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SchtlichlemerZeitung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

^N 12. Samstag, den 8. Februar 1902. 53. Jahrgang.

M8

Eine Tragödie führte der Sturm herbei, indem er einem kühnen Luftschiffer, bem Hauptmann von Siegsfeld von der Berliner Luftschiffer-Abtheilung, den Tod brächte. Der BallonBerson", in welchem Haupt­mann von Siegsfeld und Dr. Linke aus Berlin Sonn­abend früh aus Berlin abgefahren waren, wurde in fünf Stunden in einer rasenden Fahrt von Berlin nach Antwerpen an der belgischen Küste getrieben. Kurz nach Ueberschreiten der Scheide hatte der Ballon sehr starken Gasverlust. Beide Lustschiffer suchten fich durch Abspringen auf die Wiesen am Scheldeufer zu retten. Dr. Linke gelang es unter mehrern leichten Quetsch­ungen. Der Hauptmann aber blieb mit dem Fuß in den Stricken hängen, schlug mit dem Kopfe auf den Boden und wurde in etwa 50 Metern zu Tode ge­schleift. Der Verunglückte gehörte der Lnftschiffer- Abtheilung seit mehreren Jahren an und war zuletzt zweiter Lehrer in dieser Truppe. Der von ihm kon- struirte Drachenballon hat seinen Namen auch in Weiteren Kreisen bekannt gemacht. 1899 im März unternahm er eine sechsstündige Reise von Berlin bis in die Karpathen. Der Leiche sind in Belgien die mili­tärischen Ehren bei der Rückführung nach Berlin er­wiesen. Dies traurige Ereigniß hat auch die besondere Theilnahme des obersten Kriegsherrn erweckt.

Die Bedeutung des Chilisalpeters für die euro­päische Landwirthschaft, die nicht über den jungfräu­lichen Boden Amerikas, Indiens k. verfügt, illustrirt die Thatsache, daß der Gesammtverbrauch der Erde an diesem Düngemittel von 100 Tonnen im Jahre 1831 auf 1,375,400 Tonnen im letzten Jahre ge­stiegen ist, wovon 1,162,400 Tonnen ausschließlich auf Europa, speziell auf Deutschland entfielen.

Aus Thüringen. Auch ein Beitrag zum Nothstand der Arbeiter. Der Hildbg.Dorfztg." wird geschrieben: Ein Glasermeister einer meiningischen Stadt, der augen­blicklich infolge eines größeren Neubaues mehr Be­schäftigung als sonst hat, bemühte sich lange vergeblich, einen Glasergesellen zu erhalten. Endlich fuhr der Meister selbst nach Erfurt auf die Suche, und da es dort wieder nichts war, weiter nach Leipzig. In der Glaserherberge traf er dann auch gegen 30 stellungs­lose Gesellen. Es gelang ihm aber nicht, auch nur einen einzigen zum Mitkommen zu bewegen, da ihnen 10 Mark Wochenlohn und vollständig freie Station zu wenig war.

Lindau i. B. Eine Episode aus dein Chinafeldzug hat dieser Tage in Kempten einen merkwürdigen Ab­schluß gefunden. Ein Bayer Namens Steidl, Unter­offizier im bayerischen China-Bataillon von der Kom­pagnie des Hauptmanns v. Freilitzsch, nahm an einer Truppenabtheilung von 30 Mann unter dem Kommando des Leutnants v. Massenbach an einer Expedition in der Gegend von Paotingfu theil. Die Abtheilung hatte einen Proviantzug zu geleiten. Auf dem Marsche Würbe die kleine Truppe von einer Weit überlegenen Boxerbande angegriffen und mußte sich auf Leben und Tod vertheidigen. Unteroffizier Steidl erhielt einen Schuß in die Brust und blieb schwerverwundet auf bem Kampfplätze liegen. Eine in der Nähe weilende größere französische Truppenabtheilung unter dem Kommando eines , höheren Offiziers eilte den Deutschen zu Hilfe, und es gelang, die Boxer in die Flucht zu schlagen. Der französische Kommandeur sorgte für den Verwun­deten und legte einem nahegelegenen chinesischen Dorfe, das die Boxer unterstützt hatte, eine Strafe von lOuO Dollars für den verwundeten Deutschen auf. Steidl, der Wegen seines tapferen Verhaltens von bayerischer und preußischer Seite mit Kriegsauszeich­nungen bedacht wurde, ist wieder hergestellt. Er ist vor kurzen: in seiner Heimath Schönau bei Grünen­bach, B.-A. Lindau, angelangt und liegt dort wiederum seinem Berufe als Schreiner ob. Er dachte wohl sehr oft an jenes Abenteuer in China, hoffte aber sicherlich nicht auf die Ausbezahlung jener 1000 Dollar. Vor Wenigen Tagen erhielt er, wie dasKempt. Anzeige- unb Tagebl." mittheilt, eine Vorladung zum Landwehr- Bezirkskommando Kempten, wo ihm baare 4000 Mk. ausbezahlt wurden, der Betrag jener Summe, welche die Chinesen auf Veranlassung des französischen Offi­ziers dem Deutschen zahlen mufften. Es ist dies wohl ein rühmenswerter Beweis edler französischer Gesinnung und Kameradschaftlichkeit für einen Deutschen.

