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Samstag, den 9. November 1901.
52. Jahrgang.
^ftolhtttnfil auf bie »Schlüchterner Zeitung« werden noch fortwährend von allen -==== Postanstalten undLandbriefträgern, Die von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
| Kerli». Die Proteftbeivegung gegen die unver- Wmten Verleumdungen des englischen Kolonialministers Minberlain nimmt in Deutschland einen immer »eiteren Umfang an. Aus München, Goslar, Osna- iriicE werden solche Kundgebungen gemeldet. Dieser Memeine Protest ist doch recht erfreulich.
| — Der Finanzminister hat verfügt, daß die Kassen W Königlichen Regierung die bei ihnen am 1. Januar 1902 vorhandenen und nach diesem Zeitpunkte ein- Hkhmden Thaler aus den Jahren 1832 bis 1856 nicht »jeder verausgaben, sondern von Zeit zu Zeit der Veichsbauk gegen Werthersatz zuführen und sich zu Mhlungen in Thalern fortan nur der Vereinsthaler »klitschen Gepräges bedienen.
■ * — Gehälter der Postassistenten. Wie bestimmt Umlautet, steht endgültig fest, daß durch ben Etat 1902 Reichstage die Mittel gefordert werden, um die Mchaltsstufen der Postassistentenklasse auf 15o0, 1800, Eouu, 2200, 2400, 26uu, 2800, 3000 Mark vom 1. »April 1902 ab durchführen zu können. Der Reichstag Wird unzweifelhaft die geforderte Summe, welche sich 11- Millionen Mark beläuft, bewilligen.
— Das neue Fürsorgeerziehungsgesetz hat bisher »recht erfreuliche Wirkung ausgeübt. Nach einer auf »derkürzlich zu Gotha abgehaltenen 6. Rettungskonferenz »bekannt gegebenen Statistik sind in Preußen seit dem 11. April bereits weit über 2000 Minderjährige der I Finsvrgeerziehung überliefert, während nach I '/Jähr. »Ächchen des alten Zwangserziehungsgesetzes vorn 13 »März 1878 erst 612 Kinder zur Zwangserziehung Ver- | urtheilt waren. Von diesen rund 2000 zur Fürsorge- | erziehung Ueberwiesenen sind ca. 200 unter 6 Jahren I und ca. 1500 schulpflichtig; etwa 500 sind schon aus der I Schule entlassen. Auf die Provinz Brandenburg (ohne | Berlin) entfallen von der Gesammtzahl der Ueber- I iviejenen rund 400.
— Von der Noth und dem Elend in Berlin I sprechen folgende Notizen, die dortige Zeitungen bringen: I Fünf Personen wurden vorgestern in ihren Wohnungen erhängt aufgefunden. Es waren dies: ein Buchdrucker, ein Schlächter, ein Schlosser, ein Almosenempfänger i und ein Kaufmann. In einer Laube auf einem un- ! bebauten Gelände im Norden Berlins wurde die Leiche eines Händlers aufgefunden. Allem Anschein nach ist der Mann verhungert.
— Aus Schlesien wird den „Neuest. Nachr." geschrieben: Gelegentlich der Hundertjahrfeier der Brandenburggrube hat der Besitzer, Reichstagspräsident Graf Ballestrem, seinen Arbeitern 100,000 Mark gestiftet, bie, für jeden Einzelnen eine bestimmte Sunrme, in der Sparkasse hinterlegt waren. Die meisten Arbeiter hatten, sobald sie das Sparkassenbuch in Händen hatten, nichts Eiligeres zu thun, als den hinterlegten Betrag zu erheben. Graf Ballestrem, welcher seiner Schenkung absichtlich ,diese Form gegeben hatte, um die Arbeiter zum Sparen zu veranlassen, hat nunmehr denjenigen, welche den damals geschenkten Betrag von der Sparkasse nicht abgehoben haben, eine zweite Summe, gleich der im Sparkassenbuchs verzeichneten, geschenkt.
Heiligenstadt, 4. November. Der hiesige Magistrat hat den Beschluß gefaßt, den durch den letzten großen Brand betroffenen Hausbesitzern, soweit sie gar nicht fder zu njiedrig versichert hatten, zum Wiederaufbau ihrer Härsser Holz aus bem Stadtwalde zu überlassen.
