WüchternerMung
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.M 14. Samstag, den 15. Februar 1902. 53. Jahrgang.
in der Zolltariffrage drängt. Wenn die Dnrchführung des von den verbündeten Regierungen mit großem Eifer und Geschick im ersten Theil errichteten Werkes im zweiten nicht ins Stocken gerathen soll, muß nunmehr im Reichstage Seitens der schutzzöllnerischen Fraktionen eine Klärung über die landwirthschaftlichen Minimal- zölle geschaffen werden. Nachdem der Reichskanzler zugleich auch die Anschauung des Kaisers in diesem Punkte dargelegt hat, wird Niemand mehr im Zweifel darüber sein können, was die verbündeten Regierungen auf dem Gebiete des Zollschutzes zngestehen können. Nachdem dies festgestellt ist, wird die Entscheidung fallen können und müssen.
— Nach der letzten amtlichen Lebensmittelpreis- tabelle haben im Durchschnitt die Lebensmittel im Januar d. I. nur geringe Preisveränderungen gegenüber dem voraufgegangenen Monat erfahren. Gegenüber dem Januar v. I. sind theurer geworden Roggen, Weizenmehl, Speck, Schweinefleisch, Schmalz, Heu und Hafer.
— Generalleutnant v. Leffel, der frühere Koni- mandeur des ostasiatischen Expeditionskorps, ist zur Disposition gestellt worden. Der Rest der aus China zurückgezogenen Truppen, 1100 Mann, sowie 600 Pferde sind in die Heimat zurückgekehrt.
— Ein intereffenter Versuch steht in Deutsch-Südwestafrika bevor. In diesem Jahre sollen zum erstenmal wehrpflichtige Söhne der dort naturalisirten Buren- Familien in die Schutztruppe eingestellt werden.
Diedeuhofen, 1. Februar. Im hiesigen Hotelrestaurant „Luxhof" wurde heute Nacht ein angeblicher englischer Werber durch eine Militärpatrouille verhafter. Derselbe hatte in den umliegenden volkreichen Industrie- orten Knentingen, Hayiugen, Algringen sechs Leute angeworben, um ihnen in England lohnende Beschäftigung als Industriearbeiter zu verschaffen. Einer der Arbeiter, verheirathet und Vater von drei kleinen Kindern, wurde aber von seiner Frau verfolgt; diese kam in Begleitung der Militärpatrouille nach Mitternacht, aber noch rechtzeitig vor Abgang des Ostender Schnellzugs in „Luxhof" an. Der Werber wurde dann aus den Federn geholt, um anstatt nach England abzu- dampfen, zunächst den Weg nach dem Militärwacht- lokal anzutreten. Die Geworbenen wurden unbehindert gelassen.
Aus Westfalen. Der verstorbene Bürgermeister L. einer Stadtgemeinde K. beabsichtigte im Jahre li-99 ein Darlehenvon 88000 Mark für Bauten aufzunehmen. Ein Kommissionär vermittelte das Geschäft bei der Sparkaffe zu B., die von L. die Schuldurkunde des Magistrats über 88000 Mark und ein Schreiben les Magistrats erhielt, worin die Sparkasse ersucht wurl e, da in Berlin Vorschüsse zu begleichen seien, die D-r- lehens-Valuta an ihren Bankier H' in Berlin zu zahlen. Schuldurkunde und Brief trugen die Unterschriften les Bürgermeisters L. und eines Beigeordneten. Die erstere Unterschrift war echt, die letztere war gefälscht, auch Schuldurkunde und Brief mit dem Magistratssiegel versehen. Außerdem wurde in einem anderen gefälschten Schreiben der Bankier H. in Berlin ersucht, für die von B. eingehenden 88o00 Mark Konsols zu kaufen. B. ersuchte die Reichsbankstelle Hamm für Rechnung der Stadtgemeinde K. 880t 0 Mark an Bankier H. in Berlin zu zahlen. Die Zahlung erfolgte; da inzwischen H. den An- und Verkauf von Papieren ausgegeben, so übergab er das Geschäft zur Ausführung mit der Valuta den Bankiers I. und K. in Berlin, welche die Papiere verkauften, und diese nebst einem Rest baarem Geldes dem sich der Identität nach legi- timirenden Bürgermeister L. aushändigten. Erst nach dem Tode L.'s stellte es sich heraus, daß er betrogen und Papiere und Geld unterschlagen hatte. Das Kammer- gericht hat nun entschieden, daß die von der Sparkasse verklagte Stadtgemeinde die von L. vorgenommenen Handlungen als ihr eigenen gelten lassen müsse. Die Unterschrift des Bürgermeisters sei echt, das Geschäft zwar ein erschlichenes, aber doch äußerlich perfektes. Das Quittieren über das Geld habe ebenfalls im Rahmen der Vertretungsbefugniß des Bürgermeisters gelegen.
