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Erscheint Mittwoch und Sanistag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Mittwoch, den 29. Januar 1902.
— „Daily Mail" berichtet aus Berlin: Die deutsche Regierung machte der englischen erneute Vorstellungen wegen fortgesetzter Eröffnung deutscher Amtsbriefe für Südwestafrika in Kapstadt, trotz des darüber ausgesprochenen Bedauerns seitens der britischen Regierung.
— Die preußischen Förster und Forstaufseher. In der Budgetkommission des Abgeordnetenhauses wurde seitens der Staatsregierung bei der Berathung des Forstetats folgende Erklärung abgegeben: „Die Ungunst in den Anstellungsverhältnissen der Forstaufseher wird anerkannt. Dieser Uebelstand wird sich mit der Zeit bessern, nachdem schon seit dem Jahre 1889 die Zahl der Lehrlinge begrenzt ist. Eine weitere Besserung wird dadurch eintreten, daß die intensivere Wirthschaft die Schaffung einer größeren Anzahl etatmäßiger Stellen für den ambulanten Dienst nothwendig macht. Diese Stellen sollen ausschließlich den forstversorgungs- berechtigten Anwärtern zu Gute kommen. Es Handelt sich hierbei um die Schaffung einer neuen Klaffe unterer Forstbeamten. Auch ist die Gewährung einer Dienstaufwandsentschädigung an die Förster in Aussicht genommen. Ueber die Bemessung dieser Entschädigungen und die Grundsätze schweben Verhandlungen.
Bremen. An den seit Monaten trotz, aller Dementis immer wieder aufgetauchten Gerüchten, Amerika gehe darauf aus, die großen deutschen Schifffahrtsgesellschaften in seine Hand zu bringen, ist doch etwas Wahres gewesen. Die Reise der Generaldirektoren der Hamburg-Amerika-Linie und des Norddeutscheil Lloyd nach New-Dork erfolgt nämlich, wie das „Bert. Tagebl" berichten kann, zu den Zweck, bestimmte Vereinbarungen zwischen den transatlandischen SchifffahrtS- gesellschaften zu treffen. Als Vorbedingung dieser Verhandlungen ist seitens der deutschen Generaldirektoren die Forderung aufgestellt worden, daß die bekannte Morgan-Gruppe durch Verträge verpflichtet werde, von dem Erwerbe von Aktien der deutschen Schifffahrtsgesellschaften abzusehen. Daraus sowie aus dem Umstände, daß die deutschen Herren eiligst nach New-Dork reisten, anstatt die amerikanischen Interessenten nach Hamburg oder Bremen kommen zu lassen, gewinnt man den Eindruck, daß doch eine gewisse Gefahr im Verzug war. Daß die Amerikaner Herren des transatlantischen Schifffahrtsverkehrs werden, muß unter allen Umständen verhütet werden, weil Deutschland sonst auf diesem Gebiete ganz und gar der Profitwut skrupelloser Paukees ausgeliefert sein würde.
Gern, 22. Januar. Gegenwärtig ist nach der „Eis. Tagesp." die Textilindustrie hierselbst wie auch in Greiz so stark beschäftigt, daß ein Mangel an Webern besteht. Der gute Geschäftsgang scheint, nach den vorliegenden Aufträgen zu urtheilen, auch noch auf Monate hinaus anzuhalten. Namentlich fei erwähnt, daß große Auslandsgeschäfte abgeschlossen sind.
Ausland.
Belgrad. In einem Dorfe bei Usica in Serbien begab sich eine Hochzeitsgefellschft in einer Hellen Mondnacht nach Hause. Die Gesellschaft fuhr in drei zwei- spännigen Schlitten. Plötzlich wurde sie mitten auf freiem Felde von einem ganzen Rudel Wölfe angefallen. Zwischen den überfallenen Menschen und den hungerigen Wölfen entspann sich ein verzweifelter Kampf, in dem die Bestien Sieger blieben. Von der ganzen Gesellschaft ist — wie man aus Belgrad meldet — Niemand zurückgekehrt. Der schneebedeckte Boden war weithin roth gefärbt.
London, 22. Jan. „Daily Chronicle" erfährt aus guter Quelle, in Indien seien Gerüchte verbreitet, daß möglicherweise im Frühling in Afghanistan Wirren aus- brechen werden. Im Punjab glaube man allgemein, daß im Laufe des Winters sich russische Truppen an der Nordgrenze von Afghanisten ansammeln und möglicherweise in Afghanistan eiufallen, sobald der Schnee schmilzt. — Wie „Daily Chronicle" weiter erfährt, sind an der britischen Grenze Defensivmaßregeln ergriffen, um allen eintretenden Ereignissen zu begegnen. Im Punjab werden die militärischen Manöver im Februar, also zu einer ganz ungewöhnlichen Jahreszeit stattfinden. Es wird demnächst jedes Regiment auf dem Kriegsfuße sein. Einige Regimenter sammeln sich bereits im Hinblick auf ernstere Verwickelung. Neue Hospitäler werden! längs der Grenze errichtet, die Vorräthshäuser und Arsenale gefülll.