Elberfeld, 2. Nov. Ein Nuglücksfall ereignete sich gestern Abend auf der elektrischen Straßenbahn Elber- feld-Remscheid. Auf der Theilstrecke Cronenfeld-Gerstau, die sehr steil ist, kam einer der schweren, auch für äutomatiMen Zahnradbetrieb eingerichteten Motorwagen ins Rutschen. Der Führer verlor die Gewalt über den- Wagen, und nun sauste dieser mit ungeheurer Schnelligkeit in das Mosbachthal hinunter, wo er entgleiste und einen ziemlich hohen Abhang hinunter /stürzte, dabei einen Theil der Schützmauer Segen beiA Bach hin umreißend. Von den sechs Passagieren umd zwei Straßenbahnangestellten mürben sechs Personen schwer, zum Theil lebensgefährlich, und zwei, leicht vet letzt. Ein Vater, der seinen neunjährigen'
Sohn zu schützen gesucht hat, erlitt die schwersten Verletzungen, während der Knabe mit einer Kopswunde davon kam. Der Schaffner erlitt einen Bruch der Wirbelsäule, während der Führer, der vermuthlich in den Wagen geflüchtet ist, einen Schenkelbruch davontrug. Der Vordertheil des Wagens ist gänzlich zertrümmert; es dauerte lange Zeit, bis die Insassen geborgen waren. Aerzte und Mitglieder der Sanitätskolonne von Cronenberg und Remscheid mühten sich bis in die Nacht um die Verwundeten, die in die Krankenhäuser nach Remscheid und Elberfeld gebracht wurden. Die stellenweise im Zuge der Bahn angebrachten Zahnradstrecken erwiesen sich als nutzlos, der Wagen sauste darüber hin, ohne daß das Zahnrad in Funktion trat. Zwei der Verunglückten sind von Elberfeld, die übrigen aus Remscheid und seiner Umgegend. In der vorigen Woche ging demselben Führer ein Wagen durch, der aber nidft entgleiste und auf der Thalsohle zum stehen kam. Die Ursache an dem Unfall schreibt man den vom Nebel feuchten Schienen und dem darauf lagernden Laub zu.
Peking, 7. Nov. Das Reutersche Bureau meldet von gestern: Li-Hung-Tschang ist um 11 Uhr Abends gestorben. Zu seinem Nachfolger soll der G»uverneur von Shantung, Duanschikai, ausersehen sein.
Lokales «ad Provinzielles.
Schlächtern, 8. November.
* — Herr Pfarrer Wilhelm Pfeiffer zu Hohen- zell bei Schlüchtern, Sohn des Herren Generalsuperintendenten Pfeiffer zu Cafsel, ist als Generalsekretär des Stadtausschusses für innere Mission nach Berlin berufen und wird noch im Laufe dieses Monats sein neues Amt antreten. Herr Hofprediger Stöcker war auf denselben aufmerksam geworden und hat die genannte Berufung bewirkt. Es ist dies bereits der zweite Fall, daß ein Geistlicher aus der Grafschaft Hanau in den Dienst der Inneren Mission nach Berlin berufen wurde, denn bereits vor mehreren Jahren war dies bei Herrn Pfarrer Fritsch zu Gelnhausen ebenfalls geschehen.
* — Der Pfarrer extr. Junker wurde zum Gehülfen des Pfarrers Ehringshaus zu Mottgers bestellt.
— An dem hiesigen Lehrer - Seminar sind die Lehrer Rühmann aus Schöneberg und Gellermann aus Hannover als Seminarlehrer angestellt worden.
* — Am nächsten Montag findet hier der sog. „Kalte Markt", die Schlüchterner Kirmes, statt.
* — Der Sprechbereich des hiesigen Postamtes ist aus die Fernsprechstellen in Altengronau, Jossa und Marjoß erweitert.
— Brandsteuer. Die Interessenten der Hessischen Brandversicherungs-Anstalt werden davon in Kenntniß gesetzt, daß die Brandsteuer für das Jahr 1902 durch Beschluß des Landesausschusses vom 26. Septeniber d. J. auf 18 Pfg. für je 100 Mk. des Umlage- kapitals MZssetzt worden ift^. .
— Durch die Zeitung geht jetzt die äußerst interessante Mittheilung, daß es dem berühmten italienischen Arzt und Minister Guido Baccelli gelungen sei, durch intravenöse Sublimateinspritzungen die Maul- und Klauenseuche der Rinder zu heilen. Wenn sich die Nachricht bestätigen sollte, so würde es sich um eine Thatsache handeln, die von unermeßlicher Tragweite für die Landwirthschaft sein dürste.
* — (Strafkammer.) Wegen Betrug und Unterschlagung steht der Maschinist Sch. von Wächtersbach vor Gericht. Trotzdem der Angeklagte Gatte und Vater ist, verlobte er sich mit einem Mädchen in Wollersleben und entlockte dem Schwiegervater in spe nach und nach 150, 40, 70 und nochmals 40 Mk. Durch Zufall kam die schinählich Betrogene hinter bie- Wahrheit. Sch. hatte kaltblütig angegeben, seine Frau sei todt. Weiter wird ihm noch die Unterschlagung von 10 Maschinen resp, des theilweisen Werthes derselben zur Last gelegt. Der Angeklagte stand als Aufseher in Diensten der Firma Gebrüder Krebs in Frankfurt, die in Wächtersbach eine Fabrik hatte. Infolge besonderer Umstände gaben die Besitzer den Weiterbetrieb der Fabrik auf uud setzten Sch. als Wächter des Inventars bis auf Weiteres ein. Der Angeklagte soll nun höchst eigenmächtig Maschinen verkauft haben, auf die er Anzahlungen von insge- sammt nahezu 2000 Mk. vereinnahmt haben soll. Den Käufern gegenüber gab er sich als Bevollmächtigter der Firma an, quittirte, kassirte und will die Beträge abzüglich der Unkosten auch eingesandt haben, wovon jedoch weder den Fabrikanten noch dem Kassirer das geringste bekannt ist. Die Maschinen sind Holzbearbeitungsmaschinen, und, da sie gebraucht waren, anden sie unter kleineren Fabrikanten leicht Abnehmer. Zur Vernehmung gelangten nahezu zwei Dutzend Zeugen. Das Urtheil lautete auf 4 Jahre Gefängniß und 5 Jahre Ehrverlust. (H. A.)
