„Gnädiges Fräulein," sagte er stockend,' „wenn es Ihnen iin Ernst um eine aufrichtige Antwort von mir zu thun ist, so geben Sie mir unter anderen Verhältnissen Gelegenheit, Ihnen zu antworten."
„Sie meinen, es wäre kein Thema für eine Straßen- Promenade. Wie Sie wollen."
„Mißverstehen Sie mich nicht." Es wogte vor Bäreufelds Augen. „Wenn Sie es wünschen, so —"
„O nein," erwiderte sie ruhig. „Aber da Sie gerade von „wünschen" sprechen, ich habe einen anderen Wunsch."
„Sie brauchen nur zu befehlen."
„So sprachen Sie früher nicht," meinte sie und sah ihn aufmerksam von der Seite an. „Doch zur Sache. Sie kennen den Grafen Schöner oder sind sogar ein Freund dieses Herrn?"
Ueberrascht blieb Bärenseld stehen. „Schöner?" sagte er gedehnt.
Lisa bemerkte, tote er die Farbe gewechselt hatte, und mit einem Male stieg ein unerklärliches Gefühl in ihr auf. „Ich kenne den Herrn nicht und trage auch weiter kein Verlangen nach ihm," fuhr sie schnell und mit dem Versuch leichten Spottes fort. „Eine Freundin von mir, Fräulein von Wald, welche ihre Mußestunden der Schriftstellerei widmet, hat einen Roman verfaßt und ihn der Zeitung eingereicht, zu der auch Graf Schöner wohl gehört. Wenn Sie also einmal Gelegenheit hätten, die Redaktion durch Ihren Herrn Freund etwas interessiren zu können, so thäten Sie in Anbetracht des fleißigen jungen Mädchens ein gutes Werk. Wollen Sie, Herr Bärenseld
„Mein verehrtes Fräulein," stammelte Bärenfeld und wußte nicht, woher die paar Worte nehmen. „Sie können Fräulein von Wald meiner schwachen Hilfe versichern. Ich sehe Graf Schöner noch heute Abend."
„Ich danke Ihnen," sagte Lisa und reichte ihm, da sie an der Apotheke angelangt waren, die glace- bedeckte, schmale Hand. „Auf später, Herr Bärenfeld."
Verwirrt sah ihr Bärenfeld nach, bis sie im Thorweg verschwunden war, um dann wie ein Träumender durch die Apotheke nach bem Komptoir zu schreiten. Herr Rose aber stand am Rezeptirtisch und sah aus, als ob er einen Geist gesehen hätte. Fräulein Lisa und der Geschäftsführer vom Spaziergang kommend und sich die Hand drückend? Ob der Herr Apotheker damit wohl zufrieden war?
Konrad Bärenfeld ging, nachdem er einen Blick in's Komptoir geworfen, über den Hof, um sein Zimmer aufzusucheu. Auf dem Lagerhof traf er Dores fleißig bei der Arbeit, und ohne ein Wort zu verlieren, steckte ihm der Geschäftsleiter einen blanken Thaler in die Hand. Aber an der Zimmerthür hatte ihn der Hausknecht eingeholt.
„Wissen Sie auch, was Sie mir da aus Versehen geschenkt haben, Herr Bärenfeld ?" rief er mit fliegendem Athem.
„Nein."
/,Jch dacht', der Schlag sollt' mich treffen. Wenn's der Hannes. gewesen wär', Sie hätten schön das Nachsehen gehabt. Hier ist das Geld, Herr."
„Ich hab's Ihnen doch geschenkt."
„Was? Wahr und wahrhaftig?" schrie dieser und riß die Mütze vom Kopf. „Den ganzen Thaler?"
„Wahr und wahrhaftig. Ich habe heut einen Gedenktag. Nun lassen Sie nach aber vorbei." Damit schob Bärenfeld den Hausknecht hinaus und schloß die Thür.
„Hurrah," jubelte Dores draußen und schleuderte die Mütze in die Luft. Dann trieb er mit gewaltigen Hammerschlägen einen Reifen um ein Faß und brüllte mit Stentorstimme ein Lied über den Hof:
Ein freite Leben führen wir, Ein Leben voller Freuden —.
In der ersten Etage des Herrschaftshauses klirrte ein Fenster. „Hören Sie mich sofort das Singen auf," tönte gereizt die Stimme des Apothekers, „das können Sie mich auf der Straß' bei Ihren Kollegen besorgen, nicht in meinem Hause. Mich ist das zu gemein!" und zu flog der Fensterflügel.
