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werden, halten doch nicht lange bei der Stange, sondern verlangen bald pikantere Lektüre, dagegen schwenkt der ernstere Theil des Publikums ab, um nie wiederzukehren. Interessant soll die Zeitung sein, aber bewahre uns Gott vor der Juteressantheit der amerikanischen Zei­tungen, die nach jeder Hochzeit spaltenlange Berichte bringen darüber, was die Braut und die Brautjungfern angehabt, und was es bei der Hochzeitstafel alles zu essen gegeben hat. Nein, wir haben eine höhere Sichtung von der Aufgabe unserer Zeitungen und freuen uns, daß unsere hessischen Zeitungen zum größeren Theile auch noch ihrer Pflicht sich vollauf bewußt find, erzieherisch zu wirken und die Ideale zu pflegen. Sie leisten damit unserem Volke Dienste, die ihnen von der Geschichte nicht vergessen werden und die ihnen die Anerkennung aller derer sichern, die nicht blos an sich denken, sondern ein Herz haben für des Volkes Wohl und des Vaterlands Glück und Gedeihen.

Vom Vogelsberg. Vor Kurzem kamen in einer Wirthschaft zwei Leute zusammen; der eine hatte im Felde Haselnußstecken geschnitten und trug dieselben mit der Rosenscheere bei sich. Es wurde nun einander zu­getrunken bis die Stimmung recht aufgeheitert war. Im Laufe des Gesprächs sagte der Besitzer der Scheere zu seinem Kollegen:Du, ich schneide dir einmal ein Ohr ab!" Dieser hielt das eine Ohr hin, er wurde jedoch erst noch einmal gefragt, soll ich zuschneiden, worauf dieser mit ja antwortete, aber welch ein Schreck, das Ohr wurde durchgeschnitten. Er rannte nun nach Hause, um sich zu verbinden.

Fulda, 14. Februar. Der Metzgermeister August Wahl wurde heute von der hiesigen Strafkammer wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittelgefetz zu ein Jahr Gefängniß verurtheilt. Der Verurtheilte hatte eine tuberkulöse Kuh außerhalb geschlachtet und das Fleisch nach Fulda gebracht und daselbst verkauft.

Lahrbach, 12. Februar. Zahlreiche Viehhändler aus dem Rheinlande und Westfalen machen öfters Vieh­einkäufe in der Rhön. Vor einigen Tagen kaufte in hiesiger Gegend ein solcher Händler aus Rheinland ein Rudel von 28 Stück Ochsen zusammen. Die Gebrüder Freudenthal-Tann zogen aber Erkundigungen über diesen angeblichen Handelsmann ein, die ergaben, daß man es mit einem zahlungsunfähigen Menschen zu thun hatte, der aus Looken bei Dortmund stammt und sich auch auf Schwindeleien gut versteht.

Gelnhausen, 14. Febr. Im benachbarten Roßbach ist in der vergangenen Woche der 20jährige fleißige Sohn achtbarer Eltern auf schreckliche Weise verstümmelt und zum großen Leidwesen seiner Angehörigen für den landwirthschaftlichen Beruf fast untauglich geworden. Mit einem verrosteten Gewehr erschoß er eine Kutze, die Waffe zersprang dabei und zerschmetterte ihm die linke Hand, welche ihm, so schnell es ging, im Kranken­hause zu Gelnhausen, wohin er gebracht wurde, abge­nommen werden mußte.

Seligenstadt, 12. Februar. Das älteste Wohn­haus unseres Städtchens, das am Marktplatz gelegene ehemaligeGasthaus zum Stern" ist zum Preise von 10 000 Mk. nebst der ganzen Hofraithe in den Besitz des Landwirths Dominikus Horn übergegangen. Wie die über dem Thorbogen angebrachte Jahreszahl aus- weist, fällt die Erbauung des Anwesens in das Jahr 1444. Zur Zeit des feindlichen Ueberfalls durch die Truppen des schwedischen Generals Ramsay in Hanau (1673) waren in diesem historisch berühmten Hause die Conventualen der vormaligen Benediktiner- Abtei als Gefangene internirt. Das anstoßende, gleich­falls geschichtlich merkwürdigeEinharthaus", erbaut im Jahre 1596, wurde vor einiger Zeit von Kauf­mann Millitzer um 14 000 Mk. käuflich erworben und neuerdings in ein GasthausZum Einhart" um- gewandelt.

