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WchternerMmg

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg,

Samstag, den 11. Januar 1902.

53. Jahrgang.

iäoftoIhtMill^ auf bic "Schlüchterner Zeitung" A?pst>vU Tt»LVk »h werden noch fortwährend von allen - -- -' Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 8. Jan. Der preußische Landtag ist durch den Ministenpräsidenten Gras Bülow eröffnet worden. Um 2 Uhr begann die erste Sitzung. Die vom SJli» nisterpräsidenten Grafen Bülow verlesene Thronrede weist auf die Ungunst der allgemeinen wirtschaft­lichen Lage hin. Für das Jahr 1901 sei ein gün­stiger Abschluß nicht zu erwarten. Die Einnahmen der Staatsbahnen mürben wesentlich hinter dem Vor­anschlag zurückbleiben. Der Haushalt der Staats­eisenbahnen für 1902 sei niedriger als im laufenden Jahre. Gleichwohl erhalten sich Einnahme und Aus­gabe ohne Rückgriff auf den Staatskredit im Gleich­gewicht. Bezüglich der östlichen doppelsprachigen Lau- destheile erklärt die Thronrede es für eine Frage der Selbsterhaltung des preußischen Staates, dem Deutsch­tum die Wirthschastliche und politische selbstständige Stellung zu erhalten und verspricht, die Pflichten der Pflege des Dentschtums im Osten und der Abwehr staatsfeindlicher Bestrebungen mit Freudigkeit zu erfüllen. Die Regierung zählt dabei auf die Unterstützung der deutschen Bevölkerung im Osten sowie des gesamten Volkes, welche eine Zurückdrängung der deutschen Sprache als einen Angriff auf die nationale Ehre empfinden. Erwägungen, die österreichische Grenze für die Einfuhr lebender Schweine wieder zu öffnen, finden angeblich im Reichsamt des Inneren statt, da die Angaben über den herrschenden Schweineman^el auch an leitender Stelle nichl ohne Eindruck geblieben seien. Bei der Wichtigkeit der Sache ist schnelle amt­liche Auskunft zu erwarten.

Leipzig. Der theuerste Bahnhof der Welt wird wohl der Leipziger Centralbahnhof werden. Die Ge- sammtkosten für diesen Bahnhof, mit dessen Erbauung in diesem Jahre begonnen wird, sind für die preußische und sächsische Regierung anf 100 000 000 Mk. be­rechnet worden. In dem sächsischen Etat sind für 19(j2/03 14 800 000 Mk als erste Rate eingestellt worden. Der Bahnhof soll nach dem Muster des Frank« furtes Bahnhofes (Kopfbahnhof) erbaut werden und wird dem Stadtinnern sehr nahe bleiben.

Ausland.

Frankreich. ImMatin" beklagt sich ein fran­zösischer Ingenieur, daß die französische Ostbahn in Deutschland 30 Schnellzugs - Lokomotiven zu 3600 Pferdekräften bestellt habe. Der Schreiber lehnt sich gegen die unparteiische Haltung der französischen Bahnen auf. DerMatin", ber diese Entrüstung theilt, ist besonders aufgebracht, daß eine französische Eisenbahn, «die vom Staat subventionirt ist, die deutsche Industrie verdienen läßt, noch mehr aber darüber, daß deutsche Lokomotivführer die Maschinen nach Frankreich begleiten und damst auf einer bei einer Mobilisirung wichtigsten Strecke fahren lernen.

Portugal. Ein großer Militärskandal hat sich in Portugal ereignet. Die Garnison von Jorre Nova glaubte Grund zu haben, sich über die Civilbevölkerung zu beklagen und schritt zur Selbsthülfe. Es entbrannte eine wahre Schlacht. Frauen und Kinder, mit Säbel­hieben und Schüssen aus den Häusern getrieben, flohen entsetzt nach allen Seiten, während die Männer sich zur Wehr zu setzen versuchten. Es gab Todte, Schwer- und Leichtverwundete in beiden Lagern. Es dauerte lange, ehe die Ruhe wieder hergestellt werden konnte.

Transvaal. Der Burenkommandant und ehemalige Staatsanwalt von Transvaal Dr. Krause hat sich nach kurzem Aufenthalt in Berlin, wo er sich einige Zeit aufgehalten hat, von dort wieder nach London begeben. ' Edle Freunde der Burensache hatten dem Dr. Krause die Summe von 80 uOO Mk. in Baar zur Verfügung gestellt, um die Londoner Bürgen zu befriedigen und den Rest für sich zu verwenden. Aber der Burenosff- zier wußte, wie derTägl. Rundsch." geschrieben wird, was er sich und der von ihm vertretenen guten Sache schuldig war. Weder der Schmerz der Mutter, die in Berlin wohnt und der sein Besuch galt, noch die hochherzig angebotene Befreiung aus aller Gefahr ver­mochten ihn zu halten. Dp ist er einem ungewissen

