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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
18, Samstag, den 1. März 1902. 53. Jahrgang.
15i>floll«Mrt»tt au^ ^^ «Schlüchterner Zeitung" DkN^""»»V^" werden noch fortwährend von allen
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sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Beide Majestäten machten am Mittwoch einen Spaziergang im Thiergarten. Hierauf sprach der Kaiser beim Reichskanzler vor, um dann der Schlußbesichtigung in der Militärturnanstalt beizu- Wohnen, die ihr vOjähriges Jubiläuni feiert. An: heutigen Donnerstag sind 21 Jahre verflossen, feit der Kaiser seiner Gemahlin die Hand zum Ehebunde reichte.
— Prinz Heinrich in Nordamerika. Der Festtrubel, der am Dienstag, dem Tage des Stapellauss der Kaiseryacht, in New-Pork herrschte, übertraf wohl noch den Jubel an den vorhergegangenen Tagen. Fast alle Wohn- und Geschäftshäuser zeigten, entsprechend der Bitte des Bürgermeisters, die Nationalflagge, und trotz des wenig günstigen Wetters wohnten ungeheure Menschenmassen zunächst der gemeinsamen Ankunft des Prinzen Heinrich und des Präsidenten Roosevelt, hierauf dem Stapellauf bei. Derselbe fand programmmäßig statt, worauf Prinz Heinrich nach Washington fuhr. Alle Berichte stimmen darin überein, daß in Washington wohl schwerlich jemals ein solch schönes Schauspiel erlebt wurde, wie der Empfang des Prinzen ' inrich. Alle Vorbereitungen waren unter der p änlichen Leitung des Präsidenten getroffen worden. Das Fest- mahl im Weißen Hause war in der vornehmsten Weise arrangirt. In der amerikanischen Armee und Marine hat Prinz Heinrich sich schnell beliebt gemacht. Die amerikanischen Offiziere waren erstaunt, als der Prinz, langsam gehend, jeden Mann der Ehrenkompagnie von Kopf bis zu Fuß musterte. Der Prinz steht beständig unter starkem Polizeischutz. Auf dem Bock seines Wagens sitzt ein Geheimpolizist. Der Prinz ließ das Kutschenverdeck zurückschlagen, um Allen Gelegenheit zu geben, ihn zu sehen. Die New-Porker Blätter schreiben, daß noch nie in New-Pork Menschenmassen in solcher Zahl so geduldig auf den Anblick eines Menschen gewartet haben. — Zu dem Besuch des Prinzen Heinrich in Anierika wird der „Cöln. Ztg." aus New-Pork geschrieben: „So ehrlich auch sicherlich die Wärme des Empfanges gemeint ist, so sollte man sich doch in Deutschland hüten, daraus irgendwie übertriebene Schlüsse zu ziehen. Trotz aller deutschen Einwanderung überwiegen und herrschen in Amerika nicht nur englische Lebensformen, sondern auch englische Anschauungen, denen unser deutscher Hang nach Sentimentalität ziemlich fern liegt. Aber gerade diese praktische Sinnesrichtung schwächt auch die Gefahr wirtschaftlicher Ver- stimmungeu und Zerwürfnisse ab, mit denen man uns in Deutschland oft bange zn machen versucht hat. Bei allem hochentwickelten Erwerbssinn ist denn doch der Amerikaner im allgemeinen ein gerecht urteilender und vernünftigen Erwägungen leicht zugänglicher Mensch, sodaß, solange amerikanisches Getreide trotz erhöhten Zolles nicht wesentlich schlechter als dasjenige anderer Länder behandelt wird, sicherlich keine Mißstimmung ein treten wird."
— Wo liegt das Bauernland? Nach einer Veröffentlichung des Deutschen Landwirthschaftsrathes hat Ostelbien, das im allgemeinen nur als das Land der großen Güter bekannt ist, mit 8'74 Mill. ha fast 4U0UU0 ha mehr Bauernland als ganz Süddeutschland, Während Westelbien mit lu,4 Mill. ha beide Gebiete noch um 1,7 bezw. 2,1 Mill. ha übertrifft. Berücksichtigt man nur die landwirthschaftlich benutzte Fläche, so ist das Bauernland in Ostelbien sogar fast um 1 Mill. ha größer als in Süddeutschland. Im allgemeinen dars man sagen: Von dem deutschen Bauernland liegt ein Drittel in Ostelbien, ein Drittel in Westelbien und ein Drittel in Süddeutschland.
BrcSlau. Die Strafkammer in Ratibor verurteilte den Gutsbesitzer Katschinski auf Zwaka, im Kreise Rybnik, zu sechs Monaten Gefängniß, weil er der von ihm gelieferten Milch 1b pCt. Wasser zugesetzt hatte.