Frankfurt a M., 11. Feb. Wie sieht ein Provinzler aus? Diese Frage hat das hiesige Polizei-Präsidium entschieden. Es beschreibt den Verbreiter falscher 100- Mark-Scheine: er erscheint wie ein Provinzler mit grünem Pelerinemantel, grünem Filzhut und Brille mit gelber Fassung. Auf einer Eisenbahnstation unweit Frankfurt a. M. wurde eine Kiste ausgegeben mit der Aufschrift:Lebende Thiere". Von dort aus wurden die Thiere in einem Wagen befördert, in dem sich lebende Gänse befanden, die in Verschlügen ein­gestellt waren. Als man in Hannover den Wagen öffnete, um die Thiere zu tränken, sah man, daß zehn Exemplare derRetterinnen des Kapitols" zerrissen und zum Theil angefressen im Wagen lagen. Gleichzeitig aber kauerten in den Ecken des Wagens zähnefletschend zwei Hyänen. Die Bestien hatten sich aus dem Kasten befreit und dann dies Blutbad unter den Martinsvögeln angerichtet. Die Hyänen waren für die Firma Hagen- beck in Hamburg bestimmt.

Aus Rheinhcsseu, 14. Febr. Nach einer Mit­theilung der Mainzer Staatsanwaltschaft hat der in Mainz festgenommene Geometergehilfe Adam Arnold aus Hamm in Rheinhessen eingestanden, in einer großen Anzahl von Gemeinden, insbesondere Rheinhessens auf den Bürgermeistereien als Beamter des Katasteramts Einsicht in die Flurkarten verlangt, und sobald er einen Augenblick in den Amtsstuben allein war,^ die daselbst

aufbewahrten Waisenbüchfen aufgebrochen und ihres Inhalts beraubt zu haben. Sämmtliche Bürger­meistereien des Großherzogthums werden aufgefordert, eine Revision der Waisenbüchfen vorzunehmen.

Marburg, 14. Febr. Die Strafkammer verurtheilte heute den Dienstknecht Peter Klaus aus Frankenbach, dessen Spezialität es ist, sich fortwährend scheinbar an die Landwirthe zu vermiethen und dann unter Mit­nahme des Miethethalers zu verschwinden, wegen seiner zahlreichen Schwindeleien zu vier Jahren Zuchthaus, fünf Jahren Ehrverlust und 2u00 Mark Geldstrafe. Geschädigt sind besonders Landwirthe in den Kreisen Marburg, Biedenkopf und Wetzlar.

Battenberg, 12. Febr. Ein Unglücksfall, der ent­weder durch Leichtsinn oder durch Rohheit herbeigeführt wurde, versetzte, wie derHess. Ldsztg." geschrieben wird, eine hiesige Familie in große Trauer. Ein Junge von 17 Jahren verschaffte sich einen Revolver und schoß mit demselben unerwartet in eine Schaar Kinder. Die Kugel traf einen Schulknaben, der gestern, da die Kugel nicht aufgefunden werden konnte, in die Klinik nach Marburg gebracht wurde.

Frankenberg, 15. Febr. Die Stadtverordneten be­schlossen, die Erbauung des Seminargebäudes auf die Stadt zu übernehmen, wenn die Regierung zu dem Seminar nennenswerthe Zuschüsse leistet. Das Ge­bäude soll 200000 Mark kosten.

