückgewiesen.
Aus Westfalen, n. März. Das rheinisch-westfälische Ziegeleisyndikat hat sich entschließen müssen, die Produktion für die konimende Kampagne um 50 Procent einzuschränken. Er stehen viele Millionen Steine unverkauft auf den Ziegeleien. Gleichzeitig will das Syndikat aber die Flaue benutzen, um die noch außerhalb des Syndikats stehenden Ziegeleien zu bekämpfen und sie zum Eintritt zu zwingen. Dem Syndikat gehört eine solch riesige Produktion an, daß, wenn für 1000 Steine eine Abgabe von 10 Pfg. erhoben wird, die horrende Summe von 110,000 Mark herauskommt. Durch diese Mittel sollen die außerhalb des Syndikats stehenden Ziegeleien so unterboten werden, daß sie unterliegen müssen. Das Syndikat geht zu diesem Zweck weit unter die Herstellungskosten für Steine.
Essen. Verbrecherhände haben auf dem Bahnhöfe in Hilgen bei Wermelskirchen in verflossener Nacht die an den Weichen angebrachten Laternen zerstört, die nicht verschließbaren Weichen halb gesetzt und verkeilt. Eine Tafel mit der Aufschrift „Halt" war aus dem Boden gerissen und quer über die Schienen gelegt. Glücklicherweise wurde dieser nichtsnutzige Anschlag entdeckt und dadurch, daß der dienstthuende Weichensteller mehrere Personen requirirte und schleunigst die Geleise freimachen ließ, ein großes Unglück verhütet. Denn im nächsten Augenblicke mußten Personenzüge die Stelle passiren. Auch hier sind die Thäter vorläufig unentdeckt geblieben.
Bon der Sieg, 2. März. Ein junger Mann in Hove lud bei Schießübungen ein altes Gewehr so stark, daß es beim Abfeuern zersprang. Dem unvorsichtigen Schützen wurde der Unterleib derart zerrissen, daß bald der Tod eintrat. Der Verunglückte war die Stütze einer alten Wittwe.
Branuschweig. Die Ausbeutung der Fremden in Badeorten ist eine Thatsache, welche schon wiederholt öffentlich gerügt worden ist. In welcher Weise die Gäste gerupft werden, erwies eine Gerichtsverhandlung am vorigen Sonnabend in Braunschweig. Der Kellner Karl Schiller war im Herbst vorigen Jahres im Hotel „Romkerhall" bei Bad Harzburg in Stellung und soll innerhalb 5 bis 6 Wochen ungefähr 700 Mark verdient haben. Man kann dies wohl annehmen, wenn man berücksichtigt, daß er z. B. bei einer Flasche Harzer Sekt, zwar ohne Wissen des Wirthes, 1 Mark Aufschlag nahm. Wie Schiller selbst dritten Personen gegenüber erzählt hat, will er besonders Ausländer und erstmalige Besucher scharf geschröpft haben; besonders gewinnreiche Tage seien stets die Harzburger Rennen gewesen. In zwei Fällen war jedoch der Kellner an die unrechten Gäste gekommen, welche, die ursprünglichen Preise kennend, über die Mehrforderung des Kellners den Wirth benachrichtigten. Der Kellner wurde entlassen und außerdem wegen Betrugs zur Anzeige gebracht. Das Schöffengericht verurtheilte den Kellner wegen Betrugs in zwei nachweisbaren Fällen zu zehn Tagen Gefängniß. Hiergegen hatte Schiller Berufung eingelegt. Der Gerichtshof verwarf aber die Berufung mit der Begründung, daß das Urtheil der ersten Instanz nicht nur voll berechtigt sei, sondern vielmehr als sehr milde angesehen werden müßte, da der Angeklagte geradezu rüubermäßig die Fremden ausgeplündert hätte; denn nur auf diese Weise könne ein Kellner in so kurzer Zeit 700 Mk. „ersparen."
Greiz, 4. März. Der Fabrikantenverein macht bekannt, daß morgen früh sämmtliche Fabriken ihren Betrieb wieder aufnehmen. Sollte der Ausstand bis Sonnabend nicht beigelegt werden, so folgt am nächsten Montag die Schließung sämmtlicher 29 Fabriken.