* — Am vorigen Freitag brannte in Marjoß die Scheune und Stallung des Karl Siemon ab.
Vom Vogelsterg, 5. Nov. Wie verlautet, ist die Genehmigung zum Weiterbau der am 1. November eröffneten Bahn Lauterbach—Grebenhain — Erainfeld von letzterer Station nach Gebern ertheilt und zwar nicht, wie vorgesehen, über Hartmannshain, sondern via Bermuthshain, Volzberg, Volkartshain, Ober-Seemen. Die letztere Route bietet bedeutend weniger Terrain- chwierigkeiten. Nachdem diese Strecke, sowie die irojektirten Linien Stockheim — Frankfurt resp.S tockheim
Ausland.
Kapstadt. Das Unglück bei Bethel hat auch denjenigen englischen Blättern, die den Krieg mit Vorliebe als so gut wie beendigt zu bezeichnen pflegten, den Muth gegeben, einzugestehen, daß die Lage doch fortgesetzt noch eine recht unbehagliche sei. So schreibt die Londoner „National Review", einer der heftigsten Kämpfer- für das Großengland: „Die Lage wird immer düsterer. Die Buren sind seit Jahren stets auf dem Puükt angelangt, „verzweifelt die Waffen zu strecken." Dann heißt es wieder: „Eigentlich ist der Krieg schon längst vorüber." Mr. Chamberlain versicherte am 1. Oktober "900; „Der Krieg ist aus." Lord Roberts sagte wenige Wochen später: „Der Krieg ist beendet." Die Proklamation Lord Kitcheners sollte der ganzen Sache nun gar einen endlichen Abschluß geben. Was erleben wir? Am 17. September wurde Major Gougte in „einen Hinterhalt gelockt" und mit einigen hundert Mann und 3 Kanonen gefangen genommen. Schon am nächsten Tage wurde in einem anderen Bezirk eine britische Abtheilung mit 2 Geschützen eingekesselt. Verstärkungen eilten dann hin und her ohne Wirkung. Ganz unbegreiflich sind die Vorkommnisse bei Fort Jtala. Kitchener sprach von großen Buren-Verlusten, von denen diese nichts gemerkt haben müssen, denn sie sprechen nicht nur nicht davon, sondern waren unmittelbar nach der Niederlage noch so kampfeslustig, daß sie zwei große britische Wagenzüge Wegnahmen. Ebenso dunkel erscheint die Niederlage des Obersten Kekewich bei Moedwill seitens Delareys, in einer Gegend, die in den Kriegstelegrammen seit langem „als von dem Feinde gesäubert" bezeichnet wurde. Da auch in der Kapkolonie die Buren ungestört ihr Handwerk treiben, so kann man nur sagen, daß die Buren entweder noch sehr starke Truppenabtheilungen im Felde stehen haben, oder sehr geschickte Führer besitzen und vorzüglich kämpfen." — Bei dem Festmahl zu Ehren des heimgekehrten Kronprinzenpaares brächte König Eduard einen Trinkspruch aus, in dem er u. a. sagte: Leider dauert der Krieg immer noch fort; aber wir beten inbrünstig um Wiederherstellung des Friedens und der Wohlsahrt. Dazu bemerkt die „Staalsb.-Ztg.,,: König Eduard „betet" und Lord Kitchener vollzieht im Namen des Königs die grausige Henkersarbeit — die Sprache versagt uns vor Empörung. — Ueber die Ermordung Corduas, die auf Befehl Lord Roberts geschah, wird dem „Leipz. Tgbl." von einem Augenzeugen berichtet: Um das Schicksal des unglücklichen zwanzigjährigen Jünglings, der durch englische Spitzel in den Tod gelockt wurde, noch möglichst niederträchtig zu gestalten, hat man ihm nicht den ehrlichen Soldatentod gegönnt, ihn nicht von vorn in die Brust geschossen, sondern man hat ihn an einen Stuhl angebunden, fünf Tommies legten dann von hinten ihre Flinten gegen ihn an und schössen mit der bei ihnen üblichen Sicherheit so, daß Cordua vor unsäglichen Schmerzen laut ausbrüllte. Ein Offizier trat dann mit einem Revolver heran und schoß ihm eine Kugel durch das Ohr. Dann nahm man seinen Leichnam und warf ihn in eine mit ungelöschtem Kalk gefüllte Grube, „wie ein rötzkrankes Vieh," meint unser Gewährsmann — sodaß nach vierzehn Tagen jede Spur von ihm vertilgt war.