Dores Gesang war bei dem ersten Wort aus _ber Höhe jäh verstummt. Jetzt aber, als. die Gefahr vorrüber war, tippte er sich mit dem Finger an die Stirn, als ob er Schweiß wischen wollte, und meinte zu Pfalzdorf, der verstohlen lachend an ihm vorüber- ging, in bedauerndem Tone:
„Verrückt! — Knatsch geck."
Dann trieb er den Reifen ohne Gesang, aber mit verdoppeltem Lärm au das Faß.
Unterdeß hatte sich Bärenfeld in einen Sessel geworfen und die Hände fest vor die Augen gepreßt. War das die Liebe, die zu Besuch gekommen war, die Liebe, die ihn in seinem Leben bisher gemieden, für die er in seinem Streben, eine Stellung zu erreichen, keine Zeit erübrigt hatte? Er spürte den leisen Duft des Glaces, den Lisa getragen, an seiner Hand, und er berührte sie mit den Sippen. Alles in ihm war in Aufregung. Er, der tadellose Geschäftsmann, der Weltmann und Gesellschafter, er, der die Welt umsegelt hatte, er kam sich plötzlich unbedeutend vor gegenüber diesem Mädchen, dessen Trotz und Ueber-
hebung ihm stets unleidlich vorgekommen war, und nach dem trotzdem seine Seele verlangte.
___________________(Fortsetzung folgt.)_____________________
Vermischtes.
Pest. In der Ortschaft Szilas hat die Gattin des Gutsbesitzers Raska ihre zwei Stiefkinder, die aus erster Gehe ihres Mannes stammten, erdrosselt und die Leichen im Keller vergraben, um so ihren eigenen Kindern die ganze Erbschaft zu sichern. Die Mörderin wurde verhaftet.
■— Wie man weiß, bringt zu Neujahr eine Abordnung der Halloren die Hallesche Schlackwurst an den Kaiserhof. Die Wurst wird natürlich aus dem allerbesten Material hergestellt, worüber dem Hofmarschallamt ein Attest überreicht werden muß. Es werden im ganzen etwa 110 Cervelatwürste, ungefähr pro Stück ein Pfund, geliefert. DieWürste werden nicht, wie sonst üblich, in Mitteldärme oder Fettdärme (Schlacken), sondern in Kreuzdärme gefüllt. Die Würste werden scharf geräuchert, dem Geschmack des Kaisers entsprechend. Von den Würsten erhalten der Kaiser, die Kaiserin, die Prinzen und Prinzessinnen, Hof- und Reichswürdenträger und so weiter. Bei der Hoftafel am Neujahrstage wird von den Halloren die Wurst zugleich mit Sooleiern aus Halle aufgetragen, wobei die Halloren den Gästen des Kaisers servieren. Der Sprecher überreicht das Neujahrsgedicht im Namen der „Salz- wirker-Brüderschaft im Thal zu Halle".
— Die bevorstehende Eröffnung der Berliner Untergrundbahn am Potsdamer Bahnhof hat die dortigen Grundstückspreise kolossal in die Höhe getrieben. Ein Hausbesitzer verlangte von einem Kon- sortium, das ein Riesen-Restaurant errichten wollte, für ein Haus, das vor zehn Jahren 620COO Mark kostete, 2 Millionen, hat sie aber bisher nicht bekommen. Mit 50 000 bis 55 t 00 Mark ist aber die Quadratrute schon mehrfach bezahlt.
— Menschenhandel in Rußland. Am 19. März waren vierzig Jahre darüber vergangen seit Veröffentlichung des kaiserlichen Manifestes über die Bauernemanizipation in Rußland, und die russischen Blätter brachten an biefem Tage allerlei Erinnerungen aus der Zeit der Leibeigenschaft. So veröffentlichte eine Provinzialzeitung aus den Akten des archäologischen Museum zu Smolensk interessante Einzelheiten über die Preise, zu denen im alten Rußland die Bauern verkauft wurden. Es brächte im Jahre 1751 eine Wittwe nebst Tochter 3 Rubel, im Jahre 1771 ein junges Mädchen 5 Rubel, im Jahre 1785 schon 7 Rubel, im Jahre 1791 bereits 10 Rubel und später immer mehr bis 25 Rubel, 33 Rubel u. s. w., bis im Jahre 1828 für eine besonders schöne Dame der Preis von 350 Rubel gezahlt wurde. Man sieht, die Preise für schöne weibliche Waare gingen von Jahr zu Jahr mehr in die Höhe. Etwas ständiger blieben die Preise für männliche Waare, die auf dem Markte feilgeboten wurde. Im Jähre 1732 erzielte man für einen ausgewachsenen Bauern 7 Rubel und bekam obendrein seine Frau nebst 3 lebendigen Kindern als „Zuwage". Ja, im Jahre 1741 ging sogar ein Bauer nebst seiner ganzen Familie und allen: Hab und Gut für 10 Rubel weg. Es handelte sich, so fügte das russische Blatt gewissermaßen entschuldigend hinzu, „allerdings um einen entlaufenen Leibeigenen, und solche Waare wurde immer billiger losgeschlagen, als die in festen Händen befindlichen, auf deren sklavischen Gehorsam man sich verlassen konnte."