Aus Stuttgart, 5. März, wird gemeldet: Der Mörder der vor einem Vierteljahr mit abgeschnittenem Halse aufgefundenen Modell sicherm Babette Wirth wurde in Kirchheim u. T. in der Person des 27 Jahre alten aus Stuttgart gebürtigen Mechanikers Ludwig Gerster verhaftet. Gerster, der früher ein Zuhälter der Ermordeten war, hat bereits ein völliges Geständniß
R-k-lll,,,«,-,» °uf die .Schlüchterner Zeitung" NtftkUUZt^kN werden noch fortwährend von allen . , Postanstalten und Landbriesträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Die Stimmung des Prinzen Heinrich. Ueber die Stimmung des Prinzen Heinrich auf seiner Rundfahrt durch den Norden der Vereinigten Staaten wird bim „Berl. Lokalanzeiger" gemeldet: Der Prinz, dessen Reise einem förmlichen Triumphzug gleich, ist ununterbrochen thätig. Er beobachtet scharf, erkundigt sich nach allem Möglichen, besonders über die Verhältnisse der Industrie. Die Ankündigungen des Washingtoner Wetter-BureauS für den März lassen auch auf eine stürmische Heimfahrt des Prinzen schließen. In Chattanooga wurde gleich näch Ankunft des Zuges auf der elektrischen Bahn die Partie nach Lookout- Mountain zurückgelegt. Das Wetter war trüb, doch regnete es nicht. Oben auf dem Aussichtspunkte erklärte General Boilers die Situation vor und nach dem berühmten Schlachttage von Chickamauga im November 1863. Auf demselben Wege kehrte der Prinz zur Stadt zurück und unternahm dort noch eine kleine Rundfahrt. Auf dem Bahnhöfe wurde ihm von Bürgern Chattanoogas zum Andenken ein Album überreicht. In Nashville wurde der Prinz vom Bürger- m elfter mit einer Ansprache begrüßt, auf welche er mit kurzen Worten dankte. Von dort ging die Fahrt nach Louisville. Die dem Prinzen überall überreichten Blumenspenden sind so zahlreich, daß ein Extrawagen für dieselben eingestellt werden mußte. Ueberall sind auf den Bahnhöfen Tausende versammelt. In Nashville wurde dem Prinzen ein Spazierstock zum Geschenk gemacht, der aus einem neben dem Grabe des Generals Jackson stehenden Baume geschnitten ist. Die zahlreich anwesenden Neger und deren Begeisterungsausbrüche bilden für den Prinzen und seine Begleitung eine Quelle endloser Heiterkeit.
— Die „Blitzfahrt" des Prinzen Heinrich neigt sich ihrem Ende zu. Am Mittwoch besuchte der Prinz die Niagarafälle und am Donnerstag weilte er in Boston. Schöne Stunden hat der Prinz in den letzten Tagen außer in Chicago auch in Milwaukee verlebt. In der Nähe des Bahnhofs grüßten tausend deutsche Kriegsveteranen, die aus vielen Städten Wisconsins herbeigeeilt waren, den Prinzen. Unter Geschützsalut und stürmischen Huldigungen traf der Prinz im Ausstellungsgebäude ein, wo er mit dem deutschen Lied begrüßt wurde. Der Bürgermeister betonte in seiner Ansprache, daß die Bevölkerung der Stadt größtentheils aus Deutschen bestehe, und hob den Einfluß hervor, welchen das besonnene deutsche Element gegenüber dem ungestümen Janker habe. Prinz Heinrich erwiderte, es erfülle ihn mit Freude, daß die Stadt ihre Entwickelung zum größten Theile dem deutschen Element verdanke; er betrachte dieses Element als eines der stärksten Bande zwischen Deutschland und Nordamerika. Die Beleuchtung der Stadt war ungemein prachtvoll. — Die Zahl der Besucher der Kaiseryacht „Hohenzollern" wird bis jetzt auf 15000 geschätzt. Leider wurde von Leuten, die auf irgend ein Andenken erpicht waren, mancherlei Unfug verübt. Tapeten, Vorhänge, Teppiche und Anderes ist nach den Blättern stück- und lappenweise verschwunden, ebenso ein Theil des Porzellans und der Gläser. Dagegen aber liefen alltäglich anscheinend von denselben Bewunderern des Prinzen Hunderte von Geschenken ein, die jedoch, als von Privatleuten stammend, grundsätzlich zurückgewiesen wurden. Die „Hohenzollern" wird auf Befehl des Kaisers bis zum 13. März in Newyork bleiben.
— Die Osterferien des Abgeordnetenhauses sollen , am 21. d. M. beginnen und bis in die Mitte des Monats April dauern. Von anderer Seite wird da- l gegen die Mittheilung verbreitet, daß schon am 8. April die Arbeiten des Abgeordnetenhauses ausgenommen 1 werden sollen.
— Die städtischen Lebensmittelzölle, die sogen. Oktrois oder Mahl- und Schlachtsteuern, werden den Gegenstand eines besonderen Antrages im preußischen . Abgeordnetenhause bilden. Die konservative Fraktion 1 des Abgeordnetenhauses hat beschlossen, diese Mahl- und Schlachtsteuer in allen denjenigen preußischen Städten, in denen sie noch besteht, aufzuheben. Der
abgelegt und gab an, daß ihm sein Gewissen keine Ruhe lasse._____________________________________________
Ausland.