Schicksal entgegen gereist. Und welches ist das Ver­brechen, dessen man ihn angeklagt hat? Der ehema­lige Bur und spätere Ueberläufer Förster, der sich zu einem Werkzeug der englischen Sache erniedrigt hatte, verkündete in allen englischen Blättern Südafrikas, daß alle Buren als Räuber zu behaudeln und wie Wege­lagerer und Banditen hinzurichten seien. Keiner solle geschont und alle, ob Weib, ob Mann, ob Greis, ob Kind, niedergeschossen werden. Förster hatte die Hen­kersprache seiner englischen Herren und Meister gut ge­lernt und Krause gab nur der Allgemeinen Empörung aller Afrikander Ausdruck, als er an den inzwischen Hingerichteten Broeksma schrieb:Dieser Mann (Förster) muß auf irgend einem legalen Wege aus Südafrika entfernt werden, koste es, was es wolle." In diesen Worten will die feile englische Justiz die Anstiftung zum Morde sehen. Nach dem Jahresbericht des Generalinspektors für das englische Militärgefängnis­wesen, Oberleutnant Garsia, für 1900 wurden in bie= fern Jahre nicht weniger als 7357 Mann mit Gefäng­nis bestraft, gegen 4583 im Jahre 1899. Da die Militärgefängnisse in dem Vereinigten Königreiche nur 909 und in den Kolonien nur 546 Mann fassen konnten, wurden in den Kasernen interimistische Zellen einge­richtet und die in den gewöhnlichen Gefängnissen dicht belegt. Man hat inzwischen die Nothwendigkeit erkannt, die vorhandenen Militärgefängnisse zu vergrößern und neue zu bauen; nach Ausführung der entworfenen Pläne sollen im Vereinigten Königreiche 1953 Zellen belegbar sein. Wegen fortdauernd schlechter Führung wurden aus den Reihen der Armee 1901 Mann aus­gestoßen. Um die Zahl der Missethäter im Heere zu vermindern schlägt Oberstleutnant Garsia in feinem Bericht vor, unverbesserliche Diebe und sonstige Ver­brecher fürderhin nicht mehr in Dienst zu stellen. Denn es ist Thatsache, daß die meisten Rekruten bereits schwer vorbestraft sind, wenn sie eingereiht werden. Wir haben diesem Urtheil des Generalinspektors für das englische Militärgefängniswesen über den sittlichen Gehalt des englischen Soldaten nichts hinzuzufügen.

' China. Die Rückreise des chinesischen Kaiserhofes nach Peking Hatffich unter mancherlei pikanten Zwischen- fällen vollzogen. DerFranks. Ztg." wird darüber gemeldet: Nur wenige Ausländer sahen der Prozession des' Hofes auf dem Wege nach Honan zu. Auf jedem Halteplatze gab es ein großes und anhaltendes Ge­dränge, aber sonst herrschte völlige Ordnung. Acht Tage nach dem Abzüge des Hofes aus Kaifengfu war die Straße noch mit dem Gefolge desselben vollgedrängt. In Chengtcfu wurde der Zug photographiert. In Fangoin 'zehrten die Vorläufer des Hofes alle für den Kaiser bereit gehaltenen Speisen auf, und die Jnten- dautur-Beamten begingen deshalb Selbstmord. In Chengtefu ließen sich die 300 Köche; welche die Mahl­zeit für den Hof herrichten sollten, den Lohn im vor­aus bezahlen und als sie sahen, daß sie der Aufgabe nicht gewachsen waren, verschwanden sie eiligst und nahmen alles, was sie tragen konnten, mit sich. In Tschili wurden drei höhere Beamte entlassen, weil sie keine Lebensmittel beschaffen konnten. Zwei Regimenter mit Schaufeln und Besen waren dem Hofe vorausgezogen und hatten die Straßen gangbar gemacht und gesäubert. Der Einzug des Hofes in die verbotene Stadt erfolgte am 7. Januar Nachmittags 722 Uhr. Der Kaiser, die Kaiserin-Witwe, Prinz Tschun und die junge Kai­serin wurden in gelben Sänften getragen, eskortiert von einer glänzenden Kavalkade und einer großen Truppenmaffe. Vor der Sänfte des Kaisers mar­schierten Yuanschikais Truppen. Die Ausländer hatten sich oben auf dem Chienmenthor versammelt. Der Kaiser und die Kaiserin-Witwe traten in den gleich hinter dem Thor gelegenen Tempel und verbrannten dort Weihrauch. Dann setzte der Zug seinen Weg nach dem Palaste fort. Zu beiden Seiten der vier Meilen langen Einzugsstraße kniete chinesisches Militär.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchteru, 9. Jan.

* Der Kreisbauinspektor Baurath Bornmüller in Gelnhausen ist in den Ruhestand getreten und der Kreisbauinspektor Michael von Rakel nach Gelnhausen versetzt worden.

* Verliehen wurde dem Königlichen Baurath Bornmüller, jetzt zu Hildesheim, der Rothe Adler-

Orden 4. Klasse, und dem Provinzial-Schulrath Dr. Paehler zu Cassel der Charakter als Geheimer Regierungsrath.