N^Ult-Ila^^f die .Schlüchteruer Zeitung 5PlC-pi-6-UUle|$^|ä tocrben noch fortwährend von allen -^ -----" Postanstalten undLandbriesträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 27. Januar. Der Geburtstag des Kaisers wurde heute morgen 8 Uhr eingeleitet durch den Choral „Lobe den Herrn" von der Kuppelgalerie des Schlosses. Gleichzeitig fand großes Wecken statt- Die öffentlichen und viele Privatgebäude hatten geflaggt. Der Kaiser nahm um 8 Vu Uhr die Glückwünsche der engeren Familie entgegen, hierauf diejenigen des engeren Hofes, des Hauptquartiers, der Kabinetschefs. Sodann gratulierten die Prinzen und Prinzessinnen des königl. Hauses, die hier versammelten Fürstlichkeiten und die obersten Hofchargen.
— Kaiser Wilhelm hat das Programm für den Empfang seines Bruders in New-Aork genehmigt. Es ist eine Eilfahrt durch den Westen Nordamerikas in Aussicht genommen, um den ständig sich mehrenden Einladungen an den Prinzen zu entsprechen. Die Regierung in Washington läßt einen Sonderzug von sechs Wagen zur Verfügung des Prinzen bereit stellen. Die Eilfahrt berührt als südlichsten Punkt Chattanooga, als westlichsten St. Louis. Die deutsche Botschaft in Washington erhält während der Anwesenheit des Prinzen eine Militärwache. Es ist dies eine ganz außergewöhnliche Ehrenbezeichung, die sonst niemandem erwiesen wird. Der Ausschuß hat es zu vermeiden gewußt, daß eine Reise des Prinzen auf den Sonntag fällt.
— Dem Centralverband der deutschen Baterlands- krieger in Amerika hat Kaiser Wilhelm aus den Be- stäuden des Zeughauses in Berlin ein im Feldzust gegen Frankreich erbeutetes BronzegeschUtz als Geschenk überweisen lassen. Dieses Geschütz soll mit allem Zubehör auf dem Friedhof in Philadelphia aufgestellt werden, und zwar neben einem Denkmal, das der Verband zur Ehrung der alten Kriegsveteranen errichten will. In Nordamerika bestehen zur Zeit 14 Kompagnien ehemaliger Kriegsveteranen von 1870/71 und sonstige in Deutschland beim Militär gedient habende Leute.
— Eine wahre Verzückung hat der Nordamerikaner sich bemächtigt, seitdem der Besuch des Prinzen Heinrich von Preußen ihnen angekündigt worden ist. Die aller- tollsten Freudensprünge machen die Newyorker Zeitungen, allen voran „World" und „Sun". Dabei sind gerade diese beiden Blätter es gewesen, die noch vor gar nicht allzu langer Zeit am meisten in Deutschenhetze gemacht haben! „Sun" sagt u. A., daß die Amerikaner vielfach bezweifeln, ob es richtig sei, Karl Schurz in das Empfangskomitee für den Prinzen Heinrich zu wählen. Schurz ist bekanntlich ein alter 48er, aber der treueste Teutschanhänger, den es giebt. Er war es, der den Hetzereien der „gelben Presse" scharf entgegengetreten ist. Wir erinnern auch daran, daß Fürst Bismarck ihn stets empfangen hat, wenn Schurz seine alte Heimath besuchte. Wahre Worte spricht auch die „Tägliche Rdsch.", wenn sie schreibt: Neue Meinungsverschieden- Heiten (zwischen Nordamerika und Deutschland) werden nicht ausbleiben. Daran sei festgehalten in den kommenden Tagen bei Festgesang und Becherklang, damit nicht dem Freudenrausch frostige Ernüchterung und unfreundliche Reaktion folge. Der Monroedoktrin hat das Reich bereitwillig die von der Union gewünschte Auslegung zugestanden. Es kann nun aber auch verlangen, daß inan ihm glaube, und daß man in New-Uork nicht sich von jedem englischen Reporter gleich in siedendheiße Aufregung bringen läßt, der von neuen Anschlägen Deutschlands gegen Südamerika faselt. Man lasse auch davon ab, in Washington die Faust zu ballen, wenn wir einmal mit einem der kleinen Raubstaaten im Süden ein Wort Deutsch reden wollen. Deutschland maßt sich kein Recht auf Landerwerb' in der Neuen Welt an, es verlangt aber auch, daß es die zuchtlosen Rangen züchtigen kann, ohne daß diese sich mit Aussicht auf Erfolg hinter das Sternenbanner verstecken können. Diese Gleichberechtigung verlangen wir auch in zoll- und handelspolitischen Fragen. Wir brauchen uns gegenseitig, also Zugeständniß gegen Zugeständniß; wir ind es müde, die Kosten der „traditionellen Freund - chaft" ganz allein zu zahlen.