Türkei. Albanesische Blutrache. Die Ermordung des Albanesen-HäuptlingS Mollah Seka in Jpeck durch einen anderen Häuptling wegen Blutrache führte, wie über Konstantinopel depeschirt wird, zu einem blutigen Zusammenstoß der Freunde des Sohnes des Ermordeten mit Freunden des Mörders. Auf beiden Seiten blieben 2c0 Todte und Verwundete. Auch der Mörder wurde schwer verwundet. Der türkische General Schemsi Pascha trennte mit mehreren Bataillonen die Kämpfenden. Die Ruhe ist vorläufig hergestellt, der Handelsverkehr jedoch noch gesperrt. Von Ausschreitungen gegen Christen ist bisher nichts bekannt geworden.
Transvaal. In einer Besprechung der englischen Niederlage bei Clerksdorp bezeichnet die „Daily Mail" dieses Ereignis als ein strategisches Meisterstück der Buren. Es erinnert, so sagt das Blatt, an die ersten Kämpfe zu Beginn des Krieges. „Daily Telegraph" meint, diese neue Schlappe wiege die neuen Operationen Kitcheners mehr als auf. Die „Times" ist der Ansicht, daß nach Botha General Delarey der größte Bärenführer ist. — Mehrere Buren-Gefangene haben sich über die schlechte Behandlung beklagt, welcher sie durch portugiesische Offiziere, unter deren Aufsicht sie gestellt sind, unterworfen waren.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 7. März.
* — Der „Kinzigthaler Radfahrerverein" dahier feiert am 14., 15. und 16. Juni d. Js. seine Bannerweihe,
* — Herr Barbier A. Rollmann hier erlegte gestern Abend auf seinem Jagdterrain, im sog. Katzenthal, bei Bellings die erste Schnepfe in diesem Jahre.
* — Wie der neueste meteorologische Wochenbericht schreibt, verlief in Nordost-Europa der jetzige Winter kälter als der vorige; dort herrscht schon seit 2 Monaten strenge Kälte, zeitweise zwischen 15 und 32 Grad Celsius. Dort und auf der nördlichen Ostsee hat sich daher viel starkes Bodeneis gebildet, das zur Ursache späteren Kältetückschlags werden dürfte, wenn die höher steigende Sonne die unteren Luftschichten im Süden auflockert, wodurch dann im Frühjahr häufig nördliche Winde mit Nachtfrösten im Gefolge erzeugt werden.
* — Auf Grund des ß 11 des Gesetzes, betreffend den Verkehr mit Butter, Käse, Schmalz und deren Ersatzmitteln vom 15. Juni 1897 hat der Bundesrath beschlossen: Butter, welche in 100 Gewichtstheilen weniger als 80 Gewichtstheile Fett, oder in gesalzenem Zustande mehr als 18 Gewichtstheile, in ungesalzenem Zustande mehr als 16 Gewichtstheile Wasser enthält, darf vom 1. Juli ab gewerbmäßig nicht mehr verkauft oder feilgehalten werden. Unsere Bauersfrauen mögen die zu Verkaufende Butter vor dem Verkauf ja recht tüchtig auspressen, um nicht in Ungelegenheiten zu kommen.
* — Für verkauftes Obst ist den Gemeindekassen des Reg.-Bez. Gaffel im Jahre 1901 die Summe von 161 791 Mk. 10 Pfg. zugeflossen. Davon erhielt der Kreis Schlüchtern 6060,08 Mk; den höchsten Ertrag erzielte der Kreis Hofgeismar mit 34,607 Mk. 41 Pfg. — Es bleibt also noch viel im hiesigen Kreise zu thun, um einen solchen Ertrag zu erzielen.
* — Versendung von Packeten während der Oster- zeit. Die Vereinigung mehrerer Packete zu einer Post- packet-Adresse ist für die Zeit vom 23. bis einschl.
30. März im inneren deutschen Verkehr nicht gestattet.
* — Der Mitteldeutsche Arbeitgeber-Verband für das Baugewerbe mit dem Sitze in Frankfurt a. M. ist dem Deutschen Arbeitgeberbund für das Baugewerbe beigetreten. Dem Verbände gehören an: 1. Der Verband der Maurer- und Zimmermeister in Frankfurt a. M. 104 Mitglieder; 2. Der Arbeitgeberverband für das Baugewerbe in Darmstadt 63 Mitglieder; Der Arbeitgeberverband für das Baugewerbe in Friedberg in Hessen 25 Mitglieder; 4. der Arbeitgeberverband für das Baugewerbe in Hanau 15 Mitglieder; 5 der Arbeitgeberverband für das Baugewerbe des Kreises Höchst a. M. 31 Mitglieder; 6. der Arbeitgeberverband für das Baugewerbe in Offenbach 24 Mitglieder; 7. der Verband der Maurer-, Zimmer- und Dachdeckermeister