Lyk, (Ostpreußen). In einer Eingabe des landwirthschaftlichen Kreisvereins Lyk wird festgestellt, daß die meisten Bauern keine Knechte und Mägde mehr haben, daß in den größeren Gütern 50 v. H. durch
W^stslillM«,^ "'^ bk -Schlüchterner Zeitung werden noch fortwährend von allen -— ------------~ PostanstaltenundLandbrieiträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.
Amtliches.
Im Herbst 1902 wird eine größere Anzahl tropen- dienstfähiger Dreijährig-Freiwilliger für die Besatzung von Kiautschou zur Einstellung gelangen. Ausreise: Frühjahr 1903. — Heimreise: Frühjahr 1905.
Bauhandwerker (Maurer, Zimmerleute, Dachdecker, Tischler, Glaser, Töpfer, Maler, Klempner u. s. W.) und andere Handwerker (Schuhniacher, Schneider u. s. w.) werden bei der Einstellung bevorzugt.
Die dienstpflichtigen Mannschaften erhalten in Kiautschou neben der Löhnung und Verpflegung eine Theuerungszulage von OHO Mk. täglich, die Kapitulanten eine Ortszulage von l,5O Mk. täglich. Militärdienstpflichtige Bewerber, von kräftigem und mindestens 1,07 m großem Körperbau, welche vor dem 1. Oktober 1883 geboren sind, haben ihr Einstellungsgesuch mit einem auf d r ei jährigen Dienst lautenden Meldeschein entweder:
dem II. Seebataillon in Wilhelmshaven: zum Diensteintritt für das III. Seebataillon und die Marinefeldbatterie, oder der III. Matrosenartillerie-Abtheilung in Lehe: zum Dienstein- tritt für die Matrosenartillerie Kiautschou (Küsten- artillerie)möglichst bis EndeFebruar 1902 spätestens zum 1. August 1902 einzusenden.
Kiel, Dezember 1901. Wilhelmshaven, Dezember 1901. Kaiserliche Inspektion Kaiserliche Inspektion der Marineinfanterie. der Marineartillerie.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser begibt sich nächster Tage nach Schloß Hubertusstock, um daselbst der Jagd obzuliegen. Der Aufenthalt daselbst wird voraussichtlich einige Tage dauern.
— Der Kaiser ist dem Treiben des in letzter Zeit in der Reichshauptstadt aufgekommenen Obskuran- tismus durch die Betonung des Ausschlusses aller Personen, die sich an dem Treiben der Spiritisten, Gesundbeter und verwandter Richtungen betheiligen, vom Hofe entgegengetreten. Ueberall, wo das Wesen des Obskurantismus erkannt ist, hat das Vorgehen des Kaisers Beifall gefunden.
— Die Entscheidung in der Zolltariffrage dürfte in allernächster Zeit wenigstens insoweit bevorstehen, als die Fraktionen des Reichstags entweder sich eine Grundlage für die landwirthschaftlichen Zölle schaffen, von der aus eine gemeinsame schutzzöllnerische Aktion möglich ist, oder zu einer solchen That nicht kommen. Im ersteren Falle würde dann die Ueberwindung der frei- händlerischen und sozialdemokratischen Obstruktion die Hauptaufgabe der nächsten Zukunft sein, im letzteren Falle würde das Zustandekommen des neuen Zolltarifs sehr fraglich werden. Es muß hervorgehoben werden, daß die Rede, welche der Reichskanzler bei dem Festmahle des deutschen Landwirthschaftsrathes in der vorigen Woche gehalten hat, zur Klärung der Situation außerordentlich viel beigetragen hat. Den Agitatoren des Bundes der Landwirthe, welche immer noch mit der Mittheilung in die Oeffentlichkeit traten, daß die Regierung wesentlich höhere Minimalzölle für Getreide zugestehen würde, wenn die Landwirthschaft nur fest bleibe, ist ein für alle Mal der Boden unter den Füßen genommen. Einer solchen Mittheilung kann jetzt Niemand mehr Glauben schenken. Die Landwirthe werden sich mit den jetzigen Minimalzöllen begnügen müssen, oder die verbündeten Regierungen werden ihre Fürsorge für die Landwirthe gestört sehen. In der Presse wird lediglich als ein mögliches Zugeständniß Seitens der verbündeten Regierungen die Erhöhung des Minimalzolles lediglich auf 6 Mk. angedeutet. Ob diese Andeutung berechtigt ist, muß vorläufig dahingestellt bleiben. Aus den Worten des Reichskanzlers in der oben angeführten Rede läßt sich die Wahrscheinlichkeit eines solchen Zugeständnisses nicht heraus- lesen. Es ist auch sehr die Frage, ob dieser Satz sich mit den allgemeinen Interessen vereinigen läßt. Aber M dem auch sei, soviel ist sicher, daß die Entscheidung
alte arbeitsunfähige Leute besetzt sind, welche nicht mehr nach dem Westen mitziehen konnten, und daß diese Leute trotz ihrer geringen Arbeitsfähigkeit höchste Löhne bekommen.
