MüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 5. Oktober 1901.
52. Jahrgang.
Quf ^e „Schlüchterner Zeitung" gstkUUtoUtN werden noch fortwährend von allen g— ■ Postanstalten und Landbriefträgern, nie von der Expedition entgegen genommen.
Erntedankfest.
I Das nun zu Ende gehende Wirthschaftsjahr hat viele Landwirthe Sorgen über Sorgen gebracht. Waches Saatfeld war verwintert, und neues Samen« mußte gekauft werden. Damit wars aber noch Dicht gesät, Schnee und immer wieder Schnee brachten dicken schwarzen Wolken, und es wollte gar nicht »Miliz werden. Da machte der Ostwind allem Klagen über die Nässe ein Ende, in wenigen Tagen Lmn die Wege trocken. Nun konnten die Felder bestellt Itrien, aber sie waren so hart wie Stein, und es kam »in milder Regen, Wochen- ja monatelang spannte sich M blaue Himmel über unsern Feldern, der Hahn auf Kirchthurm streckte sich vergebens, nach Wolken iMzuschauen. Stand ein Nothjahr vor der Thür?
Bauern, die ihre größten Kapitalien bei unserem ihirrgott angelegt haben, sind auch diesmal nicht schlecht Mren. Sonst hörte man im lieben Vaterland hin her und gar in unserem kleinem Landstädtchen von IUntren Verlusten, die über Große und Kleine gekommen Iwn, weil einige wenige Bankdirektoren und ähnliche IHkrren mit dem Gelde anderer Leute leichtfertig gewirth- paftet und in den Stricken gefallen waren, die sie in Hast, reich werden zu wollen, sich selbst gestellt hatten. ■Unser Gott entrichtete zur rechten Zeit die Zinsen und ischickte einen gnädigen Regen. Die Saat für die »Menschen und das Gras für das Vieh grünte und IMH besser, als wir kleingläubigen Leute gedacht hatten. |@o dürfen wir auch in diesem Jahre Erntedankfest feiern und unserm Gott ein Loblied singen, der pur zu Zeiten dafür sorgt, daß die Bäume nicht ui den Himmel wachsen, der aber immer das demüthige Gebet erhört: „Reichthum und Armuth gieb mir nicht i laß mich aber mein beschieden Theil Speisehinnehmen." Und wo die Noth in manche Häuser eingekehrt ist, selbstverschuldete oder (menschlich geredet) unverschuldete, and) da hat unser Herrgott seine Hand im Spiel. Wenn die Verluste an Geld hier oder da einen Menschen zur Besinnung gebracht haben, daß er sich streckt nach den Schätzen, die weder Motten noch Rost fressen und wonach die Diebe nicht greifen, da schaffen auch sie einen ewigen Gewinn, für den wir unsern Gott nicht genug danken können.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser wollte Donnerstag früh von Rominten über Danzig nach Hubertusstock in der Mark ! abreisen. Im ganzen hat der Monarch vierzehn Hirsche in Rominten erlegt. — Die Kaiserin hat von der beabsichtigten Fahrt nach HubertusstockAbstand nehmen müssen ; es ist noch auf längere Zeit Schonung geboten.
— Ueber den Stand der Typhusepidemie in Gelsen- kirchen wird berichtet: Im katholischen Krankenhause befinden sich 180, im evangelischen 176 Kranke, wovon 11 bezw. 3 gestorben find. Als Ursache der in Gelsen- lirchen festgestellten Verseuchung des Leitungswassers durch Typhusbazillen wird ein Mitte August in Steele »orgekommener Rohrbruch angenommen, der vor einem Hause erfolgte, in welchem kurz vorher ein Typhus- kranker lag. Ueber den Stand der Typhus-Epidemie in Gelsenkirchen theilt die „Gelsenkirchener Zeitung' weiter Hit: Innerhalb der letzten 36 Stunden haben sich die Typhusfälle um 200 gesteigert, wovon die meisten auf Gelsenkirchen und Schalke entfallen. Das Generalkommando des 7. Armeecorps zu Münster stellte 270 Betten und 100 Bettstellen zur Verfügung. Die Desinfektion des Leitungswassers hat am Sonntag statt- gesunden. Die Zahl der Typhuskranken in den infizierten Bezirken wird im ganzen auf 1200 geschätzt. In den Krankenhäusern sind alle Räume, ja die Flure •nit Betten belegt, andere Kranke wurden entlassen, um ^aum für die Typhuskranken zu schaffen. Auch die Kleinkinderschulen und Armenhäuser sollen zu Hospitälern ^gerichtet werden.
Vom Kyffhäuser, 24. Sept. Die auf dem Denkmal ruhenden Schulden betragen jetzt nur noch 108,000 Mk., die der Wirthschaft 126,000 Mk. Seit der Einweihung ^s Denkmals hat der Kriegerbund schon 298,090 Mk.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 5. Oct.