Kassel, 14. Febr. In dem schon elf Tage dauernden sensationellen Prozeß gegen den Aufsichtsrath der fallirten Trebertrocknungs-Gesellschaft wurde heute das Urtheil verkündet. Die Angeklagten sind schuldig des Ver­gehens gegen § 314 Absatz 1 des Handelsgesetzbuches und werden verurtheilt: Hermann Sumpf zu 7 Monaten Gefängniß und 10 000 Mark Geldbuße, Schlegel zu 5 Monaten und 5000 Mark Geldbuße, Otto zu 6 Monaten und 5000 Mark Geldbuße. Schulze-Dellwig und Arnold Sumpf jeder zu 3 Monaten Gefängniß und 5000 M. Geldbuße. Hermann Sumpf, Schlegel und Otto werden 4 Monate Untersuchungshaft an­gerechnet. Schulze-Dellwig und Arnold Sumpf werden, da ihnen die Untersuchungshaft auf die Strafe ange­rechnet wird, sofort aus der Haft entlassen. Wie es heißt, wollen sich die verurtheilten fünf Aufsichts­räthe bei dem Urtheil beruhigen und auf das Rechts­mittel der Revision verzichten. Die Anrufung des Reichsgerichts würde eine erhebliche Verlängerung der Untersuchungshaft bedingen, während der sofortige Strafantritt ihnen in einigen Monaten die Freiheit wieder giebt. Eine bestimmte Erklärung haben die Angeklagten indessen noch nicht abgegeben. Sie haben auch noch Zeit dazu, denn erst muß ihnen das Urtheil zugestellt werden. Daß die Angeklagten Hermann Sumpf, Otto und Schlegel noch nicht aus der Haft entlassen sind, ist lediglich auf die hohe Geldstrafe zurückzuführen. Denn diese übertreffen, wenn sie nicht gezahlt werden, die Dauer der ihnen zuerkannten Ge­fängnißstrafen bei Weitem. Die Anverwandten des Angeklagten Hermann Sumpf sind denn auch schon eifrig bemüht, die 10 000 Mark Geldbuße zusammen- zubringen. Bei Otto und Schlegel dürfte diese Mühe wohl vergeblich sein.

f. Kassel. Zur Berathung der Vorbereitungen für die bekanntlich im September d. Js. hier stattfindende Hauptversammlung der Gustav Adolf-Stiftung, zu welcher aus allen Welttheilen Gäste erwartet werden, hielt dieser Tage bereits der aus etwa 100 Heeren aus allen Schichten der Bevölkerung bestehende Ehren- ausschuß seine erste Versammlung ab. Dieselbe fand im kleinen Saale des Evangelischen Vereinshauses statt und wurde von Herrn Superintendent Pfeiffer, dem Vorsitzenden des Hesfen-Kassel'schen Hauptvereins, ge­leitet. Derselbe gab zunächst einen Ueberblick über die Entwickelung der Gustav Adolf-Sache in Reffen seit den letzten 20 Jahren, schilderte die Festversammlung in Köln und schloß mit der herzlichen Bitte an die Anwesenden, dazu mithelfen zn wollen, daß auch die Kasseler Tagung der Gustav Adolf-Stiftung einen schönen und würdigen Verlauf nehme. Es folgte fo- dann noch die Bildung der verschiedenen Unterausschüsse zur Vertheilung der für das Fest nothwendigen Vor­arbeiten.

Vom Eichsfelde, 13. Febr. Eine abenteuerliche Fahrt machten dieser Tage zwei Milchmädchen, die täglich die Milch vom Gute Greifenstein nach Eschwege zu fahren haben. Ein Strolch, der die Mädchen beim Milchverkauf mit großem Interesse beobachtet hatte, lauerte ihnen auf dem Rückwege im Greifensteiner Walde auf. Plötzlich stutzte das Pferd;Geld oder das Leben!" schreit der Räuber. Doch die beiden Mädchen waren kräftige Eichsfelder Bauernkinder und während die eine dem Wegelagerer einige wohlgezielte Peitschenhiebe verabreichte, nahm die andere den Peitschenstock umgekehrt und versetzte dem Strolche ein paar kräftige Schläge ins Gesicht, daß derarme Räuber" blutüberströmt und ohnmächtig zusammen- brach. Die couragierten Milchmädchen setzten dann un­gestört ihre Fahrt fort. IhreSchlagfertigkeit" ver­dient höchste Anerkennung, nur werden ihre zukünftigen Ehemänner nicht zu beneiden feien.

Zum weißen Schwan.

Roman von Rudolf Hertzog.

(Fortsetzung.)

Fräulein von Wald zögerte. Dann aber sah sie ihren Begleiter mit einem warmen Blick an und sagte: Es ist schön von Ihnen, daß Sie sich meiner Mama erinnern. Sie ist eine so liebe Frau und verdient es wohl."

Bitte, erzählen Sie mir mehr von ihr."

Er war jetzt ernst geworden. Und Gertrud er­zählte.

Mein Vater war Regierungsrath und begann ge­rade Karriere zu machen, als er starb. Da meine Mutter nur auf ihre Pension angewiesen war, so zog sie sich ganz zurück und lebte eigentlich nur noch für mich. Ich habe ihr unendlich viel zu danken. Sie sparte von ihren wenigen Thalern, um mir eine Er­ziehung geben lassen zu können, wie sie, hätte Papa gelebt, nicht besser hätte sein können, und fand nur ihr Glück darin, mich nichts entbehren zu lassen. So war es seit meiner frühesten Jugend und so ist es heute. Meine kleinen schriftstellerischen Versuche ver­folgte sie mit dem größten Jnteresfe und freute sich mehr wie ich, wenn sie etwas von mir gedruckt sah."