— Jahresanfang. Während in unsern Tagen das alte Jahr mit dein 31. Dezember schließt und das neue mit bem 1. Januar beginnt, waren im Mittelalter noch fünf andere Jahresanfänge in Uebung und zwar: Der 1. März, mit welchen: der Freistaat Venedig bis zu seinem Untergang das neue Jahr begann: der 25. März — Maria Verkündigung, — nach welchem Florenz und Pisa bis zum Jahr 1794 und außerdem die Universität Köln bis zu ihrer Aufhebung rechnete. Ostern, welches der unzuträglichste aller Jahresanfänge war, weil dieses Fest an 35 verschiedenen Tagen gefeiert wird, der 1. September und endlich der 25. Dezember, der Weihnachtstag, der im Mittelalter beinahe in ganz. Deutschland der allgemeiue Jahresanfang war, bis er im 15. Jahrhundert allmählich von: 1. Januar verdrängt wurde, in Schlesien sich aber doch noch lange erhielt. Bereits vor Einführung des Christenthums war den germanischen Völkern die Wintersonnenwende eine heilige Zeit, bedingt durch den Ursprung ihrer religiösen Anschauungen aus dem Sehen und Wirken der Natur, so daß sich die christliche Kirche bei der Feier dieser Zeit nur umbildend zu verhalten brauchte. So summt es, daß aus dem Wodan, welchem man wie seine Gattin Holle oder Berchta während der Wintersonnenwende hauptsächlich opferte, der Teufel wurde, der in der Neujahrsnacht auf Schimmeln geritten kommt. In allen deutschen Ländern ist noch die Erinnerung an den Umzug Wodans lebendig, der als Schimmelreiter von den jungen Burschen dargestellt wird, wohingegen seine Gemahlin als Frau Holle erscheint. In: Harz glaubt man, daß Frau Holle am Sylvesterabend in die Pferde- und Kuhställe geht, sich Eier aus den Hühnerställen holt und die faulen und
unartigen Kinder mit in den Wald nimmt, wo sie es recht hart haben.
— Eine originelle Jagd fand dieser Tage in der Gegend von Kruschwitz statt. Auf den dortigen Feldern galloppirt seit einiger Zeit ein Pferd vorzüglicher Rasse, das einem Kosakenhauptmann jenseits der Grenze durch- gegangen ist. Alle Anstrengungen, des Pferdes habhaft zu werden, blieben bisher fruchtlos. Nun kam der Ko- sakenhauptmaun selbst auf einem flinken Pferde, um den Flüchtling nach Kosakenart einzufangen. Das junge Pferd, welches der russische Offizier erst vor Kurzem aus bem Innern Rußlands erhalten hatte, ließ sich aber auf die in der Steppe übliche Art nicht einfangen. Eine stundenlange Jagd über Kanäle, Gräben, tiefe Löcher und Hügel fand statt. Obgleich das Reitpferd des Kosakenhauptmanns ein vorzüglicher Renner war, konnte es doch das flüchtige Rassepferd nicht einholen. Jetzt will der Hauptmann sich die Geuemigung der Grenzbehördcn besorgen, um mit einer ganzen Kosaken- abtheilung eine Treibjagd auf den Flüchtling zu ver- anstalten.
— Achtung Dorrn Handwerk. So oft Napoleon T. ein Meisterstück des Handwerks sah, bezeugte er den: Erfinder die größte Achtung und verbeugte sich beim Abschied tief vor ihm. Noch a:ff St. Helena wich er einigen Lastträgern aus und sagte zu Frau Batcombe, die jene aufforderte, Platz zu machen: „Achtung vor der Bürde, gnädige Frau!"
— Praktischer Anfang. „Haben Sie eine Cigarre für mich, Herr Huber?" — „Gewiß! . . . Aber ich dachte, Sie wollen sich das Rauchen ganz abgewöhnen?" — „Stimmt. Das geht jedoch nicht so plötzlich — das Rauchen eigener Cigarren habe ich mir allerdings schon abgewöhnt."