Greiz, 25. Febr. Der Weberstreik, für dessen Beilegung die Aussichten im Anfang nicht ungünstig waren, ist noch nicht beendet. Der durchschnittliche Wochenverdienst der streikenden Weber ist nach authentischen Quellen auf 14 Mark berechnet worden
und da dieser Lohn die in den anderen Judustrieorten des Voigtlandes (Reichenbach, Mylau, Netschkau, Neumark 2C.) gezahlten Durchschnittslöhne wesentlich über- steigt, so haben die Fabrikanten eine Lohnerhöhung abgelehnt. Wann daher eine Einigung herbeigeführt werden wird, ist noch nicht auzusehen. Die Anzahl der zu Unterstützenden beträgt mit den ebenfalls arbeitslos gewordenen Weberei-Hilfsarbeitern rc. 4000, so daß die Streikkassen bald erschöpft sein dürften.
Heiligeustadt, 22. Febr. Die Webernoth auf dem Eichsfelde hat in diesem Winter ihren bisher höchsten Stand erreicht. Eine Umfrage ergo', nach dem „B. T.", daß die Zahl der Handweber innerhalb der letzten 3 Jahre um durchschnittlich 40 Proz. zurückgegangen ist, und daß der Wochenverdienst per Webstuhl (also für eine ganze Familie) zwischen 3,5 und 10 Mk. beträgt I
Göttingen, 21. Februar. Einen bösen Scherz erlaubte sich gestern in einer Wirthschaft ein schon bejahrter Gast mit einem jüngeren. Er zog, als dieser Platz nehmen wollte, dessen Stuhl zurück; die Folge war, daß der Mann nach hinten fiel und mit dem Kops derart an eine Säule änstieß, daß eine längere Bewußtlosigkeit eintrat. Trotzdem dieser Scherz fast immer ähnliche Folgen zeitigt, können es Manche sich nicht versagen, ihn zu wiederholen.
Ausland.
Tiflis. Bei dem Erdbeben in Schemacha dürften im Ganzen 5000 Menschen getödtet sein; 30 000 Personen sind obdachlos; bis jetzt sind 32 Leute in dem Dorfe Astrachanska lebendig aus den Trümmern hervorgezogen worden. Vier neue Vulkane sind entstanden.
Lokales nnd Provinzielles.
* Schlüchtern, 28. Febr.
* — Landrichter Schmidt in Hanau ist zum Landgerichtsrath, Staatsanwalt von Jbell in Hanau zum Staatsanwaltschaftsrath ernannt worden.
* — Nächsten Dienstag findet dahier der sog. ZIroße Viehmarkt" statt, zu welchem diesmal auch Schweine aufgetrieben werden dürfen.
* — Die Wirkung des Fürsorgeerziehungsgesetzes macht sich auch in der Knaben-Rettungs- und Erziehungsanstalt zu Hof Reich bei Schlüchtern geltend. Während die Zahl der Zöglinge noch gegen Mitte des Vorjahres 47 betrug, ist dieselbe inzwischen auf B5 angewachsen. Dem Hausvater stehen zwei Gehilfen zur Seite, die sich mit ihm in die Erziehung, den Unterricht und die Beaufsichtigung der sämmtlich schulpflichtigen Knaben theilen. Die Anstalt hat durch das neue, 1901 vollendet, Oekonomiegebäude sehr gewonnen, ist mit einem Turnsaal und Jsolierzimmer für Kranke versehen und wird von dem neuen Hausvater in der besten Weise geleitet. Jedem Freund der Inneren Mission, der seinen Weg durch das obere Kinzigthal nimmt, kann der Besuch der Anstalt angelegentlichst empfohlen werden.
* — Nach einer Mittheilung des Herrn Landes- hanptmannes in Hessen an die betheiligten Kreise ist für das Etatsjahr 1902 die Erhebung einer Bezirkssteuer von etwa 6''« pCt. des Bezirksabgabepflichtigen Steuersolles in Aussicht genommen.
* — Die Lehrer - Seminaristen müssen künftig, falls sie einjährig-freiwillig dienen wollen, sofort nach bestandener Abgangsprüfuug die Ausstellung des Berechtigungsscheines nachsuchen.
— Die Zeit der Feldarbeiten rückt immer näher heran und viele Landwirthe sind dabei auf fremde Hilfe angewiesen. In den letzten Jahren hielt es manchem Landwirth schwer, geeignete Arbeitskräfte zu finden nnd von der „Leutenoth" konnten viele Bauern ein trauriges Lied singen. Tagelang mußte der Landmann von Ort zu Ort wandern, um geeignetes Gesinde zu miethen, und obgleich sehr hohe Löhne geboten worden, waren die Bemühungen nicht selten ohne Erfolg. Die jungen Leute zogen lieber in die Jn- dustriegegenden, um in den Fabriken ihren Lebensunterhalt zu suchen. Nachdem seit Jahresfrist ein steter Rückgang in der Industrie zu verzeichnen ist, sehen sich viele Fabriken genöthigt, ihre Arbeiter zum Theil zu entlassen. Viele von ihnen kehren in ihren I Heimathsort zurück und suchen beini Landwirth Be
schäftigung. Dieser kann durch das Angebot vieler Hände jetzt leicht seine Arbeiter dingen.
