SchlüchternerZÄung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
89. Mittwoch, den 6. November 1901. 52. Jahrgang.
i^fttlhttinMt nuf ^e ..Schlüchterner Zeitung" werben nod) fortwährend von allen - ---------- Postanstalteu und Landbriesträgern,
sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Das kaiserliche Hoflager wird, wie aus Potsdam gemeldet wird, in diesem Winter überhaupt nicht nach Berlin verlegt, sondern bleibt im Neuen Palais bei Potsdam. Es geschieht das hauptsächlich mit Rücksicht auf den Gesundheitszustand der Kaiserin, die der Schonung bedarf. Es wirkt ferner mit, daß wegen der Trauer um die Kaiserin Friedrich so gut wie gar keine großen Hoffestlichkeiten stattfinden werden.
— Die Heimathtransporte der Chinatrupen haben ihr vorläufiges Eude gefunden. Jetzt steht nur noch die Besatzungsbrigade in Stärke von etwa 5000 Mann in China. In einem Zeitraum von drei Monaten sind auf 21 Dampfer 460 Offiziere und 16 500 Unteroffiziere und Mannschaften in die Heimath zurückbefördert worden. Alle Dampfer Habeu, wie vor reichlich einem Jahre die Ausreise, so auch jetzt die Rückfahrt ohne irgend einen uenuenswertheu Unfall vollendet und sind fast mit der Pünktlichkeit eines Eisenbahnzuges in ihrem Bestinlniungshafen eingetroffen.
Greisswald, 1. Nov. In einer Protestkundgebung, die die hiesige Studeutenschaft gestern Abend gegen die Schmähung Chamberlains in seiner Edinburger Jede veraustaltet hatte, wurde nach mehreren begeistert aufgenommenen Reden verschiedener Professoren einstimmig eine scharfe Resolution angenommen, in welcher die Verdächtigungen, die Chamberlain gegen das deutsche Volk uud die deutsche Kampfesweise in j 1870/71 ausgesprochen hat, energisch zurückgewie'en wurden. Wie verlautet, werden sich diesem Vorgehen demnächst auch audere deutsche Universitäten anschließen.
— Zu den Gegenden, in denen Kreuzottern noch massenhaft auftreten, gehört Hinterpommern. Im Itolper Kreise allein wurden im Laufe des letzten Sommers 4361 dieser Reptilien gefangen und dafür 1090,25. Mk. an Prämien gezahlt. Im Kreise Köslin ivn die Zahl der eingefangenen Kreuzottern nicht geringer. Es giebt eine Anzahl von Landleuten, welche das Tödten von Kreuzottern während der Sommermonate als alleinige Beschäftigung betreiben. Auch im Stadtwalde von Kolberg wurden im Laufe des Sommers 251 dieser Thiere getödtet.
Vom Eichsfelde, 30 Okt. Bei einem Schornsteineinsturz in der Schule zu Friedland sind vier Schulkinder verletzt worden, darunter ein Knabe schwer. Der Unfall ist dadurch entstanden, daß beim Neubau des baufälligen Schornsteins sich ein Balken in den Weg stellte, der ausführende Maurer den Schornstein dann einfach schief in die Höhe führte. Während der Maurer nod) weiter arbeitete, fiel der Schornstein um, durchschlug die Decke des Schulzimmers und begrub eine Anzahl Silber unter seinen Trümmern.
In Weiderich stießen drei Burschen einen in ihrer Begleitung befindlichen Mann in dem Augenblick auf Straßenbahngleis, als ein Motorwagen in voller »fahrt Heranbrauste. Dem Unglücklichen wurde der W Vorn Rumpfe getrennt, die drei rohen Burschen wurden in Haft genommen.
Mainz, 30. Oktober. Ein Prozeß, gleich wichtig Lotteriespieler wie für Kollekteure, kam in der gest- M Sitzung des Landgerichts zur Entscheidung. Ein ^stwirth in Bingen hatte ein hessisches Klassenlos Welt. Nachdem er die erste und zweite Klasse der ^tterie gespielt und auch bezahlt hatte, hatte er, trotz Mahnung des Kollekteurs, das Loos zur dritten Klasse ^Jt abgeholt. Als aber das Loos am Tage der Nung mit einem erheblichen Gewinn gezogen wurde, blamierte der Gastwirth das Loos nebst dem darauf ^kvinnienen Gewinn. Der Kollekteur erklärte aber, Loos und der darauf gekommene Gewinn sei sein ^Unthum, da der Gastwirth das Loos nicht abgeholt ™e. Der Gastwirth klagte daraus, wurde aber in der Obigen Sitzung des Landgerichts abgewiesen und in ,le entstandenen Kosten verurtheilt. Das Gericht er- ^nte, daß dadurch, daß der Gastwirth das Loos nicht der Ziehung bei dem Kollekteur geholt und auch p bezahlt habe, er keinen Anspruch auf den auf das p Mfallenen Gewinn besitze, dieser vielmehr Eigen- ” des Kollekteurs sei. (Frkf. Ztg.)