Die Freude hätte ich ihr also diesmal vernichtet," brummte Schöner.

Das junge Mädchen schüttelte den Kopf.Im Gegentheil, Herr Graf. Sie wird sich mehr noch freuen, wenn sie von mir hört, wie Sie gerade durch Nicht- annahme des Romans sich meiner angenommen haben. Sie ist keine kleinliche Frau und weiß Gefühle wie Gold von Talmi wohl zu unterscheiden."

Sie beschämen mich."

Weshalb? Weil ich Sie für einen ehrlichen Menschen halte?"

Das ist viel in unserer heutigen Zeit. Und esbe- ruht auf Wahrheit?"

Ich ginge sonst nicht so vertrauensvvll neben Ihnen her."

Dann," sagte Schöner,bethätigen Sie Ihre Worte uud lassen Sie mich bald wieder an einem Spaziergang theilnehmen."

Sie wurde unwillig und erröthete.

Auf die von Ihnen konstatirte Ehrlichkeit hin," fügte er rasch hinzu.

Fräulein von Wald blieb stehen.

Was haben Sie beschlossen, gnädiges Fräulein? Ich unterwerfe mich im Voraus, als Mensch und Redakteur."

Ich werde es mir überlegen," antwortete sie und athmete schnell.Für heute adieu."

Nur wenn Sie mir noch einHandshake" geben. So. Ich danke Ihnen. Auf Wiedersehen also."

Er zog tief den Hut und ließ sie an sich vorüber­schreiten. Dann schlug auch er nachdenklich den Heimweg ein.

*

* *

Als Fräulein von Wald am andern Morgen mit ihrer Mama beim Kaffee saß, erzählte sie ihr die Re- füsirung des Romans seitens der Redaktion. Die alte Dame, welche ihrer geschwächten Augen wegen einen grünen Augenschirm trug, griff nach der Hand der Tochter und streichelte sie.

Nur nicht verzagen, mein Kind, nur das nicht. Der Redakteur dort ist ja nicht für sämmtliche Zeitungen maßgebend."

In diesem Falle doch, Mama. Ich habe nämlich eingesehen, daß er Recht hat."

Und das sagst Du in solch' lustigem Ton?"

Ach ja, Mama, aus der Sommerreise wird's wohl nun nichts werden. Aber vielleicht glückt's mit einer neuen Arbeit, und der Herbst ist eigentlich viel schöner. Dann machen wir irgendwo Weinlese mit." Sie schlang den Arm um den Nacken der Mutter. Weißt Du, Mütterchen, ich kann mich diesmal nicht ärgern, daß es mit dem Roman nichts geworden ist. Ich wäre sonst doch mit der Zeit auf allerlei uner­quickliche Themata verfallen. Und die Frauenschönheit besteht wahrhaftig nicht in der Sozialpolitik."

Früher sprachst Du anders."

Ach, Muttchen, jedes junge Mädchen Hai so gut seine Zeit zur Emanzipationsgelüste, wie der Knabe die Zeit seiner Seemanns- oder Elephantenjägerschwär­mereien. Das sind Kinderkrankheiten. Die Frau ist doch zu ganz anderen Dingen auf der Welt. Wie wunderbar schön erscheint eine Frau, die die liebende Genossin des Mannes im Hause, die liebende Mutter, die reizende Gastgeberin ist, neben einer Emanzipirten, die durch ihre Brillengläser die Welt stets verzerrt ansieht. Jene hat das Gefühl der Seligkeit, des Friedens in sich, diese ist nervös, unzufrieden und ge­reizt. Weshalb? Weil sie trotz ihrer Wissenschaft oder Belesenheit jene beneiden. Weil sie oft von den Gedanken gequält wird: Könntest Du doch den ganzen Plunder der Gelehrsamkeit hinwerfen, um dafür der einfachen Würde der Frau und der herzlichen Um­armung des Geliebten im trauten Heim theilhaftig zu werden. Du schaust mich verwundert und lächelnd an ?" fuhr sie erröthend fort, und einen scherzhaften Ton anschlagend:Weißt Du auch, an welchem Stande die