* — Schwurgericht. Die erste Sitzung des Schwurgerichts sand am Montag in Hanau unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statt. Der 186a in Datiern geborene Schornsteinfeger Nikolaus Kolb, verheirathet und in Neuhof bei Fulda wohnend, ist angeklagt, im Oktober v. J. eine taubstumme Person zu vergewaltigen versucht zu haben. Die Geschworenen verneinten die Schuldfrage, worauf der Angeklagte vorn Gericht freigesprochen wurde. — Verhandlung gegen den Bäcker Konrad Gärtner von Weichersbach wegen vorsätzlicher Brandstiftung. Der Angeklagte Hourad Gärtner, Bäcker von Weichersbach, 29 Jahre alt, katholisch, vorbestraft, ist beschuldigt, am Abend des 10. Februar 1901 die Scheune des Schneiders Georg Härtung daselbst vorsätzlich in Brand gesetzt zu haben. Der angeklagte Gärtner war nach § 310 des Strafgesetzbuches vor das Schöffengericht Schwarzenfels gestellt, welches sich jedoch in der Sache als nicht zuständig erklärte und die Akten der Staatsanwaltschaft übergab, tvorauf die Anklage nach § 308 und somit Verweisung des Angeklagten vor das Schwurgerichf erfolgte. Der Angeklagte und seine Familie leben mit dem Besitzer der angezündeten Scheuer in beständigen Zwistigkeiten und beide Parteien haben eine Menge Anzeigen gegen einander bei der Staatsanwaltschaft erstattet. Der Bruder des Angeklagten Gärtner hat eine Wirthschaft und dieser hatte den heutigen Zeugen Härtung vor 4 Jahren eines Cigarrendiebstahls beschuldigt. Die Beschuldigung erwies sich auch als richtig und Härtung wurde zu einer Woche Gefängniß verurtheilt. Härtung hatte damals betrunken vor einer Thür gelegen und er beschuldigte nachher die Gärtners, sie hätten ihm bei der Durchsuchung. seiner Taschen den Kopf gegen die Mauer gestoßen und ihn gehauen. Nachher fand nochmals eine Schlägerei zwischen den feindlichen Parteien statt und in dem Prozeß darüber beschuldigte Härtung verschiedene Anhänger der Partei Gärtner des Meineids. Letztere saßen denn auch eine Weile in Untersuchungshaft, sie wurden aber Ende 19u0 entlasten und außer Verfolgung gesetzt. Nun folgerte Härtung, die Scheune sei ihm aus Rache darüber, bezw. um ihn selbst in den Verdacht der Brandstiftung zu bringen, von einem der Gärtners angezündet worden. Die Vernehmung des Angeklagten und der Zeugen ergab etwa folgendes Bild der Sache. Konrad Gärtner war am fragU^ Abend bis über 10 Uhr in der Wirthscha^ Bruders. Auf dem Heimwege nun beo-' von Oberzell kommender Schlitten als
derselbe im Torfe wieder umk^ ^ .hinten auf- schwang und mit ins Oberd . ..^ . bis in die Nähe des Hartungschen Hauses. Bald darauf, während der Schlitten weiter nach Oberzell gefahren, so gegen 11 Uhr machte der Angeklagte den Nachtwächter Friedrich daraus aufmerksam, daß es bei Schneider Härtung brenne. Der Nachtwächter ging dann mit G. zum Bürgermeister und begab sich hHMf zu der Hartungschen Scheune, wo er sah, daß Quastes Heu glimmte. Der Brand wurde mit Hilfe der Nachbarn gleich gelöscht. Die Insassen des Schlittens, der von einer Festlichkeit in Oberzell kam, bekunden, daß sie Gärtner zuerst in dem Winkel eines an der Straße nach dem Oberdorfe liegenden Hauses wahrnahmen. Er habe mit dem Gesicht nach der Mauer zu gestanden und sei ihnen später gefolgt und mitgefahren. Kurze Zeit, nachdem der Schlitten dort angelangt war, brach der Brand bei Härtung aus. Bei ihrer Vorbeifahrt au dem Hause hatten die Zeugen nichts von einem Brande wahrgenommen. Bürgermeister Euler bekundet: Es klopfte in der Nacht des 10. Februar 1901 an mein Fenster, vor welchem Gärtner und der Nachtwächter standen. Sie sagten, es brenne bei Härtung. Ich zog mich an und ging an die Brandstelle, wo es auf dem Boden der Scheune noch glimmte. Es hieß, Härtung habe das Feuer angesteckt. Der Angeklagte wurde bei Gelegenheit eines früheren Brandes in Weichersbach als Brandstifter bezeichnet. Der Leu- munb des Angeklagten sowohl wie der des Härtung ist — — so. Die Angaben der übrigen Zeugen widersprechen sich theilweise derart, daß das Gericht die Zeugen warnen mußte, nur streng bei der Wahrheit zu bleiben. Das Resultat der Verhandlung war, daß der Angeklagte von den Geschworenen mit mehr als