N^sk«»tt«NsHK^ °U^ die ..Schlüchterner Zeitung« K-r'^IiLtr4rzLZK.Kr werden noch fortwährend von allen

- Postanstalten undLandbriesträgern,

sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin. Das preußische Landes-Oekonomie-Kollegium hat am Montag seine Verhandlungen begonnen, Land- Wirthschaftsminister v. Podbielski hielt einen sehr be- merkenswerthen Vertrag, in welchem er davor warnte, schlechten Boden, aus dem doch nichts mehr heraus­geschlagen werden könne, weiter zu bewirthschaften. Die falsche Ackerkultur müsse in Forstkultur übergeführt werden. Auch die neue Zollvorlage könne aus solchem Bodenbesitz keinen Nutzen herauswirthschaften helfen. Der Zoll sei überhaupt als etwas vorübergehendes zu betrachten. Wenn der Zoll da sei, müsse man Vor­kehrungen treffen zur Durchführung rationeller Betriebe. Vor Allem müsse man ein besseres System von Ver- lebrswegen und Eisenbahnen schaffen. Er wolle für eine möglichst billige Beförderung der laudwirthschaft- lichen Produkte eintreten. Nothstandstarife aber möge man lieber bei Seite lassen; denn sie seien auf diesem Gebiete wirklich das Unglücklichste. Sie verschieben nur plötzlich den regulären Markt und haben keinen realen Nutzen. Er habe Erhebungen darüber anstellen lassen, die ergeben haben, daß die ganzen großen Noth­standstarife dieses Sommers und Herbstes einen Nutzen von Summa Summarum nur 114 000 Mark für die Landwirthschaft gebracht haben. Und darum ein so großes Geschrei! Einige wenige, Wie z. B. in Ost­preußen, hatten Vortheile davon, die Anderen seien geschädigt worden. Ein anderer Punkt ist noch die Seßhaftmachung der kleinen Leute im Osten. Ich glaube in der That, daß wir der allgemeinen Landflucht in erster Linie nur werden dadurch begegnen können. Den Leuten klebt da? Hans, die Besitzung immer an. Und wenn auch immer noch ein großer Prozentsatz nachfluthen dürfte, so wird dieser Weg doch die einzige Möglichkeit sein, die Leute zu halten. Ich glaube, die alten formen des Tagelöhners, des Hofegängers werden sich nicht mehr aufrecht erhalten lassen. Nament­lich in den mittleren Provinzen ist er nahezu mehr verschwunden. Die Leute wollen nicht mehr ein Jahr- Kontrakt, sondern frei arbeiten. Was an mir ist, schloß der Minister, will ich thun, uni mit ganzer Kraft die Interessen der Landwirthschaft zu fördern. Dafür will ich sterben, wenn ich das nicht erreichen kann.

Ueber englische Pferdeankäufe in Deutschland wird demBerl. Tagebl." geschrieben:Die für den Krieg in Südafrika erforderlichen Pferde bezog England anfangs aus seinen Kolonien, dann aus Nordamerika später aus Ungarn; gegenwärtig werden diese Pserde theils in Rußland, theils in Preußen an gekauft. Die Lieferung der preußischen Pferde hat die Firma G. W- und Co., Berlin übernommen; wie es heißt, sollen vorläufig 10 OUO deutsche Pferde als Reitpferde für die englische Armee geliefert werden, wovon bis jetzt zirka lUt u verschifft sind. Der Einkauf geschieht in der Provinz Posen, meistens auf Pferdemärkten, durch von der Firma G. W. und Co. beauftragte Händler oder angestellte Einkäufer. Es werden nur Pferde von dunkler Farbe gekauft, welche über fünf Jahre alt und 155 bis 165 Centimeter hoch sind. Der erste Sammel- Punkt ist Berlin, wo die Firma W. für diesen Zweck große Stallungen gepachtet hat, unter Anderem das in der Waldstraße! gelegene Moabiter Depot der Straßen­bahn, welches für 3t0 Pferde Platz bietet. In erster Zeit, solange nur kleine Sendungen (bis 50 Stück) ab- gingen, wurden die Pferde über Hamburg nach Lon­don verladen; in neuerer Zeit erfolgt die Verschiffung in Rotterdam, wohin die Pferde in größeren Massen, weist durch besondere Extrazüge, geschickt werden. Die deutschen Pferden finden seitens der englischeu Armee- Verwaltung viel Anerkennung, da sie sich als leichte Reitpferde vorzüglich bewähren. Bei der jetzigen Kriegs­führung in Transvaal hat es der englischen Armee besonders an leichten, ausdauernden Pferden zur Ver­folgung der einzelnen Burentrupps gefehlt, und die englische Armee hat in dem ostpreußischen Pferde end­lich dasjenige gefunden, welches dem Burenpferde an Ausdauer und Schnell gkeit gleichkommt. (Unserer Ansicht nach sind Pferde als Kriegscontrebande anzusehen, deren ungehinderte Ausfuhr schwer verständlich wäre.)