* — Endgültig angestellt wurden die Lehrer Mies zu Rabenstein und Röhrig zu Sarrod; einstweilig angestellt die Lehrer Pfeffer zu Weichersbach an die Schule daselbst, Orth aus Schlüchtern an die Schule zu Eidengesäß, Graf aus Uerzell an die kath. Schule zu Niederklein und Euler aus Oberzell an die Schule daselbst. — Entlassen wurden die Lehrer Wieg and zu Steinau und Pabst zu Eckardroth behufs Uebertritts in den Schuldienst des Reg. - Bezirks Wiesbaden. Gestorben ist der Lehrer Luß zu Sterbfritz.
* — Das fünfjährige Töchterchen eines hiesigen Einwohners (Brückenauerstaße) erlitt gestern Nachmittag schwere Brandwunden. Dasselbe wollte auf Geheiß einer älteren Schwester einen Topf mit Milch vom Herdfeuer nehmen und kam dabei dem Feuer zunahe, sodaß die Kleider in Brand geriethen. Auf das Geschrei der Kinder eilte ein gerade vorbeigehender Mann aus Sterbfritz herbei und löschte die brennenden Kleider, wobei er selbst ebenfalls Brandwunden an den Händen bekam. Das Kind ist an Gesicht, Brust und an den Armen stark verbrannt.
— Die in den Jahren 1823—56 geprägten Thaler sollen außer 'Kours gesetzt werden. Die in Betracht kommenden Reichs- und Staatskassen sind angewiesen Worten, die bei ihnen am 1. Januar 1902 vorhandenen
Erfurt. Recht energisch begegnet die Polizei in Erfurt solchen ländlichen Arbeitern, welche Neigung zum Kontraktbruch zeigen. So wurden dort jüngst 21 polnische Arbeiter, welche in Gräfentonna bei Langensalza plötzlich ihre Arbeitgeber verlassen hatten, vom Polizeiinspektor, einem Kommissar und mehreren Polizeisergamen in Empfang genommen und mit dem nächsten Zug wieder zurückgeschickt. Die „Sachsengänger" machten recht erstaunte Gesichter.
München. Ochsenbraterei auf dem Münchener Oktoberfest. Für den letzten Sonntag war zum großen Münchener Oktoberfest ein besonderer Festochse präparirt. Das Thier wog lebend 18V2 Centner und gab etwa 9 Ctr. Fleischgewicht. Der Festochse darf nicht zu mager und nicht zu fett sein. Dazu gebraucht werden 15 Pfund Salz, 4 Pfund Pfeffer, 200 Gamm Paprika, 6 Pfund feingewiegte verschiedenerlei Grünwaare. Für jeden Ochsen braucht man 120 Liter Sauce, die aus einem Gekoche von je 10 Pfund Schweins- und Kalbsknochen, einem ganzen Ochsenkopf, sechs Pfund Rindsleber, 2 alten Hühnern, mehreren Jndiangerippen unter Zuthat von sehr guter Fleischbrühe und 4 Flaschen Madeira gewonnen wird.
Kastel. Am 1. Oktober Hat^das 11. Pionier-Bataillon, das über ein Menschenalter zu Kastel in Garnison lag, die Festung Mainz verlassen, um sich nach Münden (Hannover) zu begeben. Der Bürgermeister von Kastel hat dem Offizierkorps des Bataillons 24 silberne Champagner-Becher mit entsprechender Widmung als ErinnerungsGeschenk der Stadt Kastel überreicht.
Ausland.
Amsterdam, 2. October. Die Liga zur Boykottirung englischer Waaren und Geschäftshäuser hat mit der Gründung von Zweig-Filialen in Holland und Belgien begonnen. Hunderte von Personen haben sich bereits der Liga angeschlossen.
Dublin, 2. Oct. In der gestrigen Versammlung der „United-Jrisch-League" wurde ein Schreiben von William O'Bnen verlesen, in welchem derselbe erklärt, die Iren brauchten nur Waffen und die Schulung der Buren, um mit derselben Beredsamkeit wie die beiden unbesiegbaren Buren-Republiken bezeugen zu können, wie sehr sie die englische Herrschaft hassen. John Redmond führte in seiner Rede aus, die Iren hätten allen Grund, um zur Erlangung der Freiheit die Waffen zu ergreifen.
Melmoth, 1. October. Der Gesammtverlust der Buren bei ihrem Angriff auf das Fort Jtala wird auf 500 Mann geschätzt. Das Gefecht dauerte 19 Stunden. Zwei Tage hatten die Buren zu thun, um ihre Todten zu begraben. General Louis Botha, die Kommandanten Grobelaad, Emmet, Danhauser, Oppermann, Scholz und Potgieter nahmen an dem Kampfe theil. Die drei Letztgenannten sind gefallen. Der Kampf bei dem Fort Prospect währte 10 Stunden und endete damit, daß der Angriff der Buren abgeschlagen wurde.
und später eingelieferten Thaler aus diesen Jahren nicht wieder zu verausgeben.