Aus Bayern, 29, Januar. In einem oberbayrischen Orte wollte ein reicher Bauer seine Schwester erdrosseln, wurde aber daran mit knapper Noth durch Hinzukommende gehindert. Das Opfer war bereits bewußtlos. Dieser Tage hat das niederbayerische Schwurgericht einen Bauer, der seine Mutter derart mißhandelte, daß sie starb, zu 15 Jahren Zuchthaus, und einen Dienstknecht, der mit seiner Bäuerin ein sträfliches Verhältniß unterhalten und deshalb seinen Dienstherr« auf Anstiften der Frau erschossen hatte, zum Tode verurtheilt.
— Münchener Künstler veranstalteten einen „Verbrecherball". Das Lokal stellte die Räumlichkeiten eines Zuchthauses dar, die Nebenzimmer waren in Gefängnißzellen, Spelunken, Räuberhöhlen u. s. w. verwandelt. Zutritt hatte man nur in Verbrecherkostümen Als Maskenzeichen galten Dietrich und Stemmeisen.
Ausland.
Wien, 7. Febrnar. Der Erzherzog Leopold Sal- vator, der gestern Vormittag '/.,9 Uhr mit Gemahlin in dem von ihm selbst gelenkten Ballon „Meteor" auf- stieg, landete Nachmittags um zwei Uhr bei Bres- lan glatt.
Brüssel, 9. Februar. Einem Telegramm des „Petit bleu" aus dem Haag zufolge haben die Buren jede Hoffnung auf fremde Intervention aufgegeben. Sie zählen nur noch auf sich selbst. Sie fragen nicht einmal, wie viel Zeit erforderlich sein wird zu einem entgiltigen Triumph und sind entschlossen, den Krieg so lange fortzusetzen, wie nothwendig ist. Lebensmittel haben sie im Neberfluß, da sie im Norden Transvaals so viel Getreide gesät haben, daß es den Engländern unmöglich wird, in alle Verstecke einzudringen und die Felder zu zerstören. Das einzige was ihnen fehlt, ist Tabak und Salz. Die Witterung hat keinen Einfluß mehr auf sie, da sie durch den langen Krieg gegen jedes Wetter abgehärtet sind. Als Nachfolger der gefangenen Viljven ist der Kommandant de Jong ausersehen, ein früherer Handelsgehilfe in Johannesburg, der große taktische Kenntnisse an den Tag gelegt hat. Wie weiter berichtet wird, ist ein deutscher Erfinder eines neuen Mittels zur Sprengung der Panzerzüge verwundet den Engländern in die Hände gefallen und sofort erschossen worden.
— General Viljoen sowie Commandant Erasmus werden in die Verbannung geführt. Lord Kitchener zeigt sich da ja ganz besonders großmüthig, daß er nicht auch diese Burenführer von einem Kriegsgericht aburtheilen läßt. Oder hat er schlechte Erfahrungen gemacht, daß er solche Blutunheile nicht mehr anzu- ordnen wagt? Die Vorgänge im Caplande kommen ihm jedenfalls auch recht ungelegen, beweisen sie doch, daß alle englischen Meldungen über die Säuberung dieser Colonie eitel Geflunker waren.
London, 11. Februar. „Daily Chronikle" veröffentlicht eine Mitteilung des Staatssekretärs von Indien, worin derselbe bekannt macht, daß in Roaj- pootana die Hungersnoth sich noch durch ein Ueberhand- nehmen der Ratten verschlimmert, die alle Vorräthe aufgefressen haben. Der Regen bleibt noch immer aus. Die Zahl der Nothleidenden beträgt 200,000. Das Blatt erklärt die Lage in Indien für noch schlimmer als die in Südafrika. — Aus Privatbriefen von Engländern, die aus St. Helena in London eingetroffen find, geht hervor, daß der Zustand der nach der napoleonischen Insel deportirten Burengefangenen recht besorgnißerregend ist. Besonders die alten Leute leiden körperlich und seelisch schwer unter der Jnhas- tirung auf freinden Boden, unter fremder Sonne. Die jüngere Mannschaft der int Ganzen etwa 600 Gefangenen hat sich an die veränderten Verhältnisse gewöhnt und findet Zerstreuung in allerlei Beschäftigung; die ältere überläßt sich großentheils stummer Verzweiflung. „Es ist schmerzlich." so heißt es in einem Briefe, „die starken, wetterfesten Männer, deren Nerven unter dem unerträglichen Zwange ungewohnter Ver- niffe nachgeben, innerhalb des ihnen angewiesenen, mit Stacheldraht eingehegten Bezirks umherschleichen zu sehen. Sie klagen über Schmerzen im Kopf, im Rücken, in den Füßen. Die ärztliche Untersuchung