in kriegerischen Erfolgen den Buren gegenüber klein ist Wenn man sich gegenwärtig hält, daß der englische Generalissimus vermöge der Beherrschung sämmtlicher Telegraphenlinien feine Kriegsberichte ganz nach seinem Geschmack abfassen und Altes seinen Wünschen Widerstrebende ohne Weiteres unterdrücken kaun, dann gewinnt man aus dem vorliegenden Nachrichtenmaterial Tag für Tag die Ueberzeugung, daß die Engländer in Südafrika thatsächlich garnichts mehr zu leisten vermögen. Die Buren sind eben fast immer die Angreifer und auch die erfolgreichen Kämpfer, wenn sie auch in der Mehrzahl der Fälle schließlich den Rückzug antreten. Ihnen ist es einerlei, wo sie stehen, sie haben nur daran ein Interesse, den Engländern große Verluste zuzufügen und Waffen und Munition zu erbeuten. Die Buren sind jetzt bis Kapstadt vorgedrungen und haben dort einen glänzenden Erfolg errungen. Wie nämlich der „Deutschen Tageszeitung" von durchaus zuverlässiger Seite mitgetheilt wird, ist aus Kapstadt die Meldung eingegangen, daß die Buren das Haupt-Pferdedepot der britischen Armeeverwaltung mit Tausenden von Pferden in unmittelbarer Nähe von Kapstadt aufgehoben haben. Das wäre köstlich! Mit unsäglichen Mühen und gewaltigen Geldaufwendungeu beschaffen sich die Engländer die für die Fortsetzung des Krieges unbedingt nothwendigen Pferde, und nachdem diese gelandet, und von den Strapatzen der Seereise befreit sind, kommen die Buren nun in aller Gemüthlichkeit und holen sie weg. Dieser glänzende Triumph der Kühnheit und Unisicht beleuchtet aber andererseits auch die verzweifelte Lage der Engländer in schärfster Weise. Wenn die Engländer nicht einmal mehr in Kapstadt vor den Buren sicher sind, dann haben t sie eben in ganz Süd- aschka den festen Boden unter ihren Füßen verloren. Lord Kitchener wird sich natürlich hüten von dem Verlust des kostspieligen Pferdetransports öffentlich Mittheilung zu machen, aber er wird auch so bald nicht in die Lage kommen, mit Siegestelegrammen aufzuwarten. Der jüngste Erfolg hat die Buren offenbar ermuthigt, und was sie Vor Kapstadt fertig gebracht haben, das wird ihnen auch anderwärts gelingen. Pferde, Waffen und Munition der Engländer befinden sich zum größten Theil in ihren Händen, auch von den britischen Soldaten wäre die große Mehrzahl schon unschädlich gemacht, wenn die Buren die gefangenen Engländer nur irgendwo festhalten könnten und nicht immer wieder laufen lassen müßten. Natürlich schwören die Gefangenen, die Waffen nicht wieder gegen die Buren zu erhe ben, und die Letzteren hätten das volle Recht, die Freigelassenen niederzuschießen, wenn sie dieselben bei einer späteren Gelegenheit gefangen nehmen. Aber Lord Kitcheners Beispiel wollen sie nun einmal nicht nachahmen, sie sind zu gut dazu!
Nord-Amerika. Gegen den Präsidenten Roosevelt ist ein Entrüstungssturm in den Vereinigten Staaten ausgebrochen, weil er es gewagt hat, einen Neger zu empfangen, um von diesem persönlich Klagen ober Wünsche bezüglich der Lage seiner schwarzen Brüder entgegen,zunehmen. In unseren Augen erscheint der neue Präsident durch diesen Akt von Vorurteilslosigkeit natürlich erst recht groß. Er hat schon wiederholt erklärt, daß er kein Parteipräsident sein, sondern dem ganzen Lande dienen wolle. Seine Kühnheit, die es ihm erlaubte, allem Herkommen zuwider selbst einen Neger zu empfangen, beweist, daß der neue Präsident wirklich ein Mann von Grundsätzen ist und diesen Grundsätzen entsprechend auch handelt. Die Panamerikanische Ausstellung in Buffalo wird am Sonnabend dieser Woche geschlossen werden. Sie endet, wie mau bereits voraussah, mit einem finanziellen Mißerfolg. Der Verlust wird jetzt auf 16,0i)u,00U Mark geschätzt. Die Aktionäre verlieren alles, bis zu 10,000,000 Mark. Die Erbauer, die 4,000,000 Mt. verlieren, werden die Direktoren und Aktionäre verklagen. (Dann sind die Advokaten diejenigen, welche gut durch die Ausstellung verdienen.)
Lokales und Provinzielles.
Schlächtern, 5. November.
* — Versetzt wurden die Postassistenten Linker von Jossa nach Cassel, Piscantor von Elm nach Waldkappel und Walper von Elm nach Oberaula.