* — Am Unterthor ist zur Zeit das große Horn'sche Welt-Panorama aufgestellt. Dasselbe bietet die intressantesten Ansichten aus aller Welt in großer Auswahl und ist daher der Besuch desselben Jedermann zu empfehlen. Es wird Keiner unbefriedigt den Platz verlassen. (Siehe Inserat.)
* — Das Verbot des Hausirhandels mit Rindvieh, Schweinen, Schafen und Ziegen im Kreise Schlüchtern ist bis zum 1. April nächsten Jahres verlängert worden.
* — (Aus der Sitzung der Hanauer Strafkammer vom 30. September.) In der Nacht vom 8. zum 9. September v. Js. wurde der Lehrer Blum zu Marjoß, Kasfirer des dortigen Raiffeisenvereins, von seiner Frau geweckt mit dem Ersuchen, er möge einmal nachsehen, es scheine Jemand in der Wohnung zu sein. Als der Lehrer nach dem betreffenden Zimmer kam, hörte er, wie Jemand in Papieren herumwühlte. Mit den Worten: „Dieb, was suchst Du hier!" trat der Lehrer in das Zimmer ein, wo eine Gestalt mit einem Kerzenlicht vor seinem geöffneten Tresor stand. Schnell riß nun der Gauner noch die Cassette heraus, sprang aus dem Fenster und verschwand im Dunkel der Nacht. Zum Unglück war dem Mann, als er zwischen Thür und Angel stand, das Licht ausgeblasen worden, so daß er den Dieb nicht mehr zu erkennen vermochte. Der Räuber, der seine Stiefel und seinen Hut am Ort der That hatte zurücklassen müssen, entkam unter dem Schutze der Dunkelheit. In der Kassette hatte sich der Betrag von 356 Mk. befunden; es war der Kassen- bestand des Raiffeisenvereins. Der Dieb war mittels einer Leiter, welche von einem Nachbarorte geholt worden war, eingestiegen. Der Verdacht der Thäterschaft lenkte sich auf unschuldige Leute, welche in Untersuchungshaft kamen. Auch der 20jährige Weißbinder Menge wurde in Hast genommen, mußte aber wieder freigelaffen werden, weil die Beweise gegen ihn fehlten und er auch von der Einwohnerschaft einer solchen That nicht für fähig erachtet wurde. Nach seiner Freilassung wußte er den Verdacht gegen die anderen unschuldigen Leute noch zu verstärken. Während Menge noch in Untersuchung war, heckte er schon einen anderen Koup aus. Er verband sich mit dem Müllerknecht auf der Mühle zu Marjoß und stahl der verwittweten Müllerin ihre Staatsrentenpapiere, wofür die beiden im August d. Js. von der Strafkammer zu Gefängnißstrafen verurtheilt wurden. Heute sitzt Menge wieder auf derselben Bank, diesmal neben einem anderen Komplizen, nämlich neben dem Fabrikarbeiter Weber. Es hat sich nun doch herausgestellt, daß er und W. den nächtlichen Besuch bei dem Lehrer gemacht haben. Es sind 30 Zeugen geladen, aber die Beiden haben sich bei Beginn der Verhandlung zu einem Geständniß bequemt und so kann auf die meisten Zeugen verzichtet werden. Die Beiden arbeiteten damals zusammen in der chemischen Fabrik in Höchst und fuhren an dem Samstag nach Hause, wobei sie auf dem Heimwege den Plan zur Ausführung brachten. Menge, der offenbar auch der geistige Urheber des Koups ist und ein sehr verschlagener Bursche zu sein scheint, stieg in dem Schulhause ein, während Weber „Schmiere" stand. Letzterer bekam auch nur den geringen Antheil von 30 Mk. an der Beute. Trotzdem es die erste Strafthat des Menge und trotzdem er erst 20 Jahre all ist, versagt ihm das Gericht doch die sonst in diesen Fällen gewährten mildernden Umstände und erkennt auf 2 Jahre 6 Monate Zuchthaus, die Strafe wegen des Staatspapierendiebstahls ist damit eingerechnet. Die harte Strafe wurde erkannt, weil er kaltblütig andere mr seine Schuld in Untersuchungshaft büßen sah und )en Verdacht gegen sie noch bestärkte und weil, während diese Untersuchung noch im Gange war, er schon den zweiten Diebstahl bei der Müllerin beging. Der Fabrikarbeiter Weber, der wahrscheinlich nur der Verführte war, kommt mit einem Jahr Gefängniß davon.
* — (Aus der Sitzung der Hanauer Strafkammer vom 2. October.) Am 20. Juni d. J. wollte der Fabrikarbeiter M. zu Wallroth von dort abreisen, um in Hanau eine dreimonatliche Gefängnißstrafe zu verbüßen. Er hielt sich aber im Wirthshause beim Abschiedsschoppen zu lange auf und ging Abends gegen 7,11 Uhr noch einmal nach Hause. Als er an der Wirthschaft von Kaspar R., mit dem er auf gespanntem Fuß steht vorbeigekommen war und sich noch einmal umgesehen