— O diese Weiber! Frau (welche bei der Aerztin war, zu ihrem auf der Straße wartenden Gatten): „Die Dame meinte, mir fehlte weiter nichts; ich müßte nur viel spazieren gehen!" — Mann: „Und darum warst Du eine ganze Stunde oben?" — Frau: „O natürlich! Wir haben gleich die nöthigen Straßen- toiletten ansgesucht."
— Doppeltes Mißverständniß. Lehrer: „Wir kommen heute an die Sätze — kann mir einer ein Satz über den Kirchthurm machen?" — Schüler: „Nein, Herr Lehrer!" - Lehrer: „Nur zu, es muß gehen." — Schüler: „Der Kirchthurm ist mir zu hoch!" — Lehrer: „So, warum geht es denn jetzt?"
— Beim Heirathsvermittler. „Können Sie mir eine Parthie besonders empfehlen?" — „O ich habe für Sie eine großartige Parthie mit 30uOO — aber fragen dürM Sie nur nicht viel!"
Markt- und Handelsnachrichten.
Frankfurt a. M., 30. Dez. AmtllcheNotirungen der Bithmarkt- preise. Zum Ve.kauf standen 3b9 Ochsen, 21 Bullen, 744 Kühe und Fä sen (Stiere und Rinder), 7j1 Kälber, 3j9 Schafe und Hämel und 95 > Schweine. Bezahlt wurde 'ür HO Pfund Schlachtgewicht: Ochsen: a. vollfleischige, ausgemästete Höchsten Schlachtwerths bis zu 6 Jahren 65 - 67 M., b. junge fleischige nicht ausgemästete und ältere ausgemästete 58-60 M., c. mäßig genährte junge, gut nenährte ältere 53 57 M., d. gering genährte jeden Alters , M. Bullen: ».vollfleischige höchsten L Schlachtwerthes 54 r 6 M., b. mäßig genährte jüngere und gut genährte ältere 50—52 M., c. gering genährte -. - M., Kühe und Fersen («ticre und Rinder): a. vollfleischige, ausgemästete Färsen Stiere und Rinder Höchsten Schlachtwerths M. 59 -61, b. »oll- steischige ausgemästete Kühe höchsten Schlachtwerths bis zu 7 Jahren 55 57 M., c. ältere ausgemästete Kühe und wenig gut entwickelte jüngere Kühe und Färsen (Stiere und Rinder) 42 bis 45 M., d. mäßig genährte Kr -e und Färsen (Stiere und Rinder 32 34 M., e. gering genährte Kühe und Färsen (Stiere und Rinder) 30- 31 M. Bezahlt wurde für 1 Pfund Schlachtgewicht Kälber: a. seine Mast- (Vollm. Mast) und neueste Saugkälber 78 80 Pf., b. mittlere Mast- und gute Saugkäblber 72 7ä Psg- c. geringe Saugkälber 62 bis u7 Pf., d. ältere gering genährte Kälber (Freffer) —.— Pf. Schafe: u. Mastlämmer und jüngere Masthämmel 56 58 Pf., b. ältere Masthämmel 46—48 Pf., — mäßig genährte Hämmel und Sq>afe (Märzschafe) 40 —44 Pfg. Schweine; a. vollfleischige der feineren Raffen und deren Kreuzungen im Alter bis zu l1^ Jahren 68 - Ps., b. fleischige 67 bis Pf., c. gering entwickelte, sowie Sauen und Eber 58 —60 Pfg., d. ausländische Schweine —. Pf.
Fulda, 28. Dezember. Der heutige Schweinemarkt war mit 0 Läufern und 102 Ferkeln betrieben. Der Durchschnittspreis stellt sich bei Läufern auf bü, bei Ferkeln auf 13 Mark.
Die herzlichen und besten Wünsche zur Jahreswende für meine Mitbürger zu Sodeu-Salmünster gehen diesmal unter einer besonderen Ansicht vom Genfer See und seiner herrlich malerischen alpinen Umgebung von Bevey (spr. Wöwe) direkt zur Ver- theilung. Ich dachte das etwas anziehender. Der wohlgemeinten, freundschaftlichenWünsche sind ja schon so vielfach im Verlaufe von 15 Jahren gewechselt, daß hier nur wieder der Beweis geliefert werden soll, wie ein moderier treuer Bürger an dem Aufblühen und Gedeihen feines so gottbegabten Badestädtchens hängt. Irdr. Aug. v. Reichenau.
Kirchlicher Anzeiger für Schlüchtern.
Neujahrstag 1902.
Vormittagsgottesdienft: Herr Superintendent Orth.
Nachmittagsgottesdienst: Herr Pfarrer Kahl.