Köln, 4. Februar. Ein in Dortmund lebender Kaufmann denunzirte bei der Krankenkasse seinen gebrech­lichen Vater, daß er Krankengeld beziehe und trotzdem in seinem, des Sohnes, Geschäfte thätig sei. Als die Anzeige erfolglos blieb, reichte der gemeine Bursche eine Denunziation bei der Staatsanwaltschaft ein, die mit falschem Namen unterzeichnet war. Der Staats­anwalt stellte die Untersuchung ein, nachdem der Kranken- kassenvorstand erklärt hatte, nichtsgeschädigt zu sein, und leitete nunmehr das.Verfahren gegen den Denunzianten wegen Urkundenfälschung ein. Das Gericht verurtheilte Letzteren wegen der zu Tage getretenen gemeinen Ge­sinnung zu sechs Monaten Gefängniß bei sofortiger Verhaftung.

Ausland.

Kaschan, 3. Februar. Eine aus etwa 30 Mann bestehende Arbeiter-Gruppe, welche auf der Station Porro-Enes sich ungebührlich benahm, griff die sie zur Ruhe mahnenden Gendarmen mit Aexten an, worauf letztere von ihren Waffen Gebrauch machten. 4 Ar­beiter wurden getödtet, die anderen flohen.

Paris. Die Concentrationslager. Unter dieser Auf­schrift gibt der PariserTemps" folgende Nachricht des Haager Korrespondenten der französischen Nachrichten- AgenturParis-Nouvelles" wieder: Von einer Buren­frau, die in einem Concentrationslager von Transvaal festgehalten wird, ist hier ein von den letzten Tagen des November datierter Brief eingetroffen. Die Ver­fasserin dieses Briefes theilt mit, daß sie in 14 Tagen drei ihrer fünf mit ihr internirten Kinder habe sterben sehn. Trotz der aus Europa gekommenen Unterstützung an Geld und in natura, die schon wirkliche Erleich­terungen verschafft haben, ist die Entblößung eine so große, daß die arme Frau bittet, Massensendungen zu be- hleunigen, um Tausende von Existenzen zu retten. Wenn bie Hülfe nicht rasch kommt, sagt sie, wird keine Person mehr vorhanden sein, um zu sterben. Eine ent­setzliche Einzelheit: Abends häuft man die Gestorbenen des Tages ohne Leichentuch und ohne Sarg bunt durch­einander auf Wagen, um sie aus dem Lager nach einem Orte zu bringen, wo sie eingescharrt werden. Morgens bringen dieselben Wagen die für die Internierten be- ftimmten Lebensmittel und zwar werden diese auf die­selben Bretter gelegt, auf denen am Abend vorher die Leichen lagen.

Lokales und Provinzielles.

* Schlürhtern, 7. Febr.

* Herr Pfarrer Anacker zu Gundhelm wurde zum Metropolitan der Klasse Schwarzenfels ernannt.

* Versetzt wurden die Postassistenten Budnitzjvon Gelnhausen nachSteinau, Stein II von Steinau nach Bebra, Piscantor von Waldkappel nach Cassel, Stelzner nach Hersfeld.

Pf. Die General-Versammlung des Landw.- Kreisvereins am 5. b. M. war sehr gut besucht. Herr Dr. Staehly, Beamter der Landwirthschaftskammer zu Cassel, hielt einen Vortrag über Viehverwerthung und Anschluß an die Viehverwerthungs-Genossenschaft für Deutschland in Berlin. Der Referent gab ein klares und übersichtliches Bild über den Getreide- und Viehhandel in den letzten 20 Jahren, namentlich über die verschiedenen Schiebungen innerhalb der Ortschaften und auf den größeren Markt- und Börsenplätzen, auch über die Preisbildungen und Notirungen daselbst; er bewies hierbei, daß nicht der produzierende Landwirth und auch nicht der Consument, sondern der vielseitige Zwischenhandel und das Großkapital den Gewinn in ihre Taschen steckten. Seitdem nun die berufsmäßige Vertretung der Landwirthe, die Landwirthschaftskammer, errichtet und auch das Genossenschaftswesen immer mehr Verbreitung finde, haben sich die sämmtlichen Landwirthschaftskammern gesagt, daß wenn zur Zeit eine Mitwirkung bei der Preisbildung von Getreide noch ausgeschlossen, beim Viehhandel dieses doch möglich sein müsse und demzufolge sei in 1898 1899 sie Genossenschaft für Viehverwerthung entstanden. Der Geschäftsbetrieb der Genossenschaft Würbe eingehend er­läutert und bliebe nur zu wünschen, daß sich alle kleineren örtlichen Genossenschaften sowie die größeren Bauern, dieser Genossenschaft anschließen möchten und ihren An- unb Verkauf von Rindvieh aller Art Milchvieh, Magervieh, Schlachtvieh, Schweine und Schafe durch