* — Der Monat November läßt sich in seiner Art gut an: Reif und Frost am Morgen bei scharfem
Stuttgart. Vor der Stuttgarter Strafkammer standen die Redakteure Schmidt und Freund vom Stuttgarter „Beobachter." In diesem Blatte waren ei lige „Hunenbriefe" abgedruckt worden. Der Vertreter der Staatsbehörde theilte bei seinem Plaidoyer mit, daß nach einer ihm vom preußischen Kriegsministerium zugegangenen Mittheilung noch gegen acht bis neun deutsche Zeitungen wegen Abdruck der sog. HunneubriefeStrafautrag gestellt wordeu sei. Das Urtheil lautete gegen Freund auf 4 Wochen Gefängniß und Prägung der Kosten. Schmidt wurde freigesprocheu. In dem Prozeß bezeichnete der Corpscommandeur Generalleutnant V. Lessel sämmtliche Anschuldigungen gegen die Mannschaften bezüglich verschiedener Grausamkeiten als unwahr. Er schätzt die Vergehen der Leute gegen Lebeu und Eigenthum der chinesischen Bevölker- .uug auf etwa zwölf und die Dienstvergehen der Offiziere auf ungefähr sechs. Die astronomischen Instrumente der Pekinger Sternwarte seien als Kriegsbeute weggeführt, wie man eben im feindlichen Lande öffentliches Eigenthum zur Deckung der Kriegskosten beschlagnahmt.
— (Kommt den Dieben zart entgegen.) Vor einiger Zeit wurde in Harburg ein Wirth in der Langestraße von einem Diebe fast täglich bestohlen. Der Wirth legte sich auf die Lauer und wurde auch bald gewahr, wie der Eindringling den Schlüssel zur KUchenthür, der stets beim Schlafengehen unter die dort befindliche Strohmatte gelegt wurde, ergriff, die Thür öffnete und so in die Wirthschaftsräume gelaugte. Hier erfaßte ihn der Wirth und gab ihm einen gehörigen Denkzettel. Beide Personen hatten sich nun, der Wirth wegen Körperverletzung, und der Dieb, ein Arbeiter W., vor dem Schöffengericht , zu verantworten. Der Wirth wurde zu 20 Mk. Geldstrafe, der Dieb zu zwei Monaten Gefängniß verurtheilt. — Wir möchten daran die Mahnung knüpfen, daß es vielleicht gerathen ist, einen Spitzbuben, den man bei frischer That ertappt, ja nicht mit Schimpfworten zu belegen, denn er könnte sich womöglich in seiner Ehre gekränkt fühlen und Beleidigungsklage anstrengend was aber daraus entsteht, wer vermag das voraus- zusehen! Wir leben eben im Zeitalter der „Toleranz" und „Humanität".
Ausland.
Haag, 31. Okt. Nach hier eingetroffenen Meldungen bestätigt es sich, daß Delarey am 24. d. Mts. über General Methuen einen Sieg davongetragen hat. Sämmtlicher englischer Proviant sowie vier Kanonen wurde erbeutet. 150 Engländer sind todt und verwundet, viele gefangen. — Die an den britischen Truppenkörpern beständig ausgeführten Aderlässe erfordern natürlich eine ganz beträchtliche Zuführung frischen Blutes. Ein Mitglied des geheimen Rathes, Lord of Londonderry, hat unlängst in einer konservativen Versammlung mitgetheilt, daß bis jetzt von den englischen Häfen aus 3ö> >,000 Mann und 200,000 Pferde nach Südafrika transportirt worden seien. Es sind dies rund 100,oooMaun mehr als bisher bekannt geworden war.
London, 2. Nov. Das Reutersche Bureau meldet aus Pretoria vom 1. d. M.: Die Buren überfielen bei Berkenlaagte, nordwestlich von Bethel, die 9lad)= Hut der Kolonne des Obersten Benson im dichtesten Nebel. Oberst Benson selbst, 8 Offiziere und 58 Mann sind gefallen, 13 Offiziere und 156 Mann wurden verwundet und 2 Geschütze von den Buren erobert.
England. Die Geschäfte der Familie Chamberlain blühen, die Chamberlain'sche Waffenfabrik in Birming- Ham hat einen ungeheuren Gewinn zu verzeichnen. Unsere Geschäfte, so erklärte ein Sohn des Kolonial- ministers, sind noch niemals so blühend gewesen, wir haben das Vergnügen, eine Dividente von 25 Prozent nach beträchtlichen Rücklagen anzukündigen. Der Minister aber hatte vor noch nicht allzulanger Zeit sein Ehrenwort gegeben, daß weder er noch ein Mitglied seiner Familie ein Interesse an der gen. Waffenfabrik habe.
Südafrika. Wie die „Rhein. Wests. Ztg." erfährt, befindet sich gegenwärtig die ganze Capkolonie im Zustande einer regelrecht organisirten Empörung. Das Kitchenersche Blutregiment hat also auch die erwartete Wirkung gethan. In Grausamkeiten gegen Gefangene und Wehrlose ist Lord Kitchener ebenso groß, wie er