* Zum Sprechverkehr mit dem hiesigen Ver­mittelungsamte ist auch der Ort Büdingen zugelassen.

* Die Steuerdeklarationen sind vom 4. bis zum 20. d. Mts. Von jedem preußischen Staatsbürger, der ein Jahreseinkommen von über 3000 Mark bezieht, abzugeben. Den Deklaranten erwächst, wie diePost" hervorhebt, diesmal eine besondere Schwierigkeit. Sie sollen den Durchschnitt ihres Einkommens der drei letzten Jahre zu Grunde legen. Sie haben also im Jahre 1902 noch die beiden guten Jahre 1899 und 19t0 und das eine absteigende Jahr 1901 zu ver­steuern, während der Ausfall im Einkommen, der aus der industriellen Krisis ihnen erwächst, haupsächlich erst in das Jahr 1902 fallen wird. Das deklarirte Ein­kommen wird also das wirkliche in vielen Fällen be­deutend übersteigen, und es mag manchem recht schwer fallen, aus letzterem.die hohe Steuer zu zahlen, die er nach seiner eigenen Erklärung zu zahlen hat.

* Wichtig für Gesangvereine. Gestützt ans die neuen gesetzlichen Bestimmungen über das Urhebe- recht, richtet der Verein der deutschen Musikalienhänd- ler in Leipzig an die Gesangvereine, Musikvereine und Kapellen eine Warnung und das Ersuchen, alles etwa widerrechtlich vervielfältigte Notenmaterjal zur Ver­nichtung an die Geschäftsstelle des Vereins der deut­schen Musikalienhändler zu Leipzig, Buchgewerbehaus, abzulieferu und sich jeder weiteren Vervielfältigung sol­cher zu enthalten. In diesem Falle wird von einem Strafantrag abgesehen. Jeder weitere zur Kenntnis des Vereins gelangende Fall widerrechtlicher Vervielfältig­ung gerichtlich verfolgt.

* Zur Warnung diene folgender Fall, den das Schöffengericht in Hanau abgeurtheilt hatte. Die Ehefran des Landwirths Koch 11 zu Wachenbuchen hatte der zu verkaufenden Milch Wasser und zwar recht viel davon der Milch zugesetzt, außerdem abgerahmte Milch als Vollmilch verkauft, und ferner Morgen-und Abendmilch miteinander gemischt und als frische Milch verkauft. Sie wurde in allen Punkten überführt und zu Fünfhundert Mark Geldstrafe verurtheilt. Be­antragt waren nur 40 Mark. Nur der Umstand, daß sie noch nicht vorbestraft war, bewahrt sie vor Ge- fängnißstrafe. Also, ihr Milchverkäuferinnen, nur reell sein und immer Vollmilch abgeben keine getaufte oder entrahmte und dadurch ininderwerthig gewordene.

* - (Aus der Sitzung der Hanauer Stafkanimer vom 8. Januar.) Der Barbier Hch. D. und ein Ge­nosse waren beschuldigt, am 24. Mai V. Js. auf fremdem Jagdgebiet gejagt zu haben. Sie wurden aber vom Schlüchterner Schöffengericht freigesprochen, weil ein Beweis nicht erbracht sei. Der Angeklagte behauptete, noch auf seinem Jagdgebiet gestanden zu haben, wogegen der Förster bekundet, daß er auf fiskalischem Boden stand und schnell übertrat, als der Förster bemerkt wurde. Der Staatsanwalt hatte Berufung eingelegt, welche den Erfolg hatte, daß D. wegen Uebertretung des § 36so in eine Geldstrafe von 10 Mk. genommen wurde. Der Schlosser Krausbeck, gebürtig aus Bukarest in Rumäuien, wird beschuldigt, in Schlüchtern mittelst Einsteigen und aus einem verschlossenen Be­hältniß Geld entwendet zu haben. K., bei Schlosser- meister L. m Stelle, schlief mit einem Mitgesellen und einem l. ehrling in eine Stube zusammen. Der Lehrling borgte dem K. einmal eine Mark, zeigte ihm auch einmal seine Ersparnisse in Höhe von 6 Mk., welche in einem vernagelten Cigarrenkistchen, und dies wieder in einem Koffer ausbewahrt wurden. Am 29. April v. Js., als Krausbeck aus der Arbeit trat, hatte er am Morgen nur noch 25 Pfennige und am Abend bezahlte er eine Wirthshausschuld mit einem Thaler. Gleichzeitig machte der Lehrling die Enr- deckung, daß sein Cigarrenkistchen nebst Inhalt ab­handen gekommen sei. Verdächtig, dasselbe mitgenommen zu haben, steht K. jetzt vor der Strafkammer. Der Angeklagte gibt zu, bei der Gesellschaft jener Schlosser gewesen zu sein, die am selben Tage alle Feier­abend gemacht hatten; er behauptet aber, nicht er, sondern ein gewisser Hoffmann sei eingestiegen und habe ihm hernach ein Dreimarkstück gegeben. Da dieses nicht wiederlegt werden konnte, so erhielt K. nur wegen Hehlerei einen Monat Gefängniß,