53. Jahrgang.
Transvaal. Auf dem südafrikanischen Kriegsschauplatze sind die Operationen der Engländer fast ganz zum Stillstand gelangt. Die angestrengten Verfolgungsversuche Dewets und Bothas haben die Kräfte der englischen Truppen so stark in Anspruch genommen, daß sie, zumal der Regen die Heerstraßen ziemlich un- wegsani gemacht hat, jetzt zur Ruhe gezwungen sind. Dieser Zustand wird voraussichtlich ziemlich lange dauern; in Voraussicht dieser Eventualität hat Lord Kitchener persönlich den Versuch unternommen, die Buren auf dem Wege des gütlichen Zuredens zur Einstellung der Feindseligkeiten zu bewegen. Er hat dem Zufluchtslager bei Middelburg einen außerordentlichen Besuch abgestattet und die dortigen Buren aufgefordert, ihre Brüder im Felde jfrr Waffenstreckung zu bewegen. Wer die Waffen niederlege, werde nicht verbannt, sein Eigenthum werde nicht konsiszirt; jede Unterstützung werde ihm gewährt. Kitchener hat sich also selbst zur Aufhebung seiner Proklamation, die allen nach dem 15. Septbr. v. I. noch kämpfenden Buren Konfiskation ihrer Güter androhte, entschlossen. Dieser Entschluß ist ihm sicherlich sehr schwer geworden, hat ihm aber rein gar nichts genäßt. Die Buren in den Konzentrationslagern lehnten die ihnen zugedachte Mission aufs entschiedentste und rundweg ab.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 28. Jan.
* — Kaisers Geburtstag wurde in hiesiger Stadt in der alljährlich üblichen Weise gefeiert mit Festessen und Commers im Seminar, in den Vereinen und im Gasthaus zum Deutschen Kaiser.
* — Wir entnehmen dein „Franks. Generalanzeiger" folgende Notiz: „Fulda, 26. Januar. Vor fünf Jahren schon tauchte das Projekt auf, die Eisenbahnstrecke Flieden- Schlüchtern unter Umgebung der Kopfstation Elm mittels eines Tunnels durch den „Distelrasen" aus betriebstechnischen Gründen abzukürzen. Wie wichtig und schwierig zugleich dieser Umbau aber ist, zeigt sich jetzt deutlich, da er als Preisaufgabe des Berliner Architektenvereins zum Schinkelfeste 1902 gestellt ist. Die Aufgabe lautet: Entwurf zur Beseitigung der Kopfstation Elm für die Linie Bebra-Frankfurt a. M. Die Strecke Gemünden-Elm-Bebra darf ihre Eigenschaft als Durchgangslinie nicht verlieren und darf während des Baues der Betrieb nicht unterbrochen werden. Zu diesem Zwecke können die bestehenden Bahn- liuien verlegt, auch der Bahnhof Elm an anderer geeigneter Stelle errichtet werden."
* — Anläßlich des Kaiser-Geburtstags erhielten die früheren Kurhessischen Regiementer, die jetzigen Jnfanterieregiementer 80 bis 83, das Jägerbataillvn 11, die Husarenregimenter 13 und 14, Pionierbataillon 11 und Trainbataillon 11 die Bezeichnung „kurhessisches".
* — Die neueste Anordnung der Postverwaltungen daß auf den Postkarten, Weltpostkarten und Karten- briefen vom 1. April ab die Ueberschriften (Postkarte re.) statt in der Mitte mehr links anzubringen sind, bezieht sich nach amtlicher Mittheilung nur auf die amtlich ausgegebenen Formulare. Die Befürchtung, daß nunmehr die von der Privatindustrie hergestellten Karten, bei denen diese Vermerke sich an der seitherigen Stelle befinden, von der Postbeförderung ausgeschlossen werden würden, ist unbegründet. Selbstverständlich können auch die amtlich herausgegebenen ungestempelten Postkarten alter Einrichtung - nach dem 1. April weiter verwendet werden.
* — Gustav Adolf-Verein. Der Centralvorstand des evangelischen Vereins der Gustav Adolf-Stiftung hat bei der letzten Hauptversammlung in Köln beschlossen, seine nächstjährige 55. Hauptversammlung in den Tagen vom 15. bis 18. September in Kassel abzuhalten. Im Laufe der Zeit hat sich bei den Festen des Centralvereins die schöne Sitte herausgebildet, daß die Provinz, die sich seines Besuches erfreuen darf, dem willkommenen Gast ein Gastgeschenk widmet, das dein Vorstände an einem Tag des Festes feierlich überreicht wird. So hat das evangelische Rheinland in den Tagen von Köln eine Festgabe im Betrage von 147 000 Mark dargcbracht. Es ist natürlich nicht zu erwarten, daß aus unserer Provinz einegleichm hohe Gabe kommen wird; aber die Evangelischen im Bezirk des Hauptvereins von Hessen-Nassau werden es als ihre Ehrenpflicht ansehen, ihre Liebe zur Arbeit